Donnerstag, 16. November 2017

Unsicherheit als Arbeits- und Lebensbedingung

Über die psychosozialen Folgen befristeter Arbeitsverhältnisse

Es ist alles andere als ein Geheimnis, dass befristete Arbeitsverhältnisse mittlerweile nicht wenige Teile der Arbeitswelt dominieren. So ist es – längst nicht nur, aber auch – etwa im deutschen Wissenschaftssystem zur Normalität geworden, dass zumeist erst derjenige berufliche Sicherheit erreicht hat, der eine Professur hat ergattern können. Die psychosozialen Auswirkungen von derlei Arbeitsbedingungen sind in vielfacher Hinsicht schädlich – und machen ein politisches Umdenken dringend nötig.

Mit der Promotion geht es los, das Elend. Nein, ganz so dramatisch, wie dies nun klingt, ist die Lage nicht. Und dennoch: Nach dem hoffnungsvollen Start als Nachwuchswissenschaftler folgt oft erst einmal die kalte Dusche. Wer nicht das Glück hat, für eine Dauer von bis zu drei Jahren ein Promotionsstipendium im Rahmen der Begabtenförderung etwa einer parteinahen Stiftung zu ergattern, der schlägt sich während der Promotion oft entweder mit einer befristeten Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter durch, die keine Zeit mehr lässt für die Dissertation, oder aber mit mehr als schlecht bezahlten Lehraufträgen, die sich auf einzelne Lehrveranstaltungen beziehen, die also gerade mal ein Semester dauern, und die außerhalb solcher Zwänge weniger aus finanziellen Gründen angenommen werden, sondern eher, um Lehrerfahrung und dadurch Punkte für den Wissenschaftler-Lebenslauf zu sammeln.

Mindestens für den, der nach der abgeschlossenen Promotion in der Wissenschaft bleiben möchte, setzt sich diese Lebenssituation fort. Auch die sogenannten „Post-Docs“, also die promovierten Kolleginnen und Kollegen, die jedoch noch nicht habilitiert sind, arbeiten zumeist auf befristeten wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen, während sie gleichzeitig mit der Habilitation möglichst schnell die nächste wissenschaftliche Karrierestufe erreicht haben müssen. Und selbst danach ist noch nicht Schluss mit der Dauerunsicherheit: Manch einer schlägt sich über Jahre hinweg als habilitierter Privatdozent mit Lehrstuhlvertretungen herum, bis – vielleicht! – irgendwann eine Professur winkt. Und auch diese ist – selbst nach all der mitunter sehr verdienstreichen Zeit in der Wissenschaft – mindestens in den Geisteswissenschaften alles andere als gewiss: Manche Kolleg/innen scheiden irgendwann frustriert aus dem Wissenschaftssystem aus oder werden, wenn ihre Hochschule zu den freundlicheren Arbeitgebern zählt, mit wenig erfüllenden „Ersatzpöstchen“ im Rahmen der universitären Selbstverwaltung „versorgt“: Bürokratie statt Forschung, aber wenigstens ein Arbeitsplatz.

Abseits der naheliegenden Konklusion, dass derlei Zustände des Wissenschaftssystems eines Industrielandes wie Deutschland unwürdig sind und dieses langfristig schädigen, weil die schlauen Köpfe lieber einen Weg in die Privatwirtschaft einschlagen, als sich derlei zuzumuten, gilt es sich hier bewusst zu machen, dass Zustände wie die beschriebenen sich nicht auf die Wissenschaft beschränken. Die „Amerikanisierung der Arbeitswelt“ ist ein Phänomen, das sich in viele Branchen eingeschlichen hat und dort seine unheilvolle Wirkung entfaltet: Der Arbeitnehmer des 21. Jahrhunderts kann nicht mehr auf ein stabiles Arbeitsverhältnis mit einem festen und sich kümmernden Arbeitgeber zählen, sondern muss „Flexibilität“ beweisen.

Im Zweifel für eine neue Stellung den Wohnort wechseln zu können ist inzwischen eine erwartete „Kompetenz“ und wird implizit vorausgesetzt. Was früher der deutsche „Beruf“ (im Sinne von „Berufung“) war, ist heute der amerikanische „Job“, auf dem man eine Weile herumkaut wie auf einem Kaugummi, ehe man ihn ausspuckt und einen neuen aus der Packung zieht. Man könnte es auch „McDonaldisierung“ nennen: Was Fast Food für die Welt der Ernährung ist, sind befristete Arbeitsverhältnisse für die Arbeitswelt. In diesem Gleichnis steckt mehr als nur Metaphorik. Denn wie auch das Fast Food haben Arbeitsbedingungen wie diese mitunter klar erkennbare negative Folgen für die Gesundheit – wenn auch, in diesem Fall, (erst einmal) für die psychische.

Auswirkungen auf die Arbeitssituation

Um einige der unmittelbaren Folgen solcher Arbeitsbedingungen erfassen zu können, bedarf es keiner sozialwissenschaftlichen Vorbildung – was deren Einführung umso unverständlicher und in negativer Hinsicht bemerkenswerter macht. Nehmen wir zunächst einmal die Perspektive des Arbeitgebers ein: Selbst von dessen Position aus gesehen dürfte so manches befristete Arbeitsverhältnis – mindestens auf lange Sicht – von defizitären Ergebnissen geprägt sein, denn zwar verfügt der jeweilige Betrieb – oder auch die jeweilige staatliche Einrichtung – dadurch über mehr Flexibilität, aber die Identifikation mit ihm – bzw. ihr – wird beträchtlich vermindert. Wer befristet beschäftigt ist, begreift sich zumeist und konsequenterweise eben auch selbst nur als „Übergangslösung“, die zwar für den Arbeitgeber einen temporären Wert hat, aber eben nicht wirklich ein beständiger Teil des großen Ganzen ist.

Jeder, der schon einmal sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, egal ob in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst, weiß, dass es stets zwei Möglichkeiten gibt, seine Arbeit zu erledigen: Mit persönlichem Einsatz über das geforderte Mindestmaß hinaus – oder als „Dienst nach Vorschrift“. In der einen oder anderen Weise gilt diese Dichotomie des Arbeitseinsatzes an so gut wie jedem Arbeitsplatz. Befristete Arbeitsverhältnisse erhöhen – zumindest dann, wenn keine Aussicht auf Entfristung im Anschluss besteht – massiv die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Pensum und die Qualität des Arbeitseinsatzes in die letztere Richtung bewegen.

Wer sich nur als Übergangslösung sieht, als für etwa zwei oder drei Jahre willkommener Gast in einer Organisation, der wird sich kaum als Teil dessen begreifen können und daher auch kaum bereit sein, Arbeit über das geforderte Maß hinaus zu übernehmen. Dies gilt nicht zuletzt auch deswegen, weil mindestens das letzte halbe Jahr der Stellung primär schon wieder aus der Suche nach einer neuen (und mitunter ebenfalls befristeten) Stellung besteht. Während sich also die eine Übergangslösung dem Ende nähert, muss der Betreffende in zahlreichen Bewerbungsschreiben erklären, wieso er hochmotiviert ist, fortan einem anderen Arbeitgeber als Übergangslösung zu dienen.

Doch selbst ein befristetes Arbeitsverhältnis mit daran anschließender Chance auf Entfristung birgt unschöne Eigenheiten in sich. So wird die Zeit der Befristung in diesem Fall dann zu einer Art verlängerten, „inoffiziellen Probezeit“. Der betreffende Arbeitnehmer wird in diesem Zeitraum mit hoher Wahrscheinlichkeit davor zurückschrecken, selbst ihm gesetzlich oder vertraglich zustehende Rechte wahrzunehmen, deren Nutzung den Arbeitgeber womöglich abschrecken könnten oder ihn zu der Entscheidung veranlassen könnten, den betreffenden Arbeitnehmer nicht zu entfristen. Und dies gilt übrigens völlig unabhängig von der tatsächlichen Qualität des jeweiligen Arbeitgebers und davon, ob er tatsächlich deswegen zu einer solchen Entscheidung gelangen könnte. Die imaginierte Drohkulisse, das unausgesprochene Schwert des Damokles, das über dem befristet Beschäftigten schwebt, reicht völlig zur Etablierung eines solchen inoffiziellen Machtverhältnisses aus.

Sei es Schwangerschaft, sei es das Beantragen von Teilzeit, sei es das Daheim-Bleiben aufgrund von Krankheit, sei es das Ablehnen von Überstunden, sei es auch „nur“ die Artikulation einer anderen Meinung gegenüber dem Chef – die Drohkulisse der nicht erfolgenden Entfristung führt zu einer effektiven Schere im Kopf des befristet Beschäftigten, welche ein informelles Machtverhältnis begründet, das formal-gesetzlich kaum vorgesehen ist. Hier manifestieren sich neoliberale Strukturen in ihrer Reinform.

Psychosoziale Auswirkungen

Es liegt nahe, dass sich die negativen Folgen von, milde ausgedrückt, „schwierigen“ Arbeitsbedingungen nicht nur auf den Arbeitsplatz beschränken, sondern sich auch auf der anderen Seite der Wohnungstür fortsetzen, und dass betroffene Arbeitnehmer entsprechende Belastungen „mit nach Hause nehmen“. Es bedarf auch wenig Fantasie, sich etwa vorzustellen, dass elementare Bestandteile (zwischen-)menschlichen Privatlebens wie zum Beispiel die Familienplanung massiv leiden, wenn mindestens ein Partner sich in einem befristeten Arbeitsverhältnis befindet.

Wer nicht weiß, wo er im nächsten oder übernächsten Jahr arbeiten wird (und somit, ob nicht die Beziehung zur Fernbeziehung werden könnte); oder schlimmer noch, wer nicht weiß, ob er dann überhaupt noch eine Arbeit hat, der wird sich naturgemäß in Sachen Familienplanung eher bedächtig verhalten (müssen). Ganz zu schweigen von der Partnerschaft selbst: Auch Beziehungen werden durch Entwicklungen wie die beschriebenen störungs- und krisenanfälliger, da eben nicht jeder Partner gewillt ist, eine Fernbeziehung durchzuziehen. Dass all dies im Ergebnis dann auch wieder die psychische Gesundheit der Betroffenen zu tangieren vermag, muss nicht weiter erklärt werden.

Doch das Thema birgt in Hinsicht auf psychosoziale Effekte noch mehr Folgeprobleme in sich. Um eben jenen Problemkomplex richtig erfassen zu können, müssen wir zunächst einmal eine grundsätzliche Beobachtung anstellen, die ein bestimmtes psychosoziales Bedürfnis, welches bei allen Menschen (und übrigens auch allen Organisationen), mal in größerer, mal in kleinerer Form, vorliegt, in den Fokus rückt: Das Bedürfnis nach der Reduzierung von Komplexität und – in diesem Fall noch wichtiger – von Kontingenz.

Das Begriffspaar der „Komplexität“ und „Kontingenz“ ist der soziologischen Systemtheorie nach Niklas Luhmann entnommen. Die Bedeutung des von uns auch in der Alltagssprache verwendeten Begriffs der Komplexität beziehungsweise des Bedürfnisses nach Reduzierung eben dieser dürfte einigermaßen auf der Hand liegen. Unser gesamtes soziales Leben besteht aus einem Übermaß an Komplexität, welches wir für uns – sozial und auch kognitiv – reduzieren müssen, um unsere soziale Umwelt wahrnehmen und ihr Informationen entnehmen zu können. Damit „sortieren“ wir in gewisser Weise unser Denken.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich die Frage, welche natürlichen Haarfarben Sie so kennen. Sie werden vermutlich so etwas antworten wie „schwarz, brünett, rot und blond“; sollten Sie schon etwas länger auf der Welt sein, fügen Sie dem eventuell noch „grau“ oder sogar „weiß“ hinzu. Nun wissen wir rein intellektuell aber eben alle, dass die Haarfarbenwelt eigentlich diffiziler ist: So gibt es pechschwarz und schwarz-braun, braun-rot und hellrot, straßenköterblond und hellblond und so weiter und so fort. Was Sie also getan haben, ist Komplexitätsreduktion, um die – aber eben eigentlich komplexere – Welt um sich herum einigermaßen sortiert zu kriegen. Genauso machen wir Menschen es tagtäglich immer wieder in allen möglichen Situationen, gewissermaßen aus Gründen der „kognitiven Ökonomie“, um uns nicht mit Informationen und Reizen zu überfluten.

Direkt damit in Zusammenhang steht der Bedarf nach Reduzierung von Kontingenz. Kontingenz meint im soziologischen Sinne etwa so viel wie Ungewissheit oder Unsicherheit. So wie wir Menschen nicht mit einem Übermaß an Komplexität leben können, so versetzt uns auch ein Übermaß an Kontingenz oftmals in einen Zustand mindestens der Unzufriedenheit, bis hin zu regelrechtem psychischen Ungleichgewicht oder gar psychischer Krankheit. Das mündet bisweilen darin, dass beispielsweise Krebspatienten zufriedener sind, wenn sie endlich die Krebsdiagnose erhalten haben, als sie es waren, als sie noch im Zustand der Ungewissheit auf die Diagnose haben warten müssen. Ein Zuviel an Kontingenz ist für die menschliche Psyche auf Dauer kaum zu ertragen.

Der aufmerksame Leser dürfte nun ahnen, in welche Richtung diese Argumentation zielt. Kehren wir nämlich nun zu unserem eigentlichen Thema zurück, so realisieren wir, dass befristete Arbeitsverhältnisse – jedenfalls dann, wenn sie sich in der Biografie eines Menschen häufen – dem Menschen ein Ausmaß an Kontingenz zumuten, für das dieser in den meisten Fällen nicht gemacht ist. Um hier dem teils erwartbaren Widerspruch entgegenzutreten: Natürlich gibt es immer auch Ausnahmen. Für einen sprunghaften, radikalindividualistischen Freigeist etwa, der sich ohnehin nicht länger binden und sich stets „alle Möglichkeiten offenhalten“ möchte, sind befristete Arbeitsverhältnisse mitunter vielleicht kaum etwas störendes. Doch an diesem Punkt bestätigt die Ausnahme wieder einmal die Regel: Und diese Regel besteht in dem menschlichen Bedarf an Kontingenzreduktion.

Ein befristetes Arbeitsverhältnis verordnet dem betroffenen Arbeitnehmer eine ständige Kontingenz, die sich auch auf gleich mehrere Lebensverhältnisse erstreckt: Werde ich im Anschluss wieder etwas Neues finden? Kann ich weiterhin hier wohnen oder muss ich in eine andere Stadt ziehen? Wie vereinbare ich das mit meiner Beziehung / Ehe, Familie und so weiter? Wie sage ich ihnen, wenn ich nichts Neues finde? Sollte ich jetzt schon anfangen zu suchen oder reicht es, wenn ich erst nächsten Monat Bewerbungen schreibe? Hat meine jetzige Arbeit überhaupt einen nachhaltigen Sinn? Was wird aus den Freundschaften, die ich im Rahmen meines aktuellen Arbeitsplatzes geschlossen habe? Finde ich in einer anderen Stadt ein neues soziales Umfeld, das mir zusagt?

Insbesondere anhand der letztgenannten exemplarischen Frage wird ein weiterer Komplex deutlich: Auch soziale Beziehungen außerhalb von Partnerschaft und Familie leiden tendenziell unter einem befristeten Arbeitsverhältnis. Durch ständig wechselnde Arbeitsplätze werden auch Freundschaften und kollegiale soziale Netzwerke weniger stabil und „auswechselbar“; man lernt auf Dauer vielleicht mehr Leute kennen, aber Quantität ersetzt Qualität. Das Individuum ist ständig gefordert, sich neu „einzuleben“, in seinem sozialen Leben wieder von vorne zu beginnen. Das wiederum aber geht in der Regel nur in den Zwanzigern gut – irgendwann möchte eben jeder einmal „ankommen“ (den oben genannten Charaktertypus auch hier natürlich ausgenommen).

Es dürfte nicht überraschen, dass dadurch, dass die Zufriedenheit und die psychische Gesundheit durch derlei Arbeitsbedingungen leidet, dies auch weitergehende Folgen etwa für die physische Gesundheit nach sich ziehen kann. Wer mit ständiger Kontingenz leben muss, ist anfälliger für Stresssymptome: Verspannungen und Kopfschmerzen, Magen- oder Kreislaufprobleme; bis hin zum berüchtigten Burnout ist hier vieles denkbar und im Zuge der fehlenden sozioökonomischen und dadurch eben auch der fehlenden psychosozialen Sicherheit wahrscheinlicher als im Rahmen eines sicheren Arbeitsverhältnisses, das ohne all die oben beschriebenen Schwierigkeiten auskommt.

Aus Jobs wieder Berufe machen

Im Rahmen der neoliberalen Struktur unserer Arbeitswelt übertreffen sich die einschlägigen „Experten“ regelmäßig in Sachen Forderungen nach allen möglichen Formen von „Management“ zur Optimierung der Arbeitnehmerschaft: "Personalmanagement“, "Zeitmanagement", "Stressmanagement“, "Qualitätsmanagement“, "Wissensmanagement“, "Konfliktmanagement“, "Resilienz-Management“ – den Fantasien der Management-Fans sind hier keine Grenzen gesetzt. Zeit würde es jedoch, so viel Polemik sei hier gestattet, für ein umfassendes „Kontingenz-Management“, und zwar nicht auf einer betrieblichen Meso-Ebene, sondern auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene: Befristete Arbeitsverhältnisse drastisch zurückfahren, sichere Arbeitsbedingungen ermöglichen und aus „Jobs“ wieder „Berufe“ machen – eine solche zentrale arbeitsmarktpolitische Forderung müsste auf der Agenda endlich ganz weit oben stehen. Es dürfte manche sehr überraschen, wie schnell eine solche Veränderung zumindest einige der oben genannten „Management“-Varianten sehr schnell unnötig machen würde.

Freitag, 27. Oktober 2017

Leben im Teufelskreis

Ein stadtsoziologischer Blick auf Ghettoisierung, „Problemviertel“ und „No-Go-Areas“

Die Probleme, die sozialräumliche Prozesse wie Ghettoisierung und die sogenannte residentielle Segregation nach sich ziehen, sind vielfältig: Sowohl für diejenigen, die in sozialen Brennpunkten leben (müssen), als auch für Staat und Behörden und die Gesellschaft als Ganzes. Die Gründe für die Entstehung und dauerhafte Etablierung von „Problemvierteln“ sind indes komplexer, als es die öffentliche Debatte über sie suggeriert. Eine stadtsoziologische Perspektive auf das Phänomen mag helfen, diese Komplexität besser zu erfassen.

Residentielle Segregation ist nicht nur ein Phänomen, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, sondern auch – mal in stärkerer, mal in geringerer Ausprägung – auf dem gesamten Globus wiederzufinden; mindestens da, wo Menschen in Metropolen zusammenleben. In ihren gravierendsten Ausprägungen, insbesondere in Entwicklungsländern, sprechen wir von „Slums“ und „Favelas“. Bei Industriestaaten wie Frankreich oder den USA, wo das Problem zwar nicht derart dramatische, aber dennoch allzu schwerwiegende Dimensionen annimmt, ist von „Banlieues“ beziehungsweise von „Ghettos“ die Rede (die historische Komponente des letzteren Begriffes, die ein ganz neues Feld aufmachen würde, sparen wir an dieser Stelle einmal bewusst aus). In etwas besser funktionierenden Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland wiederum sprechen wir lieber von „Problemvierteln“ oder „sozialen Brennpunkten“, da hier in den allermeisten Fällen nicht Stadtteile als Ganzes betroffen sind, sondern eher einzelne Viertel, in denen aber trotzdem allem noch zumindest von einer funktionierenden Infrastruktur ausgegangen werden kann.

Der Begriff der „No-Go-Area“

Verhältnismäßig neu ist der Begriff der „No-Go-Area“. Wie sich darin schon andeutet, impliziert dieser ein städtisches Gebiet, in das Menschen, die in diesem nicht leben, keinen Fuß setzen können, ohne dass dadurch ihre körperliche Unversehrtheit bedroht würde. In einer etwas weiter gehenden Interpretation impliziert er außerdem einen rechtsfreien Raum, also ein Gebiet, in dem sich auch die Polizei und staatliche Behörden nicht mehr durchzusetzen vermögen beziehungsweise in das sie sich nicht mehr „hineintrauen“.

Spätestens ab hier wird der Diskurs hoch politisch, denn hinsichtlich der Frage, ab wann dies genau wo der Fall ist, scheiden sich die (politischen) Geister: So halten die einen eine solche Darstellung mit Blick auf deutsche soziale Brennpunkte wie etwa Duisburg-Marxloh für heillos überzogen, während andere in diesen bereits amerikanische oder französische Zustände vermuten oder zumindest davor warnen, dass diese dort bald erreicht sein könnten. In der Folge unterstellt man sich schließlich gegenseitig entweder Panikmache oder Verharmlosung und wirft sich vor, man würde aus sozialen Problemlagen politisches Kapital schlagen wollen oder eben aus ideologischen Gründen problematische Entwicklungen ignorieren und totschweigen.

Doch wie sieht sie denn nun „wirklich“ aus, die Lage in den deutschen Großstädten? „Gibt“ es im Deutschland des Jahres 2017 „No-Go-Areas“ – oder ist diese Einschätzung heillos übertrieben? Zunächst einmal gilt es zu fragen, wer es denn eigentlich ist, der ein Viertel, wie der fragliche Begriff impliziert, nicht mehr betreten kann, ohne seine körperliche Unversehrtheit zu riskieren: Sprechen wir über die Polizei – oder über bestimmte gesellschaftliche Gruppen?

Geht man diesen Fragen nach, so wird man feststellen, dass von wirklich dauerhaften „rechtsfreien Räumen“ innerhalb Deutschlands schwerlich die Rede sein kann. Was man aber dagegen ausmachen kann, sind Gebiete, in die die Polizei sich nur in deutlich erhöhter personeller Stärke hineinbegibt – einerseits, um – richtigerweise – ein Signal zu setzen, und andererseits, um Risiken für Beamte zu vermeiden. In dieser Dimension – also von einem polizeilichen Blickwinkel aus – hat man es also weniger mit „No-Go-Areas“ zu tun, sondern mit (wenn auch zuweilen deutlich) riskanterem Terrain.

Noch einmal anders sieht die Lage allerdings aus, wenn man sich dem Begriff nicht in einem polizeilichen Sinne nähert, sondern eher vom Blickwinkel des Normalbürgers aus, und hierbei speziell jenem von Deutschen ohne Migrationshintergrund. Hier lässt sich – übrigens sozialwissenschaftlich-empirisch unterfüttert – feststellen, dass es in manchen deutschen Großstädten durchaus Viertel gibt, in denen es für Deutsche ohne erkennbaren Migrationshintergrund ein klares Risiko in sich bergen kann, beispielsweise öffentliche Treffpunkte von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen in mehrheitlich von Migranten bewohnten Problemvierteln aufzusuchen. Die Betreffenden würden als unwillkommene „Eindringlinge“ auf einem ihnen nicht zustehenden Territorium wahrgenommen werden, deren Präsenz man entgegentreten muss. Gleiches kann dort übrigens auch Angehörigen von Migrantengruppen drohen, die nicht „den richtigen“ ethnischen Hintergrund haben – also nicht jenen, der im betreffenden Viertel oder auch einfach nur am betreffenden Treffpunkt dominiert. Es ist in diesem Punkt also durchaus nicht überzogen, für bestimmte Personengruppen von „No-Go-Areas“ zu sprechen.

Neoliberales Herumdoktern

Nicht unmaßgebliche Teile gerade auch des linken und grünen Spektrums (ausgenommen einzelne Politiker/innen wie etwa Sahra Wagenknecht oder Oskar Lafontaine) machen – noch immer – allzu oft den Fehler, die oben beschriebenen Tatsachen kleinzureden oder gar ganz zu ignorieren. Diese Reaktion auf bestehende Problemlagen ist jedoch nicht einfach nur von einem konservativen Standpunkt aus kritisierenswert, sondern auch von einem, der sich selbst als sozial(istisch) oder progressiv verortet: Anstatt das, was schief läuft, einfach auszublenden – und damit die politische Reife eines Kindes zu demonstrieren, das sich im Angesicht von etwas Unwillkommenem und nicht ins Konzept Passendem einfach die Augen zuhält – wäre es vielmehr geboten, die Debatte über die Ursachen der komplexen Problematik zu versachlichen und dadurch zu einer Lösung beizutragen, die qualitativ über die bestehenden neoliberalen (und in den USA auch neokonservativen) Rezepte hinausreicht.

Eine der Erscheinungsformen eines solchen neoliberalen beziehungsweise neokonservativen „Herumdokterns“ ist die sogenannte, in den USA besonders anschlussfähige „Broken-Windows-Theorie“ (die nach den Maßstäben der europäischen Sozialwissenschaften das Etikett der „Theorie“ eigentlich gar nicht verdient, sondern bestenfalls ein „Ansatz“ ist – aber dies nur nebenbei). Kernthese dieser „Theorie“ ist es, dass bereits kleine Formen der Verwahrlosung eines Viertels – wie eben etwa zerbrochene Fenster eines Gebäudes, die nie ausgetauscht werden – eine Art Abwärtsspirale in Gang setzen, die die Verwahrlosung sowohl der architektonischen Dimension als auch der Menschen in dem Viertel immer weiter erhöht. Die Verwahrlosung des Viertels führt danach gewissermaßen zu einer automatischen Verwahrlosung des sozialen Miteinanders im Viertel, da Menschen auch aus ihrem Wohnviertel ihr Selbstwertgefühl und ihr soziales Handeln ableiten.

Nun ist diese Herleitung als solche – das soll hier klar vorausgeschickt werden – sicherlich keine falsche. Der von der „Broken-Windows-Theorie“ derart beschriebene psychosoziale Vorgang dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit an den meisten sozialen Brennpunkten der Welt vorliegen. Wie so häufig ist das Problem in diesem Kontext jedoch nicht die Diagnose selbst, sondern die unterkomplexen Schlussfolgerungen, die – typisch für Politik weltweit – in den USA daraus gezogen wurden.

So wurde die „Broken-Windows-Theorie“ in der Folge quasi zum wissenschaftlichen Legitimationsinstrument für die berühmte „Zero-Tolerance“-Politik in New York, im Rahmen derer bereits kleinste Verfehlungen mit drastischen Strafen geahndet wurden, um eben jenen beschriebenen Verwahrlosungsprozess bereits an der Wurzel zu bekämpfen. Auch hier sei einschränkend gesagt: Es ist weder falsch, grundsätzlich auch kleine Vergehen rechtlich zu sanktionieren, noch ist es erst recht falsch, architektonische und zwischenmenschliche Verwahrlosung schon an der Wurzel zu bekämpfen. Eines ist jedoch grundfalsch: Sich auf genau diesen „Lösungen“ auszuruhen. Genau dies ist aber in den USA bewährte politische Methode.

Sozialwissenschaften wie Soziologie, Politikwissenschaft oder Kriminologie haben in den USA mehr als in Europa die Funktion von Zulieferungsdiensten für die Politik: Sozialwissenschaftliche Theorien und Ansätze sollen nicht so sehr grundlegende politische, gesellschaftliche oder psychosoziale Problematiken ansprechen und diese über breite gesellschaftliche Diskurse thematisieren, sondern schnelle, greifbare, „pragmatische“ Lösungen für politische Entscheider liefern (ein Prinzip, das u. a. zu dem inflationären Vorhandensein privater „Thinktanks“ in den USA geführt hat). Dies beschafft der US-Politik schnelle, öffentlichkeitswirksame, scheinwissenschaftliche Lösungen, mit denen sie massenmedial glänzen kann, und die ihr aber zugleich ersparen, Problematiken grundlegend, also von der (echten!) Wurzel aus anzugehen – in diesem Falle also: Für stabile sozialstaatliche Strukturen zu sorgen, die dazu beitragen, dass es gar nicht erst zu „Nulltoleranz“-Vorgehen gegen Straftaten in sozial schwachen Vierteln kommen muss. Genau dies wäre aber eben nötig, um das Problem – dort wie hier, in Amerika wie auch in Europa, global wie auch in Deutschland – langfristig angehen zu können.

Ursachen, Einflüsse und Kausalitäten

In der öffentlichen Debatte über Ghettoisierung und Herausbildung sozialer Brennpunkte in Europa dominieren zwei spezifische Zurechnungen: Auf konservativer Seite die Zurechnung auf ethnische oder auch religiöse Hintergründe von Integrationsverweigerung; auf linker Seite die Zurechnung auf ökonomische Ursachen. Doch wer meint, ein bloßes „Hineinpulvern“ finanzieller Leistungen würde das Problem lösen, liegt falsch.

Wie so häufig bietet auch hier das theoretische Instrumentarium des Soziologen Pierre Bourdieu einen Zugang zu dem Thema, der der Komplexität der Situation angemessen ist. Bourdieu unterscheidet in verschiedene Formen von Kapital, über das Menschen verfügen können. Darunter fallen das ökonomische Kapital (unter welches man die finanziellen und materiellen Kapazitäten fassen kann), das soziale Kapital (In welche Familie wurde man hineingeboren, was hat man für einen Freundes- und Bekanntenkreis, was für Netzwerke hat man?), das kulturelle Kapital (Bildungsniveau und Abschlüsse, aber auch habituelle Eigenheiten wie etwa Sprachstil oder charakterliche Eigenschaften, die einem weiterhelfen können) und das symbolische Kapital (Prestige schaffende Merkmale wie zum Beispiel ein „guter Name“ oder ähnliches).

Selbstverständlich handelt es sich bei den beschriebenen Kapitalformen um analytische Kategorien, welche im praktischen, konkreten Alltag oft stark zusammenwirken: Dass etwa das ökonomische Kapital allzu häufig mit dem sozialen, dem kulturellen und dem symbolischen Kapital verquickt ist (und diese wiederum ebenso miteinander), erklärt sich von selbst. Nichtsdestotrotz bietet die Unterscheidung nochmal einen differenzierten Blick auf das Phänomen auch der residentiellen Segregation, der deutlich macht, dass die Problematik vielschichtiger Natur ist.

Klarer wird der Zusammenhang, wenn man sich die Entstehung von dem vor Augen führt, was in der kritischen politischen Rhetorik gern als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet wird: Also abgeschottete Migranten-Communities, die weiterhin ihre eigene Sprache sprechen und ihre eigenen kulturellen Bräuche fortführen, ohne sich auf die deutsche Sprache und Kultur ernsthaft einzulassen. Forciert wird dieser Prozess über die Erscheinung der „Parallelwirtschaft“: Ist eine Migranten-Community, die sich aus einer bestimmten Ethnie rekrutiert, in einer bestimmten Quantität vertreten, so kann sie ein eigenes, kleines, lokales Wirtschaftssystem vor Ort etablieren: Mit eigenen Geschäften, eigener Gastronomie, eigenem Lebensmittelhandel und eigenen Dienstleistern.

Es bedarf für Jugendliche nicht mehr des Erlernens der deutschen Sprache, um einen Job zu bekommen – es reicht die der vorherrschenden Community. Hier behindert also vorhandenes soziales Kapital, das einem auch ökonomisch temporär aushilft, die Erlangung etwa von kulturellem Kapital in Form eines Schulabschlusses – und damit die Integration. Zugleich forciert es das Verbleiben im eigenen Stadtteil und damit das Zementieren der residentiellen Segregation.

Drastischere Auswirkungen hat dies, wenn die Parallelwirtschaft sich auf illegale Bereiche wie etwa den Drogenhandel ausdehnt. Hier wird eine der vielen Grenzen zur Delinquenz überschritten – und ebenfalls durch soziales Kapital forciert, denn der Zugang zu delinquenten Strukturen erfolgt bei Jugendlichen eben zumeist durch den Freundes- und Bekanntenkreis.

Die entsprechende Wohnlage reduziert das symbolische Kapital drastisch. Selbst bei passablen schulischen Leistungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwa ein potenzieller Arbeitgeber eine Bewerbung, bei der beim „Absender“ ein Problemviertel als Wohnort herauszulesen ist, „aussortiert“, hoch. Auch eine Vernachlässigung seitens der Kommunalpolitik beziehungsweise der Stadtverwaltung ist oft zu beobachten: Die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel ist zumeist schlechter, was wiederum die Mobilität der Einwohner beschränkt – und damit auch die der Schulkinder, die damit mit höherer Wahrscheinlichkeit gemeinsam Schulen innerhalb des Stadtteils besuchen, was abermals das mitunter problematische soziale Umfeld zementiert.

Über derlei Einflüsse kristallisieren sich habituelle Benachteiligungen heraus. Wer etwa in einem schulischen und freundschaftlichen Umfeld sozialisiert wird, in dem man sich als Junge hüten muss, nicht als zu unmännlich zu gelten, wird sich etwa ein (in anderen Milieus als übertrieben rezipiertes) „männliches Gehabe“ mit deftiger Sprache angewöhnen, das in der „Clique“ gut ankommt, aber nicht mehr beim Bewerbungsgespräch. Hier reduzieren sich kulturelles und symbolisches Kapital abermals drastisch – und begünstigen, wie auch die anderen, oben beschriebenen Entwicklungen, dass die Betroffen niemals dauerhaft aus ihrem Stadtteil „heraus kommen“.

Aus empirischen Untersuchungen und Interviews mit jugendlichen Bewohnern von solchen Vierteln geht hervor, dass diesen die Problematik oft durchaus selbst bewusst ist, man sich aber nicht in einer Lage sieht, in der man imstande wäre, dies zu ändern. Diese eigene Machtlosigkeit (Deprivation) muss in der Folge kompensiert werden, indem man sich eigene „Territorien“ schafft, über die „Macht der Straße“ beziehungsweise das physische Drohpotenzial der eigenen Gang. Wenn also eine Gang jemanden in einem Problemviertel „abzieht“, wie es im Slang heißt, also jemanden ausraubt, dann handelt es sich dabei in der Regel nicht um ein aus sozioökonomisch-materieller Not geborenes Handeln, sondern auch um Kompensation wahrgenommener Machtlosigkeit, die dazu dient, sich das anderswo verlorene Selbstwertgefühl zurückzuholen. Das ökonomische Kapital mag hier nicht gänzlich irrelevant sein, ist aber eben gewiss nicht die einzige Motivation.

Es geht nur mit grundsätzlichen Lösungen

Mit den beschriebenen Zusammenhängen wird deutlich, dass eine politische Lösung des Problems nur grundsätzlicher Natur sein kann. Weder kann man die Kommunen (sowohl in Deutschland als auch anderswo) damit allein lassen noch wird es ausreichen, darauf mit Einzelmaßnahmen oder, wie in den USA der Fall, mit reiner Restriktion zu reagieren. Vielmehr wird hier deutlich, dass Deutschland wie auch viele andere europäische Staaten vor einer Herausforderung stehen, die sich nur lösen lässt, wenn man sich der gesamtgesellschaftlichen sozialpolitischen Erfordernisse, aber auch der Grenzen der eigenen nationalen (Integrations-)Kapazitäten bewusst wird. Ob dieses Bewusstsein in der politischen Klasse vorhanden ist, ist bisher allerdings anzuzweifeln.

Samstag, 30. September 2017

Die Neoliberalisierung der Psychotherapie

Anders als bei körperlichen Leiden kommt bei psychischen Erkrankungen allzu schnell die Schuldfrage auf: Geht sie auf das Konto der biologischen oder sozialen Umstände des Betroffenen – oder ist er nicht vielmehr eigentlich selbst verantwortlich? Auch wenn sie es oft nicht laut ausspricht: Die Psychotherapie arbeitet zuweilen durchaus mit der letzteren Prämisse. Wenn es dann noch um die Frage geht, was bzw. wer denn nun eigentlich genau z. B. für einen Burnout eines Mitarbeiters in einem Betrieb verantwortlich ist, gewinnt die Frage sehr schnell eine sehr politische Dimension.

Der Soziologe Peter Fuchs bezeichnet die Psychotherapie als die „Verwaltung der vagen Dinge“. Patentrezepte gibt es hier nicht. Klare, naturwissenschaftlich unausweichliche und fassbare Lösungen kann es hier nicht geben, da einerseits jeder Patient anders leidet (und wenn wir noch so viele neue Kategorien und Namen für psychische Erkrankungen schaffen) und andererseits die Ursache niemals völlig geklärt werden kann. Allzu oft liegen Ursachen psychischer Krankheiten in einer Melange aus biologischen Faktoren, tiefenpsychologischen Einflüssen und Umständen der Sozialisation, deren einzelne Anteile auch bei noch so guter Diagnostik niemals restlos auseinander sortiert werden können; auch deswegen, weil sich etwa prägende Phasen wie die frühkindliche der Erinnerung des Menschen weitestgehend entziehen und daher nur schwer aufgearbeitet werden können.

Diese „vage“ Natur der Psychotherapie bringt es mit sich, dass sie anfällig wird für verschiedenste Formen der Interpretation, der Politisierung, der Manipulation. Wo empirische Erkenntnisse nicht abschließend herzustellen sind, da arbeitet der Sozialwissenschaftler mit Theorien und Hypothesen. Eine Tatsache, die unvermeidlich ist, aber auch nicht grundsätzlich problematisch, auch wenn sie vielen eher „technisch“ denkenden Menschen, für die am Ende immer ein klares Ergebnis, ein „A oder B“ stehen muss, oft suspekt ist.

Problematisch wird es erst, wenn diese Interpretationsanfälligkeit geschickt genutzt wird, um mit ihrer Hilfe „hinten rum“ eine politische Ideologie zu verwirklichen, die dem Menschen – dem Patienten – am Ende des Tages alles andere als zum Vorteil gereichen wird. Bei der modernen Psychotherapie ist genau dieses Phänomen vorzufinden – was umso schlimmer anmutet deswegen, weil es damit Menschen trifft, die ihr leidendes Innerstes offenlegen, weil sie sich anders nicht zu helfen wissen.

Die Frage der Verantwortung

Analog zur Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei, wird auch die Psychotherapie stets von der Frage nach der Verantwortlichkeit – noch drastischer: „Schuld“ – für die Erkrankung des Betroffenen begleitet. Ein Mitarbeiter eines Betriebes leidet am Burnout-Syndrom: Hat sein Arbeitgeber zu viel von ihm verlangt – oder er von sich selbst? War das Arbeitsklima schuld – oder er einfach zu „dünnhäutig“, zu schwach, zu wenig bereit, auch seine Ellenbogen einzusetzen?

Das Szenario muss sich nicht auf den Arbeitsplatz beschränken. Neues Beispiel: Eine junge Frau leidet an Depressionen. Im Gespräch kommt heraus, dass sie unter schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen ist. Sind es nun die Eltern, die die Verantwortung für ihr Leid tragen – oder hat die junge Frau einfach nie „zu sich selbst gefunden“? Hat sie sich „gehen lassen“, sich nicht genug von ihrer Vergangenheit emanzipiert? Hätte sie mehr „kämpfen“ müssen?

Es wird schnell deutlich: Wir haben es bei psychischen Erkrankungen mit Phänomenen zu tun, deren Ursachen-Herleitung mehr als komplex ist und die Tür öffnet für verschiedenste Antworten – und das nicht nur im laienhaften Umfeld, das für die junge Frau aus dem Beispiel entweder Verständnis hat oder die Nase rümpft, sondern auch unter den „Profis“, die mit sehr unterschiedlichen Prämissen an die Leiden der exemplarischen jungen Frau herangehen können.

Das Resilienz-Konzept

Ein Schlüsselbegriff zum Verständnis der Unterschiedlichkeit dieser Prämissen ist der der „Resilienz“. Die Psychologie versteht darunter, anders ausgedrückt, die psychische Widerstandskraft des Einzelnen (aber auch, in anderen Auslegungen, einer Gruppe oder einer Organisation), welche sich aus verschiedensten Einflüssen („Ressourcen“, wie es in der Psychologie dazu heißt) ergeben kann: Intelligenz, emotionale Kontrolle, Ausgeglichenheit, Selbstsicherheit, positive innere Einstellung usw. usf. Auf Gruppen- oder Team-Ebene sind das Klima der Interaktion und der gegenseitige Umgang entscheidende Faktoren; auf Organisationsebene auch Führungsentscheidungen und formale Strukturen der Organisation. An verschiedenen Stellen wird ein „betriebliches Resilienz-Management“ vorgeschlagen, das dazu beitragen soll, die Resilienz bei den Mitarbeitern zu stärken, um ihre Arbeitsleistung zu erhöhen.

Nun ist es sicherlich niemals ein Fehler, die Resilienz von Gruppen bzw. Teams in einem Betrieb und damit auch die organisationale Resilienz des Betriebs als Ganzes zu stärken, indem etwa für ein gutes Arbeitsklima gesorgt wird. Doch der Resilienz-Begriff hat eine primäre Konnotation – und diese bezieht sich auf den Einzelnen, auf das Individuum und seinen seelischen Zustand. Grundthese der Vertreter des Resilienz-Konzeptes ist es, dass das Individuum, der einzelne Arbeitnehmer letztlich – und auf jeden Fall zu beträchtlichen Teilen – selbst imstande wäre, sich vor Erkrankungen wie dem Burnout-Syndrom zu schützen, wenn er nur „widerstandsfähig“ genug ist.

Es deutet sich langsam an, worin das neoliberale Element eben dieser Denkweise liegt: Indem die Verantwortung für seine psychische Gesundheit am Arbeitsplatz auf ihn selbst verschoben wird, es also von seiner eigenen Resilienz, seiner inneren Einstellung und Haltung abhängig ist, wie er mit den Anforderungen der Arbeit, mit den Arbeitszeiten, den Erwartungen von Kollegen und Vorgesetzten etc. umgeht, liegt sie eben nicht mehr – oder wenigstens zu deutlich geringeren Teilen – beim Arbeitgeber. Der Arbeitnehmer bricht irgendwann infolge von allzu vielen Überstunden zusammen? Erleidet einen Burnout? Gerät in Konflikt mit Kollegen oder dem Chef? Erledigt seine Aufgaben nicht mehr zu deren Zufriedenheit? Nun: Da war dann wohl jemand nicht resilient genug!

Die Prämisse, die hier mitschwingt, ist eine, die wir bereits aus der Europapolitik unserer Kanzlerin kennen: Die der vermeintlichen Alternativlosigkeit des großen Ganzen. Die politischen oder eben wirtschaftlichen Strukturen sind demnach quasi gottgegeben – und die kleineren Einheiten, in der EU die Nationalstaaten, im Wirtschaftssystem die Arbeitnehmer, haben sich diesen unveränderbaren, alternativlosen Gegebenheiten anzupassen, wenn sie nicht untergehen wollen. Der Einzelne ist seines Glückes Schmied – und kann dabei alles gewinnen oder eben alles verlieren, je nachdem, ob er zur Genüge an seiner Resilienz gearbeitet hat.

Nun wird es verschiedene Gründe haben, warum Psychologen und Psychotherapeuten diese Prämisse aufgreifen. Weder liegt diesem Phänomen eine große Verschwörung zugrunde noch sind die derart vorgehenden Psychologen und Psychotherapeuten allesamt neoliberale Hardliner, die sich händereibend überlegen, wie sie dem globalen Turbokapitalismus noch besser als bisher zu Diensten sein könnten. In vielerlei Fällen spielt hier vielmehr ein Phänomen mit rein, das man, überspitzt ausgedrückt, als Fachidiotentum bezeichnen könnte: So wie sich beispielsweise allzu viele Politologen zu wenig für die psychischen Einflüsse auf politische Prozesse interessieren, mangelt es auch Psychologen zuweilen an Interesse für politische Hintergründe und politische Motivationen hinter wissenschaftlichen oder therapeutischen Konzeptionen. Aber auch wenn man es oftmals eher mit Ignoranz anstatt mit Böswilligkeit zu tun hat: Das Sich-Instrumentalisieren-Lassen für neoliberale Intentionen entschuldigt dies nicht.

Skepsis gegenüber therapeutischen Interventionen

Das Resilienz-Konzept stellt bei weitem nicht die einzige Erscheinungsform neoliberalisierter Psychotherapie dar. Eine andere, um exemplarisch noch eine weitere zu nennen, tritt im Rahmen der Systemischen Beratung und Therapie in Erscheinung, welche zwar als Ganzes – so viel soll hier klargestellt werden – keinesfalls als ein „neoliberales therapeutisches Verfahren“ zu bezeichnen ist, die aber theoretische Prämissen aufgreift, welche das Aufnehmen solcher Grundsätze zumindest nicht unwahrscheinlich machen.

Konkreter: Eine vielfach diskutierte Frage in Bezug auf die Psychotherapie und die Systemische Therapie im Speziellen ist die nach der Berechtigung und Sinnhaftigkeit von Interventionen seitens des Beraters oder Therapeuten. Anders gesagt: Wie sehr darf der Berater oder Therapeut sich „einmischen“? Wie sehr darf er „steuern“? Ist hierbei „Steuerung“ überhaupt legitim oder sinnvoll? In welcher Rolle sieht sich der Berater oder Therapeut selbst in der Interaktion mit dem Klienten / Patienten? Kann er es als „gesetzt“ betrachten, dass er manche Dinge „besser weiß“ als der Klient / Patient, oder hilft er diesem lediglich bei der Selbstfindung? Liegen die Lösungen im Klienten / Patienten selbst – oder auch im Berater oder Therapeuten?

Auch hier wird deutlich: Die Reflexion der eigenen professionellen Rolle und, daraus hervorgehend, der des Klienten / Patienten, die Frage nach der Selbstdefinition und der eigenen Verortung sind entscheidende Fragen für das therapeutische Prozedere, welche alles andere als verbindlich geklärt sind. In vielerlei Fällen ist auch dies interpretationsbedürftig und wird, je nach therapeutischem Verfahren und je nach Person, unterschiedlich beantwortet. Und oftmals werden auch hier – mal bewusst, mal unbewusst – neoliberale Prämissen aufgegriffen.

In der der Systemischen Beratung und Therapie zugrunde liegenden, interdisziplinär aufgegriffenen Systemtheorie wird von der Annahme ausgegangen, dass wir es im Alltag mit hochkomplexen biologischen, psychischen und sozialen Systemen zu tun haben. Biologische Systeme bezeichnen dabei die Körper von Lebewesen, psychische Systeme das menschliche Bewusstsein und soziale Systeme Interaktionen zwischen Personen, Gruppen, Organisationen oder die Gesellschaft als Ganzes.

Von nicht wenigen Systemtheoretikern wird dabei eine tief reichende Steuerungsskepsis vertreten, die sich aus eben jener These der hochkomplexen Systeme herleitet: Jene Systeme sind demnach kaum steuerbar, da es dafür seitens des „Steuernden“ ein grundlegendes Verständnis und eine umfassende Kontrolle aller Dynamiken bräuchte, welche das System und seine Komplexität ausmachen. Diese sei jedoch nicht vorhanden und auch kaum zu erreichen, da Systeme füreinander immer bis zu einem gewissen Grad intransparent sind: Das politische System kennt nicht alle künftigen Entwicklungen des Wirtschaftssystems, und ein psychisches System kennt kein anderes psychisches System „von innen“, weil wir uns nicht gegenseitig in die Köpfe schauen können, es also immer vieles gibt, was wir von der anderen Person niemals erfahren werden. Dies sind nur einige kurz angerissene Beispiele für das, was nach der Systemtheorie die unüberwindbare Komplexität von Systemen ausmacht.

Innerhalb der anwendungsbezogenen Systemischen Beratung und Therapie wird daraus nun – nicht immer und von allen, aber häufig – die Konklusion abgeleitet, dass therapeutische Interventionen, ebenso wie etwa direkte politische Steuerungsversuche des Wirtschaftssystems, mindestens skeptisch zu sehen bis im Grunde zum Scheitern verurteilt sind, weil ja auch der Berater oder Therapeut das psychische System des Patienten / Klienten nicht „durchschauen“ kann, sondern nur mit dem kalkulieren kann, was dieser ihm erzählt. Eine Intervention ist demnach mindestens riskant bis illegitim, da sie die Systemkomplexität des anderen ausblenden würde.

Stattdessen, so wird es aus dieser Denkrichtung vertreten, sollen die Antworten auf sein Problem von dem Klienten / Patienten selbst kommen: Nur er selber kennt sich eigentlich gut genug, nur er selbst weiß letztlich, was er braucht oder nicht. Der Berater oder Therapeut hat in einem solchen Verhältnis nicht mehr die Aufgabe, Antworten zu liefern, sondern nur noch, die richtigen Fragen zu stellen. Typische Berater- oder Therapeutenfragen in diesem Zusammenhang: „Was brauchen Sie?“, „Was würden Sie jemandem raten, der sich mit genau diesem Problem an Sie wendet?“ etc.

Die Parallelen zum Resilienz-Konzept sollten an diesem Punkt deutlich geworden sein. Sicherlich gilt hier die Einschränkung, dass nicht jede therapeutische, die Denkprozesse des Patienten / Klienten in positive und konstruktive Bahnen lenkende Frage sofort Ausdruck eines zynischen neoliberalen Therapieverständnisses ist. Und dennoch zeigt sich die Prämisse der „Eigenverantwortlichkeit“, des „Jeder ist seines Glückes Schmied“ auch hier: Die Antworten auf sein Problem liegen in dieser Denkrichtung im Betroffenen selbst; der Berater oder Therapeut zieht sich, gleich dem steuerungsskeptischen Staat im Neoliberalismus, auf eine lediglich „stimulierende“, aber nicht mehr intervenierende „Nachtwächter“-Rolle zurück, als eine Art leiser Stichwortgeber, aber immer mit dem Unterton „Nur du kannst dir selber helfen – ich nicht!“.

Wachsamkeit ist geboten

Nun wird es, so viel sei abschließend klargestellt, durchaus Fälle geben, in denen diese Herangehensweise ebenso wie das Resilienz-Konzept fruchten und konstruktive Ergebnisse erzielen. Manchmal liegen die Antworten eben wirklich in der Person selbst, und manchmal schützt eben psychische Widerstandsfähigkeit wirklich ausreichend vor Belastungen am Arbeitsplatz. Nur haben wir es hier mit einem weiter reichenden Paradigma zu tun: Das Resilienz-Konzept und die Skepsis gegenüber Interventionen sind in Teilen durchaus dogmatisch vorgegeben, haben also nicht selten den Charakter einer allgemeingültigen Grundregel angenommen.

Spätestens hier wird es problematisch: Denn psychische Widerstandskraft und ihre Stärkung durch „betriebliches Resilienz-Management“ rechtfertigt keine Überbelastungen am Arbeitsplatz, welchen durch derartige Maßnahmen ihre Legitimation als „zumutbar“ zugestanden werden sollen. Und zugleich dürfte sich auch noch so mancher Patient / Klient finden lassen, bei dem die Antworten auf sein Problem eben nicht irgendwo „in ihm selbst“ liegen, sondern es einer klaren Intervention bedarf, um es zu lösen – z. B. in dessen soziale Systeme.

In jedem Fall ist es geboten, ein wachsames Auge zu richten auf politische Prozesse, die sich abseits der „üblichen“ Bühnen der Politik abspielen, aber dennoch gravierende Wirkung entfalten können. Die wissenschaftlichen Deutungshoheiten von heute bestimmen die gesellschaftliche Realität von morgen.

Mittwoch, 30. August 2017

Posttraumatische Belastungsstörung: Das verschwiegene Leid

Was man nicht sehen kann, ist erklärungsbedürftig. Eine Tatsache, die Menschen, die an einer psychischen Erkrankung leiden, rund um den Globus immer wieder in quälender Regelmäßigkeit erleben müssen. Ohne die gravierenden Probleme eines Alltags etwa mit körperlicher Behinderung relativieren zu wollen: Ein Rollstuhlfahrer muss weitaus weniger erklären. Er muss nicht erklären, wieso er die dritte Etage eines Gebäudes ohne Fahrstuhl nicht eigenständig betreten kann – und niemand wird diese Erklärung von ihm einfordern.

Psychisch erkrankte Menschen müssen in den meisten Fällen ohne diese Selbstverständlichkeit zwischenmenschlichen Anstands klarkommen: Da die soziale Umwelt ihnen ihr Leiden nicht von außen ansieht, müssen sie es in regelmäßigen Abständen wieder erklären, sich mit ihrer vermeintlichen Schwäche „outen“ und begründen, warum gerade was einfach nicht geht. In diesen Momenten werden oft Ausreden und Notlügen geboren, die die Funktion haben, gegenüber Fremden – aber auch Bekannten – nicht allzu viel von sich preisgeben zu müssen.

Denn selbst ein „Outen“ oder Sich-Erklären gewährleistet noch kein Verständnis: Was nicht physisch greifbar ist und nicht naturwissenschaftlich oder technisch messbar, das ist für nicht wenige Menschen selbst heute noch „Hokuspokus“ (das kriegen übrigens nicht nur die Patienten, sondern auch die Profis zu spüren: Es gibt wohl kaum einen Sozialwissenschaftler, der noch nicht irgendwem hat erklären müssen, wieso sein Fach neben den Naturwissenschaften ebenfalls seine Existenzberechtigung hat). Was in der Psyche eines Menschen oder in der Interaktion zwischen Menschen vorgeht, dem fehlt der Touch des Objektiven, des „Wahren“, des Realen, weil man es nicht direkt wahrnehmen kann.

Für von psychischer Krankheit betroffene Menschen mündet dieser begrenzte Horizont eines Teils seines Umfelds in einer zusätzlichen, sozialen Tortur, die als negativer Verstärker wirken kann: Wer auf zaghafte Versuche hin, das eigene Leid zu erklären, ein „ach, stell dich mal nicht so an“ oder vermeintlich gute Ratschläge wie „Du musst halt mal den Arsch hochkriegen!“ oder „Lenk dich mal ab!“ erntet, der zieht sich mit hoher Wahrscheinlichkeit noch weiter zurück und verliert sich mitunter im Strudel seiner Erkrankung.

Der Teufelskreis PTBS

Eine – wenn auch nicht die einzige – psychische Erkrankung, auf die dieses Phänomen im Besonderen zutrifft, ist die sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), welche infolge traumatischer Ereignisse „erworben“ wird. Nicht selten kann es sich hierbei um sexualisierte Gewalt handeln (Vergewaltigung oder auch sexueller Missbrauch in der Kindheit); um erlebte Unfälle mit Schwerverletzten oder Toten oder um Gewalterfahrungen. Besonders gefährdet sind insofern Angehörige von Berufsgruppen wie Soldaten, Polizisten oder Feuerwehrleuten. Auch Lokführer sind aufgrund von „Schienen-Suiziden“ und des Erlebens von deren Folgen gefährdet, an einer PTBS zu erkranken.

Die Symptomatik einer PTBS ist vielfältig. Das wohl prominenteste Symptom sind die sogenannten Intrusionen: Flashbacks oder auch Albträume, die das Erlebnis – manchmal schlagartig, oft aufgrund von „Triggern“ wie bestimmten Geräuschen, Gerüchen oder Eindrücken, die daran erinnern – wieder hervorholen und so präsent machen, dass der Betroffene buchstäblich wie paralysiert ist. Er kommt nicht von den Erinnerungen los, die übliche tröstliche Redewendung „Die Zeit heilt alle Wunden“ greift hier nicht mehr: Man fällt immer wieder zurück in das traumatische Erlebnis und bekommt somit keine Chance, sich davon zu lösen, sein Leben wieder zu normalisieren.

Das Grundproblem kreiert Folgeprobleme wie beispielsweise Schlafstörungen, was dann wiederum zu Konzentrationsstörungen und / oder Gereiztheit im Alltag führt. Man kommt nicht zur Ruhe. Die Fähigkeit zu arbeiten leidet, bis hin zur Berufsunfähigkeit. Es mehren sich Konflikte sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Familie und im Freundeskreis. Man ist „konstant auf 180“, die Selbstdisziplin leidet (manchmal bis hin zu eigener physischer Gewalt), soziale Beziehungen zerbrechen. Oft scheinen Alkohol oder starke Medikamente der einzige Ausweg zu sein; letztlich aber verschlimmern sie all die bestehenden Probleme nur noch. Manchmal führen sie gar zu Psychosen und damit zu weiteren psychischen Erkrankungen. Im schlimmsten Fall bilden Suizide das traurige Ende des Leids.

Schweigen und Untätigkeit der Politik

Freilich beschreibt dieses Szenario den schlimmsten Fall, der längst nicht immer eintreten muss. Fest steht aber, dass er schon allzu oft eingetreten ist – lange Zeit, ohne dass man für das Phänomen wirklich einen Namen hatte. Erst mit den Folgen des Vietnamkrieges in den USA entstand ein langsam präsenter werdendes öffentliches Bewusstsein für das „Vietnamkriegssyndrom“, das das Leben unzähliger heimgekehrter Soldaten zerstörte.

Auch in Deutschland gibt es, spätestens seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr, der nicht als Krieg bezeichnet werden soll, mit den zurückgekehrten Soldaten einen völlig neuen PTBS-Patientenkreis. Einen Patientenkreis, der jedoch im öffentlichen Bewusstsein noch immer nicht wirklich angekommen ist. Die Verantwortung daran trägt vor allem auch die Politik, die um die Wirkung, die – u. a. – das Bekanntwerden des „Vietnamkriegssyndroms“ in den 70er Jahren auf die breite Bevölkerung gehabt hat, gut Bescheid weiß: Die Akzeptanz für „militärische Interventionen“, wie Kriege der westlichen Industriestaaten im liberaldemokratischen Neusprech heißen, ist deutlich zurückgegangen.

Die betroffenen Soldaten werden politisch noch immer nur in sehr geringem Maße zur Kenntnis genommen; um Hilfeleistungen seitens des Staates muss oftmals lange gekämpft werden – ein Kampf, zu dem gerade die Betroffenen oftmals kaum noch die Kraft haben. Im Gegenteil: Zu oft rauben sie ihnen noch das letzte Bisschen Selbstvertrauen, was abermals die Symptome der Erkrankung verstärkt. Ein Missstand, der sich heimlich, still und leise tagtäglich vor unseren Augen vollzieht. Würden all jene Soldaten, die mit einer handfesten PTBS aus dem Ausland zurückkehren, stattdessen erblindet sein oder im Rollstuhl sitzen, wäre der gesellschaftliche Aufschrei längst da. Doch abermals gilt: Was nicht physisch greif- oder messbar ist, das wird schlechter wahrgenommen – und kann von der politischen Klasse besser unter den Teppich gekehrt werden.

Der Stolz der Betroffenen

In anderen Feldern ist der staatliche Umgang mit dem Thema verantwortungsvoller: Das Bewusstsein für die Folgen sexualisierter Gewalt ist besser ausgeprägt (wenn auch noch nicht so, wie es oft wünschenswert wäre). In der Polizeiausbildung z. B. in Nordrhein-Westfalen (in der der Autor dieser Zeilen tätig ist) wird der Umgang mit dem Thema mehrfach thematisiert: Die Polizei-Studenten lernen in psychologischen Lehrveranstaltungen und im „Training Soziale Kompetenzen“ (TSK) die auch hier thematisierten Grundlagen über PTBS und bekommen mit auf dem Weg, nach traumatischen Ereignissen auf sich zu achten und gegebenenfalls Anzeichen der Erkrankung nicht zu ignorieren, sondern sich in Behandlung zu begeben, damit der oben beschriebene Teufelskreis gar nicht erst eintreten kann.

An diesem Punkt zeigt sich häufig noch eine andere relevante Problematik: Die gesellschaftlich weit verbreitete (wenn auch nur implizite, „gedachte“) Prämisse, dass psychische Erkrankung Schwäche bedeute, wird selbst von den Betroffenen oftmals unwillkürlich geteilt, da diese mit diesem Denken sozialisiert worden sind. Tragischer Weise gilt dies im Besonderen bei jenen oben genannten Risiko-Berufsgruppen: Wer Soldat oder Polizist wird, sieht sich – insbesondere, wenn männlichen Geschlechts und mit dem entsprechenden Selbstbild aufgewachsen – gerne als „harten Kerl“, den nichts so schnell erschüttern kann.

Nun sind die „harten Kerle“ aber eben auch nur Menschen, was bedeutet, dass auch sie von traumatischen Ereignissen nachhaltigen Schaden davontragen können, selbst wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Oft jedoch steht auch dieses Phänomen nochmal zusätzlich einer Suche nach Hilfe im Fall von PTBS entgegen: Man(n) möchte nicht als schwach gelten, hasst sich womöglich noch für die eigene „Schwäche“, die einen nachts nicht schlafen und tagsüber nicht zur Ruhe kommen lässt. Eine weitere Tragik im Problemkomplex PTBS, der etwa in der nordrhein-westfälischen Polizeiausbildung so gut es geht entgegen gewirkt werden soll. Doch in nicht wenigen Fällen dürfte auch so mancher Appell an der Mauer maskulinen Stolzes verhallen.

PTBS als Radikalisierungsursache

Und damit noch nicht genug. PTBS ist nicht nur in den westlichen Industrienationen ein Thema, sondern dürfte insbesondere in Kriegsgebieten etwa in Afrika oder im Nahen Osten ein noch viel weiter verbreitetes Phänomen sein – vermutlich jedoch mit nicht einmal annähernd der (ja eben schon zu geringen) öffentlichen Aufmerksamkeit, die das Thema in unseren Breitengraden genießt.

Unterschätzt wird die Relevanz des Faktors PTBS auch dann, wenn über die Gründe politischer Radikalisierung diskutiert wird, welche gerade in politischen, leider aber auch so manchen wissenschaftlichen Debatten oft allzu monokausal hergeleitet werden. Es geht eben nicht immer nur um Frust über Armut oder „den“ Islam, sondern allzu oft auch um psychosoziale Ursachen als Folge von Kriegs- und Gewalterleben.

Es wurde oben bereits herausgestellt, dass PTBS eben durchaus auch gewaltbegünstigend wirken kann: Über Intrusionen und deren Folgen, physische Symptome usw. leidet das „Nervenkostüm“, die Hemmschwelle sinkt, Abstumpfung setzt ein. Man stürzt sich in den Kampf, um sich wieder zu fühlen – was in der westlichen Hemisphäre das Sich-Ritzen ist, ist anderswo die Kriegsteilnahme. Zugleich steigt die Wut – Wut auf den Staat, Wut auf andere Menschen, Wut auf das Schicksal, Wut auf sich selbst und die vermeintliche Schwäche: Ein festes Fundament für jeden politischen und / oder religiösen Radikalisierungsprozess. Dies entschuldigt freilich nicht terroristische Aktivitäten – es erklärt sie jedoch in vielerlei Fällen; und es ermöglicht zugleich eine Perspektive darauf, was die „militärischen Interventionen“ des Westens etwa im Irak bei der dortigen, nun kriegserfahrenen Jugend auch psychologisch angerichtet haben.

Und auch das Problem ist mittlerweile ein deutsches: Die Anzahl der Flüchtlinge in Deutschland, die unter einer PTBS – vielleicht durch Kriegserleben, vielleicht auch durch die Umstände der Flucht oder andere Tragödien – leiden, dürfte nicht allzu gering sein. Das Bewohnen von Flüchtlingsunterkünften – voll, ohne viele Ablenkungsmöglichkeiten, konfliktbehaftet durch die heterogene Zusammensetzung – dürfte die Lage diesbezüglich auch nicht verbessert haben.

Es sollte deutlich geworden sein: PTBS ist ein Thema, das politischer nicht sein könnte, und das – nicht nur deswegen – mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, gerade auch angesichts der eben durchaus zahlreichen gesellschaftlichen Sphären, in denen es immer wieder seine Wirkung entfaltet. Erst so wird eine Gesellschaft erreichbar sein, in der Krankheit nicht als Schwäche gilt, für die Betroffene sich zu schämen haben, sondern in der der Kampf gegen diese offensiv und selbstbewusst in Angriff genommen werden kann.

Sonntag, 30. Juli 2017

Kurt Schumacher – Sozialist und Patriot

„Es gibt nicht einmal ein einheitliches Deutsches Reich, sondern nur die Hoffnung auf sein zukünftiges Erstehen.“

„Die Demokratie drückt sich national aus in dem Selbstbestimmungsrecht der Völker.“

„Wir tun unsere Pflicht der nationalen Selbstbehauptung auf jedem Gebiet gegenüber jedermann.“

Hätten Sie die drei Zitate zuordnen können? Drei Sätze, die dem, der sie geäußert hat, heutzutage vermutlich binnen weniger Stunden zumindest einen Rechtspopulismus-Vorwurf bis hin (je nach Partei) zu einem vorläufigen Ende der politischen Karriere einbringen würden.

Stammen tun die zitierten Aussagen von Kurt Schumacher – 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordneter der SPD, zu Zeiten des Dritten Reiches inhaftiert in mehreren Konzentrationslagern, ab 1946 bis zu seinem Tod im Jahre 1952 Parteivorsitzender der SPD. Das erste Zitat entstammt seinem Text „Konsequenzen deutscher Politik“ vom Juli 1945; die anderen beiden einer Rede vor Mitgliedern der FDJ in West-Berlin am 17. August 1951 (vgl. Brandt / Ammon 1981: 65; 100).

In seinem Buch „Die SPD und die Nation“ zeigte der Politikwissenschaftler und Soziologe Tilman Fichter (früheres SDS-Mitglied und später Referent für Bildung und Schulung beim Parteivorstand der SPD) präzise auf, wie sich die Haltung der Sozialdemokratischen Partei zum Themenkomplex Nation und Wiedervereinigung über den Wandel der Politikergenerationen hinweg veränderte. Während ein Kurt Schumacher und seine Generation noch wie selbstverständlich von der Nation als primärem politischen Handlungsrahmen ausging und daher unbedingte Priorität in der deutschen Wiedervereinigung sah, verloren die nachfolgenden Politikergenerationen der SPD zunehmend die Verbundenheit zu dieser Frage. So konnte zwar ein Willy Brandt als vorausschauernder Altkanzler gerade noch so verhindern, dass die SPD zum Zeitpunkt der tatsächlichen Wiedervereinigung als daran komplett desinteressiert wahrgenommen wurde („Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört.“). Doch schon Helmut Schmidt und Egon Bahr haben auffallendes Desinteresse am Thema Wiedervereinigung gezeigt und legten die Priorität auf Stabilität und realpolitisches Arrangement mit der DDR (vgl. Fichter 1993).

Und nach 1990 wurde es nicht besser: Nachfolgende Politikergenerationen der SPD sahen die Zukunft Deutschlands primär in der „europäischen Einigung“ – will heißen, letztendlich in einem europäischen Bundesstaat, zu dem die EU als Staatenverbund die Vorstufe bilden soll (was aber bislang noch aus wahltaktischen Gründen mit Formulierungen wie der genannten verklausuliert werden muss). Auf ein Bekenntnis zur deutschen Nationalstaatlichkeit wird man insbesondere bei der heutigen Politikergeneration (nicht nur) der SPD lange warten können. Dass die Mehrheit der europäischen Völker dieses supranationale Projekt ablehnt, wird weiterhin geflissentlich ignoriert; die auch daraus resultierenden europaweiten Wahlerfolge rechter Parteien werden – allenfalls begleitet von Betroffenheitsbekundungen und Wählerbeschimpfungen – in Kauf genommen.

Kurt Schumacher wusste es schon im Juli 1945 besser. In seiner bereits oben genannten Schrift zitiert er einen Satz Talleyrands aus dem Jahre 1815: „Europa ist ein System von Staaten, welche unter sich in einer gewissen Gleichgewichtsbestimmung leben müssen. Aber diese Staaten sind lebendige Wesen. Das Gleichgewicht zwischen diesen lebendigen Wesen kann nicht von außen mit Gewalt aufgezwungen werden, es muß den Lebensnotwendigkeiten aller Staaten entsprechen“ (vgl. Brandt / Ammon 1981: 67). Ein Zitat, das in seiner Aktualität weder seit 1815 noch seit 1945 nur einen Deut eingebüßt hat: Die Resultate eines aufgezwungenen (Schein-)Gleichgewichts zeigen sich an den Folgen der EU-Politik in Griechenland und anderswo in Europa, und sie zeigten sich im Rahmen der Tragik der jahrzehntelang aufgezwungenen Teilung der deutschen Nation, die Schumacher aus gutem Grund so vehement bekämpft hatte. Die Wahlentscheidung der Griechen im Jahre 2015 steht somit letztlich in einer emanzipatorischen Reihe mit dem Aufbegehren der Deutschen im Jahre 1989.

Doch das Beispiel Kurt Schumachers ist nicht nur mit Blick auf das Thema EU und die daraus resultierende Souveränitätseinschränkung Deutschlands und anderer Mitgliedsstaaten lehrreich, sondern auch in Bezug auf „subtilere“ Einschränkungen nationaler Selbstbestimmung etwa im Verhältnis gegenüber der Supermacht USA. Fragt man historisch informierte Menschen nach dem Namen Kurt Schumacher, so dürfte den meisten wohl als erstes dessen legendäre Rolle als erster Gegenspieler Konrad Adenauers in Erinnerung treten, im Zuge derer Schumacher dem ersten Bundeskanzler der BRD im Bundestag entgegengeschleudert hatte, er sei der „Bundeskanzler der Alliierten“.

Schumacher hatte damit – letztlich nicht nur in Bezug auf Konrad Adenauer – den Nagel auf den Kopf getroffen. Er hatte richtig erkannt, worauf Adenauers Politik der Westbindung hinauslaufen musste: Nicht nur auf die Zementierung der deutschen Teilung, sondern eben auch in eine beständige Atomkriegsgefahr und einen De-Facto-Souveränitätsverlust, der im politischen Prozedere der Bundesrepublik – obwohl diese formal längst als souverän gilt; Einschränkungen durch die EU ausgenommen – bis heute spürbar sind, wenn man etwa an den mehr als peinlichen Umgang der Bundesregierung mit der NSA-Affäre oder an die Vernachlässigung deutscher Interessen im Rahmen der Politik gegenüber Russland denkt, bei der man sich zum europäischen Instrument der USA gemacht hat. Es dürfte gewiss keine unbegründete Spekulation sein, wenn man annimmt, dass der Umgang einer „Regierung Schumacher“ mit derlei Fragen anders ausgesehen hätte.

Fichter zitiert in seinem Buch dazu den Sozialwissenschaftler Theo Pirker: „In Wirklichkeit war für Schumacher der neue Bundeskanzler – eben weil er die Interessen eines egoistischen westdeutschen Bürgertums vertrat, weil er die Gruppeninteressen über die nationalen Interessen stellte, eben weil er sich anschickte, zusammen mit dem egoistischen Bürgertum Westeuropas und Amerikas ein kapitalistisches Europa zu bauen – ein Politiker des nationalen Verrats. In der ehernen Konzeption der Einheit von Demokratie, Klasse und Sozialismus war und blieb Adenauer nur ein Werkzeug der Alliierten, die ihre nationalen Interessen über die Interessen der Demokratie stellten“ (Pirker 1965: 124 ff.; zitiert nach Fichter 1993: 110 f.).

Dies gilt umso mehr, als dass Schumacher trotz seiner scharfen und konsequenten Ablehnung des Sowjetkommunismus und der sowjethörigen KPD für eine klar erkennbar sozialistische Programmatik eintrat: „Schumacher war überzeugt, daß Deutschland nur „sozialistisch“ wiederaufgebaut werden könne und daß die deutsche Demokratie sozialistisch fundiert sein müsse, um Bestand zu haben – dazu gehörte die Sozialisierung der Grundstoff- und Schlüsselindustrien sowie der Großbanken“ (Brandt / Ammon 1981: 36 f.).

Die letzte große Wegmarke der Schumacher-SPD datiert sich auf den 10. März 1952: An diesem Tag bot die Regierung der Sowjetunion in einer Note an die Westmächte an, „mit einem wiedervereinigten, bündnislosen und begrenzt bewaffneten Deutschland einen Friedensvertrag abzuschließen“ (Fichter 1993: 115) – die berühmte Stalin-Note, im Rahmen derer ein geeintes, aber neutrales Deutschland als „Puffer“ zwischen beiden Blöcken fungiert hätte. Sie sah umfassende Zugeständnisse vor: „Dem deutschen Volk müßten die „demokratischen Rechte“ gewährt und den „demokratischen Parteien und Organisationen“ eine „freie Betätigung“ zugestanden werden. Allen ehemaligen Angehörigen der Deutschen Wehrmacht, einschließlich der Offiziere und Generäle, allen „ehemaligen Nationalsozialisten“, mit Ausnahme derer, die für von ihnen begangene Verbrechen rechtskräftig verurteilt waren, sollten die „gleichen bürgerlichen und politischen Rechte“ wie allen anderen deutschen Bürgern zuerkannt werden“ (ebd.: 115). Die Neutralität sollte als Gegenleistung Deutschlands hierfür fungieren.

Die Adenauer-Regierung und die bürgerlichen Parteien der BRD reagierten binnen kürzester Zeit ablehnend auf das Angebot, ohne eine Diskussion dessen ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Für die Schumacher-SPD begründete indes der damalige Vorsitzende des Bundestagsausschusses für gesamtdeutsche Fragen, Herbert Wehner, in einer Rede am 3. April 1952 im Bundestag die Position der SPD, die Stalin-Note und ihr Angebot offen zu prüfen: „Man kann doch nicht – das ist aber leider so geschehen!, weil zum Beispiel bei den Westmächten keine Neigung besteht, den Deutschen eine nationale Armee zu konzedieren – erklären: „Das kommt nicht in Frage, das gehört der Vergangenheit an; wir wollen nur eine Europaarmee!“. Das gilt dann immer nur für die Deutschen; die anderen würden sich so etwas nicht sagen lassen. Aber ich will damit sagen: es sollte doch nicht dem vorgegriffen werden, was bei einer sachlichen Prüfung – die man ja nicht im Studierzimmer allein, sondern am Verhandlungstisch vornehmen kann – herauskommen kann. (…) – Sie wissen das ja schon sehr gut. Sie sagen: „Njet.“ Aber lassen Sie es doch einmal darauf ankommen!“ (vgl. Brandt / Ammon 1981: 107).

Abseits der bezeichnenden Randnotiz, dass Wehner mit seiner Bemerkung zur Europaarmee unwillkürlich prophetisch argumentiert hat – auch heute wollen ein derartiges Ausmaß an europäischer Integration im Grunde nur die komplexbeladen-identitätsverlorenen Deutschen – so zeigt sich hier doch abermals, welche Chancen sich für eine frühe Beendigung der deutschen Teilung und eine frühe Wiedervereinigung wie auch für ein wirklich souveränes Deutschland bereits damals geboten haben – und wie sehr eine echte Alternative mit der Schumacher-SPD zur damaligen Zeit noch greifbar war.

Dies gilt umso mehr, als dass die beiden Historiker Peter Brandt und Herbert Ammon konstatieren, dass definitiv nicht ausgeschlossen werden könne, dass dieses und die folgenden Angebote der UdSSR ernst gemeint waren (vgl. Brandt / Ammon 1981: 43) und somit zu fragen ist, „ob wir 1952 eine Gelegenheit, die deutsche Einheit wiederherzustellen, versäumt haben“ (Fichter 1991: 119). Wie anders, ja wie viel freier und souveräner nach außen, und, daraus hervorgehend, wie viel sozialer nach außen und nach innen könnte Deutschland heute womöglich Politik machen, hätte damals die SPD von Kurt Schumacher die politische Mehrheit im Bundestag gehabt?

Die Frage bleibt zutiefst hypothetisch – es kam alles ganz anders. Die SPD verabschiedete sich im Jahre 1959 mit der Beschließung des Godesberger Programms von der deutschlandpolitischen Linie Kurt Schumachers, akzeptierte Westbindung und Marktwirtschaft, wurde von einer Klassen- zu einer Volkspartei, mutierte schließlich unter Schröder und mit der Agenda 2010 zu einer neoliberalen Partei und fristet heute bekanntermaßen ein trauriges Dasein als Anhängsel der Union mit ein wenig sozialer Rhetorik. Schwer vorstellbar, dass ein Kurt Schumacher jemals Vorsitzender dieser Partei hat sein können.

Doch so hypothetisch die obige Frage auch ist, so klar ist doch die politische Vorbildwirkung, die das Beispiel Kurt Schumachers heute noch immer – oder wieder – entfalten könnte und sollte. Souverän und selbstbestimmt nach außen, geeint und sozial im Innern – das war die politische Botschaft Kurt Schumachers. Es kann nicht schaden, sich ihrer im Zeitalter einer neoliberalen Globalisierung wieder zu erinnern.


Literatur:

Brandt, Peter / Ammon, Herbert (Hrsg.) (1981). Die Linke und die nationale Frage. Dokumente zur deutschen Einheit seit 1945. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Fichter, Tilman (1993). Die SPD und die Nation. Vier sozialdemokratische Generationen zwischen nationaler Selbstbestimmung und Zweistaatlichkeit. Frankfurt a. M.: Ullstein.

Dienstag, 27. Juni 2017

Zum Verhältnis von Klasse und Nation – Warum Klassenbewusstsein allein nicht ausreicht

Nimmt man sich vor, die Nation und den Nationalstaat als positive kollektive Identitäten zu „reaktivieren“, so führt dies mindestens im Rahmen eines sozialistisch geprägten Diskussionsraums schnell zu der Folgefrage, ob eine solche Konzeption nicht unweigerlich mit der marxistischen Vorstellung des solidarischen Internationalismus kollidieren muss. Nun, dass dieser alles andere als identisch ist mit dem neoliberalen Globalismus, da letzterer für die Auflösung von Nationen und Grenzen steht, während ersterer den Begriff der „Nation“ eben noch selbst enthält und somit durchaus positiv auf ihn rekurriert, wurde bereits an anderer Stelle festgestellt. Doch ist die Nation bzw. ist der Nationalstaat als kollektive Identität überhaupt notwendig, ja ist er nicht sogar eher hinderlich, wo es doch letztlich eher darum geht, ein (weltweites) Klassenbewusstsein zu schaffen, welches irgendwann in einer Weltrevolution münden soll?

Doch eins nach dem anderen. Wer von „Klassen“ redet, der kommt um eine makrosoziologische Betrachtung der Gegenwart nicht herum: „Gibt“ es überhaupt noch Klassen bzw. eine Klassengesellschaft, also eine hierarchische Differenzierung der Gesellschaft, die sich nach ökonomischen Verhältnissen richtet? Eine politisch-hierarchische Gesellschaftsdifferenzierung können wir mit dem Ende der Ständegesellschaft in Europa jedenfalls definitiv als passé betrachten.

Spricht man in den politischen und soziologischen Debatten der Gegenwart von sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft, so ist in den meisten Fällen – in der Politik sowieso; in den Sozialwissenschaften zumindest meistens – von „sozialen Schichten“, jedoch nicht mehr von Klassen die Rede. Damit einher geht die implizite Annahme, dass der geologisch konnotierte Begriff der Schicht zwar immer noch auf eine Hierarchie hindeutet – Ober-, Mittel- und Unterschicht; zusätzlich differenzierbar in feinere Unterteilungen wie „obere Mittelschicht“ etc. – aber dass in diesem Fall mehr Durchlässigkeit, also mehr Aufstiegschancen gegeben sind als es bei Klassen der Fall ist. Folgt man dieser Annahme, so würde man damit attestieren, jedenfalls nicht mehr in einer Klassengesellschaft zu leben.

Richtet man eben diese Frage an das bundesrepublikanische Grundgesetz, so dürfte die Antwort klar sein. Mit dem Gleichheitsgrundsatz und entsprechenden Prinzipien ist zumindest theoretisch die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs – und auch des sozialen Abstiegs – gegeben, was einen unzweifelhaft vorhandenen Unterschied zur Gesellschaft des 19. Jahrhunderts ausmacht. Nun ist die Disziplin, die sich mit gesellschaftlichen Zuständen befasst, aber (glücklicherweise) nicht die Rechtswissenschaft, sondern die Soziologie. Und mit dieser kann man verhältnismäßig schnell zu der Erkenntnis gelangen, dass es einen zuweilen beträchtlichen Unterschied gibt zwischen rechtlicher Wunschvorstellung und sozialer Realität.

Um diese Erkenntnis zu unterfüttern, müssen wir keinen Blick auf die globale Ebene richten, wo uns ein zwischenstaatliches Äquivalent zur nationalen Klassengesellschaft bereits über die ökonomische Zentrum-Peripherie- bzw. über die Industrieländer-Entwicklungsländer-Differenzierung von Staaten entgegenspringt (für einen neomarxistischen Blickwinkel auf dieses Phänomen sei hier auf die Weltsystem-Theorie nach Immanuel Wallerstein verwiesen). Nein, es reicht ein Blick auf die Post-Agenda-2010-Bundesrepublik, um festzustellen, dass es dort, wo es ganzen Milieus der Gesellschaft an ökonomischem, sozialem, kulturellem und / oder symbolischem Kapital (Pierre Bourdieu) fehlt, sich auch soziale Aufstiegschancen arg in Grenzen halten.

Was sich – neben den oben beschriebenen rechtlichen Prämissen – zweifellos geändert hat, sind die gesellschaftlichen Kommunikationsräume. So kann man im Zuge des Prozesses funktionaler Ausdifferenzierung der Gesellschaft, welche mit dem technischen Fortschritt Hand in Hand geht, etwa feststellen, dass – nicht zuletzt über Massenmedien und Internet – die gegenseitige Beobachtbarkeit ausgebaut wurde: Die „obere Mittelschicht“ kann die „Unterschicht“ in den Doku-Soaps des Privatfernsehens „live“ beobachten und somit schneller die Nase rümpfen, während letztere u. a. über Google, YouTube und Facebook schneller und direkter wahrnimmt, was ihr alles so fehlt. Ob der soziale Friede dadurch stabilisiert wird, lässt sich anzweifeln.

Auch wird ein soziologisch informierter Blick auf die Gesellschaft der Gegenwart – und hierbei ist es egal, ob er von „Schichten“ oder von „Klassen“ ausgeht – nicht darauf verzichten können, eine solche vertikale Differenzierung um die horizontale nach „Milieus“ zu ergänzen. Die Tatsache, dass ein mittelständischer Unternehmer Meier einerseits und ein Gymnasialschulleiter Müller andererseits in etwa gleich viel verdienen, verwischt eben immer noch nicht die politisch zuweilen durchaus entscheidende Differenz zwischen Besitzbürger und Bildungsbürger. Ähnlich ließen sich derartige Differenzen logischerweise auch für die „bildungsferne Schicht“ ausmachen: Sei es die Frage, ob jemand in einem Arbeitsverhältnis ist oder nicht; sei es die Frage, mit welchem kulturellen Hintergrund man es jeweils zu tun hat; sei es die Frage nach dem Geschlecht; sei es die Frage nach alten oder neuen Bundesländern oder sei es die Frage nach dem Alter (perspektivloser Jugendlicher ohne Ausbildungsplatz oder Frührentner etc.) – auch hier sind verschiedenste Milieus denkbar, die hinsichtlich der Frage nach sozialen Identitäten zuweilen zu höchst unterschiedlichen Antworten führen können.

Um den analytischen Pirouetten ein Ende zu machen: Angesichts der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen Arm und Reich, angesichts fehlender sozialer Durchlässigkeit bzw. fehlenden Aufstiegschancen weiter Teile der Bevölkerung und auch angesichts der übrigen Entwicklungen, die als Folge der Agenda 2010 und der Hartz-Reformen anzusehen sind, ist es auch für die Bundesrepublik keineswegs verkehrt, nicht lediglich von „Schichten“, sondern von „Klassen“ zu sprechen – was wiederum den Begriff der Klassengesellschaft legitimiert. Man wird jedoch ein politisch maßgebliches Problem ausblenden, wenn man ignoriert, welche Komponente Milieubildung wie auch Individualisierung der Klassengesellschaft hinzugefügt haben.

Denn die Frage, ob eine Klasse auch eine „politische Einheit“ und somit ein revolutionäres Subjekt sein kann, entscheidet sich nicht über soziologische Diagnosen, sondern über die Herstellung einer entsprechenden kollektiven Identität, also danach, ob sie sich selbst als eine solche Einheit, als ein solches Subjekt zu betrachten vermag – oder anders gesagt, ob ein Klassenbewusstsein vorhanden ist.

Eben diesem bzw. seiner Entstehung haben Individualisierung und Milieubildung im postmodernen Zeitalter große Steine in den Weg gelegt. Weite Teile sozial benachteiligter Milieus in Deutschland rezipieren sich selbst weder als „ausgebeutet“ noch als „unterdrückt“, selbst wenn die sozialen Verhältnisse über die Gründe für ihre sozialstrukturelle Positionierung eigentlich eine mehr als klare Sprache sprechen. Nicht selten rümpft der berufstätige Arbeiter lieber über den Hartz-IV-Empfänger die Nase, der Frührentner schimpft über die ungebildete Jugend von heute, „Ossis“ schimpfen über „Wessis“ und umgekehrt und für die Heranwachsende ohne Schulabschluss ist der Instagram-Account zuweilen reizvoller als die nächste Demo für soziale Gerechtigkeit. Bildungsferne Jugendliche mit Migrationshintergrund suchen sich – mindestens in Frankreich – neue kollektive Identitäten in der Religion; ansonsten aber – und dies gilt auch für soziale Brennpunkte in Deutschland – in mitunter delinquenten Gang-Strukturen. Vom Import und von der Schaffung eines neuen Unterschicht-Milieus im Rahmen der Flüchtlingspolitik ganz zu schweigen. Derweil kümmern sich nicht wenige Linke lieber um das Gendern akademischer Texte (Sternchen oder Unterstrich? Man denke sich an dieser Stelle einen hippen feministischen Hashtag hinzu!), während ökonomische Fragen im wahrsten Sinne des Wortes links liegen gelassen werden. Postmoderne Entwicklungen, Parallelgesellschaften, Grenzöffnungen, Individualisierung und Milieubildung wirken in zuverlässigster Form destruktiv auf die Herstellbarkeit eines Klassenbewusstseins. Ein verschwörungstheoretischer Schelm, wer meint, all dies könne eventuell in eben dieser Weise von neoliberaler Seite aus beabsichtigt sein.

Es braucht nicht allzu viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass die Situation auf globaler Ebene nicht besser oder weniger komplex wird. Mindestens die Gesellschaften Europas und Nordamerikas haben mittlerweile zuverlässige Instrumente gefunden, jede Form von revolutionärer Bestrebung, die sich auf einen grundlegenden Wandel globaler Verhältnisse richtet, über linksliberale organisierte Gewissensberuhigungen zu kanalisieren. So ein „Flashmob für die Dritte Welt“ ist schließlich schnell organisiert, macht „Fun“ und liefert nebenbei noch nette Bilder für den Instagram-Account, der allen zeigt, wie engagiert man ist und dem ureigenen Digitalnarzissmus der Generation Y Genüge tut. Andere Wege führen über bequeme Likes auf Facebook und das Teilen von Twitter-Posts hin zu Engagement bei lokalen NGO-Stammtischen.

Um nicht falsch verstanden zu werden: All dies muss nicht falsch sein. Nur halten sich die Folgen für die den Grundstein für die Problematik legenden globalen Wirtschaftsstrukturen eben in Grenzen. Zugleich wird das Bedürfnis, etwas zu verändern, über „Ventilsitten“ (Alfred Vierkandt) wie diese wirkungsvoll kanalisiert, indem der Eindruck entsteht, im Rahmen der „realpolitisch“ vorhandenen Möglichkeiten seinen Teil beigetragen zu haben. Alles andere ist dann eben Sache „der Politiker“. Die Grünen-MdB aus dem Wahlkreis kommt ja schließlich auch regelmäßig zum NGO-Stammtisch. Und hört immer gut zu. Nicht selten auch mit betroffenem Gesichtsausdruck.

Polemiken wie diese bergen in sich das Risiko, abermals falsch verstanden zu werden: Weder das Ziel eines Klassenkampfes noch das Ziel, das diesem vorausgehen muss, also die Herstellung eines Klassenbewusstseins, sind deswegen falsch. Doch wer meint, angesichts der oben beschriebenen Entwicklungen könne dies als kollektive Identität ausreichen, erliegt einem folgeschweren Irrtum, der den Neoliberalen in die Hände spielt.

Die Nation bzw. der Nationalstaat bilden kollektive Identitäten, die auch heute noch – klassenübergreifend – eine beträchtliche Wirkungsmacht entfalten: Die Nation, indem sie nach wie vor im Lebensgefühl der meisten Menschen verankert ist (ob sie es wollen oder nicht); der Nationalstaat, indem er – vor allem über Souveränität, soziale Rechte und Wohlfahrtsstaatlichkeit – Strukturen bietet, die geeignet sind, den „Global Players“ politisch wirkungsvoll etwas entgegenzusetzen. Sie verknüpfen (welt-)politische Handlungsfähigkeit mit kollektiver Identität; sie schaffen einen gesellschaftlich anerkannten politischen Handlungsrahmen – und ziehen genau daraus ihre Stärke und Legitimation. Dies bedeutet freilich nicht, dass Nationalstaaten als solche immer und jederzeit eine konstruktive Rolle in der Weltpolitik oder Weltwirtschaft einnehmen – hier gilt es, politikwissenschaftlich gesprochen, die „polity“ bzw. die grundlegende politische Struktur von der „policy“ bzw. dem politischen Output, also etwa der konkreten Regierungspolitik, zu differenzieren. Entscheidend jedoch ist die Struktur, nicht die Regierungspolitik: Man ist eben „Deutscher“, nicht „Merkels Untertan“.

Wer glaubt, Nationalstaatlichkeit als solche würde Ignoranz gegenüber den globalen Verhältnissen stärken und nur weitere Barrieren zwischen den Völkern errichten, vergisst, dass solidarisches Handeln nur möglich ist, wenn man einerseits seiner eigenen Position, seiner Identität und seiner Handlungsfähigkeit gewiss ist, und wenn man andererseits den Adressaten seiner Solidarität kennt und identifizieren kann (nicht umsonst haben „Identität“ und „Identifikation“ den gleichen Wortstamm). Zwei Bedingungen, die in einem grenzenlosen, liberalisierten, ökonomisierten und radikal individualisierten globalistischen Brei nicht mehr erfüllbar wären. Revolutionäre Kraft entfaltet sich – und dies zeigen nicht zuletzt die anti-imperialistischen Bestrebungen zahlreicher Staaten Lateinamerikas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts plastisch auf – eben immer im Zusammenwirken mit einer nationalen Identifikation, nicht aber über die Ablehnung einer solchen. Klassenkampf und der Kampf um nationale Selbstbestimmung sind zwei Seiten einer Medaille. 

Ein Nationalstaat ist imstande, das zu tun, was der postmodernisierten, individualisierten und sozial zersplitterten Klasse nicht möglich ist: Für einen Wandel globaler Strukturen zu kämpfen. Es versteht sich natürlich, dass es hierfür zwingend zuvor den Wandel politischer Verhältnisse innerhalb desselben braucht – hier gewinnt die Komponente des Klassenkampfes und des Klassenbewusstseins an entscheidender Relevanz. Beides wird jedoch ergebnislos verpuffen, wenn der Rahmen, wenn die Struktur fehlt, in der die daraus resultierende gestalterische Kraft politisch zur Geltung gebracht werden kann. Mit einem zahnlosen Tiger ist niemandem geholfen – außer jenen, denen es eben eigentlich um etwas ganz anderes geht.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Neues Working Paper erschienen

Im Rahmen der BGHS Working Paper Series (Universität Bielefeld) ist von mir jüngst ein neues Working Paper erschienen, welches im Bereich der Soziologischen Theorie angesiedelt ist und den folgenden Titel trägt: "Soziale System-Grenzen und System-Ebenen als Tellerränder? Beobachtung zweiter Ordnung und Interdisziplinarität als (post-)moderne Theorie-Standards".

Der Beitrag widmet sich der Frage nach Standards für die soziologische Theorie aus systemtheoretischer Perspektive. Es wird die Auffassung vertreten, dass weite Teile der Sozialwissenschaften noch immer ein unbefriedigendes theoretisches Einzelkämpferdasein führen, welches aus zwei maßgeblichen Faktoren herrührt: Zum einen aus einem Selbstverständnis vieler sozialwissenschaftlicher Theorien und Ansätze heraus, welches der mal mehr, mal weniger reflektierten und bewussten Selbstzuordnung zu anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen als der Wissenschaft entspringt. Zum anderen aus einer noch immer fehlenden Interdisziplinarität heraus, im Zuge derer der jeweilige Beobachtungsgegenstand der (soziologischen Unter-)Disziplin nicht nur aus einem anderen als dem Wissenschaftssystem heraus beobachtet wird, sondern die (auch) dazu führt, dass dieser in einem reflexhaften Automatismus einer jeweils bestimmten, mit der betreffenden (soziologischen Unter-)Disziplin assoziierten System-Ebene zugeordnet wird, ohne darüber hinaus zu denken. Dieser in dem Beitrag am Beispiel der Extremismus- und Terrorismus-Forschung gezeigte Vorgang führt zu dem Zwischenfazit, dass Teile der Soziologie die Vorteile ihres wesentlichen Alleinstellungsmerkmals – nämlich der Vielfalt nicht nur von Beobachtungsgegenständen, sondern auch von Beobachtungsebenen – bislang nicht zur Kenntnis nehmen. Dieses lässt sich, so die abschließende Konklusion, nur mit einem theoretischen Zugang korrigieren, der Interdisziplinarität und vor allem Beobachtung zweiter Ordnung zur Grundlage hat.

Das Paper kann hier online eingesehen und heruntergeladen werden.