Donnerstag, 12. April 2018

Auf Wiedersehen!

Liebe Leserinnen und Leser,

dieser Blog wird in Kürze ganz eingestellt werden. Ich bedanke mich für das Lesen und Kommentieren über all die Jahre hinweg - ich habe mich über jeden einzelnen Leser und jeden einzelnen Kommentar gefreut. Ursprünglich war dieser Blog als meine persönliche kommunalpolitische Webseite gedacht gewesen, die als Medium zur Veröffentlichung von Pressemitteilungen und anderen Statements in meiner damaligen Eigenschaft als Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld dienen sollte. Mit der Zeit wurde immer mehr ein Blog daraus, dessen Beiträge weit über die kommunale Ebene hinausgingen. 

Heute allerdings lässt sich feststellen, dass viele Inhalte - auch aufgrund meines grundsätzlichen politischen Wandels - nicht mehr zeitgemäß und daher nicht mehr "stimmig" sind. Es wird daher Zeit für ein neues Format, das ein in sich geschlossenes, konsistenteres "Gesamtpaket" bietet. Dieses Format wird u. a. auch ausgewählte, ältere und bereits hier erschienene Artikel von mir enthalten, die nicht der digitalen Vergessenheit anheim fallen sollen. Nähere Infos dazu folgen in Kürze an dieser Stelle. Regelmäßige Leser sollten also in den nächsten Wochen nochmal ihre Augen offenhalten, bevor diese Seite endgültig eingestellt wird.

Auf bald!
Florian Sander

Sonntag, 18. März 2018

Schreckgespenst Planwirtschaft

Für einen differenzierten Blick auf eine ambitionierte Wirtschaftsordnung

In weiten Teilen des Bürgertums und im politischen Establishment ist der Begriff der Planwirtschaft heute quasi ein Schimpfwort, mit der Folge, dass selbst Befürworter heute lieber Synonyme wie „geplante Wirtschaft“ wählen. Doch wie berechtigt ist eigentlich diese reichlich pauschale negative Etikettierung? Muss Planwirtschaft tatsächlich immer scheitern und, wie ihre Gegner nicht müde werden am Beispiel des „realsozialistischen“ Ostblocks zu betonen, Staaten ökonomisch in den Untergang stürzen? Bei einem differenzierteren Blick wird man bemerken, dass Planwirtschaft – genau wie die Marktwirtschaft auch – in verschiedener Form ausgestaltet werden kann. Auch in Formen, die in der Vergangenheit zum ökonomischen Erfolg von Staaten beigetragen haben. 

Man sollte meinen (und kann auch mit Recht meinen, wie wir noch sehen werden), dass der planwirtschaftliche Gedanke mit den Konzepten von National- und Wohlfahrtsstaatlichkeit eher vereinbar ist als der einer mehr oder weniger ungesteuerten Marktwirtschaft: Die Wirtschaft dient dem Volke – nicht andersherum. Sie ist kein Selbstzweck, der dazu dient, einer Minderheit Profit zu ermöglichen, sondern ein Teilbereich der Gesellschaft, der der Befriedigung der materiellen Bedürfnisse einer solchen dient.

Also, so eigentlich die logische Konsequenz, müsste sie auch unter dem Primat des Politischen stehen: Die ökonomischen Bedürfnisse und Bedarfe einer Gesellschaft, eines Staates zu erkennen, ist Sache der Politik bzw. der Verwaltung als deren ausführende Instanz. Also, so die weitere logische Folge, ist eine Form der politischen Planung eigentlich unausweichlich. Doch von dieser Logik wird heute – nicht nur, wie noch vor 1990, in einer beträchtlichen Machtsphäre der Welt – rund um den Globus abgewichen: Die global dominante Wirtschaftsform ist die Marktwirtschaft, also die Autonomie des Wirtschaftssystems, bestenfalls begleitet durch eine „regulierende“ Rolle von Politik und Verwaltung.

Mit dem Ende des Kalten Krieges 1990 ist die Planwirtschaft als Wirtschaftsordnung endgültig in Verruf geraten. Natürlich war sie auch schon zuvor, während der Kalte Krieg noch stattfand, als „Wirtschaftsform des Feindes“ in der westlichen Hemisphäre Gegenstand negativer Propaganda; nach 1990 aber hatten ihre Gegner endgültig Oberwasser. Ein Zustand, der bis heute anhält: Es ist buchstäblich politischer und historischer Grundkonsens, dass es „die“ Planwirtschaft war, die die UdSSR, die DDR und die anderen Staaten des „Realsozialismus“ zum Zusammenbruch gebracht hat. Der Sieg der kapitalistischen Mächte war aus dieser Warte somit stets ein Sieg der Marktwirtschaft. Wer heute von Planwirtschaft spricht, verwendet den Begriff selten in einem positiven Sinne. Selbst Befürworter sprechen zuweilen lieber von „geplanter Wirtschaft“, um von Vornherein unangenehme Assoziationen zu vermeiden.

Bei alldem gilt es jedoch eine grundlegende Weisheit über das Wesen der Geschichtsschreibung nicht auszuklammern – nämlich jene, dass es stets die Sieger sind, die diese gestalten. In diesem Kontext gilt es, sich zunächst einmal auch eine sehr grundlegende Frage zu stellen: Wäre es angesichts der Tatsache, dass wir jederzeit bereit sind, der Marktwirtschaft als Wirtschaftsform verschiedene mögliche Unterformen und Ausprägungen zuzugestehen – so sind hier mindestens die „freie Marktwirtschaft“ im US-amerikanischen Sinne und die „Soziale Marktwirtschaft“ im Sinne Ludwig Erhards denkbar - , nicht logisch, selbige Differenzierung auch der Planwirtschaft zugutekommen zu lassen?

Verschiedene Formen wirtschaftlicher Planung

Betrachten wir verschiedene geschichtliche Etappen der „realsozialistischen“ Staaten und im Besonderen der Sowjetunion und der DDR, so werden wir hier auch auf verschiedene Ausprägungen wirtschaftlicher Planung stoßen, die auch, mal mehr, mal weniger beeinflusst durch den historischen Kontext, Erfolge zu verbuchen hatten.

In der Sowjetunion herrschte bis ins Jahr 1921 der sogenannte Kriegskommunismus: Ein in totaler Form zentral gelenktes Wirtschaftssystem, völlige Unterbindung privaten Handels und Arbeitspflicht für alle. Dann entspannte sich die Lage, der Krieg zwischen Russland und Polen endete. Der Kriegskommunismus wurde durch die Neue Ökonomische Politik (NÖP) abgelöst: Marktelemente wurden zugelassen; Privatunternehmen waren gestattet, wenn sie zwanzig Beschäftigte nicht überschritten. Banken und Großindustrie blieben in staatlicher Hand. Wirtschaftlich setzte eine Erholung ein, bis die UdSSR ab 1927 zunehmend außenpolitisch isoliert wurde. Wenig später war das Ende der NÖP erreicht (vgl. Kruse 2015: 182 f.).

In der DDR wurde in den 1960er Jahren auf Betreiben Walter Ulbrichts das Neue Ökonomische System (NÖS) eingeführt. Dieses beinhaltete vor allem eine Lockerung der zentralen Planung, einen Abbau der Überzentralisierung der DDR-Wirtschaft und eine Loslösung dieser vom direkten Zugriff der entsprechenden Instanzen zugunsten einer Planung lediglich von Grundzügen sowie die Verstärkung des Wettbewerbs, mehr Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit und eine Beherzigung des Gesetzes von Angebot und Nachfrage bei der Preisbildung (vgl. Berg 2017: 59). Auch beinhaltete es die ehrgeizige Zielsetzung, die BRD wirtschaftlich einzuholen. All dies schlug sich in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre spürbar positiv im ökonomischen Wachstum der DDR nieder.

Das NÖS wurde in den 1970er Jahren nach Absetzung Ulbrichts von der neuen DDR-Führung fallengelassen. Eine Entwicklung, die sich einfügte in auch andere Wendepunkte jener Zeit: Während Ulbricht zuvor weiterhin das Ziel einer deutschen Einheit verfolgt hatte (wenn auch natürlich stets unter der Einschränkung einer „realsozialistisch“ geprägten Einheit), wurde dieses Ziel später vor allem auch von Erich Honecker explizit aufgegeben. Eine direkte Folge der neuen Ostpolitik der BRD, die wiederum eine Erscheinungsform der einige Jahre zuvor unter anderem vom schon damals einflussreichen US-Politikwissenschaftler und späteren Nationalen Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski vorbereiteten westlichen Entspannungspolitik war.

Über diese zog jedoch nicht nur der zuweilen trügerische Geist der Entspannung in das Verhältnis von Ost und West beziehungsweise DDR und BRD ein, sondern vor allem auch ein direkter wirtschaftlicher Wettbewerb mit der ökonomisch vielfach – und eben nicht nur durch ihre marktwirtschaftliche Wirtschaftsform – begünstigten BRD, der sich die DDR von nun an stellen musste. Gleichzeitig wurden die Zügel wieder angezogen: Nicht in Hinblick auf ökonomischen Ehrgeiz, wohl aber in Bezug auf das Ausmaß und die Detailliertheit der wirtschaftlichen Planung. Um mithalten zu können, musste der Staat die zuvor über das NÖS erlangten Spielräume wirtschaftlicher Akteure wieder zurückfahren. Das Ergebnis dieser Konstellation wurde in den 1980er Jahren und schließlich insbesondere 1989 sichtbar.

Wir brauchen wieder eine Alternative

Die notgedrungen knappen oben gemachten Ausführungen zeigen auf, dass bei einer geschichtlich und geografisch umfassenderen Sicht auf entsprechende Beispiele von einer einzigen Form geplanter Wirtschaft nicht die Rede sein kann. Dies gilt außerdem umso mehr, weil bekanntlich noch eine Menge weiterer Konzeptionen geplanter Wirtschaft denkbar sind: Hierbei ließe sich etwa der Blick nach China richten; ebenso aber auch auf eine Vielzahl von Modellen, die bislang nur in der Theorie existieren. Ein Beispiel hierfür wären etwa jene trotzkistisch inspirierten planwirtschaftlichen Ideen, die im Band „Sozialismus statt Marktwirtschaft“ von Lucy Redler et al. (2017) dargelegt werden und die dabei auf eine Demokratisierung der Planwirtschaft setzen.

Heino Berg verweist in diesem Kontext auch darauf, dass im Rahmen der Tätigkeit von Großkonzernen interne wirtschaftliche Planung dank den Möglichkeiten elektronischer Datenverarbeitung Alltag ist (vgl. Berg 2017: 62), „zur Erfassung von Kundenbedürfnissen und zur dynamischen Anpassung der Produktionsstrukturen“ (Berg 2017: 62). Wieso sollten hierzu, über die gleichen technischen Wege, nicht auch Staat und Verwaltung imstande sein können, wenn doch auch – immerhin global (!) operierende – Wirtschaftsorganisationen heute ihre eigenen kleinen „Planwirtschaften“ betreiben?

An dieser Stelle sei übrigens auch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass hier keine politische Werbung für die Zustände der stalinistischen, „realsozialistischen“ Staaten des Ostblocks bis 1990 erfolgen soll. Dass deren Gesellschaftsordnung keinen echten Sozialismus zuließ, sondern in vielerlei Hinsicht an Defiziten krankte, die zu ihrem Ende führten, sollte klar sein. Gerade deswegen jedoch verbietet es sich, die Ursachen für dieses Ende ausschließlich und in undifferenzierter Weise bei deren grundsätzlicher Wirtschaftsordnung zu suchen.

Die oben gemachten Ausführungen zeigen vielmehr auf, dass Planwirtschaft sehr unterschiedliche Modi annehmen kann: Von detaillierter, (über-)zentralisierter politischer Steuerung bis hin zu einer Form der Planung, die durchaus Spielraum lässt für Selbstständigkeit, Kreativität und Innovation, ist vieles möglich. Vieles obliegt dabei auch den äußeren Umständen: So zeigt Volker Kruse in seinem Buch „Kriegsgesellschaftliche Moderne“ (2015) plastisch auf, wie Staaten im Kriegszustand oder bei der Kriegsvorbereitung, sei dies nun selbstverschuldet oder nicht, die Zügel anziehen und auch, vor dem Hintergrund militärischer Bedarfe, kaum andere Optionen haben als dies zu tun. Dass in solchen Zeiten planwirtschaftliche Strukturen restriktivere Formen annehmen, scheint logisch.

Logisch ist es aber eben genauso, dass all dies auch anders geht: Wenn Frieden herrscht, sind Lockerungen möglich, die ökonomische Entwicklung zulassen, im Zuge derer die grundlegende planwirtschaftliche Form aber gewahrt bleibt, wodurch eine öffentliche Kontrolle Zustände verhindert, wie sie im Rahmen der Marktwirtschaft etwa auch im Zuge der Finanzkrise zutage getreten sind. Spätestens seitdem sollte eigentlich nicht mehr bezweifelt werden können, dass die globalisierte Marktwirtschaft ganze Staaten ebenso in den Untergang treiben kann wie es „die“ Planwirtschaft vermeintlich tat.

Was ist denn der Fall Griechenlands und auch anderer Länder anderes als der groß angelegte Zusammenbruch nicht nur des nationalen politischen Establishments, sondern vor allem auch der betreffenden Sozialstaaten, ausgehend von globalisierten Finanzmärkten und privatwirtschaftlichen, keinem demokratischen Souverän Rechenschaft schuldigen Rating-Agenturen, die über das Senken des Daumens ganze Staaten reihenweise zu Fall bringen können?

Spätestens seitdem sollte deutlich sein, dass wir wieder eine Alternative brauchen – eine Alternative nicht in Form all jener „realsozialistischen“ Baustellen, die UdSSR und DDR mit sich brachten, wohl aber in Form einer ambitionierten wirtschaftlichen Planung, die es erlaubt, Ökonomie unter das Primat des Politischen zu stellen und dadurch dauerhaft raubtierkapitalistische Exzesse und Beutezüge zu verhindern.



Literatur:

Berg, Heino (2017). Exkurs: Marktreformen im Stalinismus. In Lucy Redler et al., Sozialismus statt Marktwirtschaft. Eine Auseinandersetzung mit Sahra Wagenknechts Ideen. Berlin: Manifest Verlag.

Kruse, Volker (2015). Kriegsgesellschaftliche Moderne. Zur strukturbildenden Dynamik großer Kriege. Konstanz / München: UVK Verlagsgesellschaft.

Redler, Lucy et al. (2017). Sozialismus statt Marktwirtschaft. Eine Auseinandersetzung mit Sahra Wagenknechts Ideen. Berlin: Manifest Verlag.

Freitag, 16. Februar 2018

Der globalistische Grundkonsens

Der liberale Kampf gegen kollektive Identitäten und die Herausforderung einer gesellschaftlichen Antwort

Wer das gegenwärtige politische Spektrum in Deutschland und Europa einer reflektierten Beobachtung unterzieht, wird feststellen, dass sich jene politischen Kräfte, welche dem Neoliberalismus zuzuordnen sind, auch in einem anderen Punkt weitestgehend einig sind: Sie befürworten eine schleichende Entmachtung des Nationalstaates zugunsten globaler Akteure. Stets begleitet wird dieser globalistische Grundkonsens durch eine scheinbar „kosmopolitisch-weltbürgerliche“, progressive Rhetorik, die alle Gegner dieser Position zu rückwärtsgewandten Nationalisten stempelt. All dies ist jedoch keineswegs nur eine pragmatische neoliberale Strategie, sondern wohnt dem Liberalismus als solchem seit jeher als ein ideologischer Kern inne.

Auf Rubikon ist kürzlich eine überarbeitete Fassung dieses am 16. April 2017 in diesem Blog veröffentlichten Artikels erschienen. Hier weiterlesen.

Mittwoch, 31. Januar 2018

Abschied von der Systemtheorie

Wer sich einmal das systemische bzw. systemtheoretische Denken angeeignet hat, legt es nur schwer wieder ab. Die soziologische Systemtheorie nach Niklas Luhmann, mit der der Autor dieser Zeilen akademisch sozialisiert wurde, ist ein hochkomplexes Gedankengebäude, das sich, bedingt dadurch, dass seine Schaffung und Ausarbeitung primär auf einen einzelnen, ohne Übertreibung als genial zu bezeichnenden Soziologen zurückgeht, darüber hinaus als konsistent und in sich geschlossen darstellt. Umso schwieriger scheint es zu sein, sich davon zu lösen: Wer diese Art der sozialen Umweltbeobachtung einmal in sich aufgesogen hat, der kann irgendwann kaum noch anders, als eben diese soziale Umwelt aus der systemischen Brille zu beobachten – selbst wenn es ihm in wesentlichen Punkten (z. B. und vor allem in politischen Fragen) als nicht genügend und auch als unbefriedigend erscheint.

Irgendwann ist das Denken in derlei systemischen Kategorien kein bewusster, willentlicher Akt mehr, sondern buchstäblich ein kognitiver Reflex, eine unbewusste Einordnung, eine Katalogisierung, eine Idealtypenbildung im Sinne Max Webers. So wie man sein menschliches Gegenüber im Alltag als Entität „Mensch“ wahrnimmt und nicht bloß als einen durch Haut abgegrenzten Beutel, der hauptsächlich aus Wasser besteht, so nimmt der systemisch denkende Beobachter seine Umwelt immer auch als Mixtur aus biologischen, psychischen und sozialen Systemen wahr und analysiert sie fast reflexhaft von dieser Prämisse aus. Er ist buchstäblich konditioniert auf systemisches Denken.

Die obige Darstellung läuft bereits auf eine erste Folgefrage hinaus: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer „systemtheoretischen“ und einer „systemischen“ Herangehensweise? Es gibt – in erster Linie im akademischen Betrieb – „Systemtheoretiker“ und es gibt „Systemische Berater“, „Systemische Therapeuten“, „Systemische Coaches“, „Systemische Supervisoren“ usw. usf. Ist jeder Vertreter der vier letztgenannten Gruppen auch Systemtheoretiker? Sicherlich nicht.

Systemtheoretiker schauen nicht selten mit einer gewissen Geringschätzung auf die vier letztgenannten Gruppen, da diese sich nicht dogmatisch einer soziologischen Theorie zuordnen, sondern sich aus einem großen Topf systemischen Denkens bedienen, der Konzepte vieler Köpfe beinhaltet, und das „Systemische“ eher als praktisches Verfahren denn als Theorie begreift. Für Systemtheoretiker ist das „Systemisch“ allzu oft eher ein hippes Label, das in vielen Fällen recht unreflektiert verwendet wird, weil es unter psychosozial tätigen Berufsgruppen irgendwie „in“ ist und eine weitere fachliche Spezialisierung eben immer gut ankommt. Ein Vorwurf, der nicht unbedingt unberechtigt ist, wenn man einmal wahrnimmt, wie verhältnismäßig schnell und einfach Leute an das Recht kommen können, die Bezeichnung „Systemischer Berater“ zu führen.

Wie auch immer: Wir können schon einmal festhalten, dass es einen Unterschied gibt zwischen „systemisch“ auf der einen und „systemtheoretisch“ auf der anderen Seite. Und dieser zeigt sich in noch ganz anderen Dimensionen. So wird man etwa feststellen können, dass die soziologische Systemtheorie nach Luhmann sich auf die Makro-, die Meso- und die Mikro-Ebene und damit auf alle drei Ebenen des Sozialen bezieht (symbolisiert durch Luhmanns Unterscheidung von Gesellschaft, Organisation und Interaktion, zu der Hartmann Tyrell in den 80er Jahren noch die Ebene der Gruppe hinzugefügt hat), während systemische Verfahren sich im Grunde nur auf die Mikro-Ebene beziehen, da sie naturgemäß im Kontext von Beratung, Therapie, Coaching und Supervision und damit in den Feldern der Psychologie, der Pädagogik und der Mikrosoziologie, nicht aber der Makrosoziologie Anwendung finden.

Während die (aus der Familientherapie heraus entstandene) systemische Herangehensweise erst einmal nur – sehr „bescheiden“ (in einem nicht wertenden Sinne), aber zurecht – den Einfluss sozialer Systeme auf die menschliche Psyche attestiert und daraus richtiger- und konsequenterweise folgert, dass der professionelle Umgang mit der Psyche im Rahmen der o. g. Felder daher eben auch immer deren sozialen Systeme einschließen muss, erhebt die soziologische Systemtheorie den Anspruch, die Gesellschaft zu beschreiben und zu erklären. Und nicht nur das: Auch wenn sich ihre Vertreter regelmäßig wieder gegen die folgende Vorhaltung wehren, so erklärt sie eben nicht nur, sondern setzt auch ein normatives Ideal, beschreibt einen Wunschzustand, sagt nicht nur, wie Gesellschaft ist, sondern auch, wie sie sein soll.

Der einzige Unterschied zu anderen Gesellschaftstheorien wie etwa dem Marxismus ist, dass sie dies nicht mittels einer politischen, revolutionären Semantik tut, sondern – typisch postmodern – in „kühlem“ Duktus, unter Verweis auf vermeintliche Effizienz und mit betont nüchternen Bezugnahmen auf das, was einer Gesellschaft angeblich „möglich“ ist und was nicht. Anders ausgedrückt: Wo der Marxist sagt, die Gesellschaft solle nicht so oder so sein, äußert der Systemtheoretiker, sie könne so nicht funktionieren, postuliert aber zugleich, diese seine Ansicht sei keine politische Meinung, sondern eine nüchterne Beschreibung und Erklärung der Lage. Die Systemtheorie tarnt sich dadurch als unpolitisch, obwohl sie letztlich nicht weniger politische Aussagen macht als etwa der Marxismus.

Diese Beobachtung wie auch die folgende vertiefte Betrachtung machen deutlich, in welch beträchtlicher Nähe zum (Neo-)Liberalismus die soziologische Systemtheorie Luhmannscher Prägung agiert. So postuliert sie für die Moderne die funktional differenzierte Gesellschaft, von der sie, die von einer auch gesellschaftlichen Evolution ausgeht, annimmt, dass sie – über die mit ihr verbundene Ausdifferenzierung von gesellschaftlichen Funktionssystemen – der effizienteste soziale Modus ist, um mit der durch Fortschritt, Globalisierung etc. gestiegenen Komplexität und Kontingenz umzugehen. Anders gesagt: Da, wo sich eine globale, hochkomplexe und unübersichtliche Weltgesellschaft herausbildet, da kann diese nicht mehr über eine übergeordnete politische Steuerung funktionieren, sondern müsse sich dezentral in autonom operierende Teilsysteme ausdifferenzieren (analog zur Arbeitsteilung als Folge der Industrialisierung), um mit den neuen Herausforderungen fertig werden zu können.

Die neoliberale Prämisse wird deutlich: Auch etwa das (Welt-)Wirtschaftssystem ist damit – wie auch alle anderen nicht-politischen Teilsysteme der Gesellschaft – zu komplex konstituiert, um adäquat politisch gesteuert werden zu können, weswegen es notgedrungen autonom operieren muss. Dies ist, aus Sicht der soziologischen Systemtheorie, keine Frage des politischen „Richtig oder falsch“, sondern buchstäblich nicht anders möglich, wenn das politische System nicht unter der Last der Steuerungsansprüche zusammenbrechen will. Der Schein des Unpolitischen, der von der Systemtheorie ausgeht, manifestiert sich in eben jener auf Effizienz und Effektivität rekurrierenden Argumentation, und verdeckt raffiniert die dahinterstehende, durch und durch politische Prämisse: Dass die politische Steuerung und das Organisieren der Gesellschaft durch die Politik etwas „unmodernes“ und „ineffektives“ sei, das in Zukunft tunlichst vermieden werden müsse.

Zwar auch differenzierungstheoretisch, aber in Konkurrenz zu dieser oben beschriebenen Sichtweise argumentiert die Staats- und de facto auch Gesellschaftstheorie Carl Schmitts, wie sie von diesem insbesondere in dessen Werken „Politische Theologie“ und „Der Begriff des Politischen“ dargelegt worden ist. So geht zwar auch Schmitt (der nicht von „Systemen“ spricht) von gesellschaftlichen Teilbereichen wie dem Politischen, dem Ökonomischen, dem Ästhetischen etc. aus, jedoch ist für ihn das Politische den übrigen klar übergeordnet, da dessen Leitunterscheidung (bei Luhmann: Codierung) in Freund / Feind (bei Luhmann: Macht / Ohnmacht bzw. Regierung / Opposition) mindestens das Potenzial hat, im Rahmen des sogenannten Ausnahmezustands sämtliche anderen Leitunterscheidungen der Gesellschaft zu überlagern. Plastischer und exemplarisch gesprochen: Wenn Krieg herrscht und / oder es um Leben und Tod – also existenziell politische Fragen – geht, ist die Frage, ob ein Kunstwerk schön ist oder nicht, zweitrangig. Das Politische kann – und muss – sich nach Schmitt im Zweifel über alle anderen gesellschaftlichen Sphären erheben und deren Leitunterscheidungen in den Hintergrund drängen, wenn es notwendig wird, also der Ausnahmezustand herrscht.

Wer politisch gestalten will, wer sich mit der „Autonomie“ etwa der Ökonomie und deren weltumspannenden Möglichkeiten, die Schicksale von Menschen zugunsten des Vorteils einiger weniger (negativ) zu beeinflussen, wer sich mit den bestehenden – von der Systemtheorie z. T. durchaus zutreffend, aber eben mit den falschen Schlussfolgerungen erklärten – gesellschaftlichen Verhältnissen nicht abfinden will, der kann, um etwas zu ändern, nicht auf die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns zurückgreifen, welche sich in einem entweder fatalistischen oder aber ganz einfach neoliberalen Steuerungspessimismus erschöpft. Die Theorie Carl Schmitts eröffnet dagegen die Möglichkeit, basierend auf treffender Liberalismus-Kritik, von einem Primat des Politischen ausgehend auf jenen gesellschaftlichen Idealzustand hinzuwirken, den man als erstrebenswert ansieht.

All dies negiert im Übrigen nicht die Entscheidung, im Bereich der Mikrosoziologie, dem der Pädagogik und dem der Psychologie weiterhin eine systemische Perspektive – im Sinne eines Verfahrens anstatt einer Theorie – zu präferieren. Abseits davon, dass es (s. o.) ohnehin kaum möglich ist, diese wieder einfach so abzulegen, nachdem man sie sich einmal – richtigerweise! – erarbeitet hat, bietet diese einem doch auch einen immer wieder verblüffenden und beeindruckenden Einblick in zwischenmenschliche Vorgänge, der etwa auch für beratende und psycho- bzw. gerade familientherapeutische Prozesse unerlässlich ist und der im Zuge einer Beschränkung etwa auf rein tiefenpsychologische Perspektiven niemals zu erreichen wäre.

Im Politischen jedoch liegt der Fall aus den oben beschriebenen Gründen anders. So sehr ein solcher Abschied von der Systemtheorie – übrigens auch den Autor dieser Zeilen – intuitiv schmerzen mag: Die rein emotionale Bindung an lieb gewordene Denkrichtungen mag ein wohlig-sicheres Gefühl der Vertrautheit schaffen – es ist jedoch, aufgrund der o. g. politischen Implikationen, trügerisch. In ganz ähnlicher Form übrigens wie die Überbleibsel der Bonner Republik, an denen viele Deutsche – man könnte behaupten, einfach aus einem Bauchgefühl heraus – so hängen: Die „gute alte“, behäbige CDU, Partei des Wirtschaftswunders, früher repräsentiert durch den guten alten, behäbigen, beleibten und väterlichen Kanzler Kohl, heute repräsentiert durch die ruhige, Sicherheit ausstrahlende „Mutti“ Merkel, wird’s schon richten. Das wohlige Bauchgefühl vermag die Tatsache zu vernebeln, dass all diese scheinbar Sicherheit gebietenden Akteure auch jene Faktoren darstellten, denen Eurokrise und Flüchtlingskrise zu verdanken sind, die beharrlich jegliche Bedenken dazu kleingeredet haben, die sich von einer kriegerischen Supermacht in immer neue globale Auseinandersetzungen hineinziehen lassen. 

Das wohlige Bauchgefühl ist eben leider oft trügerisch – sowohl in Bezug auf sozialwissenschaftliche Theorien als auch in Bezug auf politische Akteure. Es führt eben kein Weg daran vorbei, den Verstand ein- und hinzuzuschalten – weder in der Wissenschaft noch in der Politik.

Montag, 18. Dezember 2017

Augen auf!

Eine Replik auf David Goeßmanns Entgegnung zum Artikel „Leben im Teufelskreis“

Sie, Herr Goeßmann, „entgegnen“ meinem stadtsoziologischen Artikel nicht lediglich kritisch, sondern scheuen sich nicht, bereits nach wenigen Sätzen die diskursive Atomwaffe auszupacken: „Pseudo-kritisch“ seien meine Aussagen, ja sogar „verlogen“ und – spätestens hier wird es besonders drastisch – Migranten gegenüber „stigmatisierend“. Mit anderen Worten: Wer – und wenn auch in moderatem, analytischem Stil – darlegt, dass wir in Deutschland ein Problem mit No-Go-Areas haben, die durch Parallelgesellschaften entstanden sind, stigmatisiert Migranten. Eine Aussage, die buchstäblich symbolhaft für eines der gravierendsten Defizite unserer aktuellen politischen Debattenkultur steht.

Sie betonen zu Beginn ihrer Entgegnung, meine versachlichenden Worte fielen nicht in einem „gesellschaftlichen Vakuum“, sondern vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise, „Rekordfremdenfeindlichkeit“ und eines „politisch und moralisch verrohten Diskurses“. Ich erspare uns und unseren Lesern an dieser Stelle Ausführungen darüber, wie beobachterabhängig der Begriff der Moral (insbesondere in politischen Fragen) letztlich ist, da uns dies in philosophische Tiefen führen würde, aus denen wir nicht so schnell wieder herauskommen. Auch gehe ich nicht weiter auf die Paradoxie ein, dass Sie allen Ernstes einen „verrohten Diskurs“ beklagen, nur wenige Zeilen nachdem Sie mir „Verlogenheit“ und „Stigmatisierung“ unterstellt haben. Am bemerkenswertesten erscheint mir hierbei vielmehr, dass Sie scheinbar glauben und aussagen möchten, die sachliche Beschreibung eines gesellschaftlichen Zustandes müsse sich davon abhängig machen, wie der Diskurs „drum herum“ aussieht.
 
Will heißen: Wenn der Diskurs also angeblich „verroht“ ist und wir es mit einer besonderen flüchtlingspolitischen Situation zu tun haben, müssten, Ihrer Logik folgend, Wissenschaftler und wohl auch Journalisten ihre Tatsachenbeschreibungen diesem Kontext sozusagen entgegengerichtet anpassen. So lässt es sich dann rechtfertigen, dass man, aus Gründen der „politischen Korrektheit“, Dinge verschweigt, „um den verrohten Diskurs nicht weiter anzuheizen“, Zustände beschönigt, Probleme kleinredet. Das ist letztlich die Konklusion, zu der man gelangen muss, wenn man den von Ihnen hier in einem Moment der (unbedachten?) Offenheit angedeuteten Gedanken konsequent weiterdenkt. Journalisten und Wissenschaftler als Volkserzieher, die nicht zu berichten beziehungsweise zu erklären haben, was „ist“, sondern darzulegen und zu beeinflussen haben, wie das vermeintlich intellektuell beschränkte und von Vorurteilen und stigmatisierenden Positionen geprägte Volk zu denken hat.

Eine Einstellung, die gerade unter deutschen Journalisten von Spiegel bis Springer, von Frankfurter Rundschau bis ZEIT, von Deutschlandfunk bis WDR sehr verbreitet ist. So erklärt es sich denn auch, dass Massenmedien wie die genannten in weiten Teilen des Volkes mehr und mehr an Vertrauen verlieren: Wer in Artikeln und Reportagen nicht mehr seine „Lebensrealitäten“ zu sehen bekommt, sondern primär zeigefingerwedelnde Vorträge, die einseitig bestimmte Problematiken rausgreifen, aber konsequent andere weglassen und verschweigen, der greift dann eben lieber auf alternative Medien zurück, die vielleicht genauso politisch sein mögen, aber bei alldem letztlich nur etwas weniger subtil sind als die Hobbypolitiker in den Redaktionen der etablierten Massenmedien, die ihre Kommentare gerne als Berichte tarnen.

Doch Sie hatten ja noch – wenn auch erwartbar einseitig und suggestiv – investigative Fragen an mich. Gehen wir diese also nun an:

  • Sie fragen: „Sie sprechen von sozialwissenschaftlich-empirischer Unterfütterung: Was sind danach genau die Viertel und die öffentlichen Treffpunkte, wo junge Migranten eine ‚No-Go-Area‘ in Deutschland erzeugt haben? Wie viele sind das konkret bei uns in Deutschland? Gibt es hierüber eine Einigung in der Wissenschaft oder unterschiedliche und konträre Einschätzungen? Wenn ja, welcher Einschätzung folgen Sie bei der Bewertung von ‚No-Go-Areas‘ in Deutschland und was sind die Gründe dafür?“

Ich antworte: Sie spielen mit der fehlenden Konkretheit von Begriffen – wenn Sie quantitative Aussagen erwarten, so bräuchte es zunächst eine Definition dessen, was einen „öffentlichen Treffpunkt“ und ein „Viertel“ ausmacht, um es für die Forschung operationalisieren, also messbar machen zu können. Das wissen Sie aber sicherlich auch selbst ganz genau. Dies gilt umso mehr, als dass soziale Prozesse fließend sind: Treffpunkte, die heute gefährlich sind, sind vielleicht morgen ungefährlich und anders herum. Es würde also wenig Sinn machen, diese einfach zu zählen und die Zahl dann irgendwohin zu schreiben.

Was es daher aber reichhaltig gibt, ist qualitative empirische Forschung zu dem Thema. Ein, wie ich meine, empfehlenswertes Schlüsselwerk hierzu ist das Buch „Gewalt in öffentlichen Räumen“ von Wilhelm Heitmeyer, Helmut Thome et al. (2011), welches in einem Kapitel (II) ausführliche Interviews mit Jugendlichen und Heranwachsenden aus Duisburg-Marxloh, Frankfurt-Gallus und Halle-Silberhöhe aufführt, die Sie sich vielleicht einmal zu Gemüte führen sollten. Insbesondere mit Blick auf den erstgenannten Stadtteil berichten die Befragten in den Interviews ausgiebig und mit vielen Beispielen selbst von jenen Verhältnissen, die ich auch in jenem Artikel beschrieben habe, auf den Sie sich beziehen. Empfehlenswert auch, als weitere empirische Unterfütterung: Der Aufsatz „Jugendliche mit Migrationshintergrund als Opfer und Täter“ von Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Michael Windzio (2006).

Angesichts der klaren (und ja, abgesehen davon, auch selbst erlebbaren) Verhältnisse in derlei Stadtteilen ist mir nicht bekannt, dass es ernstzunehmende Sozialwissenschaftler gäbe, die diese anzweifeln würden – so viel politisch motivierte Beschönigung, wie sie manch ein Journalist zuweilen aufbietet, kann sich Wissenschaft, die ernstgenommen werden will, eben schwerlich leisten. Was es aber natürlich gibt, sind unterschiedliche und auch konträre Theorien über die Ursachen dieser Zustände. Ich habe in meinem besagten Artikel versucht, diese unterschiedlichen Blickwinkel überblicksartig darzustellen, und darin auch dargelegt, welchen ich selbst folge und welchen nicht.

  • Sie fragen: „‘No-Go‘ ist ein sehr weitgehender Begriff, der ausdrückt, dass Bürger dort nicht hingehen können, nicht geschützt sind vor ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘, die sie bedrohen (könnten). Wenn das so ist, dürften in den besagten Vierteln und Treffpunkten a) wenige bis keine ‚normalen‘ Menschen außer den jugendlichen Migranten anzutreffen sein und b) niemand den Wunsch haben, dorthin zu gehen, wenn er nicht als ‚Eindringling‘ ‚klare Risiken‘ eingehen will. Ist das so? Wenn nicht, warum verwenden Sie trotzdem den Begriff ‚No-Go-Area‘, der genau das suggeriert?“

Ich antworte: Ich empfehle Ihnen an dieser Stelle abermals die oben genannte Lektüre zu diesem Thema. Zur Illustration ein Zitat aus einem Interview mit Jugendlichen und Heranwachsenden aus Duisburg-Marxloh, entnommen aus dem Abschnitt „Bedrohungsszenarien: Gefährliche Orte, Devianz, Kriminalität, Gewalt“:
„Als gefährliche Orte werden die Gegenden um Internetcafés, Wettbüros, und Spielhallen beschrieben: ‚Aber der Hammer ist, der Hammer ist, in jedem Café, in jedem Café, da gibt es immer irgendetwas.‘
‚Also, ich sag mal so, weil wenn man da reingeht, hat man schon verloren als Deutscher. Gehen Sie als Deutscher rein, ist das für die-, das ist für die ‚ne Beleidigung. Die fühlen sich dadurch, allein dadurch fühlen die sich schon beleidigt und angegriffen. Dass man als Deutscher so dreist sein kann, sich überhaupt da reinzutrauen. Allein das reicht denen schon.‘
(…)
Das führt zu deutlichem Vermeideverhalten: ‚Ich bin, halt mich sehr wenig in Marxloh auf, weil ich das auch nicht grad‘ angenehm finde, als deutsches Mädchen durch Marxloh zu laufen. Is halt so.‘
(…)
Bedrohlich werden solche Gegenden, wenn bestimmte Gruppen auftreten: ‚Ja, und wenn die Leute, wenn die Libanesen dann ankommen, und du hast selber keine Leute hinter dir, ja, dann hast du die Arschkarte gezogen.‘“ (Heitmeyer et al. 2011: 29 f.).

Dies ist nur ein Auszug – im besagten Kapitel finden sich noch viele weitere, ähnliche Aussagen, die zwar selbstverständlich – wie jedes Interview – von subjektiven Eindrücken geprägt sind, die aber zusammen genommen ein eindeutiges Bild liefern. Reicht Ihnen dies? Oder möchten Sie dergleichen nun nochmal für jedes andere Problemviertel unseres Landes geliefert bekommen, damit Sie es glauben? Muss hier wirklich noch begründet und gerechtfertigt werden, wieso hier eben durchaus von einer „No-Go-Area“ für bestimmte Gruppen die Rede sein kann? 

Übrigens: Im Weiteren wird im Text noch beschrieben, wie ein dunkelhäutiger Jugendlicher von einer Gruppe anderer Jugendlicher mit Migrationshintergrund bedroht und attackiert wurde (vgl. Heitmeyer et al. 2011: 30). Wir reden hier also, wie ich schon im ursprünglichen Artikel schrieb, nicht nur über Gefahren für Deutsche, sondern auch für Menschen mit einem im jeweiligen Viertel nicht dominanten Migrationshintergrund. Ein Grund mehr, das zu thematisieren, was Sie so beharrlich schön- und kleinzureden versuchen.

  • Sie fragen: „Wie viele deutsche ‚Normalbürger‘ wollen/müssen eigentlich in diese ‚No-Go-Areas‘ gehen, aber tun es nicht, weil es zu gefährlich ist, bzw. sind gezwungen trotz der Gefahr diese Zonen zu betreten/zu durchqueren (weil sie sie nicht meiden können, z.B. als Bewohner der Viertel usw.)? Welche empirischen Daten (Umfragen, Erhebungen usw.) haben wir dazu? Für die Bezeichnung ‚No-Go-Area‘ reicht es m.E. nicht zu sagen, dass sich Anwohner von ‚Migranten‘ gestört fühlen (weil sie z.B. Türken, Araber, Fremde, insbesondere prekäre, arbeitslose ‚Taugenichtse‘, nicht in ihrer Nachbarschaft haben wollen) oder lieber mit Deutschen zusammenleben wollen. Es sollten schon konkrete Sicherheitsgefährdungen sein (objektivierbare), die von ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ auf deutsche Bürger ausgehen, so dass ‚Nichtbetretungszonen‘ aus Vierteln werden, die den Begriff ‚No-Go-Area‘ rechtfertigen.“

Ich antworte: Dass hier Sicherheitsgefährdungen vorliegen, habe ich Ihnen nun bereits in meiner letzten Antwort verdeutlicht. Dafür brauchen Sie aber nun wahrlich nicht mich: Eine Anfrage bei der Polizei etwa in den Städten des nordrhein-westfälischen Ruhrgebiets würde ausreichen, um Ihnen – objektivierbar – zu verdeutlichen, dass die Sicherheitslage in derlei Vierteln eine problematische ist, die unter anderem auch zum verstärkten Einsatz der Polizei in derlei Gebieten führen muss. Hier geht es also nicht darum, dass sich irgendwer lediglich „gestört“ fühlt, sondern um klar messbare Gefahren. Zur Information über Vermeidungsverhalten empfehle ich Ihnen – abermals – das oben genannte Buch von Heitmeyer, Thome et al. (2011) zur Lektüre.

  • Sie fragen: „Geben Sie bitte ein Beispiel, an dem Sie das Phänomen ‚No-Go-Area‘ in Deutschland einmal genauer verdeutlichen. Worin bestehen die ‚klaren Risiken‘ konkret für Deutsche aufgrund der ‚jugendlichen Migranten‘, so dass ‚normale‘ Deutsche dort nicht mehr hingehen können oder nur, wenn sie bereit sind, außergewöhnliche Gefahren einzugehen? Ist z.B. die Gegend um den Kottbusser Tor in Berlin Ihrer Meinung nach eine ‚No-Go-Area‘? Der Ort ist ja einer der am meisten angeführten und bekanntesten ‚No-Go-Areas‘ in Deutschland. Woran kann man das festmachen?“

Ich antworte: Zu der von Ihnen genannten Gegend in Berlin habe ich bislang noch keine wissenschaftliche Literatur rezipiert, weswegen ich mich dazu im Urteil zurückhalte. Ich wage jedoch die Spekulation, dass man so manche Erkenntnisse aus Nordrhein-Westfalen darauf übertragen könnte. Was diese sowie Ihre übrigen Fragen angeht, so verweise ich auf meine obigen Antworten inklusive der Interviewauszüge, die hierauf bereits eingehen.

  • Sie fragen beziehungsweise interpretieren: „Wie ist das spezifische ‚No-Go-Area‘-Risiko gegenüber anderen Risiken einzuordnen? Wir gehen ja als Bürger ständig Risiken ein, trotzdem bezeichnen wir Autobahnen, Kneipen in denen geraucht wird, Demonstrationen, auf der die deutschen Normalbürger pfeffergesprayt und körperlich von der Polizei angegangen werden, während sie ihre Bürgerrechte wahrnehmen und so weiter und so fort, auch nicht als ‚No-Go-Areas‘. Ist das Begehungsrisiko durch von Migranten dominierte Stadtviertel und Treffpunkte tatsächlich höher, gravierender als an anderen Orten oder doch eher ein ‚gefühltes‘ insbesondere bei Leuten, die es nicht gewohnt sind, von ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ umgeben zu sein? Außerdem: Die Sprache, die Sie wählen bzw. aus dem ‚No-Go‘-Mainstream übernehmen, wie: ‚No-Go-Area‘; ein ‚klares Risiko‘ für Deutsche; ‚unwillkommene Eindringlinge‘ auf einem Migranten ‚zustehenden Territorium‘, ‚deren Präsenz man entgegentreten muss‘ usw. erzeugt eine Symbolik, die an Krieg erinnert, wobei Deutsche als Opfer erscheinen gegenüber Fremden, Eingewanderten, die nun Teile des städtisch-deutschen Territoriums unter ihre ‚Besatzungsmacht‘ gebracht haben. Warum wählen Sie in Ihrer Analyse eine solche Sprache und Begrifflichkeit? Und warum schränken sie das ‚No-Go-Area‘-Stigma auf die Präsenz von ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ in einem öffentlichen Raum ein?“

Ich antworte: Ich habe Ihnen bereits in meinen obigen Antworten auseinandergesetzt, dass es hier nicht nur um ein „gefühltes“, sondern um ein faktisch vorhandenes Risiko geht, das im Übrigen – ich wiederhole mich – nicht nur Deutsche, sondern auch Menschen trifft, die selbst ebenfalls einen Migrationshintergrund haben. Selbstverständlich kann man hier nun, wie Sie es in bester Beschönigungsmanier handhaben, zahlreiche ausgedachte Szenarien ent- und in die Debatte einwerfen, die alle genauso große oder gar noch größere Risiken bezeichnen. Hier aber mal eine Gegenfrage: Würden Sie das auch tun, wenn jemand beispielsweise das Risiko thematisiert, in Problemvierteln der neuen Bundesländer von einem jugendlichen Neonazi attackiert zu werden? Würden Sie diesem Jemand gegenübertreten und ihm vorhalten, hier liege doch nur ein „gefühltes Risiko“ vor, weil man es eben nicht „gewohnt“ sei, von jungen deutschen Männern umgeben zu sein, und dann äußern, dass Autobahnen und Raucherkneipen ja schließlich auch Risiken in sich bergen? Schwer vorstellbar.

Es gibt eine soziologische Unterdisziplin, die sich „Risikosoziologie“ nennt und genau auf jene Frage eingeht: Was sind für Menschen, Gruppen und Organisationen „Risiken“ und was nicht, wie gewichten sie sie, was stufen sie als solches ein und was nicht? Die Prämisse der meisten risikosoziologischen Perspektiven lautet stets, dass Risiken beobachterabhängig sind, also subjektiv sozial konstruiert: Für den einen ist es bereits ein Risiko, bei grauen Wolken am Himmel ohne Regenschirm aus dem Haus zu gehen; für den anderen dagegen beginnen Risiken erst bei Bedrohung für Leib und Leben. Risikosoziologie ist, darüber hinaus, stets auch politisch: Für die einen stehen Umweltrisiken im politischen Mittelpunkt, für andere die Steuerflucht, für wieder andere Verkehrsrisiken, manche fürchten sich eher vor Terroristen, wieder andere vorm Überwachungsstaat und so weiter und so fort. Es gibt also keine objektivierbaren Kriterien für die „faktische“ Größe eines Risikos, was es wiederum unmöglich macht, Ihre erste Frage wissenschaftlich seriös zu beantworten. Doch es tut nicht nur das: Es zeigt auch, wie anmaßend und exorbitant dreist es ist, anderen Leuten ihre persönliche Risikowahrnehmung abzusprechen oder diese kleinreden zu wollen – wie unter anderem Sie es in Bezug auf No-Go-Areas tun. Sie, Herr Goeßmann, haben kein Recht, anderen Leuten die Ernsthaftigkeit ihres Risikoempfindens abzusprechen. Wenn es, wie in Deutschland und erst recht anderswo der Fall, dem persönlichen Erleben und den Erfahrungen von tausenden Menschen entspricht, dass No-Go-Areas es ebenso wert sind, politisch thematisiert zu werden, wie es bei Steuerflucht und Autobahnen der Fall ist, dann haben Sie das demokratisch zu respektieren – und es nicht weg- oder kleinzureden.

Sie werfen mir ferner eine Sprache vor, die Kriegssymbolik erzeugt. Damit spielen Sie ein geschicktes rhetorisches Spiel der Unterstellung, das im deutschen Journalismus nicht unbeliebt ist: Sie greifen Aussagen heraus, stülpen diesen eine diskreditierende persönliche Interpretation über („das erinnert mich an Krieg“) und der, der die Aussagen ursprünglich getätigt hat, ist dann mit einem Male für Ihre persönlichen Assoziationen mitverantwortlich. Diese Verantwortung lehne ich entschieden ab, Herr Goeßmann. Ich bin verantwortlich für das, was ich sage, und nicht für das, was Sie assoziieren. „Klares Risiko“ ist keine Formulierung, die einen militärischen Ursprung hat; gleiches gilt für die Formulierung des „unwillkommenen Eindringlings“. „Unwillkommen“ lässt sich übersetzen mit „unerwünscht“ – ein Zustand, der in allen möglichen sozialen Kontexten vorkommt, ebenso wie der des „Eindringens“. Auch „Territorium“ hat nicht zwingend eine kriegerische, ja nicht einmal unbedingt eine politische Konnotation, sondern auch ganz klar eine soziale: Wir alle rechnen uns und anderen ein bestimmtes Territorium zu, beginnend bei unserer Wohnung, fortgesetzt beim Schreibtisch am Arbeitsplatz, beim favorisierten Tisch in der Lieblingskneipe und so weiter. Also gilt auch hier: Die vermeintliche „Kriegssymbolik“ entspringt Ihrer eigenen, scheinbar durchpolitisierten Assoziation, für die ich jede Verantwortung ablehne. Wenn Sie vom Gegenüber einen nüchternen Diskurs wollen, sollten Sie auf das eingehen, was dieses sagt, aber nicht auf das, was Sie dem Gesagten gedanklich-assoziativ hinzufügen.

  • Sie fragen: „Zudem: Gibt es Ihrer Meinung nach keine ‚No-Go-Areas‘, die auf die Präsenz von Deutschen ohne Migrationshintergrund zurückgehen? Wie ordnen Sie vor diesem Hintergrund z.B. die erschreckenden Zahlen von fremdenfeindlicher Gewalt gegen Flüchtlinge und Migranten in Deutschland und Europa ein? (…)Die Frage ist also: Warum werden bei No-Go-Areas und der Diskussion darüber, an die Sie anschließen und deren Grundannahme (man könnte auch sagen ‚Ideologie‘) sie übernehmen, nichtdeutsche Migranten ur- und hauptsächlich in die ‚Tätergruppe‘ und ‚Deutsche‘ in die Opfergruppe einsortiert?“

Ich antworte: Natürlich gibt es auch No-Go-Areas etwa in den neuen Bundesländern, in denen nicht Integrationsprobleme und deren Folgen die entscheidende Schwierigkeit darstellen, sondern in denen man es eher mit rein sozioökonomischen Zusammenhängen zu tun hat. Sie werden aber in dem Text, auf den Sie sich beziehen, von mir nirgends eine Aussage finden, die die Existenz auch solcher Gebiete negieren würde.

Entscheidend ist hierbei aber, dass die Problematik fehlender Integration nun einmal an vielen Orten noch eine Schwierigkeit „oben drauf“ setzt – und dies gilt im globalen Vergleich gesehen weniger noch in Deutschland als vielmehr etwa in Frankreich oder Großbritannien, wo das Problem geradezu um ein Vielfaches potenziert auftritt. Dass dieses dann – gerade in Zeiten eines verstärkten Flüchtlingszuzuges, im Zuge dessen die Herausforderungen gewiss nicht kleiner werden – dann auch verstärkt thematisiert wird, müssen Sie den Menschen (und auch den sich damit befassenden Wissenschaftlern und Politikern) schon zugestehen.

  • Sie fragen, mit Blick auf die USA: „Warum kritisieren Sie also nicht die politisch hergestellten ‚No-Leave-Prisons‘ und fragen sich, wie man sie in ‚Want-To-Stay‘-Orte transformieren könnte – unter Einbeziehung der Bewohner und Migranten?“ 

Ich antworte: An diesem Punkt muss ich Sie um eine genauere Lektüre des Artikels bitten, auf den Sie sich beziehen. Aus meinen Ausführungen insbesondere rund um die von mir darin kritisch aufgegriffene „Broken-Windows-Theorie“ sollte eigentlich mindestens implizit genau diese Kritik hervorgehen.

  • Sie fragen: „Wer sind die ‚nicht unmaßgebliche(n) Teile gerade auch des linken und grünen Spektrums‘, die ‚noch immer allzu oft‘ die Tatsache der ‚No-Go-Areas‘, hergestellt durch ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘, kleinreden? Gehöre ich auch dazu, wenn ich es für sachlich nicht gerechtfertigt halte, Viertel mit hohem Migrantenanteil und diversen sozialen Problemen, erhöhter Kriminalität wie am ‚Kotti‘ in Berlin exklusiv als ‚No-Go-Area‘ zu bezeichnen? Warum blende ich damit aus, wie Sie suggerieren, ‚was schief läuft‘? (…)Warum demonstriert man also ‚die politische Reife eines Kindes (..), das sich im Angesicht von etwas Unwillkommenem und nicht ins Konzept Passendem einfach die Augen zuhält‘, wenn es die Existenz von No-Go-Areas für deutsche ‚Normalbürger‘, beherrscht von ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘, nicht als ‚Tatsache‘ zur Kenntnis nehmen will, obwohl Sie selbst in keinem Satz darlegen (das gilt für die gesamte Presse zu ‚No-Go-Areas‘), warum es sinnvoll sein sollte, von ‚No-Go-Areas‘ zu sprechen und sie Migranten anzuhängen? Was ist also das ‚Nicht ins Konzept Passende‘, vor dem ‚Linke‘ die Augen verschließen?"

Ich antworte: Diese besagten, nicht unmaßgeblichen Teile des linken und grünen Spektrums erstrecken sich auf Parteien wie SPD, Grüne und Teile der Linkspartei ebenso wie auf allzu viele Vertreter der – wieder einmal: empirisch nachweisbar – rot-grün dominierten Massenmedien. Insofern hier auch eine ganz klare Antwort: Ja, Sie gehören auch dazu – das haben Sie durch ihre Entgegnung nun mehr als deutlich demonstriert. Freilich gilt es hier aber begrifflich zu differenzieren: Ein Problemviertel allein schafft noch keine No-Go-Area. Eine No-Go-Area entsteht dann, wenn die sozialen Probleme dazu führen, dass das betroffene Viertel spezifisch für bestimmte Bevölkerungsgruppen – ich füge, mich wiederholend, hinzu: auch Migranten! – nicht mehr betretbar ist, ohne dadurch die eigene körperliche Unversehrtheit zu riskieren. Ob dies auch an dem von Ihnen benannten Punkt in Berlin so gegeben ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Was ich jedoch fundiert sagen kann, ist, dass es (allzu) viele Orte in Deutschland und anderswo gibt, in denen genau dieses Phänomen vorliegt; empirisch nachweisbar (s. o.). Und solange Politiker und Journalisten wie Sie versuchen, dieses weg- und kleinzureden, und genau hiervor (!) die Augen verschließen, so lange muss es bei der oben genannten Aussage bleiben.

  • Sie fragen: „Warum ist es ihnen so wichtig, dass sich auch ‚Linke‘ endlich der allgemeinen und weit verbreiteten ‚No-Go-Area‘-Mainstreamhysterie über ‚Problembezirke‘ anschließen, deren Existenz direkt oder indirekt ‚Menschen mit Migrationshintergrund‘ in die Schuhe geschoben wird (Türken, Araber, Afrikaner usw.), die ganze Viertel durch ihre Präsenz ‚kippen‘ lassen. Warum regen Sie sich nicht über die tatsächliche ‚Realitätsverweigerung‘ auf?“

Ich antworte: Über die suggestive Formulierung Ihrer Frage sehe ich an dieser Stelle mal hinweg und beantworte sie so, als sei sie ernst gemeint gewesen und als beziehe sich speziell darauf, wieso ich gerade von Linken erwarte, Realitäten endlich anzuerkennen: Weil es von Neoliberalen nicht zu erwarten ist. Wir sind uns vermutlich einig darüber, dass die Probleme, mit denen sich diese Diskussion befasst, sozialer und zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch sozioökonomischer Natur sind. Das bedeutet, dass hierfür auch soziale Lösungen her müssen, die auf kurzfristige neoliberale Scheinantworten, wie sie in den USA geliefert werden, hinausgehen. Daraus generiert sich meine politische Erwartung, die Leute wie Sie jedoch weiterhin torpedieren.


Sie werden es mir verzeihen, wenn ich auf Ihre weiteren, zum Teil redundanten Erörterungen nicht weiter eingehe – bis auf zwei Ausnahmen.

Einerseits beklagen Sie sich, von mir würden keine Antworten kommen, wie das Problem zu lösen sei. Damit haben Sie insoweit recht, als dass es sich bei dem Artikel, auf den Sie sich beziehen, um die Ausführung einer Problemdiagnose handelt, nicht aber um die Präsentation eines Konzeptes zur Lösung dessen. Letzteres ist in einem solchen Rahmen nicht auch noch mitzuliefern, sondern muss gesondert erfolgen. Ihre Entgegnung allerdings hat mir – noch einmal – deutlich gezeigt, wie wichtig allein schon Problemdiagnosen sein können. Denn ohne diese werden eben so manche Problematiken von bestimmten Leuten, Gruppen oder Organisationen nicht zur Kenntnis genommen, was dann wiederum problemverstärkend wirkt. Die Verbalisierung einer Problemdiagnose ist vor diesem Hintergrund also schon mal ein relevanter Schritt, auch wenn es sicherlich nicht alles sein kann und darf.

Andererseits arbeiten Sie sich wiederum an einem Begriff ab, der abermals negative Assoziationen weckt beziehungsweise den Sie mit solchen ausstatten, um ihn für den Diskurs unbrauchbar zu machen: Sie sagen, der Begriff des „Kulturkreises“ sei ein Nazi-Wort. Entstauben wir den Terminus jedoch mal von all den fast schon esoterisch anmutend versteckten Bedeutungen, die Sie alle so mit ihm assoziieren, und betrachten wir ihn „nackt“, also bezogen einzig und allein auf seinen Wortbestandteil hin. Übrig bleiben die beiden Begriffe „Kultur“ und „Kreis“. Der „Kreis“ bezeichnet hierbei eine damit zu fassende, von anderen abzugrenzende Sphäre; die „Kultur“ ein Gerüst aus Werten, Überzeugungen und Traditionen. Ist es automatisch „Nazi“, dergleichen mit einem Begriff zu versehen – oder ist es nicht vielmehr einfach ein analytisches Instrumentarium, um damit bestimmte soziologische Gegebenheiten sprachlich fassbar und adressierbar zu machen? Ich tendiere klar zu letzterem.

Empörungen wie diese sind ein weiteres Grundproblem unserer (fehlenden) Debattenkultur. Sie greifen einzelne Termini heraus, statten Sie – wie schon bei der vermeintlichen „Kriegssymbolik“ – mit irgendwelchen verwerflichen Assoziationen aus, halten diese dann dem Gegenüber vor und schaffen es so, dieses im Diskurs zu diskreditieren, ohne auf nur ein einziges inhaltliches Argument jemals eingegangen zu sein. So verhindert man Debatte, so schreckt man Menschen ab, sich politisch zu äußern, zu engagieren. Ja, schlimmer noch: So radikalisiert man Menschen, weil man ihnen dadurch das Gefühl gibt, sich in einem demokratischen Land nicht mehr frei äußern und ihre Sorgen (und Risikowahrnehmungen!) artikulieren zu können, ohne sogleich von volkserziehenden Journalisten vor das terminologische Tribunal gezerrt zu werden.

Sie, Herr Goeßmann, und viele andere mit Ihnen, spielen den Neoliberalen in die Hände. Reaktionen wie die Ihre sind mit der Grund dafür, dass Menschen in unserem Lande bei Demonstrationen „Lügenpresse“ rufen (wobei zugegebenermaßen der Ausdruck „Lückenpresse“ präziser ist – und eine dieser vielen, vielen „Lücken“ ist dabei die Existenz von No-Go-Areas) und dass das Vertrauen in die etablierten Massenmedien schwindet, so wie auch das Vertrauen in die etablierten Parteien schwindet. Dies gilt umso mehr, wenn jene, die sich daran machen, diese „Lücken“ nüchtern zu schließen, diskreditiert werden sollen, indem man ihnen „Stigmatisierung“ von Migranten vorwirft – wohlgemerkt, weil sie ein soziales Phänomen thematisiert haben, das viele Migranten mindestens ebenso gefährdet wie Einheimische. Es steht Ihnen natürlich frei, so weiterzumachen – das ist die Freiheit, die Sie in diesem Staat genießen. Aber: Beschweren Sie sich nicht, wenn Ihnen dann irgendwann einfach niemand mehr zuhört.


Literatur:

Baier, Dirk / Pfeiffer, Christian / Windzio, Michael (2006). Jugendliche mit Migrationshintergrund als Opfer und Täter. In Wilhelm Heitmeyer / Monika Schröttle (Hrsg.), Gewalt. Beschreibungen, Analysen, Prävention. Bonn: BPB.

Heitmeyer, Wilhelm / Kock, Sonja / Marth, Julia / Schroth, Andreas (2011). Untersuchungsgebiete (II). In Wilhelm Heitmeyer / Helmut Thome et al. (Hrsg.), Gewalt in öffentlichen Räumen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Heitmeyer, Wilhelm / Thome, Helmut et al. (2011). Gewalt in öffentlichen Räumen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Donnerstag, 16. November 2017

Unsicherheit als Arbeits- und Lebensbedingung

Über die psychosozialen Folgen befristeter Arbeitsverhältnisse

Es ist alles andere als ein Geheimnis, dass befristete Arbeitsverhältnisse mittlerweile nicht wenige Teile der Arbeitswelt dominieren. So ist es – längst nicht nur, aber auch – etwa im deutschen Wissenschaftssystem zur Normalität geworden, dass zumeist erst derjenige berufliche Sicherheit erreicht hat, der eine Professur hat ergattern können. Die psychosozialen Auswirkungen von derlei Arbeitsbedingungen sind in vielfacher Hinsicht schädlich – und machen ein politisches Umdenken dringend nötig.

Mit der Promotion geht es los, das Elend. Nein, ganz so dramatisch, wie dies nun klingt, ist die Lage nicht. Und dennoch: Nach dem hoffnungsvollen Start als Nachwuchswissenschaftler folgt oft erst einmal die kalte Dusche. Wer nicht das Glück hat, für eine Dauer von bis zu drei Jahren ein Promotionsstipendium im Rahmen der Begabtenförderung etwa einer parteinahen Stiftung zu ergattern, der schlägt sich während der Promotion oft entweder mit einer befristeten Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter durch, die keine Zeit mehr lässt für die Dissertation, oder aber mit mehr als schlecht bezahlten Lehraufträgen, die sich auf einzelne Lehrveranstaltungen beziehen, die also gerade mal ein Semester dauern, und die außerhalb solcher Zwänge weniger aus finanziellen Gründen angenommen werden, sondern eher, um Lehrerfahrung und dadurch Punkte für den Wissenschaftler-Lebenslauf zu sammeln.

Mindestens für den, der nach der abgeschlossenen Promotion in der Wissenschaft bleiben möchte, setzt sich diese Lebenssituation fort. Auch die sogenannten „Post-Docs“, also die promovierten Kolleginnen und Kollegen, die jedoch noch nicht habilitiert sind, arbeiten zumeist auf befristeten wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen, während sie gleichzeitig mit der Habilitation möglichst schnell die nächste wissenschaftliche Karrierestufe erreicht haben müssen. Und selbst danach ist noch nicht Schluss mit der Dauerunsicherheit: Manch einer schlägt sich über Jahre hinweg als habilitierter Privatdozent mit Lehrstuhlvertretungen herum, bis – vielleicht! – irgendwann eine Professur winkt. Und auch diese ist – selbst nach all der mitunter sehr verdienstreichen Zeit in der Wissenschaft – mindestens in den Geisteswissenschaften alles andere als gewiss: Manche Kolleg/innen scheiden irgendwann frustriert aus dem Wissenschaftssystem aus oder werden, wenn ihre Hochschule zu den freundlicheren Arbeitgebern zählt, mit wenig erfüllenden „Ersatzpöstchen“ im Rahmen der universitären Selbstverwaltung „versorgt“: Bürokratie statt Forschung, aber wenigstens ein Arbeitsplatz.

Abseits der naheliegenden Konklusion, dass derlei Zustände des Wissenschaftssystems eines Industrielandes wie Deutschland unwürdig sind und dieses langfristig schädigen, weil die schlauen Köpfe lieber einen Weg in die Privatwirtschaft einschlagen, als sich derlei zuzumuten, gilt es sich hier bewusst zu machen, dass Zustände wie die beschriebenen sich nicht auf die Wissenschaft beschränken. Die „Amerikanisierung der Arbeitswelt“ ist ein Phänomen, das sich in viele Branchen eingeschlichen hat und dort seine unheilvolle Wirkung entfaltet: Der Arbeitnehmer des 21. Jahrhunderts kann nicht mehr auf ein stabiles Arbeitsverhältnis mit einem festen und sich kümmernden Arbeitgeber zählen, sondern muss „Flexibilität“ beweisen.

Im Zweifel für eine neue Stellung den Wohnort wechseln zu können ist inzwischen eine erwartete „Kompetenz“ und wird implizit vorausgesetzt. Was früher der deutsche „Beruf“ (im Sinne von „Berufung“) war, ist heute der amerikanische „Job“, auf dem man eine Weile herumkaut wie auf einem Kaugummi, ehe man ihn ausspuckt und einen neuen aus der Packung zieht. Man könnte es auch „McDonaldisierung“ nennen: Was Fast Food für die Welt der Ernährung ist, sind befristete Arbeitsverhältnisse für die Arbeitswelt. In diesem Gleichnis steckt mehr als nur Metaphorik. Denn wie auch das Fast Food haben Arbeitsbedingungen wie diese mitunter klar erkennbare negative Folgen für die Gesundheit – wenn auch, in diesem Fall, (erst einmal) für die psychische.

Auswirkungen auf die Arbeitssituation

Um einige der unmittelbaren Folgen solcher Arbeitsbedingungen erfassen zu können, bedarf es keiner sozialwissenschaftlichen Vorbildung – was deren Einführung umso unverständlicher und in negativer Hinsicht bemerkenswerter macht. Nehmen wir zunächst einmal die Perspektive des Arbeitgebers ein: Selbst von dessen Position aus gesehen dürfte so manches befristete Arbeitsverhältnis – mindestens auf lange Sicht – von defizitären Ergebnissen geprägt sein, denn zwar verfügt der jeweilige Betrieb – oder auch die jeweilige staatliche Einrichtung – dadurch über mehr Flexibilität, aber die Identifikation mit ihm – bzw. ihr – wird beträchtlich vermindert. Wer befristet beschäftigt ist, begreift sich zumeist und konsequenterweise eben auch selbst nur als „Übergangslösung“, die zwar für den Arbeitgeber einen temporären Wert hat, aber eben nicht wirklich ein beständiger Teil des großen Ganzen ist.

Jeder, der schon einmal sozialversicherungspflichtig beschäftigt war, egal ob in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst, weiß, dass es stets zwei Möglichkeiten gibt, seine Arbeit zu erledigen: Mit persönlichem Einsatz über das geforderte Mindestmaß hinaus – oder als „Dienst nach Vorschrift“. In der einen oder anderen Weise gilt diese Dichotomie des Arbeitseinsatzes an so gut wie jedem Arbeitsplatz. Befristete Arbeitsverhältnisse erhöhen – zumindest dann, wenn keine Aussicht auf Entfristung im Anschluss besteht – massiv die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Pensum und die Qualität des Arbeitseinsatzes in die letztere Richtung bewegen.

Wer sich nur als Übergangslösung sieht, als für etwa zwei oder drei Jahre willkommener Gast in einer Organisation, der wird sich kaum als Teil dessen begreifen können und daher auch kaum bereit sein, Arbeit über das geforderte Maß hinaus zu übernehmen. Dies gilt nicht zuletzt auch deswegen, weil mindestens das letzte halbe Jahr der Stellung primär schon wieder aus der Suche nach einer neuen (und mitunter ebenfalls befristeten) Stellung besteht. Während sich also die eine Übergangslösung dem Ende nähert, muss der Betreffende in zahlreichen Bewerbungsschreiben erklären, wieso er hochmotiviert ist, fortan einem anderen Arbeitgeber als Übergangslösung zu dienen.

Doch selbst ein befristetes Arbeitsverhältnis mit daran anschließender Chance auf Entfristung birgt unschöne Eigenheiten in sich. So wird die Zeit der Befristung in diesem Fall dann zu einer Art verlängerten, „inoffiziellen Probezeit“. Der betreffende Arbeitnehmer wird in diesem Zeitraum mit hoher Wahrscheinlichkeit davor zurückschrecken, selbst ihm gesetzlich oder vertraglich zustehende Rechte wahrzunehmen, deren Nutzung den Arbeitgeber womöglich abschrecken könnten oder ihn zu der Entscheidung veranlassen könnten, den betreffenden Arbeitnehmer nicht zu entfristen. Und dies gilt übrigens völlig unabhängig von der tatsächlichen Qualität des jeweiligen Arbeitgebers und davon, ob er tatsächlich deswegen zu einer solchen Entscheidung gelangen könnte. Die imaginierte Drohkulisse, das unausgesprochene Schwert des Damokles, das über dem befristet Beschäftigten schwebt, reicht völlig zur Etablierung eines solchen inoffiziellen Machtverhältnisses aus.

Sei es Schwangerschaft, sei es das Beantragen von Teilzeit, sei es das Daheim-Bleiben aufgrund von Krankheit, sei es das Ablehnen von Überstunden, sei es auch „nur“ die Artikulation einer anderen Meinung gegenüber dem Chef – die Drohkulisse der nicht erfolgenden Entfristung führt zu einer effektiven Schere im Kopf des befristet Beschäftigten, welche ein informelles Machtverhältnis begründet, das formal-gesetzlich kaum vorgesehen ist. Hier manifestieren sich neoliberale Strukturen in ihrer Reinform.

Psychosoziale Auswirkungen

Es liegt nahe, dass sich die negativen Folgen von, milde ausgedrückt, „schwierigen“ Arbeitsbedingungen nicht nur auf den Arbeitsplatz beschränken, sondern sich auch auf der anderen Seite der Wohnungstür fortsetzen, und dass betroffene Arbeitnehmer entsprechende Belastungen „mit nach Hause nehmen“. Es bedarf auch wenig Fantasie, sich etwa vorzustellen, dass elementare Bestandteile (zwischen-)menschlichen Privatlebens wie zum Beispiel die Familienplanung massiv leiden, wenn mindestens ein Partner sich in einem befristeten Arbeitsverhältnis befindet.

Wer nicht weiß, wo er im nächsten oder übernächsten Jahr arbeiten wird (und somit, ob nicht die Beziehung zur Fernbeziehung werden könnte); oder schlimmer noch, wer nicht weiß, ob er dann überhaupt noch eine Arbeit hat, der wird sich naturgemäß in Sachen Familienplanung eher bedächtig verhalten (müssen). Ganz zu schweigen von der Partnerschaft selbst: Auch Beziehungen werden durch Entwicklungen wie die beschriebenen störungs- und krisenanfälliger, da eben nicht jeder Partner gewillt ist, eine Fernbeziehung durchzuziehen. Dass all dies im Ergebnis dann auch wieder die psychische Gesundheit der Betroffenen zu tangieren vermag, muss nicht weiter erklärt werden.

Doch das Thema birgt in Hinsicht auf psychosoziale Effekte noch mehr Folgeprobleme in sich. Um eben jenen Problemkomplex richtig erfassen zu können, müssen wir zunächst einmal eine grundsätzliche Beobachtung anstellen, die ein bestimmtes psychosoziales Bedürfnis, welches bei allen Menschen (und übrigens auch allen Organisationen), mal in größerer, mal in kleinerer Form, vorliegt, in den Fokus rückt: Das Bedürfnis nach der Reduzierung von Komplexität und – in diesem Fall noch wichtiger – von Kontingenz.

Das Begriffspaar der „Komplexität“ und „Kontingenz“ ist der soziologischen Systemtheorie nach Niklas Luhmann entnommen. Die Bedeutung des von uns auch in der Alltagssprache verwendeten Begriffs der Komplexität beziehungsweise des Bedürfnisses nach Reduzierung eben dieser dürfte einigermaßen auf der Hand liegen. Unser gesamtes soziales Leben besteht aus einem Übermaß an Komplexität, welches wir für uns – sozial und auch kognitiv – reduzieren müssen, um unsere soziale Umwelt wahrnehmen und ihr Informationen entnehmen zu können. Damit „sortieren“ wir in gewisser Weise unser Denken.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich die Frage, welche natürlichen Haarfarben Sie so kennen. Sie werden vermutlich so etwas antworten wie „schwarz, brünett, rot und blond“; sollten Sie schon etwas länger auf der Welt sein, fügen Sie dem eventuell noch „grau“ oder sogar „weiß“ hinzu. Nun wissen wir rein intellektuell aber eben alle, dass die Haarfarbenwelt eigentlich diffiziler ist: So gibt es pechschwarz und schwarz-braun, braun-rot und hellrot, straßenköterblond und hellblond und so weiter und so fort. Was Sie also getan haben, ist Komplexitätsreduktion, um die – aber eben eigentlich komplexere – Welt um sich herum einigermaßen sortiert zu kriegen. Genauso machen wir Menschen es tagtäglich immer wieder in allen möglichen Situationen, gewissermaßen aus Gründen der „kognitiven Ökonomie“, um uns nicht mit Informationen und Reizen zu überfluten.

Direkt damit in Zusammenhang steht der Bedarf nach Reduzierung von Kontingenz. Kontingenz meint im soziologischen Sinne etwa so viel wie Ungewissheit oder Unsicherheit. So wie wir Menschen nicht mit einem Übermaß an Komplexität leben können, so versetzt uns auch ein Übermaß an Kontingenz oftmals in einen Zustand mindestens der Unzufriedenheit, bis hin zu regelrechtem psychischen Ungleichgewicht oder gar psychischer Krankheit. Das mündet bisweilen darin, dass beispielsweise Krebspatienten zufriedener sind, wenn sie endlich die Krebsdiagnose erhalten haben, als sie es waren, als sie noch im Zustand der Ungewissheit auf die Diagnose haben warten müssen. Ein Zuviel an Kontingenz ist für die menschliche Psyche auf Dauer kaum zu ertragen.

Der aufmerksame Leser dürfte nun ahnen, in welche Richtung diese Argumentation zielt. Kehren wir nämlich nun zu unserem eigentlichen Thema zurück, so realisieren wir, dass befristete Arbeitsverhältnisse – jedenfalls dann, wenn sie sich in der Biografie eines Menschen häufen – dem Menschen ein Ausmaß an Kontingenz zumuten, für das dieser in den meisten Fällen nicht gemacht ist. Um hier dem teils erwartbaren Widerspruch entgegenzutreten: Natürlich gibt es immer auch Ausnahmen. Für einen sprunghaften, radikalindividualistischen Freigeist etwa, der sich ohnehin nicht länger binden und sich stets „alle Möglichkeiten offenhalten“ möchte, sind befristete Arbeitsverhältnisse mitunter vielleicht kaum etwas störendes. Doch an diesem Punkt bestätigt die Ausnahme wieder einmal die Regel: Und diese Regel besteht in dem menschlichen Bedarf an Kontingenzreduktion.

Ein befristetes Arbeitsverhältnis verordnet dem betroffenen Arbeitnehmer eine ständige Kontingenz, die sich auch auf gleich mehrere Lebensverhältnisse erstreckt: Werde ich im Anschluss wieder etwas Neues finden? Kann ich weiterhin hier wohnen oder muss ich in eine andere Stadt ziehen? Wie vereinbare ich das mit meiner Beziehung / Ehe, Familie und so weiter? Wie sage ich ihnen, wenn ich nichts Neues finde? Sollte ich jetzt schon anfangen zu suchen oder reicht es, wenn ich erst nächsten Monat Bewerbungen schreibe? Hat meine jetzige Arbeit überhaupt einen nachhaltigen Sinn? Was wird aus den Freundschaften, die ich im Rahmen meines aktuellen Arbeitsplatzes geschlossen habe? Finde ich in einer anderen Stadt ein neues soziales Umfeld, das mir zusagt?

Insbesondere anhand der letztgenannten exemplarischen Frage wird ein weiterer Komplex deutlich: Auch soziale Beziehungen außerhalb von Partnerschaft und Familie leiden tendenziell unter einem befristeten Arbeitsverhältnis. Durch ständig wechselnde Arbeitsplätze werden auch Freundschaften und kollegiale soziale Netzwerke weniger stabil und „auswechselbar“; man lernt auf Dauer vielleicht mehr Leute kennen, aber Quantität ersetzt Qualität. Das Individuum ist ständig gefordert, sich neu „einzuleben“, in seinem sozialen Leben wieder von vorne zu beginnen. Das wiederum aber geht in der Regel nur in den Zwanzigern gut – irgendwann möchte eben jeder einmal „ankommen“ (den oben genannten Charaktertypus auch hier natürlich ausgenommen).

Es dürfte nicht überraschen, dass dadurch, dass die Zufriedenheit und die psychische Gesundheit durch derlei Arbeitsbedingungen leidet, dies auch weitergehende Folgen etwa für die physische Gesundheit nach sich ziehen kann. Wer mit ständiger Kontingenz leben muss, ist anfälliger für Stresssymptome: Verspannungen und Kopfschmerzen, Magen- oder Kreislaufprobleme; bis hin zum berüchtigten Burnout ist hier vieles denkbar und im Zuge der fehlenden sozioökonomischen und dadurch eben auch der fehlenden psychosozialen Sicherheit wahrscheinlicher als im Rahmen eines sicheren Arbeitsverhältnisses, das ohne all die oben beschriebenen Schwierigkeiten auskommt.

Aus Jobs wieder Berufe machen

Im Rahmen der neoliberalen Struktur unserer Arbeitswelt übertreffen sich die einschlägigen „Experten“ regelmäßig in Sachen Forderungen nach allen möglichen Formen von „Management“ zur Optimierung der Arbeitnehmerschaft: "Personalmanagement“, "Zeitmanagement", "Stressmanagement“, "Qualitätsmanagement“, "Wissensmanagement“, "Konfliktmanagement“, "Resilienz-Management“ – den Fantasien der Management-Fans sind hier keine Grenzen gesetzt. Zeit würde es jedoch, so viel Polemik sei hier gestattet, für ein umfassendes „Kontingenz-Management“, und zwar nicht auf einer betrieblichen Meso-Ebene, sondern auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene: Befristete Arbeitsverhältnisse drastisch zurückfahren, sichere Arbeitsbedingungen ermöglichen und aus „Jobs“ wieder „Berufe“ machen – eine solche zentrale arbeitsmarktpolitische Forderung müsste auf der Agenda endlich ganz weit oben stehen. Es dürfte manche sehr überraschen, wie schnell eine solche Veränderung zumindest einige der oben genannten „Management“-Varianten sehr schnell unnötig machen würde.

Freitag, 27. Oktober 2017

Leben im Teufelskreis

Ein stadtsoziologischer Blick auf Ghettoisierung, „Problemviertel“ und „No-Go-Areas“

Die Probleme, die sozialräumliche Prozesse wie Ghettoisierung und die sogenannte residentielle Segregation nach sich ziehen, sind vielfältig: Sowohl für diejenigen, die in sozialen Brennpunkten leben (müssen), als auch für Staat und Behörden und die Gesellschaft als Ganzes. Die Gründe für die Entstehung und dauerhafte Etablierung von „Problemvierteln“ sind indes komplexer, als es die öffentliche Debatte über sie suggeriert. Eine stadtsoziologische Perspektive auf das Phänomen mag helfen, diese Komplexität besser zu erfassen.

Residentielle Segregation ist nicht nur ein Phänomen, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht, sondern auch – mal in stärkerer, mal in geringerer Ausprägung – auf dem gesamten Globus wiederzufinden; mindestens da, wo Menschen in Metropolen zusammenleben. In ihren gravierendsten Ausprägungen, insbesondere in Entwicklungsländern, sprechen wir von „Slums“ und „Favelas“. Bei Industriestaaten wie Frankreich oder den USA, wo das Problem zwar nicht derart dramatische, aber dennoch allzu schwerwiegende Dimensionen annimmt, ist von „Banlieues“ beziehungsweise von „Ghettos“ die Rede (die historische Komponente des letzteren Begriffes, die ein ganz neues Feld aufmachen würde, sparen wir an dieser Stelle einmal bewusst aus). In etwas besser funktionierenden Wohlfahrtsstaaten wie Deutschland wiederum sprechen wir lieber von „Problemvierteln“ oder „sozialen Brennpunkten“, da hier in den allermeisten Fällen nicht Stadtteile als Ganzes betroffen sind, sondern eher einzelne Viertel, in denen aber trotzdem allem noch zumindest von einer funktionierenden Infrastruktur ausgegangen werden kann.

Der Begriff der „No-Go-Area“

Verhältnismäßig neu ist der Begriff der „No-Go-Area“. Wie sich darin schon andeutet, impliziert dieser ein städtisches Gebiet, in das Menschen, die in diesem nicht leben, keinen Fuß setzen können, ohne dass dadurch ihre körperliche Unversehrtheit bedroht würde. In einer etwas weiter gehenden Interpretation impliziert er außerdem einen rechtsfreien Raum, also ein Gebiet, in dem sich auch die Polizei und staatliche Behörden nicht mehr durchzusetzen vermögen beziehungsweise in das sie sich nicht mehr „hineintrauen“.

Spätestens ab hier wird der Diskurs hoch politisch, denn hinsichtlich der Frage, ab wann dies genau wo der Fall ist, scheiden sich die (politischen) Geister: So halten die einen eine solche Darstellung mit Blick auf deutsche soziale Brennpunkte wie etwa Duisburg-Marxloh für heillos überzogen, während andere in diesen bereits amerikanische oder französische Zustände vermuten oder zumindest davor warnen, dass diese dort bald erreicht sein könnten. In der Folge unterstellt man sich schließlich gegenseitig entweder Panikmache oder Verharmlosung und wirft sich vor, man würde aus sozialen Problemlagen politisches Kapital schlagen wollen oder eben aus ideologischen Gründen problematische Entwicklungen ignorieren und totschweigen.

Doch wie sieht sie denn nun „wirklich“ aus, die Lage in den deutschen Großstädten? „Gibt“ es im Deutschland des Jahres 2017 „No-Go-Areas“ – oder ist diese Einschätzung heillos übertrieben? Zunächst einmal gilt es zu fragen, wer es denn eigentlich ist, der ein Viertel, wie der fragliche Begriff impliziert, nicht mehr betreten kann, ohne seine körperliche Unversehrtheit zu riskieren: Sprechen wir über die Polizei – oder über bestimmte gesellschaftliche Gruppen?

Geht man diesen Fragen nach, so wird man feststellen, dass von wirklich dauerhaften „rechtsfreien Räumen“ innerhalb Deutschlands schwerlich die Rede sein kann. Was man aber dagegen ausmachen kann, sind Gebiete, in die die Polizei sich nur in deutlich erhöhter personeller Stärke hineinbegibt – einerseits, um – richtigerweise – ein Signal zu setzen, und andererseits, um Risiken für Beamte zu vermeiden. In dieser Dimension – also von einem polizeilichen Blickwinkel aus – hat man es also weniger mit „No-Go-Areas“ zu tun, sondern mit (wenn auch zuweilen deutlich) riskanterem Terrain.

Noch einmal anders sieht die Lage allerdings aus, wenn man sich dem Begriff nicht in einem polizeilichen Sinne nähert, sondern eher vom Blickwinkel des Normalbürgers aus, und hierbei speziell jenem von Deutschen ohne Migrationshintergrund. Hier lässt sich – übrigens sozialwissenschaftlich-empirisch unterfüttert – feststellen, dass es in manchen deutschen Großstädten durchaus Viertel gibt, in denen es für Deutsche ohne erkennbaren Migrationshintergrund ein klares Risiko in sich bergen kann, beispielsweise öffentliche Treffpunkte von Jugendlichen, Heranwachsenden und jungen Erwachsenen in mehrheitlich von Migranten bewohnten Problemvierteln aufzusuchen. Die Betreffenden würden als unwillkommene „Eindringlinge“ auf einem ihnen nicht zustehenden Territorium wahrgenommen werden, deren Präsenz man entgegentreten muss. Gleiches kann dort übrigens auch Angehörigen von Migrantengruppen drohen, die nicht „den richtigen“ ethnischen Hintergrund haben – also nicht jenen, der im betreffenden Viertel oder auch einfach nur am betreffenden Treffpunkt dominiert. Es ist in diesem Punkt also durchaus nicht überzogen, für bestimmte Personengruppen von „No-Go-Areas“ zu sprechen.

Neoliberales Herumdoktern

Nicht unmaßgebliche Teile gerade auch des linken und grünen Spektrums (ausgenommen einzelne Politiker/innen wie etwa Sahra Wagenknecht oder Oskar Lafontaine) machen – noch immer – allzu oft den Fehler, die oben beschriebenen Tatsachen kleinzureden oder gar ganz zu ignorieren. Diese Reaktion auf bestehende Problemlagen ist jedoch nicht einfach nur von einem konservativen Standpunkt aus kritisierenswert, sondern auch von einem, der sich selbst als sozial(istisch) oder progressiv verortet: Anstatt das, was schief läuft, einfach auszublenden – und damit die politische Reife eines Kindes zu demonstrieren, das sich im Angesicht von etwas Unwillkommenem und nicht ins Konzept Passendem einfach die Augen zuhält – wäre es vielmehr geboten, die Debatte über die Ursachen der komplexen Problematik zu versachlichen und dadurch zu einer Lösung beizutragen, die qualitativ über die bestehenden neoliberalen (und in den USA auch neokonservativen) Rezepte hinausreicht.

Eine der Erscheinungsformen eines solchen neoliberalen beziehungsweise neokonservativen „Herumdokterns“ ist die sogenannte, in den USA besonders anschlussfähige „Broken-Windows-Theorie“ (die nach den Maßstäben der europäischen Sozialwissenschaften das Etikett der „Theorie“ eigentlich gar nicht verdient, sondern bestenfalls ein „Ansatz“ ist – aber dies nur nebenbei). Kernthese dieser „Theorie“ ist es, dass bereits kleine Formen der Verwahrlosung eines Viertels – wie eben etwa zerbrochene Fenster eines Gebäudes, die nie ausgetauscht werden – eine Art Abwärtsspirale in Gang setzen, die die Verwahrlosung sowohl der architektonischen Dimension als auch der Menschen in dem Viertel immer weiter erhöht. Die Verwahrlosung des Viertels führt danach gewissermaßen zu einer automatischen Verwahrlosung des sozialen Miteinanders im Viertel, da Menschen auch aus ihrem Wohnviertel ihr Selbstwertgefühl und ihr soziales Handeln ableiten.

Nun ist diese Herleitung als solche – das soll hier klar vorausgeschickt werden – sicherlich keine falsche. Der von der „Broken-Windows-Theorie“ derart beschriebene psychosoziale Vorgang dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit an den meisten sozialen Brennpunkten der Welt vorliegen. Wie so häufig ist das Problem in diesem Kontext jedoch nicht die Diagnose selbst, sondern die unterkomplexen Schlussfolgerungen, die – typisch für Politik weltweit – in den USA daraus gezogen wurden.

So wurde die „Broken-Windows-Theorie“ in der Folge quasi zum wissenschaftlichen Legitimationsinstrument für die berühmte „Zero-Tolerance“-Politik in New York, im Rahmen derer bereits kleinste Verfehlungen mit drastischen Strafen geahndet wurden, um eben jenen beschriebenen Verwahrlosungsprozess bereits an der Wurzel zu bekämpfen. Auch hier sei einschränkend gesagt: Es ist weder falsch, grundsätzlich auch kleine Vergehen rechtlich zu sanktionieren, noch ist es erst recht falsch, architektonische und zwischenmenschliche Verwahrlosung schon an der Wurzel zu bekämpfen. Eines ist jedoch grundfalsch: Sich auf genau diesen „Lösungen“ auszuruhen. Genau dies ist aber in den USA bewährte politische Methode.

Sozialwissenschaften wie Soziologie, Politikwissenschaft oder Kriminologie haben in den USA mehr als in Europa die Funktion von Zulieferungsdiensten für die Politik: Sozialwissenschaftliche Theorien und Ansätze sollen nicht so sehr grundlegende politische, gesellschaftliche oder psychosoziale Problematiken ansprechen und diese über breite gesellschaftliche Diskurse thematisieren, sondern schnelle, greifbare, „pragmatische“ Lösungen für politische Entscheider liefern (ein Prinzip, das u. a. zu dem inflationären Vorhandensein privater „Thinktanks“ in den USA geführt hat). Dies beschafft der US-Politik schnelle, öffentlichkeitswirksame, scheinwissenschaftliche Lösungen, mit denen sie massenmedial glänzen kann, und die ihr aber zugleich ersparen, Problematiken grundlegend, also von der (echten!) Wurzel aus anzugehen – in diesem Falle also: Für stabile sozialstaatliche Strukturen zu sorgen, die dazu beitragen, dass es gar nicht erst zu „Nulltoleranz“-Vorgehen gegen Straftaten in sozial schwachen Vierteln kommen muss. Genau dies wäre aber eben nötig, um das Problem – dort wie hier, in Amerika wie auch in Europa, global wie auch in Deutschland – langfristig angehen zu können.

Ursachen, Einflüsse und Kausalitäten

In der öffentlichen Debatte über Ghettoisierung und Herausbildung sozialer Brennpunkte in Europa dominieren zwei spezifische Zurechnungen: Auf konservativer Seite die Zurechnung auf ethnische oder auch religiöse Hintergründe von Integrationsverweigerung; auf linker Seite die Zurechnung auf ökonomische Ursachen. Doch wer meint, ein bloßes „Hineinpulvern“ finanzieller Leistungen würde das Problem lösen, liegt falsch.

Wie so häufig bietet auch hier das theoretische Instrumentarium des Soziologen Pierre Bourdieu einen Zugang zu dem Thema, der der Komplexität der Situation angemessen ist. Bourdieu unterscheidet in verschiedene Formen von Kapital, über das Menschen verfügen können. Darunter fallen das ökonomische Kapital (unter welches man die finanziellen und materiellen Kapazitäten fassen kann), das soziale Kapital (In welche Familie wurde man hineingeboren, was hat man für einen Freundes- und Bekanntenkreis, was für Netzwerke hat man?), das kulturelle Kapital (Bildungsniveau und Abschlüsse, aber auch habituelle Eigenheiten wie etwa Sprachstil oder charakterliche Eigenschaften, die einem weiterhelfen können) und das symbolische Kapital (Prestige schaffende Merkmale wie zum Beispiel ein „guter Name“ oder ähnliches).

Selbstverständlich handelt es sich bei den beschriebenen Kapitalformen um analytische Kategorien, welche im praktischen, konkreten Alltag oft stark zusammenwirken: Dass etwa das ökonomische Kapital allzu häufig mit dem sozialen, dem kulturellen und dem symbolischen Kapital verquickt ist (und diese wiederum ebenso miteinander), erklärt sich von selbst. Nichtsdestotrotz bietet die Unterscheidung nochmal einen differenzierten Blick auf das Phänomen auch der residentiellen Segregation, der deutlich macht, dass die Problematik vielschichtiger Natur ist.

Klarer wird der Zusammenhang, wenn man sich die Entstehung von dem vor Augen führt, was in der kritischen politischen Rhetorik gern als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet wird: Also abgeschottete Migranten-Communities, die weiterhin ihre eigene Sprache sprechen und ihre eigenen kulturellen Bräuche fortführen, ohne sich auf die deutsche Sprache und Kultur ernsthaft einzulassen. Forciert wird dieser Prozess über die Erscheinung der „Parallelwirtschaft“: Ist eine Migranten-Community, die sich aus einer bestimmten Ethnie rekrutiert, in einer bestimmten Quantität vertreten, so kann sie ein eigenes, kleines, lokales Wirtschaftssystem vor Ort etablieren: Mit eigenen Geschäften, eigener Gastronomie, eigenem Lebensmittelhandel und eigenen Dienstleistern.

Es bedarf für Jugendliche nicht mehr des Erlernens der deutschen Sprache, um einen Job zu bekommen – es reicht die der vorherrschenden Community. Hier behindert also vorhandenes soziales Kapital, das einem auch ökonomisch temporär aushilft, die Erlangung etwa von kulturellem Kapital in Form eines Schulabschlusses – und damit die Integration. Zugleich forciert es das Verbleiben im eigenen Stadtteil und damit das Zementieren der residentiellen Segregation.

Drastischere Auswirkungen hat dies, wenn die Parallelwirtschaft sich auf illegale Bereiche wie etwa den Drogenhandel ausdehnt. Hier wird eine der vielen Grenzen zur Delinquenz überschritten – und ebenfalls durch soziales Kapital forciert, denn der Zugang zu delinquenten Strukturen erfolgt bei Jugendlichen eben zumeist durch den Freundes- und Bekanntenkreis.

Die entsprechende Wohnlage reduziert das symbolische Kapital drastisch. Selbst bei passablen schulischen Leistungen ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwa ein potenzieller Arbeitgeber eine Bewerbung, bei der beim „Absender“ ein Problemviertel als Wohnort herauszulesen ist, „aussortiert“, hoch. Auch eine Vernachlässigung seitens der Kommunalpolitik beziehungsweise der Stadtverwaltung ist oft zu beobachten: Die Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel ist zumeist schlechter, was wiederum die Mobilität der Einwohner beschränkt – und damit auch die der Schulkinder, die damit mit höherer Wahrscheinlichkeit gemeinsam Schulen innerhalb des Stadtteils besuchen, was abermals das mitunter problematische soziale Umfeld zementiert.

Über derlei Einflüsse kristallisieren sich habituelle Benachteiligungen heraus. Wer etwa in einem schulischen und freundschaftlichen Umfeld sozialisiert wird, in dem man sich als Junge hüten muss, nicht als zu unmännlich zu gelten, wird sich etwa ein (in anderen Milieus als übertrieben rezipiertes) „männliches Gehabe“ mit deftiger Sprache angewöhnen, das in der „Clique“ gut ankommt, aber nicht mehr beim Bewerbungsgespräch. Hier reduzieren sich kulturelles und symbolisches Kapital abermals drastisch – und begünstigen, wie auch die anderen, oben beschriebenen Entwicklungen, dass die Betroffen niemals dauerhaft aus ihrem Stadtteil „heraus kommen“.

Aus empirischen Untersuchungen und Interviews mit jugendlichen Bewohnern von solchen Vierteln geht hervor, dass diesen die Problematik oft durchaus selbst bewusst ist, man sich aber nicht in einer Lage sieht, in der man imstande wäre, dies zu ändern. Diese eigene Machtlosigkeit (Deprivation) muss in der Folge kompensiert werden, indem man sich eigene „Territorien“ schafft, über die „Macht der Straße“ beziehungsweise das physische Drohpotenzial der eigenen Gang. Wenn also eine Gang jemanden in einem Problemviertel „abzieht“, wie es im Slang heißt, also jemanden ausraubt, dann handelt es sich dabei in der Regel nicht um ein aus sozioökonomisch-materieller Not geborenes Handeln, sondern auch um Kompensation wahrgenommener Machtlosigkeit, die dazu dient, sich das anderswo verlorene Selbstwertgefühl zurückzuholen. Das ökonomische Kapital mag hier nicht gänzlich irrelevant sein, ist aber eben gewiss nicht die einzige Motivation.

Es geht nur mit grundsätzlichen Lösungen

Mit den beschriebenen Zusammenhängen wird deutlich, dass eine politische Lösung des Problems nur grundsätzlicher Natur sein kann. Weder kann man die Kommunen (sowohl in Deutschland als auch anderswo) damit allein lassen noch wird es ausreichen, darauf mit Einzelmaßnahmen oder, wie in den USA der Fall, mit reiner Restriktion zu reagieren. Vielmehr wird hier deutlich, dass Deutschland wie auch viele andere europäische Staaten vor einer Herausforderung stehen, die sich nur lösen lässt, wenn man sich der gesamtgesellschaftlichen sozialpolitischen Erfordernisse, aber auch der Grenzen der eigenen nationalen (Integrations-)Kapazitäten bewusst wird. Ob dieses Bewusstsein in der politischen Klasse vorhanden ist, ist bisher allerdings anzuzweifeln.