Montag, 9. Mai 2011

Stadtklar muss erhalten bleiben

Die Bielefelder FDP sorgt sich um die Erhaltung des Anti-Graffiti-Vereins Stadtklar. Der Verein sei für Sauberkeit und Ordnung in Bielefeld unverzichtbar. „Bielefeld hat in diesem Bereich bisher eine Vorreiterposition eingenommen, die man auch als Bürger deutlich sehen kann, wenn man einmal den Blick auf andere Großstädte wirft“, so Florian Sander, Leiter des Arbeitskreises Sicherheit und Ordnung der FDP Bielefeld. Dass die Gebäudereiniger-Innung wegen angeblich unerlaubter Dumping-Konkurrenz Widerspruch gegen die Genehmigung für Ein-Euro-Jobber eingelegt hat, sei auch aus liberaler Sicht inakzeptabel.
Dies gelte umso mehr, als dass es keine sinnige wirtschaftliche Begründung hierfür gäbe. „Das städtische Handeln steht unter dem Primat der Haushaltssicherung. Wer glaubt, nach einem möglichen Aus für Stadtklar würde es Aufträge für Gebäudereiniger regnen, der befindet sich im Irrtum“, so das Ratsmitglied Sander. Die FDP fordert die Innung daher auf, ihre Entscheidung zu überdenken. Sander: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Gebäudereiniger-Innung die Verantwortung für ein langfristig verschlechtertes Stadtbild auf sich nehmen will.“

Sonntag, 1. Mai 2011

Die große Lüge: "Liebe"

Ein Gastbeitrag von Dennis Walkenhorst

Es wäre fatal zu behaupten, dass es so etwas wie Liebe nicht gibt. Sie ist täglich präsent und beobachtbar, sie ist anwesend, geradezu omnipräsent in den Köpfen der Menschen und vielleicht noch viel mehr in ihren Unterleibern. Sie reiht sich widerstandslos ein in die Serie der Glücksversprechen der Moderne, kokettiert mit dem absoluten Recht auf Glück und Authentizität und kollidiert dann doch mit dem großen Begriff der Freiheit zur Selbstverwirklichung.

Dabei macht die Moderne den Menschen im Prinzip zwangsläufig zum Eremiten. Sein Tag ist gefüllt von sozialer Interaktion und überlastet durch komplexe Rollensets, zwischen denen blitzschnell gewechselt werden muss. Der Kern seiner selbst entschwindet ihm dabei immer mehr und muss durch wirtschaftlichen und medialen Konsum in mühsamster Kleinarbeit wieder erschlossen werden – und wird doch nur neu und eigentlich ja ganz anders rekonstruiert. Die Gesamtheit seiner selbst bleibt dabei stets im Dunkeln, immer erscheint nur ein kurzes Flackern, meist jedoch der dumpfe Schlag der Abgrenzung: Ich bin ein bisschen Apple, aber die Überwachungspolitik des Konzerns kotzt mich an, ich bin ziemlich BMW, zumindest die alten Baureihen, und ich bin ganz bestimmt nicht die Bild-Zeitung, dann schon eher die TAZ, auch wenn die manchmal übertreiben. In den so genannten „Doku-Soaps“ sieht man mit ziemlicher Sicherheit all das, was man nicht ist, Talent-Casting-Shows wiederum eröffnen ungeahnte Perspektiven der Selbstfindung durch mehr oder weniger talentgetränktes Trällern und Tanzen. Diese Umleitungen auf der Reise zum eigenen „Ich“ können dabei mit enormen Kosten verbunden sein, in wirtschaftlicher Hinsicht hat sich zur allgemeinen Verwunderung ein ganzer Industriezweig rund um dieses Thema gebildet, der in den letzten Jahren – analog zum „life-coaching“ der Medien  – enorme Erfolge zu verbuchen hat und den Menschen Orientierung verspricht, wo Orientierungslosigkeit unvermeidbar ist.

Wie, so müsste man sich nun fragen, kann unter solchen Umständen eine Liebe möglich sein, die das gegenseitige Erkennen und Bestätigen zweier Partner voraussetzt? Wie kann man vollkommen eröffnen, was einem selbst zum größten Teil verborgen bleibt und fälschlich oder verzerrt Stück für Stück rekonstruiert wurde? Die Antwort ist banal: Es ist unmöglich. Dennoch hat der Mensch es geschafft, die Lüge zu etablieren. Mit freundlicher Unterstützung und dauerhaft aufgeputscht durch die eigene Körperlichkeit – hier insbesondere durch die fortpflanzungsrelevanten Hormone – etablierte sich eine Lüge, und auf dem Fuße folgte ihr, wie so oft, die Kunst der Heuchelei.

Ein enorm ressourcenverzehrendes Zweiersystem bildet sich heraus, das als mächtiger Apparat der gegenseitigen Bestätigung schnell beginnt, das nahestehende Umfeld dauerhaft zu irritieren. Normale Kommunikation mit einem der Teile des Bestätigungssystems wird unmöglich, stets wird alles auf die andere Seite bezogen, so dass mehr und mehr Umweltkontakte abreißen und gleichzeitig zur stärkeren Integration des Zweiersystems führen. Der Erfolg dieser Konstruktion hängt wohl insbesondere damit zusammen, dass es sich hierbei um den einfachsten und gleichzeitig vollkommensten Weg der Selbstfindung handelt. Dabei muss man sich selbst gar nicht mehr suchen, sondern nur noch den anderen, der gleichzeitig den Gefallen erwidert, aber wiederum nur dazu imstande ist ein Zerrbild, eine Konstruktion abzuliefern. So könnte auch der etablierte gesellschaftliche Druck, sich in diese Konstruktion einzufügen, erklärt werden. Wer allein ist, muss auch einsam sein. Wer nur sich selbst hat, hat im Prinzip niemanden. Nieder mit den Misanthropen, es lebe das Liebespaar! Dass solche Implikationen der Moderne zeitgleich mit der Fragmentierung der Gesellschaft, mit der Dominanz der „Single-Haushalte“ und steigender Mobilität auf den Plan treten, kann dabei durchaus als eine der Ursachen der Masse an psychischen und sozialen „Deformationen“ Einzelner gedeutet werden, und man muss sich wohl die Frage stellen, ob die Annahme der Existenz „romantischer Liebe“ überhaupt noch zeitgemäß erscheint und nicht vielmehr schon bald von einem sehr viel pragmatischeren Verständnis der menschlichen Zweierbeziehungen abgelöst werden könnte.

Und auch wenn nun aufs Schärfste protestiert, das eigene Glück nicht in den Dreck gezogen werden und es gleichzeitig als glühendes Gegenbeispiel präsentiert werden soll – denken Sie einen kurzen Moment über die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Konstruktion nach. Und fragen Sie sich einmal, wie oft Sie allein am heutigen Tage gegenüber sich selbst und Ihrem Partner das ehrliche und aufrechte Gefühl hatten, „Sie selbst“ gewesen zu sein. Nur weil Sie einer Lüge auf den Leim gegangen sind, heißt das noch lange nicht, dass es eine schlechte Lüge ist, denn immerhin war sie einer der wichtigsten Antriebsmotoren von Kunst und Kultur in den letzten Jahrhunderten und hat – neben der eindeutigen Mehrzahl resignativer Liebesbeziehungen – wohl auch den ein oder anderen Menschen (in seltenen Fällen sogar bis an sein Lebensende) sehr „glücklich“ gemacht.

Dennis Walkenhorst (27) ist Politikwissenschaftler und studiert im Master Politische Kommunikation an der Uni Bielefeld.