Freitag, 4. Mai 2012

Zivilcourage heute

Ein Gastbeitrag von Dennis Walkenhorst

Nur allzu gern bemühen Demonstranten, die sich rechten Aufmärschen oder Werbeständen lautstark, massenhaft und oftmals auch gewaltsam entgegenstellen, den Begriff der „Zivilcourage“. Die zum Teil absurden Verhältnisse, die solche Gegendemonstrationen produzieren – am Heiligen Abend des letzten Jahres demonstrierten beispielsweise 6.500 Menschen gegen 70 Neonazis – werfen die Frage auf, wie viel „Courage“ es eigentlich vom Einzelnen erfordert, sich einer Massendemonstration anzuschließen, die sich gegen eine solch marginale Gruppe verwirrter Faschisten wendet und sich dabei oftmals noch selbstrechtfertigend und selbstverstärkend des Mediums der Gewalt bedient (sicherlich hätte es in diesem Sinne auch nicht mehr „Courage“ erfordert, sich den pöbelnden Horden der Reichspogromnacht 1938 anzuschließen).

Damit will ich in keiner Weise diesen Protest in seinem Anliegen selbst diskreditieren. Doch die Frage ist, wie man diesem Anliegen am besten gerecht werden kann.

Wer will denn ernsthaft davon ausgehen, dass es in diesem Land mit seiner dunklen Geschichte, mit seiner (im Gegensatz zu den meisten anderen ehemaligen faschistischen Diktaturen) intensiven Aufarbeitung, mit diesem Maß an Offenheit und Aufklärung noch einmal eine Ideologie durchsetzt, die in ihrer heutigen Form sogar zu stumpf und einfallslos zu sein scheint, um sich neuer Rhetorik, neuer Symbole oder neuer Gesellschaftsmodelle zu bedienen? Geht irgendjemand der Demonstranten davon aus, dass ein schlichtes Ignorieren der Glatzköpfe – denn mehr Aufmerksamkeit haben sie nun wirklich nicht verdient – dazu führt, dass innerhalb kürzester Zeit wieder die Hakenkreuzfahne über dem Reichstag flattert?

Was aber wirklich ärgerlich an diesem Phänomen des selbstbestätigenden Massenprotests ist, ist die gefährliche Doppelmoral, die ein Großteil der so genannten „Linken“ vertritt. Seltsamerweise stehen deren Demonstranten nämlich dann, wenn gegen den fundamentalistischen Islamismus demonstriert wird, plötzlich auf der anderen Seite. Dabei gleichen sich die Ideologien von Neonazis und Islamisten in geradezu absurder Weise. Radikale Exklusion wird in beiden Ideologien zwar verschieden begründet, am Ende jedoch in ähnlichem Maß durchgesetzt. Und auch das Gefahrenpotential ähnelt sich. Laut Verfassungsschutz gibt es etwa 37.000 Islamisten in Deutschland (Tendenz steigend) und 31.000 Neonazis (Tendenz sinkend).

Wieso wird die eine Minderheit von linksgrünen Demonstranten dann in Schutz genommen, die andere aber nicht? Wieso stehen die Demonstranten hier plötzlich auf der anderen Seite des Zaunes? Geht es darum, dass die eine Ideologie religiös begründet ist und somit ein absurdes Recht auf Schutz genießt? Oder einfach nur um den Fakt, dass Islamisten in der Regel eher einen Migrationshintergrund haben und demnach selbst dann, wenn sie faschistische Ideologien vertreten, nicht kritisiert werden dürfen?

Dass Verwunderliche ist doch, dass diese Paradoxie den Demonstranten eigentlich entsetzliche Kopfschmerzen bereiten müsste, sie es aber offensichtlich nicht tut. Wer sich für Freiheit und Demokratie einsetzt, der muss konsequenterweise jede faschistische Ideologie bekämpfen. Auf dem rechten Auge darf man sich keine Sehstörung dieser Form erlauben.

Dennis Walkenhorst, M. A. (28) ist Politikwissenschaftler und war Wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Politische Kommunikation und Risikosoziologie an der Universität Bielefeld.

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