Montag, 30. Juli 2012

Die leere Kälte eines bloßen Verfassungspatriotismus

Die Diskussion über Patriotismus ist in Deutschland bekanntlich jedes Mal wieder eine ganz besondere Herausforderung. Zuletzt hat sich das während der diesjährigen EM gezeigt, in der die Diskussionslinie zwischen verkrampft antideutsch und grundsätzlich antipatriotisch eingestellten Vertretern der Grünen Jugend einerseits und oberflächlichen „Sportpatrioten“ andererseits verlief. Letztere behielten dabei nicht zuletzt aus quantitativen Gründen das letzte Wort und verteidigten leidenschaftlich und heldenhaft das Recht, während einiger, weltgeschichtlich marginaler Sportereignisse Fähnchen ans Auto zu stecken und sie danach selbstverständlich ganz schnell wieder abzunehmen. Man ist schließlich nur Sportpatriot. Es geht um die Mannschaft, nicht um das Land. Zuviel Deutschlandliebe sollte nun auch nicht sein!

Die politisch Denkenden unter denen, die zu Zeiten von Fußball-Meisterschaften „Sportpatrioten“ sind, haben ein politisches Äquivalent für jene gelebte Oberflächlichkeit entwickelt, die sie „Verfassungspatriotismus“ nennen. Jener zeichnet sich in Deutschland insbesondere dadurch aus, dass er versucht, das Grundgesetz zum (einzigen) identitätsstiftenden Element der Nation zu erheben und das Prinzip von Demokratie und Menschenrechten zum Kern eines aktuellen Patriotismus zu machen. Mit dieser Berufung auf „die Geschichte ab 1945“ soll eine Brücke geschlagen werden zur „westlichen Wertegemeinschaft“, die es ermöglicht, sowohl im Grunde Patriotismus-skeptische Linke als auch Konservative und Liberale, die sich nach einem selbstbewussteren Deutschland sehnen, hinter ein gemeinsames Ziel zu versammeln und zugleich zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, indem man zusätzlich auch noch die westlich-atlantische Gemeinschaft zum notwendigen geografisch-politischen Kontext jenes Verfassungspatriotismus kürt und sie damit „alternativlos“ macht.

Ein solcher Versuch aber ist im Kern nicht nur lieblos, sondern gar paradox. Denn wer die Frage nach dem Wesen von Patriotismus generell – nicht nur die nach einem deutschen – beantworten will, der muss zunächst die Frage stellen, wie die Herausbildung von Identitätsempfinden funktioniert. Und hier kommt man sowohl auf individueller, als auch auf kollektiver (regionaler / nationaler) Ebene zu ähnlichen Antworten: Identität entsteht durch Differenz. Wer herausfindet, wer er ist, der findet dafür zunächst heraus, wer oder was er nicht ist. Identität bedeutet somit stets, auf jeder Ebene des Zusammenlebens, die Abgrenzung des „Eigenen“ vom „Anderen“. Gleichwohl gilt: Abgrenzung ist nicht gleichbedeutend mit „Abwertung“! Diesen Teil des Vorgangs haben Anti-Patriotismus-Hysteriker leider nie verstanden: Die Feststellung von Unterschieden zwischen mir selbst und anderen, zwischen dem eigenen Land und anderen Ländern bedeutet niemals automatisch eine Abwertung des Anderen. Im Gegenteil: So wie erst die Liebe zu sich selbst die Liebe von anderen ermöglicht, so ermöglicht auch die Anerkennung von Unterschieden durchaus ein bewusstes Schätzen dieser Vielfalt, die auf ihre Bewahrung anstatt auf ihre Verwischung hinausläuft.

Aber zurück zum Ausgangsproblem. Der Prozess der Herstellung von Identität zeigt, dass es eben bei der Findung eines bodenständigen deutschen Patriotismus nicht darum gehen kann, sich ausschließlich auf Merkmale eines Staates zu berufen, die dieser mit dutzenden von anderen teilt. Gerade dies ist dann eben kein notwendiger Bestandteil des Identitätskerns mehr, sondern ein anderes, im rechtlich-konstitutiven Sinne zwar alles andere als unwichtiges, aber eben kein „abgrenzendes“ Merkmal. Kurz gesagt: Wer Deutschland nur wegen seines Grundgesetzes liebt, der kann sich auch gleich an das geistesgeschichtliche Original liberaler politischer Systeme wenden und die USA lieben. Ein Verfassungspatriot ist kein Patriot, sondern Anhänger eines politischen Systems. Vergleichbar wäre dies mit einem Fußball-Fan, der doch bitteschön nicht sein Team lieben (womit auch immer das Nicht-Lieben, aber im richtigen Fall eben durchaus das Respektieren anderer Teams einher geht!), sondern gefälligst nur noch die Liebe zum Fußball als Ganzes bekunden soll. Dass dies für ihn alles andere als reizvoll ist, braucht nicht näher erläutert zu werden. Verfassungspatriotismus ist ein grauer, inhaltsleerer Rahmen mit einer spezifischen außenpolitischen Funktion, jedoch ohne Seele.

Echter Patriotismus ist nicht rationalisierbar wie ein x-beliebiges politisches Programm. Er kann nicht aufgezwungen werden; es kann aber ein Willkommensklima für ihn geschaffen werden, im Zuge dessen er sich von ganz allein ergibt, wie dies in anderen Ländern ebenfalls der Fall war. Patriotismus bedeutet „Vaterlandsliebe“ und ist damit eine sehr persönliche, emotionale Angelegenheit, die nicht exakt fass- oder beschreibbar ist, die sich aber aus der Identität eines Landes ergibt, die historisch immer weiter zurückreicht als ein politisches System. Ein moderner deutscher Patriotismus kann somit nicht ohne die deutsche Geschichte gedacht werden. Er darf und er muss sich positiv an entsprechenden Stationen der deutschen Geschichte vor 1933 orientieren, von denen es zweifellos viele positive gibt und welche ebenso zweifellos auch Eingang in die kulturelle Identität der Deutschen gefunden haben. Es wäre die Aufgabe sowohl der Politik als auch die von Schule und Medien, eben diese positiv herausstechenden Positionen, Wendepunkte und Ereignisse genauso zu vermitteln wie die negativen. Damit in Zukunft auch das Herz dabei ist – ohne Komplexe, ohne Aggressivität.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Anonyme Kommentare werden nicht veröffentlicht. Bitte geben Sie bei einem Kommentar Ihren richtigen Namen an. Dazu wählen Sie die Option "Name / URL". Die Angabe einer URL ist dafür nicht zwingend erforderlich. Verzichten Sie bitte auf Pauschalisierungen und bleiben Sie sachlich. Vielen Dank.