Samstag, 9. März 2013

"Normale Katastrophen": Für eine andere Sicht auf Krisen

Der amerikanische Soziologe Charles Perrow hat in den 80er Jahren einen risikosoziologischen Ansatz entwickelt, den er mit der Formulierung der „normal accidents“ umschrieb. Er schuf damit eine Katastrophensoziologie, die zur sozialen Systematisierung insbesondere von technischen Unfällen beitrug und zugleich die in Opposition etwa zu Ulrich Beck stehende These vermittelte, dass Unfälle und Katastrophen nicht grundsätzlich vermeidbar und daher ein Stück weit Normalzustand sind.

Ich meine: Angesichts der heute wieder ständig diskutierten „Krisen“ rund um Euro, Finanzen, Staatsschulden, Terrorismus und Atomkraft wird es Zeit, sich diese These wieder einmal ins Gedächtnis zu rufen und zu fragen, inwieweit sie etwa auch außerhalb von techniksoziologischen Fragestellungen zur Anwendung kommen kann und sollte.

In Zeiten wie diesen, in denen über die neue Hegemonie des linksgrünen Zeitgeistes auch eine Art neuer politischer Utopismus Einzug gehalten hat (Vision: ein ökosozialistischer, quotierter und multikultureller Superstaat EU), ist auch der Umgang mit Krisen und Risiken ein anderer geworden – wie es immer der Fall ist, wenn semitotalitärer Utopismus zum Mainstream wird. Hier kommt eine andere Größe der Risikosoziologie ins Spiel: Die Anthropologin Mary Douglas umschrieb diese Art der politischen Kultur in ihrer „Cultural Theory“ mit dem Begriff der egalitären „Sektierer“. Eine Form der politischen und sozialen Herangehensweise, die zum „Nullrisiko“ tendiert: Risiken sollen komplett vermieden werden, Krisen und „Unglück“ mittels vor allem natürlich staatlicher Intervention eliminiert werden. Am Ende steht die Vision eines moralisch reinen, sicheren, glücklich machenden Utopia.

Dieser politischen Kultur stellt Douglas in ihrer Typologie außerdem die Kulturen der Hierarchie (Konservatismus), des Fatalismus (Politikverdrossene) und des Marktindividualismus (Liberalismus) gegenüber. Erster will die Dinge zwar staatlich regeln, kennt dabei aber keine Utopien oder Visionen. Fatalisten ist es einfach egal. Der Individualist wiederum verfolgt das Trial-and-Error-Prinzip: Fortschritt wird als Chance begriffen, absolute Sicherheit als unrealistisch abgetan, Freiheit als höchster Wert angesehen.

Nun hatten es gerade soziologische Typologien stets an sich, dass sie analytische Kategorien schaffen, die Reinformen von etwas darstellen, die in der Empirie eher als Mischmodelle vorkommen. Mit der neuen Dominanz des grünen Mainstreams jedoch ist ernsthaft die Frage zu stellen, ob wir nicht immer mehr auf eine Reinform dieses moralistisch-egalitären Sektierer-Typus hinsteuern – und ob hier nicht mit Elementen anderer politischer Kulturen gegen gesteuert werden sollte. Die Kultur des Marktindividualismus bietet hier einen erfrischenden Ansatzpunkt. Ein Gedanke übrigens, der keineswegs bestreitet, dass keine politische Kultur ohne Hierarchien auskommen kann, wenn sie funktionsfähig bleiben will. Es geht also in der Zielsetzung nicht um neue „Reinformen“, sondern um besser dosierte Mischverhältnisse. Dies sei insbesondere den Lesern vorausschickend erklärt, die jetzt gerade schon dabei waren, in den üblichen anti-liberalen Beißreflex zu verfallen.

Aufmerksame Beobachter politischer Vorgänge konnten in den letzten Jahren immer wieder erkennen, wie echte oder vermeintliche Krisen gezielt genutzt wurden, um dadurch politische Veränderungen zu bewirken. Im Falle von Terrorismus (Al Qaida oder NSU) und Sicherheitsgesetz-Verschärfungen ist dies besonders sichtbar, ebenso aber bei der Eurokrise, die genutzt wird, um durch die Hintertür die Voraussetzungen für einen neuen Super-Staat und eine leistungsfeindliche Wirtschaftsordnung zu schaffen. Das Resultat besteht in zunehmender Gewalt in griechischen Städten, Deutschenfeindlichkeit dort und in Italien sowie Massenprotesten in Spanien. Die Fukushima-Katastrophe wiederum, die in ihren Auswirkungen hinsichtlich Verstrahlungen eigentlich längst nicht so dramatisch ausfiel, wie von dutzenden von deutschen Journalisten prophezeit wurde, machte eine ganze politische Klasse zum hysterischen Hühnerhaufen, der ein ganzes nationales Politikfeld (Umwelt & Energie) binnen weniger Tage komplett auf den Kopf stellte. Die Rechnung dafür bekommen wir nun auf den Tisch.

Der angestrengte Versuch der Krisenvermeidung führt zum Gegenteil. Die Nicht-Akzeptanz der „normalen Katastrophen“ verschärft eben diese und macht sie zu „unnormalen Katastrophen“. Entweder durch Hysterie (Energiewende) oder aber durch undemokratische Hektik und die gezielte, eigenverantwortungsfeindliche Verhinderung von Lerneffekten (krampfhaftes Verhindern von Euro-Austritten, metaphorisches „Alkohol-Liefern an Alkoholiker“). Die Parallelen der Makro-Ebene mit der Mikro-Ebene des Alltags werden hier deutlich. Indem man krampfhaft versucht, Krisen und die daraus entstehenden harten Aufpralle „abzufedern“, werden Lerneffekte konsequent verhindert und die Krisen noch mehr in die Länge gezogen als eigentlich nötig. Ähnlich nun in der Bildungspolitik: Sitzenbleiben soll abgeschafft werden. Bloß kein Unglück. Bloß keine negativen Folgen. Schaffen wir lieber das Paradies auf Erden.

Doch Leute, die nie Schatten gesehen haben, können sich nicht am Licht erfreuen. Wer nie die Krise erlebt hat, wem eigene Fehler nie bewusst geworden sind, der kann aus ihnen auch nicht lernen. Kinder, denen nie Grenzen gezeigt wurden, Jugendliche, deren Fehler – sei es Gewalt, Drogen oder auch nur Faulheit – nie sanktioniert worden sind, werden am Leben mit hoher Wahrscheinlichkeit scheitern. Erst das Erleben und Akzeptieren einer Krise schafft das Glück im Nachhinein. Fehler, Krisen, Katastrophen und Unfälle sind Teile des Lebens und der Gesellschaft. Politisches Ziel muss es daher sein, diese nicht als Schreckgespenster zur Panikmache und für totalitären Utopismus zu missbrauchen, sondern sie zwar als Fehlerquellen kenntlich zu machen, aber aus ihnen zu lernen und in der gebotenen Gelassenheit zu akzeptieren. Ein altes Sprichwort, das einem in diesem Zusammenhang nicht sofort einfällt, aber diese Erkenntnis dennoch treffend zusammenfasst, lautet: „Not macht erfinderisch“. Es sind die Krisen, die Notlagen, die Probleme, die das Beste aus uns herausholen, sei mit „uns“ nun die Gesellschaft als Ganzes gemeint oder wir als Einzelpersonen.

So schwer es uns und einem selber – der Autor nimmt sich davon übrigens nicht aus, man möge diesen Text also bitte nicht als moralischen Zeigefinger, sondern als Vorschlag verstehen – also manchmal auch fallen mag: Wir sollten einen gelasseneren und nachdenklicheren Umgang mit Krisen wagen. Oft genug haben wir dies auch selbst in der Hand: Nicht, wenn es um unmittelbare Gefahr für Leib und Leben geht; durchaus jedoch dann, wenn besonders psychologische Faktoren im Spiel sind – sei es in Form des Finanzsystems und seiner Krisen, sei es in Form persönlicher Krisen. Auch Krisen sind sozial konstruiert und entfalten daher ihre teils panik- oder zumindest angsterzeugende Macht über Wahrnehmungen, Interpretationen, Reflexe und Assoziationen, die jedoch dekonstruiert werden können. Sicher – es wird nicht immer funktionieren. Gesünder und effektiver als in vorauseilender Panik und krampfhaft zu versuchen, jede Krise, jedes Unwohlsein, jedes Unglücklich-Sein von Vornherein zu verhindern (und dadurch alles nur noch schlimmer zu machen), ist dies jedoch allemal.

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