Dienstag, 30. April 2013

Beendet den Patriot-Einsatz in der Türkei!

Vor wenigen Monaten haben Bundesregierung und Bundestag ihre Zustimmung zum Einsatz der Bundeswehr an der türkischen Grenze zu Syrien gegeben, bei dem diese durch das Flugabwehrsystem Patriot vor etwaigen syrischen Angriffen geschützt werden soll. Doch auch wenn diese von der Türkei erbetene Maßnahme der NATO nicht der Einrichtung einer Flugverbotszone dienen soll, welche eine (noch tiefere und dramatische) Verwicklung des Westens in den syrischen Bürgerkrieg wahrscheinlich machen würde, ist grundlegend zu bezweifeln, dass der Einsatz deutschen Interessen dient.

Wird Deutschlands Sicherheit und Freiheit nun nicht nur am Hindukusch, sondern auch an der türkisch-syrischen Grenze verteidigt? Wohl kaum. Verteidigt werden hier wohl, wie in letzter Zeit so häufig seitens des Westens, die Großmachtbestrebungen des türkischen Premiers Erdogan, der keine Gelegenheit ungenutzt lässt, um mit den Säbeln zu rasseln, dabei alte osmanische Größe zu beschwören und seinen Einfluss in der Region auszudehnen. Eine ernsthafte Bedrohung für die Türkei durch Angriffe Assads existiert dabei derweil kaum: Das syrische Regime hat wahrlich genug mit der innenpolitischen Situation zu tun und kann es sich schwerlich leisten, die NATO, welche momentan ohnehin durch die Gerüchte um Chemiewaffen-Einsatz zunehmend unter Handlungsdruck steht, auch noch zusätzlich durch gezielte Angriffe auf ein Bündnismitglied zu provozieren. Sprich: Erdogan will eine Machtdemonstration, wobei er das Militärbündnis und dabei insbesondere Deutschland gezielt instrumentalisiert.

Gedankt wird Deutschland sein Einsatz für türkische Interessen nicht. Dies wurde an dem alles andere als herzlichen Empfang deutlich, den das türkische Militär den Bundeswehr-Soldaten bereitete: Mehrere einzelne körperliche Angriffe, soziale Isolation und miserable, unhygienische Bedingungen bei der Unterkunft führten zu einer kleinen diplomatischen Krise, die durch einen dauerbeschwichtigenden Bundesverteidigungsminister kleingeredet wurde. Wenn es um außen- und bündnispolitische Gefälligkeit geht, scheinen deutsche Politiker regelmäßig jede nur ansatzweise vorhanden gewesene Form von Selbstbewusstsein konsequent abzustreifen, um fortan „flexibel“, „pragmatisch“ und „geschmeidig“ sämtliche Missstände an der Basis wegzudiskutieren. Übrigens: Immer noch ärgerlich, aber wenigstens nicht ganz so frustrierend zu beobachten wäre dies, wenn es die andere Seite in derlei Fällen wenigstens genauso handhaben würde. Auf diplomatische Handreichungen, Rücksichtnahme, gebetsmühlenartige Toleranzformeln und sozialpädagogisch anmutende Beschwichtigungs-Phrasen seitens der Erdogan-Regierung wartet man allerdings seit vielen Jahren, im Grunde seit Beginn ihrer Amtszeit vergeblich. Stattdessen gibt sich der türkische Premier bereits seit langem wie ein diplomatischer Elefant im Porzellanladen, der internationale Konferenzen primär als Foren für Pöbelei nutzt und in weltweit streuenden Brandherden wie dem Nahostkonflikt stets sein eigenes, für alle anderen Akteure kaum berechenbares, verantwortungsloses, machtpolitisches Spielchen treibt.

Irgendwann ist es an der Zeit, Regierungen die Grenzen möglicher und gewollter Unterstützung von außen aufzuzeigen. Hinsichtlich der Türkei ist dieser Zeitpunkt längst gekommen. Sicherlich hat jeder souveräne Staat dieser Welt das Recht, Machtpolitik zu betreiben und seinen außenpolitischen Einfluss auszudehnen, solange er sich damit dennoch weiterhin im Rahmen des Völkerrechts bewegt. Es gibt jedoch keinerlei Recht darauf, von Staaten, die sich bislang als Partner betrachtet und sich auch so verhalten haben, wie selbstverständlich Schutz vor einem Regime einzufordern, welches man selber zuvor regelmäßig provoziert hat, und, nachdem auf diese Forderung eingegangen wurde, schließlich noch die einen fütternde Hand zu beißen, indem die vorgeschickten Soldaten des Partners demonstrativ wie unerwünschte Fremdkörper behandelt werden. 

Die Mitgliedschaft in einem Bündnis wie der NATO kann sich zu Ungunsten interessengeleiteter Außenpolitik des jeweiligen Staates auswirken. Sie kann aber dennoch nicht seine Souveränität aufheben. Wenn sich die deutsche Bundesregierung zu souveräner Außenpolitik in der Lage sieht, so setzt sie ein Zeichen – und beendet den Patriot-Einsatz der Bundeswehr in der Türkei zeitnah.

Donnerstag, 4. April 2013

Politik und Kunst - Ein unvereinbarer Gegensatz

Zumindest in den Teilen der Welt, in denen sich soziale Exklusion in Grenzen hält, bekleidet jeder Mensch in jedem Funktionssystem der Gesellschaft entweder eine Leistungs- oder eine Publikumsrolle. Unternehmer haben eine Leistungsrolle in der Wirtschaft inne, jeder ist aber irgendwann einmal Konsument und damit in der Publikumsrolle des Wirtschaftssystems. Politiker haben eine Leistungsrolle im politischen System, aber jeder hat alle paar Jahre die Gelegenheit zu wählen. Musiker haben Leistungsrollen im Kunstsystem, aber jeder rezipiert irgendwann einmal Musik, Gemälde oder Bücher. Jeder ist überall Publikum und in einigen wenigen Bereichen auch in Leistungsrollen, die dann seine Profession, seinen Beruf bilden.

Manche haben gar zeitgleich mehrere Professionen inne und bekleiden somit mehrere Leistungsrollen nebeneinander. Manche Abgeordnete etwa führen nebenher eine Kanzlei oder ein mittelständisches Unternehmen. Es soll gar Politiker geben, die zeitgleich im universitären Bereich arbeiten. Es sind verschiedene Kombinationen denkbar. Es existieren jedoch auch Unvereinbarkeiten. Und damit sind nicht nur jene gemeint, die sich aus rechtlichen Normen ergeben, etwa betreffend den verminderten beruflichen Spielraum von Beamten. Nein, die Unvereinbarkeiten berühren auch Dimensionen, die nicht formaljuristischer Natur sind – doppelte Leistungsrollen, die formal rechtens wären und sind, aber in der Konsequenz in ihrer Dopplung nicht mehr ausreichend erfüllbar sind.

Das (unmögliche?) Zusammenspiel von Politik und Kunst ist so ein Bereich. Politische Leistungsrollenträger sind im heutigen, medial überfrachteten Zeitalter einer dauerhaften Beobachtung ausgesetzt, die sehr hohe und sehr spezifische Erwartungen mit sich bringt. Ein Politiker muss nicht einfach nur ein guter Politiker sein. Ein Politiker, der etwas werden, der etwas sein will, muss auch eine gute Privatperson sein. Er darf seine Frau nicht betrügen, er darf keine Charakterfehler haben, er muss rational und doch emotional genug sein, um Sympathien zu erringen, er darf keine Schulden haben, er darf keine Schwächen zeigen und er muss im richtigen Moment aus dem Stand heraus lächeln, lachen, Hände schütteln, Schultern klopfen und Witze reißen können. Sicher: Jeder weiß eigentlich, dass diejenigen Politiker, die all dies schaffen, dabei kaum authentisch sein können, da sie sonst kaum echte Menschen wären. Andererseits nimmt man diese offenkundige Heuchelei in Kauf – denn trotz der allgemeinen Sehnsucht nach dem „authentischen“ Politiker mit den vielgerühmten „Ecken und Kanten“ wird dieser, sofern er denn mal auftaucht und tatsächlich die seltene Gelegenheit des politischen Aufstiegs erhält, in den seltensten Fällen in die echten Spitzenpositionen gewählt. Letzten Endes will man dann doch lieber den Heuchler, den mit dem Corega-Tabs-Lächeln, den Menschen ohne Fehler.

Künstlerischen Ansprüchen, die über die eher durch Wirtschafts- als durch Kunstlogik definierte Casting-Band-Musikfabrikation für Unterhaltungsmedien hinausgehen, steht diese Anforderung geradezu im Kern entgegen. Zwar ist auch das Kunstsystem nicht durch die Unterscheidung von authentisch / un-authentisch codiert, sondern durch die Unterscheidung von ästhetisch / unästhetisch. Jedoch ist es gerade ein Merkmal von Ästhetik, dass diese ohne die Zurechnung von Authentizität kaum auskommen kann. Plastischer ausgedrückt: Ein Lied, ein Gedicht, ein Bild, ein Theaterstück, ein Film – alle müssen sie, wenn sie als Kunst und nicht bloß als schnödes, von wirtschaftlichen Erwägungen gesteuertes DSDS-mäßiges Entertainment anerkannt worden wollen, so gemeint sein. „Wenn du die Worte nicht meinst, dann bedeuten sie nichts“, heißt es in dem Kurzfilm „MissBerlin – The audition“, der den (inneren) Vorgang des Schauspiels für den Schauspieler selbst reflektiert. In der Musik ist es nicht anders: Jene Musik gilt als Kunst, die „von Herzen kommt“, die Gefühl vermittelt und nicht pure Technik, die kantig und „roh“ ist und nicht „überproduziert“ und glattgeschliffen-fließbandartig. Große Schriftsteller sind stets die mit Tiefgang, nicht die Fließbandfabrikanten von Trivialliteratur und kitschigen Arztromanen. Diese nämlich bieten in ihren Heile-Welt-Szenarien keine Authentizität – und somit keine künstlerische Ästhetik.

Die Unvereinbarkeiten von Politik und Kunst werden langsam deutlich. Der politische Leistungsrollenträger ist in der Konsequenz auf die Verwischung von Authentizität zwecks Herstellung des Anscheins von Perfektion angewiesen. Der künstlerische Leistungsrollenträger hingegen braucht gerade die Zurechnung von Authentizität, denn ansonsten gilt er als seelenloser Trivial-Fabrikant, der die wahrhaftige Kunst wirtschaftlichen Profitinteressen opfert und damit andere, ernstzunehmende Künstler entwertet und beleidigt.

Je weiter die technische Entwicklung voranschreitet, je größer die Bedeutung von Neuen Medien und besonders sozialen Netzwerken im Internet wird, desto ausgeprägter ist die Beobachtung gerade von politischen, aber auch künstlerischen Leistungsrollenträgern. Und desto deutlicher treten die oben dargestellten Unterschiede somit zu Tage.

Mit Politikern vergleichbare Verhaltensweisen legen insbesondere solche Schauspieler und Musiker an den Tag, welche ohnehin bereits den Ruf der Oberflächlichkeit genießen: Die „Pop-Sternchen“, die Meister des Hollywood-Doppelbussis, des strahlenden Kamera-Lächelns und des Markus-Lanz-tauglichen Smalltalks. Kanten hingegen erlauben sich dagegen diejenigen, die gemeinhin als echte Künstler rezipiert werden – sie lassen Launen, Sympathien, aber eben auch Antipathien frei heraus, sagen, was sie gut und was sie doof finden, lächeln, wenn ihnen danach ist, und lächeln nicht, wenn nicht. Manchmal trifft die Doppelbussi-Welt der Unterhalter auf die Authentizitäts-Welt der Künstler – wie das ausgeht und in welch teilweise grotesk-loriotesken Interaktionssystemen dies endet, konnte man jüngst beim TV-Auftritt Katja Riemanns beobachten. Der Clash zweier Kommunikationssysteme, live und in Farbe.

Und nun stelle man sich dies einmal mit einem Politiker vor! Man stelle sich vor, ein Politiker würde sich erlauben, nicht nur, wie es mit Wolfgang Kubicki immerhin ein prominenter Politiker tut, seine Sympathien und Antipathien klar zu benennen, sondern auch noch, wie Riemann es in einem Akt medialer Emanzipation tat, seinen Stimmungen und somit seinen Gefühlen einfach freien Lauf zu lassen! Einfach mal nicht auf jede noch so dumme Frage antworten. Manche Menschen, Dinge, Sätze, Frisuren, Orte einfach mal doof finden und dies auch offen sagen. Unsympathische Menschen spüren lassen, dass man sie unsympathisch findet. Die politische Karriere wäre von heute auf morgen an ihr Ende gelangt.

Dies sind freilich nur Begleiterscheinungen eines authentischen Künstlerdaseins. Dennoch macht ihr beschriebener Kern auch die Kunst selbst aus: Songtexte, Gedichte, Bücher, Bilder, sie alle drücken Emotionen aus, zeigen also das, was der Politiker nicht offen legen darf, da dies die Nicht-Perfektion seiner Person entblößen würde. Ein Politiker, der in die ernstzunehmende Kunst einsteigt, muss sich dadurch so tief in sein Innerstes blicken lassen, dass dies unweigerlich in seiner medialen Selbstdemontage enden würde: Ein Gedicht über Liebeskummer? Unmöglich. Es würde sogleich Zeitungsartikel regnen, in denen über Eheprobleme des betreffenden Politikers spekuliert wird. Die Inhalte träten noch mehr in den Hintergrund als ohnehin schon. Ein gemaltes Bild zu den Themen Tod, Gott oder Jenseits? Boulevardzeitungen würden öffentlich eine schwere Krankheit diagnostizieren, die die Fortführung der politischen Arbeit natürlich sogleich in Frage stellt. Ein Lied über Sex, Drugs & Rock n Roll? Man würde mindestens Alkoholismus, Fremdgehen und gewalttätige Neigungen unterstellen, was spätestens den nächsten Staatsbesuch zum Spießrutenlauf machen würde.

Je mehr hypothetische Situationen man durchspielt, desto mehr zeigt sich: Es existieren soziale Unvereinbarkeiten ganz abseits von gesetzlichen Verboten. Was die Moral von der Geschichte ist, mag der Leser sich nun fragen. Zwar vertrete ich nicht die Auffassung, dass jede Geschichte so etwas braucht, dennoch soll dieser Aspekt hier nicht vernachlässigt werden. Ich meine: Es täte uns gut, von der Erwartung des perfekten Politikers mit dem Corega-Tabs-Lächeln endlich (wieder) Abstand zu nehmen und ihm Kanten zu erlauben. Denn genau diese Erlaubnis wäre es, die dem Politiker die nötige Freiheit und Unabhängigkeit sichert. Erst dadurch hat er die wirkliche Freiheit, seinem Gewissen zu folgen, sprich: sich unbeliebt zu machen – bei Partei, Fraktion, Journalisten, Lobbyisten. Nur wer auch mal Fehler zeigen darf, handelt am Ende frei.

Ganz abgesehen davon: Es macht auch in psychisch-emotionaler Hinsicht den Kopf frei, sich künstlerisch-kreativ zu betätigen. Den Politikern und dem politischen Betrieb kann dies nur gut tun. Übrigens nicht nur auf EU-, Bundes- oder Landesebene.