Mittwoch, 30. Oktober 2013

Liberale Leitfiguren I: Gustav Stresemann und die DVP

Bekennt man sich heutzutage zum Nationalliberalismus, so hat dies nicht selten ein reflexhaftes Zusammenzucken etwaiger linksgrüner Zuhörer oder Leser zur Folge. Wie bitte, was? Eine politische Einstellung, die das Wort „national“ beinhaltet? Das kann ja nur Teufelszeug sein! Übrigens: Derartige – wie wir sehen werden: historisch unkundige – Reaktionen und Assoziationen kommen interessanterweise nicht nur aus dem linken Spektrum, sondern nicht selten auch von ideologischen Libertären, die sich als moderne Nachfolger Eugen Richters und des grenzenlosen „Manchester-Liberalismus“ betrachten. Wie borniert und uninformiert derlei Reaktionen sind, macht die Erinnerung an den legendären Weimarer Reichskanzler und Außenminister Gustav Stresemann und seine Deutsche Volkspartei (DVP) deutlich.

Die DVP etablierte sich bereits frühzeitig in der Weimarer Republik als eine politische Kraft, die Republik und Demokratie vor Angriffen zu verteidigen gewillt war. Sie hatte dabei diejenige Position im bürgerlichen Kontext inne, die die Sozialdemokratie für die Arbeiterschaft vertrat: Sie machte die demokratische Republik bei einer wahlentscheidenden Klasse des Landes politisch anschlussfähig. Bereits 1919 bekannte Stresemann: „Wir dürfen nicht von einem Blutbad zum anderen schreiten. (…) Der Weg zu innerer Ruhe kann nur gehen auf dem Boden republikanischer Staatsform. Deshalb arbeiten wir an ihr mit.“

Diese Arbeit der DVP sollte sich zumindest im Laufe der 20er Jahre noch als fruchtbar erweisen. Stresemann verzeichnete als Reichskanzler, besonders aber als Reichsaußenminister eine Bilanz, die seinen international anerkannten Ruf als weitsichtiger Politiker und Diplomat festigte. Und dabei hatte er es alles andere als leicht: Stresemann operierte und handelte innerhalb eines fragilen politischen Systems, das von Angriffen von links außen und rechts außen beständig in seiner Existenz bedroht war, und dies zugleich auf der Basis von ebenso fragil zusammengebastelten Regierungskoalitionen.

Seine Außenpolitik verknüpfte patriotische und liberale Werte gleichermaßen miteinander. So arbeitete Gustav Stresemann daran, Deutschland – nicht zuletzt auch, ähnlich der frühen Bundesrepublik, auf wirtschaftlicher Basis – auf friedliche Weise wieder einen gleichberechtigten Platz an der Seite der anderen Mächte und in der Staatengemeinschaft zu ermöglichen. Der Weg dahin führte über verschiedene Stationen und Herausforderungen, die für ihn unter schwierigen Bedingungen und unter anfänglichem internationalem Misstrauen zu meistern waren. Schnell gewann er jedoch, wohl auch durch persönliche Integrität, das Vertrauen und die Freundschaft britischer, französischer und amerikanischer Kollegen.

Nicht zuletzt dies dürfte dabei geholfen haben, dass Verträge wie der von Locarno implementiert wurden, der den innenpolitisch umstrittenen Beitritt Deutschlands zum Völkerbund einleitete und Stresemann später den Friedensnobelpreis einbrachte. Es folgte der Berliner Vertrag von 1926, der das Rapallo-Abkommen erweiterte und einen Freundschaftsvertrag zwischen Deutschland und der UdSSR darstellte. Stresemann erhoffte sich hierüber neue Verständigungsmöglichkeiten zwischen den Mächten über geografische und ideologische Grenzen hinweg.

Es wird deutlich: In einer der fragilsten und kritischsten Phasen der deutschen Geschichte zeigte sich der Nationalliberalismus, vertreten durch Stresemann und die DVP, als eine Kraft, die nach innen wie nach außen stabilisierend und integrierend wirkte, für Demokratie und Republik genauso wie für den internationalen Frieden. Historische Fakten wie diese sind es, die demonstrieren, wie ein fairer Blick auf das, was Nationalliberalismus auch heute noch ausmacht, aussehen sollte – ganz ohne politisch korrektes Zusammenzucken.

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