Sonntag, 8. Dezember 2013

Liberale Leitfiguren III: Friedrich Naumann, der Vordenker

Der Mann, nach dem die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF) benannt worden ist, war nicht nur ein liberaler Politiker und Vordenker, sondern auch evangelischer Theologe. In beiden Bereichen setzte Naumann wichtige Maßstäbe, die geistesgeschichtlich wie politisch noch heute von entscheidender Relevanz sind.

So gilt Naumann als herausragender Vertreter der theologischen „Zwei-Reiche-Lehre“, die Christoph Mack als Versuch beschreibt, „die Sphäre der Religion und der Politik methodisch auseinanderzuhalten“ (Mack 2011: 70). Von Naumann stammen dazu folgende, hochinteressante Ausführungen, die sein zutiefst liberales Religionsverständnis zum Ausdruck bringen: „Deshalb fragen wir Jesus nicht, wenn es sich um Dinge handelt, die ins Gebiet der staatlichen und volkswirtschaftlichen Konstruktion gehören. (…) Wir kehren zum alten großen Doktor deutschen Glaubens zurück, indem wir politische Dinge als außerhalb des Wirkungskreises der Heilsverkündigung betrachten. Ich stimme und werbe für die deutsche Flotte, nicht weil ich Christ bin, sondern weil ich Staatsbürger bin und weil ich darauf verzichten gelernt habe, grundlegende Staatsfragen in der Bergpredigt entschieden zu sehen“ (Naumann 1916: 83 f.; zitiert in Mack 2011: 59).

Was Naumann damit beschreibt und, indem er es normativ artikuliert und somit als Theologe und als Politiker sowohl zur Selbstbeschreibung des Religionssystems als auch des politischen Systems beiträgt, selbst vorantreibt, ist nicht weniger als die funktionale Differenzierung der Gesellschaft. Hierin zeigt sich die Vorstellung eines operativ geschlossenen politischen Systems, welches ungesteuert durch eine etwaige religiöse Logik funktioniert – legitimiert durch einen Theologen höchstselbst. Dieser akzeptiert dabei offen den möglichen Widerspruch seiner jeweiligen sozialen Rollen zueinander (Staatsbürger vs. Christ).

Friedrich Naumann war aber nicht nur in theologischer bzw. religionspolitischer Hinsicht ein moderner Theoretiker, sondern auch in seiner Rolle als Architekt der Republik, die der als erster Vorsitzender der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) 1919 in der Weimarer Nationalversammlung wahrnahm, in der er über die Weimarer Reichsverfassung mitverhandelte. Eine Position und ein Wirken, das heute leicht vergessen und / oder bei Seite geschoben wird von jenen, die sich aus der Perspektive des zeigefingerwedelnden moralisch einwandfreien Gutmenschen des 21. Jahrhunderts meinen erheben zu können über politische Positionen, die heute entweder politisch unkorrekt wären oder auch nur so klingen, damals jedoch zum Mainstream gehörten und im politischen Spektrum nicht einmal rechts, sondern allenfalls „mittig“ verortet waren.

Besondere Kritik trifft dabei Naumanns Buch „Mitteleuropa“ (1915), in dem er sich für eine deutsche Führungsrolle in Europa einsetzt und aus der Sicht von Kritikern einen „liberalen Imperialismus“ zu konzipieren versucht. Dass die Legitimation machtbasierter Außenpolitik im wilhelminischen Deutschland so üblich war wie sie es heutzutage etwa in den Vereinigten Staaten von Amerika noch immer ist, wird im Zuge von derlei Kritik gerne unterschlagen und (bewusst?) verdrängt.

Noch oberflächlicher und substanzloser mutet dabei aber eine Kritik an, die bisweilen besonders aus dem Kreise der modernen Libertären und Klassisch-Liberalen erklingt, die im Zuge dieser keinen Versuch verstreichen lassen, eine Umbenennung der FNF in eine „Eugen-Richter-Stiftung“ vorzuschlagen – nach dem Reichstagsabgeordneten, der sich als bekanntester deutscher Manchester-Liberaler und „Marktradikaler“ hervortat. So verweisen moderne Anhänger Eugen Richters (die dann konsequenterweise zumeist auch Hayek- und Mises-Anhänger sind) gerne auf Naumanns frühe politische Heimat im Kaiserreich, den „Nationalsozialen Verein“ (NSV).

Die Assoziationen, die dieser Name mit seiner Wortkombination heutzutage instinktiv hervorruft, müssen an dieser Stelle nicht erklärt werden und sind wohl auch nicht weiter verwunderlich. Fundierte Kritik sollte jedoch etwas weiter reichen als nur rein assoziativ begründbare Bauchschmerzen zu artikulieren. Dass der NSV keineswegs ein Vorgänger irgendeiner Form des späteren Nationalsozialismus war, sondern vielmehr erstmals versuchte, nationalliberale Ziele mit einem frühen Verständnis von dem zu verbinden, was man heute als Sozialliberalismus bezeichnen würde, ist ebenfalls ein historisches Faktum, das von so manchem, gerade libertären Kritiker bewusst unterschlagen wird.

Dahinter steckt zumeist eine Argumentation, die man als sachlich beobachtender und argumentierender Diskutant der Materie nur als perfide bezeichnen kann. Denn primär sind es wohl die sozialen Elemente, die den modernen Libertären und „Manchester-Liberalen“ Bauchschmerzen machen, welche es nicht ertragen können, dass ein früher Theoretiker noch heute geehrt wird, der es gewagt hat, die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts (vgl. Mack 2011: 57) auch gegenüber dem Liberalismus zu thematisieren und damit dem Manchester-Liberalismus eine seiner größten Schwächen vor Augen zu führen.

Da eine Kritik am Aufgreifen der im 19. Jahrhundert außerordentlich relevanten und entscheidenden Sozialen Frage in der heutigen Zeit mit dem heutigen historischen Wissen über Armut und Nöte weiter Teile des Volkes zu jener Zeit im heutigen politischen Mainstream nur schwerlich anschlussfähig wäre, muss eben auf eine Kritik zurückgegriffen werden, die heute anschlussfähiger ist und beim politisch eher undifferenziert denkenden Zuhörer stets schnelles Hyperventilieren erzeugen kann: Nämlich die Kritik am Aufgreifen der nationalen Frage, die im 19. Jahrhundert nicht weniger, aber eben auch nicht zu Unrecht die Gemüter bewegte. Kurz gesagt: Naumann wird von libertärer Seite also lauthals im empörten Wutbürger-Tonfall das nationalliberale Element seines politischen Schaffens zum Vorwurf gemacht, um damit insgeheim die Erinnerung an sein sozialliberales Erbe zu tilgen, die dem Minimalstaatler damals wie heute schon immer ein Dorn im Auge war. Ein Vorgehen, das man mit einiger Berechtigung als unehrlich, verzerrend, undifferenziert und platt bezeichnen könnte.

Dabei liegt gerade in dieser historisch seltenen, über den Tellerrand hinaus gedachten Verknüpfung von Liberalismus und Nation einerseits und dem sozialen Gedanken andererseits eine besondere Leistung Friedrich Naumanns, die jede Würdigung, die sie heute auch durch die Existenz und das Wirken der FNF erfährt, absolut verdient. So stammen von Naumann auch die Sätze „Nation bedeutet Kraft nach außen und Bürgerrecht im Innern“ und „Nationalitätsgedanke und Volksrecht sind nur zwei Seiten einer Medaille“.

In beiden Sätzen kommt auf prägnante Weise die Einsicht zum Ausdruck, dass eine umfassende individuelle Freiheit ohne funktionierende nationalstaatliche Strukturen und Identität nicht zu verwirklichen ist. Denn zu liberaler Politik gehört immer auch der Anspruch, ein Leben in sozialer Sicherheit zu ermöglichen, welches seinerseits das Fundament dafür darstellt, um ein Leben in Freiheit führen zu können. Es ist vor allem diese Erkenntnis, die wir Friedrich Naumann zu verdanken haben und die es in jedem Falle rechtfertigt, sich seiner auch weiterhin, sowohl über das Wirken einer nach ihm benannten Stiftung als auch darüber hinaus, zu erinnern.

Literatur

Mack, Christoph (2011): Friedrich Naumann – Symptom und Prototyp einer Theologie der Krise? Annäherungen an ein zeitgenössisches Paradigma. In: Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung, 23. Jahrgang 2011. Nomos, Baden-Baden.

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