Montag, 7. April 2014

Humor und Moral

Ein Gastbeitrag von Dennis Walkenhorst 

"Über das Missgeschick eines Menschen spottet man nicht. Aber wenn es einen Anlass zum Scherzen gibt, schmunzle ich gern einmal..." (Loriot)

„Darüber macht man keine Scherze“. Jeder wird diesen Satz schon einmal gehört haben. Er steht geradezu exemplarisch für das verzwickte Verhältnis von Humor und Moral in unserer Zeit. Er umschreibt pointiert die Seite moralischer Beobachtung und Bewertung von Humor und humoristischer Kommunikation, die den Versuch unternimmt, ihm seine eigenen kommunikativen Grenzen aufzuzeigen. Für den Slapstick reicht es vielleicht gerade noch, das Establishment hat schon den ein oder anderen Seitenhieb verdient, aber dreht es sich beispielsweise um (oder wider) die eigenen Überzeugungen oder um eine in der eigenen Wahrnehmung als unterprivilegiert markierte Gruppe oder Person, dann „hört der Spaß auf!“.

Kurt Tocholsky behauptete dagegen: „Was darf die Satire? Alles“. Es ist wichtig zu bemerken, dass es gerade dieser Anspruch der Universalität der Zuständigkeit ist, der den Humor operationsfähig macht. Humor muss alles thematisieren können, sonst wäre er kein Humor. Würden sich Grenzen des Humors im Bereich des für ihn Möglichen befinden, würde die humoristische Kommunikation in sich selbst kollabieren. Humoristische Kommunikation könnte gar nicht anders, als diese Grenzen wiederum humoristisch zu überzeichnen, der Lächerlichkeit preiszugeben und sie damit wiederum zum Gegenstand ihrer selbst machen. Die Kommunikation muss anschlussfähig bleiben: „Der Gag heiligt die Mittel“ (Luhmann). Jeder Versuch der Einschränkung wirkt dann wie der berühmte Kampf gegen Windmühlen, denn "die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten" (wiederum Tucholsky).

Doch was geschieht, wenn eben jene moralische Kategorien bei der Beobachtung bzw. „Bewertung“ von Humor die Oberhand gewinnen? Wenn sich, wie aktuell oftmals gern diagnostiziert wird, wahre Empörungskulturen entwickeln und mehr und mehr Versuche unternommen werden, zu konditionieren, was Humor eigentlich funktional bearbeiten darf? Nun, in erster Linie tritt dann die eigentliche Paradoxie zutage, die dem Verhältnis von Humor und Moral zugrunde liegt. Der Humor – oder besser: der Humorist – kann gar nicht anders, als auf Verbots- und Konditionierungsversuche nur noch radikaler zu reagieren, seine Bemühungen zu intensivieren. Das Gelächter verstärkt sich in dem Maße, in dem die Absurdität der Empörungssituation sich intensiviert. Im Treibsand des Echauffierens verstärkt jedes gemütsgeregte Herumstrampeln nur den Sog der Lächerlichkeit auf der anderen Seite. Selbst ein plötzlicher Wechsel auf die Seite der Humoristen könnte nun in keinem Fall mehr authentisch wirken und Anschlussfähigkeit herstellen. Sobald der Prozess der humoristischen Thematisierung angelaufen ist, wird er für den Moralisten zum ausweglosen Dilemma.

Der Moralist muss also trennen, muss scharf abgrenzen. Er muss Achtung und Missachtung einführen und möglichst auf Personen beziehen. Humoristen, die sich über die falschen Dinge amüsieren, werden zur Persona non grata. Sie werden im besten Fall ignoriert und aus dem öffentlichen Raum ausgeschlossen, im ungünstigsten Fall – man denke nur an die hasstriefenden Reaktionen einiger gläubiger Muslime auf Mohammed-Karikaturen – auch aus ihrem eigenen Leben. Naturgemäß hat die Religion noch immer eine enge Bande zu ihrem Lebenspartner, der Moral. Und insbesondere in den Regionen, in denen sich Demokratie und Rechtsstaatlichkeit noch kaum oder nur in unzureichendem Maße verbreiten konnten, werden die Auswüchse dieser unheiligen Allianz deutlich, vor allem dann, wenn die Humoristen in New York oder Kopenhagen und die Empörer in Riad oder Damaskus sitzen.

Dabei kann das Missverhältnis von Humor und Moral immer noch am eindrucksvollsten vor unserer eigenen Haustür beobachtet werden. Ein Beispiel: Die vorsichtige Verschrobenheit der – trotz eines offensichtlichen Mangels an grammatikalisch Kompetenzen auf Seiten der Erschaffer – etablierten sprachmoralischen Verunfallungen durch das populäre „Gendern“, etwa der „Ministerin“ oder der „Mitgliederinnen“, wirkt im Echo der humoristischen Bearbeitung für den unterstützenden Moralisten wie pures Unverständnis einer sachlich doch eigentlich eindeutig zu beantwortenden und zumindest im Sinne der eigenen Ideologie alternativlosen Frage. Mit Blick auf die „Herren Professorinnen“ an der Uni Leipzig wirkt Luhmann‘s ironisierende Vorahnung aus dem Jahr 1997, dass „man befürchten muss, dass sie demnächst die Unsinnin auf die Gipfelin treiben“ wie eine maßlose Untertreibung. Der Humorist kann sich an dieser Stelle fragen, ob sich die humoristische Thematisierung überhaupt noch lohnt, wenn die Absurdität der nicht intendierten Komik schon dermaßen für sich selbst spricht, dass jede Form der weiteren Überzeichnung nur schwer vorstellbar erscheint. Manche Dinge sprechen für sich.

Der Moralist jedoch empört sich, zumeist aus purem Unverständnis. Er weigert sich dann selbst offensichtlichste Absurditäten anzuerkennen, denn die Ideologie überfrachtet alles. Dabei ist die Empörung ein Prozess, den er selbst in Gang bringt. Sie wird ihm nicht von außen, vom Humoristen verabreicht. Er produziert sie selbst. Einer der umstritteneren Humoristen unserer Zeit, Ricky Gervais, brachte den Umstand pointiert zu Papier: „A comedian's job isn't just to make people laugh, it's to make them think. If there's a meaning to it, and a substance and a bit of a depth, then you're doing something. Now, here's the rub: offence, is never given, its taken. If you're not offended by something, then there was no offence, it's as simple as that“.

Wie sehr sich auch Moral und Ideologie von den eigentlich für die Produktion von „Wahrheit“ zuständigen Institutionen des Wissenschaftssystems entfernen, kann besonders instruktiv an diesem Beispiel deutlich gemacht werden. Die ideologisch eingefärbten Grundsätze des „Genderns“ sind ausgerichtet auf das (hehre) Ziel einer absoluten Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Was damit aber leider, wie so oft in ideologischen Kontexten, einher geht, ist eine Vereinfachung der Komplexität der Realität, eine Überzeichnung der Figuren im Sinne der Ideologie. Der Umstand einer durchaus wünschenswerten Gleichberechtigung darf nicht zu der Annahme führen, dass es sich hier auch gleiche Akteure handelt. Die Evolutionsbiologie lehrt uns, dass nicht nur im mentalen, emotionalen und kognitiven Bereich Unterschiede bestehen. Auch in der Struktur des Gehirns lassen sich Differenzen beobachten (und das sollte nach rund 80.000 Jahren der biologischen und gesellschaftlichen Evolution des modernen Menschen auch nicht weiter verwundern, insbesondere dann, wenn sich die Lebensumstände von Mann und Frau erst im evolutionären Wimpernschlag der letzten 40-50 dieser 80.000 Jahre einigermaßen angleichen). Moral sorgt auch hier für eine Reduktion von Komplexität. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind beispielsweise wissenschaftliche Wahrheiten, Sensibilität und Sprachgefühl, ebenso wie notwendige Formen der Selbstreflexion und ein Blick auf die Kontingenz der Möglichkeiten der Thematisierung.

Was hier auch immer zu diagnostizieren bleibt, es scheint doch vor allem ein signifikanter und schon geradezu tragischer Mangel an Selbstironie vorzuherrschen. Vielleicht ist diese Unfähigkeit, über sich selbst und das, an was man glaubt, lachen zu können, den Einschränkungen der Beobachtung erster Ordnung – und sei es nur für einen Moment – zu entfliehen, sogar der Schlüssel zum eigentlichen Missverhältnis von Humor und Moral. In diesem Fall fehlt nämlich schlicht das Verständnis für die Operationsformen der humoristischen Kommunikation auf der Seite der Moralisten. Der Humorist, der sich mit diesem Dilemma schon des Öfteren auseinandersetzte, tendiert dann oftmals dazu, dem Zynismus, dem „Herz mit negativen Vorzeichen“ (E.M. Remarque) anheim zu fallen. Doch wer könnte es ihm unter diesen Umständen verdenken? An die Empörer gerichtet kann er nur appellieren: „If you are offended by something, walk away. I'm offended by things all the time but I haven't got the right not to be offended, and remember this: just because someone is offended it doesn't mean they're right.“ (Ricky Gervais).

Dennis Walkenhorst (30) ist Politikwissenschaftler (M. A.), Soziologie-Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS) und Promotionsstipendiat des Rektorates der Universität Bielefeld. Nähere Infos zu seinem Dissertationsprojekt sind hier zu finden.

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