Dienstag, 27. Mai 2014

Stadtbahnausbau nach Sennestadt prüfen

Nach dem Nein zur Linie 5 regt die Bielefelder FDP an, zu prüfen, wie die Sennestadt dennoch ans Stadtbahnnetz angebunden werden kann. Die Linie 5 sei vor allem aufgrund der problematischen Führung durch die Innenstadt und Heepen abgelehnt worden. „Die Anbindung der Sennestadt erscheint uns aber aus Stadtentwicklungsperspektive wichtig, ist mit weniger technischen Schwierigkeiten verbunden und wird von den zukünftigen Nutzern auch gewünscht“, so der FDP-Kreisvorsitzende Jan Maik Schlifter. 

Auch die Jungen Liberalen wünschen sich Überlegungen zum Stadtbahnausbau im Bielefelder Süden. JuLi-Vorsitzender Florian Sander: „Aus der Befragung spricht der klare Wille für eine Planung nach Sennestadt ohne den Heeper Ast. Die Stadtbahn wird dort dringend gebraucht, und wäre ein beträchtlicher Schritt zur Verbesserung der Mobilität gerade auch der jüngeren Bielefelder.“

Welche Fördermöglichkeiten bestehen, wie ausreichende Barrierefreiheit geschaffen werden kann und welche Technik zum Einsatz kommen könnte, sollte nach Vorstellung der Liberalen zeitnah in einer Art Machbarkeitsstudie geplant werden. Schlifter: „Die Linie 5 ist nicht die einzige Option, die Stadtbahn nach Sennestadt zu bringen. Die anderen Möglichkeiten sollten nun rasch konkretisiert werden.“

Mittwoch, 21. Mai 2014

Knastärzte und böse Jungs - Ist (scheinbar bloße) TV-Unterhaltung wirklich unpolitisch?

Wenn von Fernsehunterhaltung die Rede ist, so wird im Besonderen diejenige, die die privaten TV-Sender bieten, nicht selten als oberflächlich-unpolitisch abgetan. Doch ist dem wirklich so? Im Folgenden soll anhand der relativ jungen RTL-Serie „Der Knastarzt“ dargelegt werden, dass bei näherem Hinsehen von „unpolitisch“ hier keine Rede sein kann – und dass man in Teilen sogar so weit gehen könnte zu sagen, dass auch solche Fernsehunterhaltung eine gesellschaftliche Funktion erfüllt.

Im Mittelpunkt der besagten Drama-Serie steht der Arzt Dr. Tobias Falk (Bernhard Piesk), der wegen Sterbehilfe zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde und innerhalb der JVA binnen kurzer Zeit zum „Knastarzt“ aufsteigt. Dabei hat er es u. a. mit der attraktiven Krankenschwester Anke Bruchhausen (Laura Osswald), dem strengen bis fiesen Justizvollzugsbeamten Bernd Hollerbach (Michael Starkl), der Gefängnis-Direktorin Katja Herwald (Clelia Sarto), seinem grobschlächtigen Zellengenossen Paul Botz (Götz Argus) und dem einflussreichen und gefährlichen Knast-Insassen Victor Rodenko (Aleksandar Jovanovic) zu tun, die ihm wahlweise das Leben erleichtern oder erschweren.

Der Zuschauer wird mit jeder Folge in eine kalte, brutale Welt entführt, in der es zwar Anflüge menschlicher Nähe gibt (die insbesondere von der Krankenschwester, aber zeitweilig auch durch den kumpelhaften Zellengenossen repräsentiert werden), in die man aber zumeist unmittelbar nach diesen kurzen Anflügen wieder brachial – und nicht selten auch mit Gewalt – wieder zurückstürzt. Es wird Drama, Spannung und auch Humor geboten – aber der Zuschauer ist am Ende der Folge dankbar, sich selbst in einer anderen Situation zu befinden als der Arzt, mit dem er sich, bedingt durch dessen sympathisch-harmloses und teilweise naiv-unbedachtes Auftreten, ganz gut identifizieren kann.

Will heißen: Ohne zu viel intellektuellen Tiefgang, aber dennoch klar spürbar lernt derjenige Zuschauer, dem die Identifikation mit Dr. Falk schnell möglich ist, den Wert von Freiheit neu kennen. Vielleicht ein soziales Grundbedürfnis in einer Welt, in der man nicht mehr allzu schnell in Gefahr läuft, im Gefängnis zu landen und in der derlei Freiheitseinschränkungen sehr abstrakt, exotisch und damit schwer vorstellbar geworden sind. Gut möglich auch, dass eine solche Serie in einer Diktatur keine allzu guten Quoten erzielen würde – man möchte den Fernseher schließlich mit einem wohligen Gefühl ausmachen und nicht mit einem unbehaglichen, im Zuge dessen einem die Realisierung des TV-Albtraums doch irgendwie möglich erscheint. Wer sich jedoch in der Bundesrepublik des Jahres 2014 auf eine Knastserie einlässt, wird am Ende seine Freiheit vielleicht ein bisschen mehr schätzen. Selbst wenn manches von dem, was dort gezeigt wird, womöglich nicht realistisch sein mag. Aber dazu später mehr.

Auch für diejenigen Zuschauer, die sich mit dem netten Herrn Doktor nicht auf die Schnelle identifizieren können, wird eine emotionale, da soziopolitische Connection geboten. Denn der nette Herr Doktor ist nicht ein bodenständiger alter Landarzt, sondern zumindest noch im Pilotfilm ein ziemlicher Schnösel, der von einer Schickimicki-Party mit Golfer-Freunden und Schampus von der Polizei abgeholt wird. Wer sich selber nicht in der Situation befindet, einem solchen Society-Status nahe kommen zu können, kriegt also die Option zur Schadenfreude offeriert, wenn der liebe Herr Doktor erstmal mit der vollen proletarischen Härte des brutalen und spartanischen Knastlebens konfrontiert wird und dies erst einmal gar nicht realisieren kann. Der Sozialneid, der wohl nicht zuletzt dem deutschen Zuschauer immer bis zu einem gewissen Maße inne wohnt, wird auf diese Weise gewissermaßen medial-unterhaltend abgeleitet.

Doch nicht nur im Schicksal des Arztes selbst, sondern auch in den dargestellten Strukturen der JVA mit den charakterlichen Akzenten der sie tragenden Rollen ist bei genauerem Hinsehen viel „politische Musik“ zu finden. So repräsentiert der Beamte Hollerbach die garstigen Seiten des JVA-Systems, sein Charakter wechselt zwischen hart-bärbeißiger „Brüllender-US-Sergeant“-Fairness einerseits und purem Sadismus gegenüber Falk andererseits, der wiederum seinem eigenen Sozialneid und daraus resultierender Antipathie gegenüber dem aalglatten Arzt entspringt. Obwohl im Grunde seines Herzens korrekt, lässt er sich so manches Mal zu brutalem Fehlverhalten hinreißen.

Seine Vorgesetzte Herwald hingegen symbolisiert, bei aller gebotenen Chefinnen-Strenge und -Autorität, die freundlichere Seite des Systems. Sie ist aufmerksam, attraktiv, gelassen, spricht stets ruhig und hat keine Scheu, wenn nötig auch mal effizient-unbürokratisch die Regeln zu umgehen, um ein Problem zu lösen. Soviel zur Charakterisierung. Doch was sagt uns das?

Interessant ist hierbei die Gewichtung: Das gute Element – Herwald – hat die Autorität. Das zumindest zeitweilig Schlechte und Defizitäre – Hollerbach – ist der Diener dieses Guten, der zeitweilig über die Stränge schlägt, aber auch mal böse sein muss, um seinen Job zu erfüllen. Eine Charakterisierung, an der sich so mancher „Systemkritiker“ womöglich stören könnte, denn: Dieses System ist ein gutes System. Es lässt verantwortungsvolle Menschen an die Spitze und macht die weniger verantwortungsvollen zu ihren Dienern.

Wäre das Ziel der Serie eine Kritik der Verhältnisse, wäre die Rollenzuteilung vermutlich anders herum: Der Gefängnischef wäre ein garstiger Sadist, der sich bürokratisch an Regeln klammert, während der Arzt-Insasse in einem einzelnen Justizvollzugsbeamten zumindest zeitweilig einen Verbündeten fände, der gegenüber dem fiesen Boss ab und an ein gutes Wort für den Doktor einlegt, sich grundsätzlich aber dem System fügen muss, anstatt seine Abläufe zu bestimmen, wie es Herwald tut – was zugleich dem Arzt das Leben in der JVA nochmal mehr erschweren würde.

Die Aussage der Serie ist somit also eine systemstabilisierende: „Unser Strafvollzugssystem hat Fehler, aber grundsätzlich ist es gut, wie es ist“. Dies kommt nirgends so stark zum Ausdruck wie im Zusammenwirken der Figuren Herwald und Hollerbach.

Die alte Weisheit, dass ein Politikum auch sichtbar wird, indem etwas nicht gesagt wird, bestätigt sich mit Blick auf die Person des Knast-Paten Rodenko, der zwar hochgefährlich und mächtig ist, der aber durchaus auch seine schwachen und sympathischen Seiten hat. Er bleibt, von Statisten abgesehen, vorerst scheinbar der einzige als solcher erkennbare Knast-Insasse mit Migrationshintergrund – und dies wohlgemerkt als Russe (wie aktuell!). Nach Insassen mit anderem, oder überhaupt mit Migrationshintergrund sucht man ansonsten vergeblich, was erstens der deutschen Realität in Justizvollzugsanstalten durchaus widersprechen dürfte und worin zweitens, den öffentlich-rechtlichen Sendern nicht unähnlich, ein gewisser medialer Publikums-Erziehungsanspruch oder aber übermäßige Furcht vor dem Vorwurf der Stigmatisierung zum Ausdruck kommt.

Halten wir fest: Der Zuschauer wird mit dem Wert der Freiheit konfrontiert. Seine etwaige sozio-ökonomische Frustration wird mittels Schadenfreunde-Mechanismus kanalisiert. Das System JVA wird mittels Rollencharakterisierungen legitimiert. Ethnisch-kulturelle Fragen werden bewusst ausgeblendet.

Unabhängig davon, wie man all dies nun persönlich bewerten mag, eines lässt sich damit festhalten: Unpolitisch ist TV-Unterhaltung wohl in den seltensten Fällen. Selbst wenn es erst so scheint.

Freitag, 9. Mai 2014

Lob der (Hoch-)Schulnoten - Warum Zensuren und Zeugnisse besser als ihr Ruf sind

Ein Gastbeitrag von Jan-Holm Sussieck

Diejenigen Komponenten des Schul- und Universitätsbetriebs, die mit der Leistungsüberprüfung und -bewertung zu tun haben, genießen keine sonderlich gute Presse – und das schon seit Jahrzehnten und weit über die Grenzen pädagogischer Fachdiskussionen hinaus. Dass das Bildungswesen eine Zubringerfunktion für begehrte (oder eben weniger begehrte) Positionen in der Gesellschaft wahrnimmt, wird zumeist zwar reflektiert, aber doch als unangenehm und politisch irgendwie unkorrekt eingestuft. „Wenn schon Leistungsbeurteilung, dann bitte möglichst kontrastarm, möglichst prosaisch und schwer vergleichbar, schließlich sind Lernende ja als Individuen per se unvergleichlich, mit je eigener Würde und Persönlichkeit“ lauten die Wünsche und Argumente des bildungspolitischen Mainstreams. Noten hätten außerdem eine unhintergehbar subjektive Komponente; sie stehen, drastischer ausgedrückt, strukturell unter Willkürverdacht. Außerdem wissen wir – allerspätestens seit PISA (aber mit ein bisschen nachdenken konnten wir es schon immer wissen) – dass die Vorstellung einer vollständig meritokratischen Bildungskarriere eine Illusion ist und soziale Ungleichheiten sich auch und gerade in der (Hoch-)Schule reproduzieren.

Das Problem dieser verbreiteten Sichtweise ist, dass sie historisch-soziologisch uninformiert und damit naiv vorgeht, weil sie nicht in Alternativen denkt.

Ganz eindeutig ist der weltgeschichtliche Normalfall, dass Kinder einmal den gesellschaftlichen Status ihrer Eltern einnehmen – und gerade gegen diese Selbstverständlichkeit wirkt die Idee und Praxis der allgemeinen Schulpflicht mitsamt ihren auf individueller Leistung beruhenden Abschlüssen revolutionär und demokratisierend.

Damit muss nicht gesagt sein, dass das deutsche Bildungssystem perfekt und der politische Wille nicht zustimmungsfähig wäre, die Abhängigkeit des (Hoch-)Schulerfolgs (und damit der Karriereaussichten) von Bildungs- und Vermögenshintergründen des Elternhauses weiter zu reduzieren. Wenn jedoch schon allein das Bewerten selbst als unzumutbare Härte gilt, dann müsste man zunächst entgegnen, dass jemand, dem alles gleichermaßen gut und schlecht, richtig und falsch ist, zwar alles Mögliche tun kann, aber nicht: erziehen. 

Wer weiß, wie kompetitiv gerade Kinder oftmals drauf sind, mag auch eine Ahnung davon haben, dass der Lehrer jenseits separater Prüfungen und Klausuren – überspitzt gesagt – mehr oder weniger nur das noch einmal als Note aufschreibt, was der Klassenöffentlichkeit ohnehin schon bekannt ist. Und in der Tat hat Notengebung auch unbestreitbar etwas Subjektives – allerdings gilt das auch schon für den Unterricht oder die akademische Lehre selbst, schließlich kann Mathe bei Herrn Müller etwas ganz anderes als bei Frau Dr. Meyer sein. Gegen Über- wie Unterschätzung seines Gegenübers ist hier wie überall sonst niemand gefeit, aber zumindest gegen die Willkürbehauptung kann man einwenden, dass sich durch die pure Vielzahl von Fächern, Kursen, Prüfungen und Lehrern über die Bildungslaufbahn hinweg wohl die gröbsten Irrtümer „ausbeulen“ lassen: von nur einem einzigen gnädigen oder fiesen Lehrer und einem einzigen guten oder schlechten Tag hängt – sinnvollerweise – kein (Abschluss-)Zeugnis ab.

Zwei unangenehme Wahrheiten sind aber festzuhalten:

1. Das Ideal völliger Chancengleichheit wäre nur zu verwirklichen, wenn man Erziehungsvorgänge radikal aus ihren anderweitigen Kontexten ausdifferenzierte, sprich: wenn man die Familien abschaffen würde. Diese Konsequenz mitzudenken und auszusprechen, wäre ein Ausweis intellektueller Redlichkeit der Linken. Hart gesagt, können wir auf einem Kontinuum zwischen „Familie“ und „Chancengleichheit“ wählen (wenngleich genetische Prädispositionen hier immer noch außer Acht gelassen würden). Dabei ist klar, dass „mehr von dem einen“ nur durch „weniger von dem anderen“ zu haben ist.

2. Nur wenn Abschlüsse differenziert sind und Notenskalen ausgeschöpft werden, können sie ihre Informationsfunktion nach „draußen“ erfüllen. Potentielle Arbeitgeber verzichten ja nicht plötzlich auf den Auswahlvorgang derjenigen Kandidaten, die sie in Bezug auf die jeweilige Stelle für geeignet halten. Die Frage ist nur: auf welcher Grundlage tun sie es? Die Inflation guter und sehr guter Abschlüsse ist ebendies: eine Entwertung – und zwar mit der Folge, dass die Personalabteilungen in zunehmendem Maße nach anderen Kategorien wie Praktika, Auslandsaufenthalten, „soft skills“ und anderen Zusatzqualifikationen, Ehrenämtern oder außergewöhnlichen Hobbys Ausschau halten. Glaubt wirklich jemand ernsthaft daran, dass sich in diesen Kriterien die soziale Herkunft weniger stark als in den erreichten Noten und Abschlüssen spiegeln würde?

Jan-Holm Sussieck, M. A., ist Soziologie-Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Lehrbeauftragter an der Fakultät für Soziologie der Uni Bielefeld und Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF). Näheres zu seinem Dissertationsprojekt ist hier zu erfahren: http://www.uni-bielefeld.de/bghs/personen/profile/jan-holm_sussieck.html