Freitag, 9. Mai 2014

Lob der (Hoch-)Schulnoten - Warum Zensuren und Zeugnisse besser als ihr Ruf sind

Ein Gastbeitrag von Jan-Holm Sussieck

Diejenigen Komponenten des Schul- und Universitätsbetriebs, die mit der Leistungsüberprüfung und -bewertung zu tun haben, genießen keine sonderlich gute Presse – und das schon seit Jahrzehnten und weit über die Grenzen pädagogischer Fachdiskussionen hinaus. Dass das Bildungswesen eine Zubringerfunktion für begehrte (oder eben weniger begehrte) Positionen in der Gesellschaft wahrnimmt, wird zumeist zwar reflektiert, aber doch als unangenehm und politisch irgendwie unkorrekt eingestuft. „Wenn schon Leistungsbeurteilung, dann bitte möglichst kontrastarm, möglichst prosaisch und schwer vergleichbar, schließlich sind Lernende ja als Individuen per se unvergleichlich, mit je eigener Würde und Persönlichkeit“ lauten die Wünsche und Argumente des bildungspolitischen Mainstreams. Noten hätten außerdem eine unhintergehbar subjektive Komponente; sie stehen, drastischer ausgedrückt, strukturell unter Willkürverdacht. Außerdem wissen wir – allerspätestens seit PISA (aber mit ein bisschen nachdenken konnten wir es schon immer wissen) – dass die Vorstellung einer vollständig meritokratischen Bildungskarriere eine Illusion ist und soziale Ungleichheiten sich auch und gerade in der (Hoch-)Schule reproduzieren.

Das Problem dieser verbreiteten Sichtweise ist, dass sie historisch-soziologisch uninformiert und damit naiv vorgeht, weil sie nicht in Alternativen denkt.

Ganz eindeutig ist der weltgeschichtliche Normalfall, dass Kinder einmal den gesellschaftlichen Status ihrer Eltern einnehmen – und gerade gegen diese Selbstverständlichkeit wirkt die Idee und Praxis der allgemeinen Schulpflicht mitsamt ihren auf individueller Leistung beruhenden Abschlüssen revolutionär und demokratisierend.

Damit muss nicht gesagt sein, dass das deutsche Bildungssystem perfekt und der politische Wille nicht zustimmungsfähig wäre, die Abhängigkeit des (Hoch-)Schulerfolgs (und damit der Karriereaussichten) von Bildungs- und Vermögenshintergründen des Elternhauses weiter zu reduzieren. Wenn jedoch schon allein das Bewerten selbst als unzumutbare Härte gilt, dann müsste man zunächst entgegnen, dass jemand, dem alles gleichermaßen gut und schlecht, richtig und falsch ist, zwar alles Mögliche tun kann, aber nicht: erziehen. 

Wer weiß, wie kompetitiv gerade Kinder oftmals drauf sind, mag auch eine Ahnung davon haben, dass der Lehrer jenseits separater Prüfungen und Klausuren – überspitzt gesagt – mehr oder weniger nur das noch einmal als Note aufschreibt, was der Klassenöffentlichkeit ohnehin schon bekannt ist. Und in der Tat hat Notengebung auch unbestreitbar etwas Subjektives – allerdings gilt das auch schon für den Unterricht oder die akademische Lehre selbst, schließlich kann Mathe bei Herrn Müller etwas ganz anderes als bei Frau Dr. Meyer sein. Gegen Über- wie Unterschätzung seines Gegenübers ist hier wie überall sonst niemand gefeit, aber zumindest gegen die Willkürbehauptung kann man einwenden, dass sich durch die pure Vielzahl von Fächern, Kursen, Prüfungen und Lehrern über die Bildungslaufbahn hinweg wohl die gröbsten Irrtümer „ausbeulen“ lassen: von nur einem einzigen gnädigen oder fiesen Lehrer und einem einzigen guten oder schlechten Tag hängt – sinnvollerweise – kein (Abschluss-)Zeugnis ab.

Zwei unangenehme Wahrheiten sind aber festzuhalten:

1. Das Ideal völliger Chancengleichheit wäre nur zu verwirklichen, wenn man Erziehungsvorgänge radikal aus ihren anderweitigen Kontexten ausdifferenzierte, sprich: wenn man die Familien abschaffen würde. Diese Konsequenz mitzudenken und auszusprechen, wäre ein Ausweis intellektueller Redlichkeit der Linken. Hart gesagt, können wir auf einem Kontinuum zwischen „Familie“ und „Chancengleichheit“ wählen (wenngleich genetische Prädispositionen hier immer noch außer Acht gelassen würden). Dabei ist klar, dass „mehr von dem einen“ nur durch „weniger von dem anderen“ zu haben ist.

2. Nur wenn Abschlüsse differenziert sind und Notenskalen ausgeschöpft werden, können sie ihre Informationsfunktion nach „draußen“ erfüllen. Potentielle Arbeitgeber verzichten ja nicht plötzlich auf den Auswahlvorgang derjenigen Kandidaten, die sie in Bezug auf die jeweilige Stelle für geeignet halten. Die Frage ist nur: auf welcher Grundlage tun sie es? Die Inflation guter und sehr guter Abschlüsse ist ebendies: eine Entwertung – und zwar mit der Folge, dass die Personalabteilungen in zunehmendem Maße nach anderen Kategorien wie Praktika, Auslandsaufenthalten, „soft skills“ und anderen Zusatzqualifikationen, Ehrenämtern oder außergewöhnlichen Hobbys Ausschau halten. Glaubt wirklich jemand ernsthaft daran, dass sich in diesen Kriterien die soziale Herkunft weniger stark als in den erreichten Noten und Abschlüssen spiegeln würde?

Jan-Holm Sussieck, M. A., ist Soziologie-Doktorand an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS), Lehrbeauftragter an der Fakultät für Soziologie der Uni Bielefeld und Promotionsstipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit (FNF). Näheres zu seinem Dissertationsprojekt ist hier zu erfahren: http://www.uni-bielefeld.de/bghs/personen/profile/jan-holm_sussieck.html

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