Samstag, 15. November 2014

Ein postmoderner Morgen

Schon das Klingeln des Weckers war das Resultat einer Entscheidung. Zwischen wie vielen Melodien hatte Leon-Alexander doch wählen können, als er sich vor dem Schlafengehen den Handywecker gestellt hatte, der ihn nun, um 6.30 Uhr mit einer beliebigen, nicht näher umrissenen Chart-Melodie (halb) wach klingelte. Zum Glück hatte er den Schlummermodus eingestellt. Er drehte sich nochmal um und döste. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei. Vier. Fünf… es klingelte.

Im Bad die nächste Lebensentscheidung. Gut, das Duschen war noch recht alternativlos. Obwohl, wenn er da an das vielfältige Duschbad-Angebot im Supermarkt dachte, dessen Duftpalette die exotische Flora eines ganzen Urwalds abdeckte… egal. Rasieren. Rasieren? Stopp. Nicht so schnell. Er wollte doch einen Bart. So einen, wie ihn der Jan-Marvin aus dem Mathe- und dem Sowi-Kurs jetzt hatte. Wenn er nur endlich wachsen würde!

Dieser intellektuelle Touch, der Jan-Marvin umgibt, seit er diesen Vollbart trägt, war nicht nur ihm aufgefallen. Selbst der Mathelehrer hatte ihn seitdem nicht mehr an die Tafel geholt. Immer, wenn dessen Blick auf Jan-Marvin fiel, strich sich dieser betont nachdenklich über den munter sprießenden Vollbart… und der Blick schweifte weiter. Die Tatsache, dass Jan-Marvin trotzdem keine Ahnung hatte, wurde buchstäblich von Haaren verdeckt.

Leon-Alexander legte den Rasierer wieder weg. Stattdessen nun Gel in die Haare. Akkurater Seitenscheitel. Wenn man ihn nun so sah, wirkte er fast wie dieser Typ von der Jungen Union, der aus dem Sowi-Kurs. Gut, dass er noch nicht fertig war mit seinem ausgiebigen Styling! Er setzte sich seine Brille auf. Die mit dem dicken schwarzen Rand. Er sah sich prüfend im Spiegel an.

Er war natürlich kein Hipster. Er würde sich nie einer Subkultur zuordnen. Feste Bindungen waren nichts für Leon-Alexander. Das hatte immer so diesen Aspekt der Verantwortung. Etwas, wo man nicht wieder raus kann. Und vor allem etwas, das andere auch waren. Er war aber nicht wie die anderen. Er war eine ganz eigene Persönlichkeit, etwas ganz besonders! Jawohl, etwas ganz besonderes. Und das sollte in seinem Äußeren zum Ausdruck kommen.

Gut, Lena-Sophie – die Hübsche aus dem Sowi-Kurs – hatte ihn neulich „Hipster“ genannt. Und ihre Freundin auch. Und irgendwer hatte es ihm neulich auf der Straße hinterher gerufen. Das war aber bestimmt nur wegen der Hose. All die Leute konnten ja nicht wissen, dass er eigentlich etwas ganz besonderes war. Wie sollten sie auch, sie kannten ihn ja alle kaum. Sie wussten ja nicht, wie anders und individuell er wirklich war. Er machte sein Ding. Scheiß auf die anderen, lebe deine Träume! Jawohl.

Aber die anderen sollten schon wissen, dass er seine Träume lebt. Ein Hauch von Unmut stieg in ihm auf. Hielten die ihn etwa für einen Mitläufer? So einen, der nur einem Trend folgt?! So einer war er schließlich nicht. Der Jan-Marvin, der war so einer. Neulich hatte er auf Facebook auch sowas mit „lebe deine Träume“ oder so gepostet. Haha. Dieser Mitläufer! Nur weil er jetzt Bart trägt, meint er, er wär‘s. Gut, dass er, Leon-Alexander, da so ganz anders war. Sich seine eigene Gedanken über die Welt macht. Und so.

Zum Beispiel zur Politik. Erst neulich hatte er im Sowi-Kurs gesagt, wie kritisch er unser Wirtschaftssystem sieht. Dass alle nur an sich denken und so. Dass der Kapitalismus uns alle kaputt macht. Gut, so ganz ohne geht es auch nicht. Es muss eben was ganz Neues her. Was genau, wusste er jetzt aber auch nicht so schnell.

Die Lena-Sophie hatte ihn dabei ganz bewundernd angeschaut. Da hatte er sich einfach mal über den Bartansatz gestrichen, so nachdenklich, wie der Jan-Marvin immer. Ja, er machte sich ganz eigene Gedanken über unsere Gesellschaft. Nicht so wie die ganzen Mitläufer drum herum.

Heute würde er sich wieder so über den Bartansatz streichen, nahm er sich vor, als er vorm Spiegel stand. Und vielleicht dabei einmal die schwarz umrandete Brille abnehmen, am Bügel kauen und wieder aufsetzen. Die Lena-Sophie fand das bestimmt toll, ihn so nachdenklich zu sehen. So wie ja kein anderer war. Den anderen geht’s ja immer nur darum, wie sie auf andere wirken. Sowas fand er ja wieder typisch. Gut, dass er da anders war. Was ganz besonderes!

Er wollte frühstücken, spürte jedoch, dass ihm der Hunger fehlte. Außerdem konnte er sich nicht entscheiden, was er hätte essen sollen. Die Auswahl im Kühlschrank war wieder so groß.

Er machte sich auf den Weg zu seinem Gymnasium. Als er den Haupteingang passiert hatte, kam Tim-Lucas aus dem Deutsch-LK an ihm vorbei und grüßte. Er trug jetzt Vollbart. Eine dick schwarz umrandete Brille hatte er schon länger. Jetzt war noch ein „fuck capitalism“-Shirt dazu gekommen. Dieser Heuchler! Hatte er doch nur an, um bei Lena-Sophie zu landen. Gut, dass er nicht so war. Er, Leon-Alexander, war authentisch. Er machte sein Ding. Scheiß drauf, was die anderen denken. Heuchlerische Gesellschaft. Er nahm einen Schluck aus seiner Cola-Flasche. Zum wach werden.

Eigentlich sollte er davon nicht zu viel trinken. Hatte ihm jedenfalls seine Mutter immer wieder gesagt. Wegen seiner Ritalin-Dosis, die er immer bekam. Zum Konzentrieren. Er verdrängte die Gedanken. Nicht weil es ihm peinlich war. Die Lena-Sophie und der Tim-Lucas müssen wohl auch immer Ritalin nehmen. Sie gehen damit ganz offen um. Warum auch nicht? Scheiß auf die anderen, mach‘ dein Ding. Egal was die Leute denken. Er war eben was ganz besonderes und das sollte auch jeder wissen!

Nein, die Überlegungen verdrängte er, weil er eh schon mit dem Gedanken gespielt hatte, künftig seine Ernährung umzustellen. Vegan wollte er werden. Es gab da ja jetzt auch ganz viele Angebote im Supermarkt für Veganer. Außerdem lebte die Lena-Sophie auch vegan. Das würde ihr gefallen. Es war ja auch wichtig. Wegen der Tiere und so. Gut, dass wenigstens er die Dinge so kritisch sah. Er postete auch regelmäßig Artikel zum Klimawandel auf Facebook. Er fand, dass es wichtig ist, sich zu engagieren. Gerade auch gegen Kapitalismus. Und Ungerechtigkeit! Er strich sich nachdenklich über den Bartansatz. Er sah sich als aktiven Teil der Zivilgesellschaft.

Sein Sowi-Lehrer hatte ihn und die anderen neulich gefragt, ob sie sich nicht in irgendeiner Partei engagieren wollten. Da hatte Leon-Alexander zögernd den Kopf geschüttelt. Nee, also Kapitalismus war natürlich scheiße. Aber die Linken waren ihm da auch irgendwie zu dogmatisch. Die Grünen waren ja auch nicht mehr das, was sie mal waren. Und die anderen alle so angepasst und alt. Oder halt rechts, noch schlimmer. Und er wollte ja auch seine Freiheit. So Hierarchien in Organisationen und sowas, das war nix für ihn. Lieber erstmal so sein Ding machen. Scheiß auf die Leute. Leb deinen Traum!

Zum Beispiel eine Weltreise. Er sah sich ja eh eher so als Weltbürger, als Kosmopolit. Alle zusammen und so. Son bisschen rumreisen nach dem Abi. Seine Eltern hatten sich bereit erklärt, ihm dafür einen Zuschuss zu geben. Sein Vater war Rechtsanwalt. Gut, dass er jetzt diesen neuen Mandanten hatte, diesen Aufsichtsratstypen. Dadurch lief die Kanzlei gut und seine Eltern wurden etwas großzügiger.

Die Sowi-Stunde begann. Thema war die Situation in Nahost. Schlimm, was da abgeht. Auch mit dem IS und Assad. Komplexe Sache. Was sollte man tun? Waffen liefern (wenn ja, an wen?), eingreifen, raushalten, bombardieren, Bodentruppen? Der Lehrer fragte in die Runde. Man muss hier natürlich beide Seiten bedenken, dachte Leon-Alexander, während er am Bügel seiner schwarz umrandeten Brille kaute. Da gibt es nicht die eine Lösung. Die Kurden sollten mit friedlichen Mitteln auf die Angriffe reagieren. Man muss das kritisch sehen. 

Er nahm einen Schluck aus seiner Cola-Flasche, räusperte sich und setzte an, seine Gedanken laut auszusprechen. Da bemerkte er, dass Jan-Marvin schon dran genommen worden war. Er sähe das Ganze ja alles sehr kritisch, sagte der. Dabei strich er sich nachdenklich über den Vollbart. Lena-Sophie schaute ihm mit bewunderndem Blick zu. Leon-Alexander hörte sie zu Jan-Marvin flüstern: "Find ich ja super, dass du dir so deine ganz eigenen Gedanken dazu machst..."

Donnerstag, 13. November 2014

JuLis begrüßen Klarstellung des Integrationsrates

Die Stellungnahme des Vorsitzenden des Integrationsrates, Mehmet Ali Ölmez, zur Diskussion um eine Umbenennung des Martinsfestes trifft auf die Zustimmung der Jungen Liberalen Bielefeld. Ölmez hatte betont, die Bielefelder Migranten forderten gar keine Umbenennung des Festes und feierten es mit Begeisterung mit. Die Offenheit von Kitas werde in Teilen zu Lasten von Migranten inszeniert.

„Herr Ölmez spricht da einen sehr wichtigen Punkt an“, sagte Florian Sander, Kreisvorsitzender der JuLis Bielefeld und ehemaliges Mitglied des Integrationsrates. „Die Abschaffung eigener Traditionen ist keine Integrationsleistung, sondern scheinprogressive Profilierung. Eine Aufnahmegesellschaft, die ihre eigene Identität nicht mehr kennt, kann auch niemanden integrieren, da sie ja nicht weiß, in was überhaupt integriert werden soll. Eigentlich eine ganz simple Logik.“

Es sei ein sehr hoffnungsvolles und positives Signal, dass der Integrationsrat dies ähnlich sehe. Zugleich nehme er die Migranten damit aus der Schusslinie der Debatte. „Es zeigt, dass die Mehrheit der Migranten mit solchen Themen viel gelassener umgeht als die vorauseilende Political Correctness von Teilen der deutschen Aufnahmegesellschaft glauben machen will. Es könnte nicht schaden, sich diese Gelassenheit zu eigen zu machen“, so Sander.

Donnerstag, 6. November 2014

Die moralinsaure Selbstüberschätzung der Sterbehilfe-Gegner

Sowohl in Deutschland wie auch anderswo braucht es immer wieder prominente, mutige Menschen, die mit ihrem Anliegen, aufgrund einer schweren Erkrankung selbstbestimmt ihrem Leben ein Ende setzen zu dürfen, an die Öffentlichkeit gehen, um das Thema Sterbehilfe zurück in den politischen Diskurs zu holen (jüngster Fall: die Amerikanerin Brittany Maynard, die an einem unheilbaren Hirntumor litt und kürzlich Suizid beging). Doch als wenn diese stiefmütterliche Behandlung eines so wichtigen, da prinzipiellen Themas nicht unbefriedigend genug wäre, muss man zudem attestieren, dass die sich stets nach dem gleichen Muster wiederholenden Debatten dazu bislang ohne wirklich positiven Effekt geblieben sind.

Das ist zumeist das Resultat dreister Ignoranz. Ignoranz, die entweder aus irrationaler und im Kern doppelmoralischer christlicher Dogmatik herrührt, oder aber aus dem unter Medizinern gelegentlich verbreiteten Selbstbild – um nicht zu sagen: der Größenwahnvorstellung – des Halbgottes in Weiß, dessen (palliative) Schulmedizin alle Probleme, mit denen Schwerkranke konfrontiert sind, zu lösen vermag. Doch zunächst zur ersteren Gruppe.

So musste man kurze Zeit nach Maynards Tod tatsächlich eine „Kritik“ des Vatikans lesen, im Zuge derer ein sicherlich mitten im Leben stehender kirchlicher Hirte äußerte, die todkranke Amerikanerin habe damit einen Fehler begangen. Einen Vorgang, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss: Ein weltabgewandter, vermutlich recht gesunder, im vatikanischen Mikrokosmos lebender Priester äußert sich gegenüber der Weltöffentlichkeit mit negativen moralischen Urteilsbegründungen über eine Frau, die in ihrer Verzweiflung über ein nicht selbst gewähltes Schicksal eine mutige Entscheidung traf, um sich weiteres, noch schlimmeres Leid zu ersparen. Ein Vorgang von so epochaler, universaler Dreistigkeit, dass er so manche Doppelmoralismen aus der hiesigen Tagespolitik locker in den Schatten stellt. Und ein Vorgang, der zeigt, dass die Katholische Kirche letztlich nichts eingebüßt hat von ihrer historisch, ja weltgeschichtlich belegten Rolle einer globalen Organisation, die eher zum Schaden von Menschen agiert als zu ihrem Wohle.

Denn: Die deutschen Kollegen des vatikanischen Hirten machen derweil hierzulande weiter. In öffentlichen Diskursen, aber auch hinter verschlossenen Türen, in Ethikkommissionen und ähnlichen Gremien, wirken die stets – unverständlicherweise – als Moralbotschafter berufenen Priester kontinuierlich darauf hin, das Leiden schwerkranker Menschen über das Maß hinaus zu verlängern, das die Betroffenen selbst zu akzeptieren bereit sind. Jeden Tag erleiden nicht nur in Deutschland, sondern auch in vielen anderen Ländern der Welt Menschen unerträgliche Schmerzen und teilweise, wie unten noch zu zeigen sein wird, auch Leid anderer Art, weil Kirchenvertreter in mächtige, politische und (schein-)ethische Gremien berufen werden und dort ihr unheilvolles Wirken weiter treiben, das die Katholische Kirche in hunderten von Jahren zu praktizieren gelernt hat.

Doch auch die Evangelische Kirche ist hier kein größerer Hoffnungsträger: Deren frühere Bischöfin und heute noch immer umtriebige Lautsprecherin Margot Käßmann etwa – zuletzt mit lebensnahen Vorschlägen wie „Sitzstreik gegen den IS“ aufgefallen – lehnt die Legalisierung aktiver Sterbehilfe ebenso entschieden ab wie die katholischen Kollegen. Gleiches gilt für die anderen beiden großen monotheistischen Glaubensrichtungen Islam und Judentum. Wer eine organisierte weltanschauliche Vertretung für das Anliegen der aktiven Sterbehilfe sucht, muss sich an engagierte Vorfeld-Organisationen wie etwa den Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) wenden.

Doch die Auseinandersetzung mit religiösen Dogmatikern bildet hierbei nur eine von mehreren „Fronten“ der Debatte. Eine andere, vielleicht noch problematischere, da in einer zunehmend areligiösen Gesellschaft einflussreichere Konfliktlinie ist die, die sich zwischen Sterbehilfe-Befürwortern einerseits und Medizinern andererseits befindet. So ist nicht zuletzt von Palliativmedizinern häufig zu hören, es müssten nur die Palliativforschung und die palliativmedizinischen Strukturen ausgebaut werden, um dem Leid verzweifelter Betroffener entgegentreten zu können.

Nun soll denjenigen Medizinern, die sich gegen die Legalisierung aktiver Sterbehilfe aussprechen, an dieser Stelle nicht pauschal der gute Wille abgesprochen werden, zumal vermutlich viele Deutsche auch Beispiele etwa von verstorbenen Verwandten oder nahen Bekannten kennen, die mit hochwertiger Palliativmedizin einerseits und zudem hervorragender Hospizarbeit andererseits ein Lebensende erlebt haben, das von Würde geprägt war und ohne unerträgliche Schmerzen und Einsamkeit auskam. Derartige, wichtige Strukturen unseres Gesundheitssystems sollen und dürfen nicht angetastet werden. Ein Ausbau ist hier ganz ohne Zweifel wünschenswert.

Dennoch ist dies nicht der Weisheit letzter Schluss. Denn einerseits hat die Forderung von Palliativmedizinern, seien sie nun behandelnde Ärzte oder Forscher, palliativmedizinische Forschung und Strukturen auszubauen, immer auch ein „Geschmäckle“: So bedeutet eine Erfüllung dieser Forderung schließlich auch ein Mehr an Forschungsgeldern, an betreffenden Arbeitsplätzen, ggf. an Einkommen, an gesellschaftlicher Anerkennung und Prestige. Es gibt also vielfältige Interessen seitens vieler Mediziner, hier für einen Ausbau einzutreten, die mit altruistischen Motiven und dem Wohl schwerkranker Patienten mitunter herzlich wenig zu tun haben. Dieses Faktum gilt es im kritischen Blick zu behalten.

Gleiches gilt in diesem Kontext auch für eine weitaus einfachere und wohl noch verbreitere Erscheinung: Der Selbstüberschätzung in Verbindung mit einem – in so gut wie jeder Berufsgruppe auftretendem – Fachidiotentum, im Zuge dessen Ärzte glauben, mit den Mitteln der Naturwissenschaft jegliches Problem, das sterbewillige Schwerkranke beschäftigt, beseitigen zu können. Ein Glaube, der in seiner Weltfremdheit und Weltabgewandtheit demjenigen der religiösen Dogmatiker in nichts nachsteht, der jedoch stets unter dem Bonus des rational-professionellen Backgrounds firmiert und dadurch für das Anliegen aktiver Sterbehilfe weitaus gefährlicher ist als das jahrtausendealte, aber weitläufig entzauberte Moralin-Gift der Kirchenvertreter.

Und so gefährlich die Überzeugung, mit Palliativmedizin alle Bedenken zerstreuen zu können, ist, so falsch ist sie auch. Denn nicht nur gibt es Erkrankungen, für die es – auch und gerade im Endstadium – nach wie vor keine genügend wirksame Schmerzbehandlung gibt (hier würde das Argument, man müsse nur die Forschung vorantreiben, ja noch halbwegs greifen!).

Viele Erkrankungen sind auch aufgrund ganz anderer Aspekte als nur der Schmerzen für die Betroffenen unerträglich: Man denke etwa an äußere Entstellungen oder auch gravierende Behinderungen (hohe Lähmungen, Locked-In-Syndrom, gravierende Sinneseinschränkungen, Kommunikationsunfähigkeit etc.), die zu teils extremer sozialer Isolation und / oder Hilflosigkeit, massiver Pflegebedürftigkeit und zumindest seitens der Betroffenen empfundener Entwürdigung beitragen und den Erkrankten das Leben weniger in körperlicher, sondern in psychosozialer Hinsicht unerträglich machen. Hier können psychotherapeutische Maßnahmen zwar mitunter helfen – und man sollte auch hier keinen entsprechenden Versuch auslassen – aber sie tun es nicht zwingend.

Nicht selten wird die Situation von Betroffenen – gerade, wenn sie zuvor ein anderes Leben kannten, also womöglich den direkten Kontrast dazu erlebt haben – als schlicht aussichtslos erlebt. Und dies eben nicht zwingend aus physischen Gründen, sondern aufgrund sozialer Folgeerscheinungen, im Zuge derer sich aus Isolation und Einsamkeit heraus der Wunsch entwickelt, einem solchen Dasein, in dem von Selbstbestimmung, Würde und – für Menschen lebensnotwendiger! – Interaktion kaum noch die Rede sein kann, zu entkommen.

Die Skizzierung derartiger Szenarien soll nicht die Aussage mit sich bringen, dass schwere und / oder stark einschränkende Erkrankungen oder Behinderungen in jedem Falle und immer derartige Folgen mit sich bringen. Oft genug finden betroffene Menschen durchaus Wege, sich mit ihrem Schicksal zu arrangieren. Der Respekt gegenüber dieser Stärke und diesem Resultat selbstbestimmten Entscheidens sollte für die ganze Gesellschaft ebenso selbstverständlich und klar sein.

Doch: Es gibt eben auch die andere Seite. Eine Seite, die weit über verengte Debatten, die sich bloß um schmerzstillende Medikamente drehen, hinausgeht. Und eine Seite, bezüglich derer man sich hüten sollte, sich ein vorschnelles, allzu moralingetränktes Urteil anzumaßen – sei es nun geboren aus medizinischer Selbstüberschätzung oder aus der Weltfremdheit monotheistisch-religiöser Dogmatik.