Freitag, 4. Dezember 2015

Der Tellerrand der Organisationssoziologie? – Einige sozialpsychologische Anmerkungen zu Stefan Kühls IS-Analyse

Der Bielefelder Organisationssoziologe Stefan Kühl bringt in einem Essay über die Entwicklung des „Islamischen Staates“ (IS) die durchaus plausible These ins Spiel, dieser durchlaufe einen Prozess der „Verorganisierung“, im Zuge dessen er sich von einer sozialen Bewegung hin zu einer (staatlichen) Organisation entwickle oder bereits entwickelt habe. Dies allein wäre nicht weiter problematisch, wenn der Autor damit nicht eine gewagte Prognose verbinden würde: Nämlich jene, dass der IS damit nicht nur leichter zu bekämpfen ist, weil er nun eine „Adresse“ hat, sondern dass er dadurch auch für seine Mitglieder weniger attraktiv werden würde. Der sozialpsychologisch reflektierte Leser fragt sich: Woher weiß der Autor das?

Zunächst ein durch und durch organisationssoziologischer Einwand, welcher für seinen Adressaten aber auch nicht neu sein dürfte: Im Sinne einer Beobachtung der Beobachter ist es für die oben aufgeworfene Frage nicht wichtig, ob Soziologen den IS noch als soziale Bewegung begreifen oder nicht – wichtig ist, ob seine Anhänger dies tun. Organisationen haben bekanntlich vielfältige semantische Instrumentarien, um sowohl nach innen als auch nach außen einen „talk“ (vgl. Brunsson 1989) aufzubauen, der von ihrer Struktur bzw. ihrer „action“ hoch entkoppelt sein mag, der ihnen aber dennoch gegenüber ihrer Umwelt Legitimation verschafft. Sicher: Entkopplung ist riskant. Nicht zuletzt im Rahmen des neo-institutionalistischen Forschungsprogramms der sog. Stanford School ist eine Vielzahl von Fällen bekannt geworden, in denen Entkopplungen offensichtlich wurden und die schöne Wirkung der Selbstdarstellung nur allzu schnell dahin war.

Es ist aber die Frage zu stellen, ob es denn so schwer ist, sich – trotz organisationaler Systemstruktur – den Mantel einer sozialen Bewegung zu verschaffen, wenn selbiges schon lange vor dem IS auch schon ganz anderen, soziologisch klar als solchen identifizierbaren politischen Organisationen geglückt ist: Man denke etwa an die Schrift „Staat, Bewegung, Volk: Die Dreigliederung der politischen Einheit“ von Carl Schmitt (1935), welche dem Nationalsozialismus eine staatsrechtliche Legitimationsgrundlage verschaffen sollte. Der NSDAP ist es über viele Jahre – auch über den Kriegsbeginn 1939 hinaus – durchaus gelungen, sich der deutschen Bevölkerung eben nicht nur als bloße Partei, sondern als Bewegung zu verkaufen. Es ist nicht ersichtlich, wieso es nicht auch der IS verstehen sollte, sich eine ähnliche „innere Verkleidung“ zu schaffen und eben dadurch den Nimbus der sozialen Bewegung zu wahren, zumal der andauernde Kriegszustand – mit bekanntlich äußerst vielfältigen Gegnern – es ermöglicht, über die dadurch institutionalisierte Freund-Feind-Leitdifferenz die interne Integrations- und äußere Rekrutierungsfähigkeit noch zu erhöhen. Man kann sich damit also nicht einfach nur als Bewegung geben, sondern sogar als Protestbewegung!

Dies leitet über von der organisationssoziologischen zur sozialpsychologischen Perspektive. Denn wenn wir fragen wollen, ob und wie gut es Organisationen gelingt, alte Mitglieder zu behalten und neue zu rekrutieren, dann reicht es nicht aus, nur die Organisation und ihr Auftreten (s. o.) in den Blick zu nehmen, sondern dann müssen wir uns auch trauen, uns ihrer Umwelt zuzuwenden. In der Konsequenz bedeutet dies, dass wir hier nun einen interdisziplinären Akt vollziehen, die organisationssoziologische Brille durch die sozialpsychologische Lupe ergänzen und fragen: Was bringt eigentlich Personen dazu, sich extremistischen und terroristischen Organisationen anzuschließen bzw. überhaupt Extremist zu werden?

Eine Grundkonstante gibt es, die alle drei „großen“ politischen Extremismen – den linken, den rechten und den islamistischen – vereint: Die Unterscheidung von Freund und Feind, eine radikal binäre Denkweise, im Zuge derer die soziale Umwelt „sortiert“ wird in moralistische Kategorien, in „Gut“ und „Böse“, wobei letzteres nicht wie ein normaler politischer Gegner abgelehnt wird, sondern ein Feind ist, der früher oder später zu eliminieren ist. Eine Denkweise, die dem psychischen System die Bequemlichkeit einer umfassend wirkenden Komplexitätsreduktion ermöglicht, indem sie – totalitär nicht nur auf gesellschaftlicher, sondern eben auch auf Interaktionsebene – alle Lebensbereiche einer Person erfasst.

Nicht zuletzt im Rahmen der sozialpsychologischen Forschung zu den Radikalisierungsprozessen von späteren RAF-Mitgliedern konnte diese Entwicklung nachgezeichnet werden: Interaktion wurde politisiert. Und dies eben nicht nur da, wo es zu erwarten ist – sprich: in politischen Gruppierungen – sondern eben auch in ganz anderen Interaktionssystemen: Im Hörsaal, der zu jener Zeit, zumindest in den sozialwissenschaftlichen Fächern, ebenso politisiert war, am Essenstisch in der links orientierten WG oder im Freundeskreis (vgl. Horn 1982).

Mit anderen Worten: Die politische Leitdifferenz wurde auf Interaktionsebene „totalitär“. Sie dominierte alle anderen: Freunde wurden danach ausgesucht, ob sie politisch auf der „richtigen“ Seite standen, ebenso Mitbewohner in der Wohngemeinschaft oder Lern- und Diskussionsgruppen in der Uni. Die gesamte soziale Umwelt wird also nur noch daraufhin beobachtet, ob sie der politischen Sache dient oder nicht – jede andere Unterscheidung (wie etwa: Ist er oder sie ein guter Zuhörer, ist er oder sie klug, reich, unterhaltsam, kultiviert usw. usf.) rückte in den Hintergrund. Dies wiederum bestärkte die Wirkungsmacht der politischen Leitunterscheidung, in Teilen dann eben bis hin zum Gang in den Untergrund, wo schließlich, bedingt durch die Abschottung, sich fatal auswirkende Groupthink-Prozesse (vgl. Janis 1972) nicht lange auf sich warten lassen – das System kann ja nicht mehr oder kaum noch irritiert werden.

Doch abgesehen von der Tatsache, dass eine Bewegung, die sich „verorganisiert“, wie dies beim IS der Fall ist, dieser Entwicklung ja eben gerade vorbeugt – indem sie eigene Subsysteme der Umweltbeobachtung schafft wie bspw. Nachrichtendienste, Medien etc. – und abseits davon, dass sie in ihrem eigenen Territorium eben nicht im „Untergrund“ ist, sondern sogar kollektiv bindend entscheidet: Dadurch, dass sie – nicht anders als die NSDAP früher und Hamas und Hisbollah heute – in so vielen Lebensbereichen ihrer Anhänger (Mitglieder) präsent ist, dürfte ihr auch die „totalitäre“ Vermittlung ihrer Freund-Feind-Leitdifferenz weiterhin gut gelingen. Dies nicht zuletzt bestärkt durch die sich fortsetzende, ja sogar intensivierende militärische Auseinandersetzung, die durch ihre vielfältigen Fronten – IS vs. „der Westen“, IS vs. Assad-Regime / Iran / Russland – eine Vielzahl an Feindbildern bietet, die im Rahmen des totalitären Codes intern und mit hoch integrativer Wirkung kommuniziert werden können.

Dies wird umso plausibler, wenn wir nun zusätzlich zur sozialpsychologischen Lupe, die in den letzten Abschnitten die organisationssoziologische Brille ergänzt hat, das individualpsychologische Mikroskop hinzuziehen. Denn Konfliktsysteme kriegerischer Art – insbesondere, wenn sie wie hier in „doppelter Form“ auftreten (s. o.) – entfalten bekanntlich gravierende Effekte auf psychische Systeme: Sie schaffen Teufelskreise, indem Personen durch selbst erlebte Gewalt traumatisiert und dadurch radikalisiert werden, da die aus den – insbesondere in der hier im Mittelpunkt stehenden Weltregion – massenhaft auftretenden Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) resultierenden psychischen Instabilitäten tiefgreifende emotionale Folgen nach sich ziehen. Sie begünstigen über vielfältige Teilaspekte – Empfindungen wie Hass oder auch der Drang zur Kompensation von Ohnmachtsgefühlen und Kontrollverlust – ihrerseits wieder die Gewalt von morgen, zumal oftmals auch keine Strukturen psychosozialer Dienstleistungen bestehen, die helfen könnten, diese Gewalterlebnisse und Traumata zu verarbeiten. Sie werden somit gewissermaßen mitgeschleppt und wachsen oft unerkannt heran zu inneren Dämonen, die irgendwann erbarmungslos zuschlagen können.

Dass Deprivation und Kontrollverlust in verschiedenen Lebensbereichen – was im Krieg wie gesagt klar zu erwarten ist – das Risiko erhöhen, sich politisch zu radikalisieren, ist sogar für das von Kriegsgeschehen derzeit verschonte Deutschland nachgewiesen, wo Sozialpsychologen zeigen konnten, dass derartige psychische Phänomene mit rechtsextremen, ethnozentrischen und verschwörungstheoretischen Einstellungen korrelieren (vgl. Fritsche / Deppe / Decker 2013: 167 ff.).

Dehnt man dieses Ergebnis als These auch auf andere Extremismen aus, so ist damit erklärt, was an der bereits oben beschriebenen Komplexitäts- und Kontingenzreduktion durch einen totalitären politischen Code, der alle Lebensbereiche erfasst, in diesen Fällen so attraktiv ist: Sie schafft die lang ersehnte Kontrollillusion, gibt dem Betroffenen das Gefühl, die Welt „durchschaut“ zu haben, womit die private Unsicherheit, das private Unglück, Ängste etc. wenigstens in Teilen kompensiert werden können. Es braucht wenig Fantasie, sich vorzustellen, wie attraktiv dies dann erst auf durch Gewalterfahrungen (womöglich bereits in früheren Kriegen frühkindlich) traumatisierte junge Menschen wirken kann, die noch weitaus mehr zu kompensieren haben als ein „nur“ arbeitsloser, geschiedener Ostdeutscher.

Gerade der Verorganisierungsprozess des IS könnte hier dann die Rolle eines „psychosozialen Auffangbeckens“ einnehmen: Denn es wird dadurch ja eben nicht nur die bisherige Bewegung organisiert, sondern auch das soziale Leben ihrer Anhänger bzw. Mitglieder. Wo Organisation, wo Hierarchie ist, da ist Berechenbarkeit und Kontingenzreduktion. Die Verorganisierung des IS schafft dann auch eine Verorganisierung seiner politischen Leitdifferenz, wodurch scheinbare weltanschauliche Klarheit und Berechenbarkeit vermittelt wird: „Dir geht es schlecht? Du hast Familienmitglieder und Freunde durch den Krieg verloren? Wir sagen dir, wer schuld ist, und was du tun musst, um sie zu rächen!“.

Das „doppelte Konfliktsystem“, in dem der IS operiert, macht diesen zwar zur Organisation, aber es erlaubt ihm gerade dadurch eben auch, seine Integrationsmechanismen zu professionalisieren und auszubauen, womöglich gar psychosoziale Dienstleistungen anzubieten, die mit der Vermittlung radikal-islamistischer Ideologie im Sinne einer fundamentalistischen „Seelsorge“ verknüpft werden. All dies dürfte dem IS nicht nur seine interne Integrationsfähigkeit in Bezug auf bereits vorhandene Mitglieder erleichtern, sondern sogar auch neue Möglichkeiten der Rekrutierung neuer Mitglieder eröffnen. Der totalitäre Anspruch des IS verstärkt diese Entwicklung sogar noch. Der israelisch-palästinensische Nahost-Konflikt, in dem die Hamas eben nicht nur politische Gewalt ausübt, sondern auch soziale Strukturen bereitstellt und dadurch integriert und rekrutiert, führt uns diese Prozesse seit Jahrzehnten vor Augen.

Es sollte deutlich geworden sein, dass eine fundierte Prognose hinsichtlich der Frage, wie es mit dem „Islamischen Staat“ – abseits militärischer Entwicklungen – weitergehen wird, eine interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Perspektive braucht, die sich nicht auf die organisationssoziologische Brille beschränkt. Dies gilt umso mehr, als dass in diesem Artikel abseits der Meso-Ebene nur die Mikro-Ebene thematisiert, die gesellschaftliche Makro-Ebene jedoch weitestgehend ausgespart wurde – obwohl auch diese insbesondere politische Entwicklungen bereithalten dürfte, die für die aufgeworfene Frage von großer Bedeutung sind. Dass der IS als Organisation für seine Mitglieder weniger attraktiv wird, dürfte jedoch eine allzu optimistische These sein, die wichtige psychosoziale Prozesse ausblendet.


Literatur:

Brunsson, Nils (1989). The Organization of Hypocrisy. Chichester: Wiley.

Fritsche, Immo / Deppe, Janine / Decker, Oliver (2013). Außer Kontrolle? Ethnozentrische Reaktionen und gruppenbasierte Kontrolle. In: Oliver Decker / Johannes Kiess / Elmar Brähler (Hrsg.): Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose. Gießen: Psychosozial-Verlag.

Horn, Michael (1982). Sozialpsychologie des Terrorismus. Frankfurt a. M. / New York: Campus.

Janis, Irving (1972). Victims of Groupthink: A Psychological Study of Foreign-Policy Decisions and Fiascoes. Boston: Houghton Mifflin. 

Schmitt, Carl (1935). Staat, Bewegung, Volk: Die Dreigliederung der politischen Einheit. Hamburg: Hanseatische Verlagsanstalt.

Freitag, 20. November 2015

Psychologische Systemtheorie X: Können sich Menschen ändern?

Die Frage, ob der Mensch imstande ist, sich zu ändern, ist eine, die oftmals mit der Dichotomie von Optimismus und Pessimismus konnotiert wird: Wer glaubt, dass sich Menschen ändern können, gilt als Optimist, wer dies nicht so sieht als Pessimist (berühmtester Vertreter der letzteren Gattung ist gemeinhin die US-Serienfigur Dr. House mit seinem gleichlautenden Motto „Menschen ändern sich nicht!“). Doch was ist realistisch?

Tatsächlich geht es hier weniger um eine Frage von Optimismus vs. Pessimismus, sondern um die Frage von Komplexität vs. Unterkomplexität. Denn vom sozialpsychologischen Standpunkt aus gesehen ist der Gedanke, sich hier nur zwischen „ja“ oder „nein“ entscheiden zu können, eine denkbar unterkomplexe Einschätzung. Der Wissenschaftler wird zunächst zurückfragen: Welches Teilsystem des „Menschen“ meinen Sie überhaupt?

Die Formulierung „Mensch“ ist zunächst einmal eine Formel der Zurechnung: Wir verwenden sie, um jemanden, den wir als anderes und (meistens) denkendes Individuum wahrnehmen, als solches psychisch und sozial adressieren zu können. Fragt man jedoch systemtheoretisch danach, was der Mensch ist, so bleibt, abseits von der o. g. Einordnung, nur die Antwort: Ein biologisches System, auf das wir – sowohl gegenüber anderen als auch gegenüber uns selbst – ein psychisches System zurechnen und welches zudem beständiges Zurechnungssubjekt und -objekt in sozialen Systemen ist.

Als guter Konstruktivist gilt es anzuerkennen, dass wir niemals von einer „objektiv klaren“ Existenz von etwas ausgehen können – ja nicht einmal von Systemen. Auch die Systemtheorie ist, wie andere Kategorisierungen auch, ein Mechanismus sozialer Konstruktion, um die (psychosoziale) Welt für uns begreifbarer zu machen. Insofern ist auch ein psychisches System zunächst einmal nichts objektiv gegebenes, sondern etwas, was wir uns zurechnen, um unsere eigene Identität und die anderer anerkennen und wahrnehmen zu können, da wir einen anderen Menschen eben nicht mit „Guten Tag, anderes biologisches System mit Gehirn, Augen, Ohren, Haut etc.“ begrüßen können. Die Zurechnung eines psychischen Systems erleichtert einerseits die Individualitätszuschreibung gegenüber dem anderen und ermöglicht uns darüber hinaus andererseits, uns selber etwa von pflanzlichen Lebewesen unterscheiden und unser Denken und Fühlen einordnen zu können.

Psychische Systeme werden irritiert und beeinflusst durch Kommunikation, also durch soziale Systeme. Sie kommunizieren nicht selbst! Bekanntlich kann nur Kommunikation kommunizieren, da Kommunikation immer an eine andere Kommunikation anschließen muss. Den Akt des Sprechens vollführt ein biologisches System, und ob die Differenz aus Mitteilung und Information den Gedanken des sendenden psychischen Systems entspricht, können wir selbst nicht wissen, da nicht der Sender, sondern der Empfänger über das Gelingen der Kommunikation entscheidet (= Verstehen). Das psychische System kann Kommunikation lediglich beobachten, sich von dieser irritieren lassen und dann seine eigenen Operationen dementsprechend ändern. Zwar birgt dies auch die Option, Kommunikation zu beeinflussen – aber auf großen Umwegen. Diese theoretische Prämisse gilt es zu beachten, wenn wir über die Fähigkeit des „Menschen“, sich zu verändern, sprechen wollen.

Wie kann, wenn man diese komplexe Situation zugrunde legt, überhaupt irgendeine Art sozialen, kommunikativen Zusammenlebens funktionieren? Gute Frage. Oft genug funktioniert sie nicht. Und wenn sie funktioniert, kann sie zuweilen ziemlich anstrengend werden, wie wir alle aus unzähligen sozialen Szenarien wissen, seien es politische Debatten, familiäre Konflikte oder Gespräche mit dem Ex-Partner.

Und dennoch vollführen wir diesen komplexen Akt, der drei verschiedene System-Typen umfasst, jeden Tag aufs Neue wie selbstverständlich. Basierend auf den „Instrumenten“, welche uns unser biologisches System bietet – Mund, Zunge, Mimik, Gestik, visuelle und akustische Wahrnehmung – vollführen wir tagtäglich diese Sende-, Empfangs- und (Selbst-)Irritationsleistung, die die Fortführung von Kommunikation und die Existenz sozialer Systeme ermöglicht – und unser psychisches System verändert.

Damit nähern wir uns nun langsam dem Kerngegenstand dieses Textes. Soziale Systeme verändern sich ständig – tun sie es nicht, sterben sie, da sie zur ständigen Anpassung an ihre Umwelt gezwungen sind. Biologische Systeme verändern sich von selbst (durch das bloße Altern), lassen sich aber auch künstlich verändern: Man denke etwa an medizinische Behandlungen, Konsum von Alkohol oder Reisen in andere Klimazonen, durch die wir schwitzen, frieren usw.

Die Frage, die mit dem Problemkomplex „Können sich Menschen ändern?“ wirklich gestellt wird, ist wohl zweifellos die nach der Änderbarkeit psychischer Systeme. Nun ist es eine ebenso unspektakuläre wie alte sozialwissenschaftliche Erkenntnis, dass auch psychische Systeme über ihr biologisches und vor allem soziales Leben beständiger Veränderung unterworfen sind. Im letzteren Falle wird dieser Prozess Sozialisation genannt: Er dauert bekanntlich das ganze Leben lang an, endet also entgegen dem Anschein, den der alltagssprachliche Umgang mit dem Begriff erweckt, nicht mit dem Erwachsensein. Da auch das wie gesagt allgemein bekannt ist, kann somit auch dies nicht wirklich gemeint sein, wenn die Frage aufkommt, ob „Menschen sich ändern können“. Was aber dann?

Korrekterweise muss die Frage wohl verstanden werden als „Können Menschen sich wirklich und von Grund auf ändern?“. Dies impliziert mitunter eine problematische Prämisse: Dass Menschen einen „wahren, echten Kern“ hätten – eine Seele quasi – und drum herum die äußere „Hülle“ ihrer sozialen Selbstdarstellung. Blendet man religiöse bis theologische Semantiken jedoch aus, so lässt sich hier keine sinnige Unterscheidung treffen: Etwas anderes als die soziale Selbstdarstellung einer Person ist – auch für Psychologen – nicht beobachtbar, jedenfalls solange nicht, bis ein Nachweis für die Existenz von Telepathie erbracht wird. Das heißt, auch etwa Heuchelei wird erst dann als solche erkennbar, wenn eine wahrgenommene Selbstdarstellung mit einer anderen wahrgenommenen Selbstdarstellung derselben Person kollidiert. Etwas anderes als das ist nicht wahrnehmbar und daher im konstruktivistischen Verständnis auch nicht existent.

Übrigens auch nicht für diese Person selbst: Die eigene Identität konstituiert sich durch Kommunikation, die sozialisierend wirkt. D. h.: Was für einen selbst wahrnehmbar ist, sind die Reaktionen der sozialen Umwelt auf einen und die wiederum eigene Reaktion darauf dieser gegenüber – sprich: Kommunikation – sowie die eigenen Gedanken, die aber auch nur durch diesen „psychosozialen Stimulus“ zustande kommen. Die eigene Selbstdarstellung determiniert die eigene Selbstbeschreibung, welche sich wiederum in einer Interdependenz mit der Fremdbeschreibung durch die soziale Umwelt befindet. Begleitet wird all dies freilich durch Gene / Erbanlagen und biochemische Prozesse des Körpers, die diese Sozialisationseffekte auf das psychische System mal mehr, mal weniger stark beeinflussen, etwa indem sie Prämissen setzen (Aussehen, physische oder kognitive Kapazitäten) oder anderweitig beeinflussen (man denke hier an biochemisch-hormonelle Prozesse wie z. B. die Menstruation oder Erkrankungen, die sich psychosozial auswirken).

Anders ausgedrückt: Es gibt nicht das eine, feste, essenzielle, unveränderbare „Ich“, die Seele, den Kern, der von der sozialen Selbstdarstellung umgeben wird. Abseits dessen, was genetisch und biochemisch determiniert wird – und selbst letzteres ist eben auch im Sinne der psychosozialen Auswirkungen beeinflussbar, wie nicht nur medikamentöse Psychotherapie zu zeigen vermag (ob im beabsichtigten Sinne, ist dabei eine andere Frage) – ist alles, was das psychische System ausmacht, grundsätzlich Produkt von Sozialisation und damit veränderbar.

Nun das unvermeidliche Aber: Die Phasen der Sozialisation entscheiden wesentlich über die Anstrengungen, die betrieben werden müssen, um eine Veränderung zu erreichen. Je früher sich z. B. etwas, was später als Charaktereigenschaft rezipiert wird, etabliert, desto schwerer ist es mitunter später veränderbar oder gar wegtrainierbar. In der frühkindlichen Phase wird bekanntlich die Basis für entscheidende Elemente unseres Wesens gelegt, wenn wir etwa an die wichtige Rolle denken, die das Zustandekommen und die Bewahrung des Ur-Vertrauens für unser weiteres Leben spielt. Hier findet auch jene Sozialisation statt, deren negativ wahrgenommener Anteil später am schwierigsten wieder zu eliminieren ist.

Hierfür braucht es dann – und damit kommen wir zu der Frage „Wer kann eigentlich verändern?“ – oftmals Hilfe von außen. Dies kann, in der offensichtlichsten Version, durch eine Psychotherapie geschehen, genauso aber auch durch eine bestimmte Erfahrung, einen Schicksalsschlag, (das Ende) eine(r) Liebesbeziehung (wobei selbige und das zuvor genannte durchaus auch identisch sein können; nicht nur im Falle ihres etwaigen Endes, sondern auch im Zuge ihrer Fortführung!), ein neues soziales Umfeld, eine innige Freundschaft oder auch „nur“ ein eigenständiger Prozess der ausgiebigen Selbstreflexion und gedanklichen Differenzierung. Letzterer kann dabei allerdings auch niemals komplett autark erfolgen, sondern ist letztlich ebenfalls immer das Ergebnis einer Irritation durch die soziale Umwelt, nur dann eben zeitlich verzögert und umgesetzt durch das, was wir Erinnerungen und Überlegungen nennen.

Dieser Prozess ist entgegen dem, was wir in der Begrenztheit unserer selektiven Wahrnehmung glauben, eher wahrscheinlich und alltäglich. Psychische Systeme sind ständiger Veränderung unterworfen. Zwar nicht so häufig in Hinblick auf die Ergebnisse ihrer frühkindlichen Sozialisation, durchaus aber nicht selten: Insbesondere psychische Systeme, die es – aus welchen Gründen auch immer – gewohnt sind oder von denen erwartet wird, dass sie sich und andere dauerhaft reflektieren, sind professionelle „(Selbst-)Veränderer“ und können irgendwann nicht mehr anders, als sowohl sich als auch andere ständig zu prüfen, zu hinterfragen und zumindest zu versuchen, alte und dabei für schlecht befundene Muster über Bord zu werfen. Ob es ihnen gelingt, hängt im Folgenden auch maßgeblich von der sozialen Umwelt ab: Wird das Ansinnen positiv oder negativ sanktioniert? Eine positive Reaktion der sozialen Umwelt bestärkt das psychische System in der Wahrnehmung der Sinnhaftigkeit des Versuchs und vermag dadurch eine Intensivierung und damit letztlich einen Erfolg herbeizuführen.

Dies gilt dann übrigens für beide Seiten: Wer seinerseits als positiv rezipierte Veränderungsversuche positiv sanktioniert, kann aus den Resultaten wiederum eigene, positive Selbstirritationen ableiten und „an sich arbeiten“. Eine solche Interdependenz ist es, auf der schließlich funktionierende Freundschaften wie auch Beziehungen basieren: Gegenseitige (Selbst-)Irritation, die beständige, aber freiwillige (Selbst-)Optimierung herbeiführt. Es ist jedem psychischen System nur zu wünschen, Zugang zu einer solchen sozialen Konstellation finden zu können. Und ja: Dann klappt’s auch mit der Veränderung.


Literatur

Luhmann, Niklas (1995). Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt? In: ders., Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Mittwoch, 7. Oktober 2015

Wieviel Meinungsfreiheit darf’s denn sein? Die Verirrungen des MdL Henning Höne

Von der Mehrheit der Mitglieder seiner Partei und der Jungen Liberalen (JuLis) vermutlich relativ unbemerkt, hat sich der NRW-FDP-Landtagsabgeordnete Henning Höne aus Münster, seines Zeichens früherer Landesvorsitzender der JuLis NRW und heute umweltpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Düsseldorfer Landtag, in einem Artikel im JuLi-Mitgliedermagazin „jung + liberal“ (Ausgabe 02/2015, S. 10/11) zu einem Statement hinreißen lassen, das einen als freiheitlich eingestellter Mensch, gelinde gesagt, befremdet.

Höne problematisierte in seinem zweiseitigen Artikel die Wellen von Polizeigewalt gegen Minderheiten in den USA, die dort vor nicht allzu langer Zeit zu für westliche Verhältnisse massiven Unruhen besonders bei der schwarzen Bevölkerung geführt hatten. Soweit zunächst einmal kein ungewöhnlicher Vorgang. Auch die in einem Absatz dargestellte und, vorsichtig ausgedrückt, schwierige Diagnose, die Beliebtheit der Konföderierten-Flagge in bestimmten amerikanischen Regionen zeuge gewissermaßen automatisch von einem tief verankerten Rassismus derjenigen, die sie verwenden und hochhalten, war zunächst einmal nichts ungewöhnliches – stimmte sie doch nur allzu passend in den allgemeinen Chor mit ein, der, aus einem eher unreflektierten Aktionismus heraus, eigentlich vielschichtiger Symbolik vermeintlich eindeutige Bedeutungen und Intentionen attestierte.

So ist die Konföderierten-Flagge zumindest heutzutage mitnichten automatisch ein rassistisches Symbol, auch wenn sie zweifellos von betreffenden Gruppen entsprechend verwendet und instrumentalisiert wird. Die Tatsache, dass sie beispielsweise auch im Rahmen von Auftritten der bekannten Southern-Rock-Band Lynyrd Skynyrd („Sweet Home Alabama“) Verwendung findet, ist eines von vielen kleinen Indizien dafür, dass sie eher als eine Art regional-patriotische Symbolik zu verstehen ist, die eine Art „Lebensgefühl des kleinen Mannes im Süden“ widerspiegelt und längst nicht zwingend politische Implikationen in sich birgt. Und selbst wenn sie es denn tut, so geht es wohl in vielerlei Fällen eher um das Demonstrieren einer konservativ-föderalen Abgrenzungssymbolik gegenüber der liberalen Bundesregierung als um die Artikulation rassistischen Gedankenguts.

Doch wie auch immer: Auch wenn man diese Einschätzung nicht teilen mag und die besagte Symbolik anders interpretiert, so ist dies sicherlich, wie gesagt, weder grundsätzlich problematisch oder gar ungewöhnlich, auch nicht für deutsche Liberale. Auch wäre es für den Autor dieser Zeilen noch kein Anlass gewesen, sich zu einer kritischen Reaktion in Form eines eigenen Artikels genötigt zu sehen. Wenn da nicht die Sache mit der Meinungsfreiheit gewesen wäre.

So beließ es Herr Höne nämlich nicht bei seinen politischen Deskriptionen und Interpretationen, sondern schloss seinen Artikel allen Ernstes mit der Forderung, die USA bräuchten eine „neue Definition von Meinungsfreiheit“ im deutschen Sinne: Extreme müssten verboten werden können.

Nun würde ein solches Statement nicht verwundern, wenn es von einem Sozialdemokraten, einem Grünen, einem Linken oder auch einem Christdemokraten käme. Wenn jedoch ein FDP-Politiker ausgerechnet in einem Punkt Deutschland zum Vorbild erhebt, der gerade für Freidemokraten ein vielerlei Hinsicht ein Problem darstellen müsste, so zeigt sich darin doch eine bedenkliche Vorstellung von dem, was liberale politische Kultur ausmachen sollte.

Nicht umsonst hat sich die FDP vor wenigen Jahren etwa gegen ein NPD-Verbot ausgesprochen. Die De-facto-Auswirkungen gesetzlicher Verbote von Organisationen auf die bis dato darin operierenden Personen sind mitunter nicht unproblematisch. Die betreffenden Szenen sind schlechter beobachtbar, sie werden gesellschaftlich weiter isoliert und dadurch nicht selten in den Untergrund getrieben. Der Fall der RAF und ihrer Vorgeschichte – soziologisch und sozialpsychologisch gut erforscht – bietet anschauliche Beispiele dafür, wie manch eine Radikalisierung durch besonnenere und liberalere, d. h. die Meinungsfreiheit hochhaltende staatliche Reaktionen womöglich hätte verhindert werden können.

Soweit die pragmatische Seite. Doch auch die idealistische Seite ist in diesem Punkt nicht zu vernachlässigen. So endet die Freiheit des Einzelnen dort, wo die des anderen berührt wird. Wird jedoch die Freiheit des einen eingeschränkt, wo der andere die falsche Meinung vertritt – und deren Artikulation weder beleidigend noch verleumderisch ist, also auch keine konkrete Schädigung Einzelner bewirkt?

Es ist nicht zwingend ein Zeichen von politischer Beliebigkeit, dies zu verneinen. Vielmehr zeigt ein Staat, der die Grundgedanken der freiheitlich-demokratischen Grundordnung hochhält, dabei aber auch radikal bis extrem abweichende Positionen zulässt, solange sie für niemanden eine unmittelbare Gefahr darstellen, vor allem Stärke: Er setzt auf die pure Kraft des Arguments und damit auf das Vertrauen in sich selbst anstatt auf seine ultimativen Zwangsmittel. Er demonstriert sich, seinen Bürgern und im Übrigen auch dem Ausland: Wir vertrauen auf unsere eigene Philosophie. Wir halten sie für so überzeugend, dass wir glauben, dass sie aus sich selbst heraus bestehen kann, ohne die Hilfe von staatlichen Zwangsmitteln, die im Zweifel eher auf Schwäche hindeuten als auf „Wehrhaftigkeit“.

Die USA haben die Richtigkeit dieser Einschätzung in ihrer Geschichte mehr als eindrucksvoll bewiesen. Die Integration etwa der Südstaaten gelang durch eben jenes Selbstbewusstsein, ebenso wie die Vermeidung ausartender religiöser Konflikte (und dies trotz der beträchtlichen religiösen Heterogenität, die bekanntlich auch so manche extreme religiöse Gruppierung mit sich bringt!). Die Stabilität ihrer Demokratie, den grundlegenden Optimismus, das grandiose und manchmal – gerade für Europäer – fast zu überschwängliche Vertrauen in sich selbst als Nation verdanken die USA eben jener freiheitlich-demokratischen Gelassenheit, die – zumindest innenpolitisch – hysterische Überreaktionen immer wieder verhindern konnte. Eine stolze Bilanz, die die in dieser Frage deutlich hysterischer und unsicherer auftretende Bundesrepublik Deutschland erst noch liefern muss, bevor sie gegenüber Amerika, wie so häufig, den moralischen Zeigefinger erheben kann.

Es täte gerade deutschen Landespolitikern gut, sich dies bewusst zu machen, bevor sie vom Rheinland oder vom Münsterland aus weitreichende politische Forderungen gegenüber der ältesten Demokratie der Welt erheben. Die Tatsache, dass diese ausgerechnet aus der Feder eines Politikers kommen, der sich selbst als freidemokratisch und liberal bezeichnet, macht die Sache wahrlich nicht besser. Zumal es in dieser Frage nicht um ein politisches Nischenthema geht oder um die Frage der Subventionierung der Münsterländer Milchwirtschaft (ein Thema, in dem der besagte MdL sicherlich mehr Kompetenz vorzuweisen hat als der Autor dieser Zeilen): Das Prinzip der Meinungsfreiheit gehört immerhin zu den ureigensten Anliegen der liberalen Bewegung in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert!

Wenn es eine Frage gibt, in der sich zeigt, wie verinnerlicht die Grundsätze des Liberalismus sind, so ist es diese. Hier zeigt sich der eigene Liberalismus im Alltag: Wer in der politischen Debatte auch extrem anderen Meinungen sachlich, tolerant und gelassen entgegentritt, zeigt nicht nur Liberalität, sondern auch Größe – und wirkt dadurch auch den extrem Andersdenkenden gegenüber um Längen überzeugender als jemand, der den Diskurs schockiert, wütend oder empört abbricht und den anderen und seine Meinung dadurch sich selbst überlässt. Was hier auf der persönlichen Mikro-Ebene gilt, gilt ebenso auch auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene: Der Staat, der auch extrem andere Meinungen zulässt – jedenfalls, solange sie nur Meinungen sind und ihre Inhaber nicht zu gewalttätigen Mitteln greifen – der zeigt Größe und wirkt integrierend auf seine Bürgerinnen und Bürger. Wer – wie Herr Höne – jedoch allen Ernstes behauptet, dies trage zu sozialen Konflikten bei, der ist hiermit nachdrücklich dazu aufgefordert, diese doch recht abenteuerliche These empirisch-sozialwissenschaftlich zu belegen. Alles andere ist gleichbedeutend mit unseriösem Politisieren, das einem liberalen Landtagsabgeordneten nicht gut zu Gesicht steht.

Meinungsfreiheit gibt es nicht in verschiedenen Größen. Sie gibt es entweder ganz oder gar nicht. Wenn ein Staat richtigerweise terroristische Organisationen verbietet und bekämpft, so verbietet und bekämpft er damit keine Meinungen, sondern eine illegitime Form, diese zu artikulieren und umsetzen zu wollen. Entscheidet er sich jedoch, bestimmte Meinungen schon ab dem Punkt, an dem sie lediglich Meinungen sind, zu sanktionieren – sei es nun rechtlich oder „sozial“, durch gezielte, z. B. berufliche Verdrängung o. ä. – so ist dies nicht eine „eingeschränkte Meinungsfreiheit“, sondern schlicht das Fehlen von Meinungsfreiheit. 

Meinungsfreiheit ist Gedankenfreiheit – und diese ist umfassend. Man ist in diesem Bereich nicht „ein bisschen“ oder „teilweise frei“. Man ist es ganz oder man ist es gar nicht. Insofern kann es auch keine „Neudefinitionen von Meinungsfreiheit“ geben, wie Herr Höne sie sich, wie er sagt, „fromm“ herbeiwünscht. Meinungsfreiheit obliegt nicht den privaten Definitionen regionaler Berufspolitiker. Sie gibt es entweder – oder sie gibt es nicht. Punkt. Und wenn es ein absolutes Prinzip gibt, das den Liberalismus auszeichnen und das dieser hochhalten sollte, so ist es die Entscheidung für die erstere Alternative. Ohne Neudefinitionen, ohne Hintertürchen und ohne Kompromisse.

Montag, 21. September 2015

Psychologische Systemtheorie IX: Der Lindenstraßen-Effekt - Über das Dauerbedürfnis nach Liebessystemen

Jeder kennt sie: Die Seifenopern und Vorabendserien, die nicht unbedingt durch Oscar-reife Schauspieler oder Handlungen glänzen, die ebenso wenig qualitativ hochwertig sind wie eine Packung Chips gesund ist. Doch gleich einer Packung Chips kann man oftmals, wenn man einmal angefangen hat, sie zu konsumieren, nicht so einfach wieder damit aufhören. Es mag keine Sucht im Sinne einer Nikotin- oder gar Alkoholsucht sein, aber man ertappt sich dabei, wie man sein Handeln – sprich: seinen Chips- oder eben Vorabendserien-Konsum – selbst für völlig unsinnig und reine Zeitverschwendung hält, man aber dennoch damit weiter macht. Hierin liegt denn auch das Merkmal, das Chips- und Vorabendserien-Konsum mit der Liebe gemeinsam haben: Die Tatsache, dass es zuweilen ungeheuer schwer fallen kann, einfach nur mal solo zu bleiben – und man sich, selbst nachdem ein Liebessystem (so wollen wir hier um der theoretischen Konsistenz wegen Paarbeziehungen bezeichnen) möglicherweise fatal geendet ist, gleich wieder in ein neues stürzt, und im schlimmsten Falle auch noch in ein erfolgreiches, also in eines, in dem die Liebe erwidert wird.

Und das, obwohl man weiß, wie es nach der obligatorischen 3-bis-4-Jahres-Grenze, nach der man sich entweder trennt oder die Beziehung durch Heirat und / oder Kinderkriegen mehr oder weniger künstlich zementiert, enden kann. Die zwanghafte Inklusion in immer neue Liebessysteme gleicht dem sonntagabendlichen Einschalten des Fernsehers, wenn die „Lindenstraße“ läuft: Die Ratio weiß, dass man sich da gerade eigentlich nichts Gutes antut, wird aber sogleich von einer völlig irrationalen, Chips in sich hinein stopfenden, plump und kurzfristig agierenden inneren Macht niedergewalzt, die sich für die Warnungen des inneren intellektuellen Langweilers „Ratio“ nicht die Bohne interessiert.

Ein kurzer mediensoziologischer Exkurs. Die typische (deutsche) Vorabendserie ist deswegen Vorabendserie, weil sie sich nicht, wie ihre Kolleginnen von der Action-, Krimi-, Fantasy- oder Science-Fiction-Front nach 20.00 Uhr (sozusagen die „Sex, Drugs and Rock n Roll“-Fraktion unter der Fernsehkost), in hochspannende Gefilde der Ungewissheiten und Unsicherheiten begibt, sondern weil sie auf mehr oder weniger biedere Art und Weise (bloß ab und zu aufgehübscht durch Darsteller, denen wohl ein höheres Maß an Ästhetik zugerechnet wird) Elemente von unser aller Alltagsleben wiedergeben, worin sich irgendwie jeder wiederfindet und was keinen (jüngeren) Zuschauer in seiner psychischen Stabilität gefährdet. Sie wird damit zu einem festen Anker unseres Lebens, der nicht primär durch Spannung punktet, sondern durch „Lebensnähe“. Dadurch wird Kontingenz reduziert und Sicherheit suggeriert: Solange die Quote stimmt, kann man sicher sein, dass Helga Beimer auch nächste Woche noch die Nation bemuttert.

Zugleich wird dadurch unsere eigene soziale Komplexität „gespiegelt“. Die Botschaft der biederen deutschen Vorabendserie an ihren Zuschauer lautet: „Hey, wir akzeptieren deine soziale Komplexität, indem wir dir keine falsche Ideal- oder Fantasy-Welt vorspielen, sondern indem wir das thematisieren, was auch dich umtreibt“. Allein dadurch erhält diese Form der Unterhaltung dann wieder ihre Spannung zurück, insbesondere natürlich durch die berühmten „Cliffhanger“: Man weiß, hier können auch Hauptdarsteller sterben, denn es sind ja keine Helden, sondern Normalsterbliche wie wir. Dadurch entsteht zwar neue Kontingenz, aber eben eine, die die Komplexität, mit der wir täglich klarkommen müssen, spiegelt und unsere damit zu respektieren scheint anstatt sie als bieder und langweilig abzuwerten, wie es implizit jene Unterhaltung zu tun scheint, die in anderen Welten spielt.

Zurück zum Ursprungsthema. Die Parallele sollte inzwischen deutlich werden. Eine der sozialen Kernfunktionen und das zentrale soziologische Merkmal einer Paarbeziehung ist das gegenseitige Akzeptieren des jeweils anderen in all (!) seiner psychosozialen Komplexität. Sie muss alle seine sozialen Rollen akzeptieren und annehmen – und andersherum. Sei er nun gerade unterwegs in seinem Beruf als Staubsaugervertreter, als Wähler im Wahllokal, als Zeuge vor Gericht, als hysterisch schreiender Patient auf dem Zahnarztsessel oder als beleibter nackter Mann im Bad. Wo in anderen sozialen Systemen seitens der anderen nur die Akzeptanz einer oder zumindest weniger der beispielhaft genannten sozialen Rollen erforderlich ist, so sind es im Falle von Liebessystemen immer alle – oder es ist keine Liebe. Liebe ist totalitär. Das Private ist nicht politisch, aber es ist liebesrelevant.

Wie die seichte Vorabendunterhaltung auch liefert uns das Liebessystem also die Akzeptanz unserer sozialen und im Übrigen auch psychischen Komplexität. Denn es werden ja nicht nur verschiedene soziale Rollen akzeptiert, sondern auch verschiedene Charaktereigenschaften. So wie die Figuren in Vorabendserien uns widerspiegeln (und uns dadurch das Akzeptanzempfinden vermitteln), indem sie eben keine rein guten Helden sind, sondern Menschen mit Fehlern („wie du und ich“), so liefert das Liebessystem mit seinen herzerweichenden Semantiken („Ich liebe dich mit all deinen Schwächen, Schatz!“) den gleichen Eindruck, indem selbst Charaktereigenschaften und Dispositionen, die anderswo als negativ beurteilt werden, in diesem Kontext bereitwillig hingenommen und sogar wertgeschätzt werden.

Dies gilt dann zumindest so lange, bis man verheiratet ist. Danach wird dann zuweilen deutlich offener über die Fehler des anderen geschimpft – denn man weiß ja: Da die Bindung formalrechtlich institutionalisiert wurde, ist es nun schwerer, sie zu gefährden. Heirat schafft sozusagen eine Art formalrechtliches Halteseil, welches die gegenseitige Akzeptanz der psychosozialen Komplexität als Illusion aufrechterhält, wenn sie schon längst nicht mehr vorhanden ist. Man kann sich gegenseitig jeden Morgen seine Fehler vorhalten und aufrechnen, hat aber, sofern es nicht zu besonders gravierenden Konflikten kommt, die Sicherheit, dass es das System nicht grundsätzlich gefährdet. Nicht nur deswegen ist die Heirat neben (bzw.: vor) dem Kinderkriegen ein probates Mittel, um Liebessysteme über ihr eigentliches Haltbarkeitsdatum hinaus zu verlängern. Ehe ist sozusagen ein Konservierungsstoff, der nachträglich hinzugegeben wird, wenn die Liebesmilch sauer zu werden droht. Anders gesagt könnte man hier auch von einer „Mumifizierung der Liebes-Leiche durch die Ehe“ sprechen. Eine Vorstellung, die zumindest etwas attraktiver sein könnte, wenn die Standesämter mit den Pyramiden vergleichbar wären. Sind sie aber nicht.

Doch zurück zum Ausgangsthema. Über die gegenseitige Akzeptanz psychosozialer Komplexität wird ein Mittel geschaffen, welches mehr als alles andere geeignet ist, ein Grundbedürfnis des sozialen Lebens zu erfüllen: Nämlich das der Bestätigung der eigenen sozialen Selbstdarstellung. Psychische Systeme (auf die gemeinhin mit der Formel des „Menschen“ zugerechnet wird) bedürfen – erst recht während ihrer (früh-)kindlichen und adoleszenten Phasen, aber eben auch danach, denn die Sozialisation endet erst mit dem Tod – der kontinuierlichen Bestätigung durch die soziale Umwelt hinsichtlich ihrer sozialen Selbstdarstellung (eine sozialpsychologische Grundkonstante übrigens, die die Phrasen, die seitens radikaler Individualisten stets artikuliert werden – im Sinne von: „jeder ist sich selbst genug“, „es ist egal, was andere denken“ etc. – ins Reich der Legenden verdammt). Wer niemals die äußere Bestätigung erhält, so richtig zu sein, wie er oder sie ist, ist mehr als alle anderen dem Risiko psychischer Erkrankungen ausgesetzt (alternativ: dem Risiko devianten oder delinquenten Verhaltens) bzw. direkt auf dem Weg dorthin.

Gleichzeitig bietet aber die Bestätigung, die wir als „Singles“ von der sozialen Umwelt erhalten, eben auch immer nur eine, die sich auf Teilaspekte unserer sozialen Existenz bezieht. Für unsere Kollegen sind wir beispielsweise fleißig und zuverlässig, eventuell auch freundlich und hilfsbereit. Für unseren Arzt womöglich ein geduldiger Patient, vor Gericht ein guter Zeuge, im Verein ein disziplinierter Sportler, an der Hochschule ein guter Wissenschaftler. Doch all dies beinhaltet eben nur Auszüge unserer sozialen Selbstdarstellung, weswegen eben seitens dieser sozialen Umwelten auch nur Auszüge akzeptiert und bestätigt werden können. Selbst Freundschaften, die womöglich ein größeres Akzeptanz- und Bestätigungsspektrum abdecken (über ein „besser kennen“ oder ein Sich-Kennen aus noch anderen Kontexten wie eben der Schulzeit oder der Arbeit), können nicht alles abdecken, da diese eben spätestens in Sachen Privatheit und Intimität an ihre Grenze stoßen: Heinz-Dieters guter Freund, Arbeitskollege und Kegel-Kumpel Günni, der mit diesem regelmäßig nach der Arbeit noch ein Bier trinkt, weiß eben nicht, wie Heinz-Dieter sich beim Zähneputzen, am Frühstückstisch, nach der Heimkehr oder im Bett verhält. Und das ist vielleicht auch besser so.

Derlei erfährt man dann eher noch von den Protagonisten der Vorabendserie, die einem dadurch mitunter ungewollt nahe stehen – und einem eben ihre psychosoziale Komplexität anbieten und dadurch die Akzeptanz der unsrigen vermitteln, indem sie sie fernsehprogrammwürdig machen.

Ansonsten sind eben einzig Liebessysteme geeignet, uns diese „beste aller Rückmeldungen“ zurückzugeben, da sie schonungslos alles auf den Tisch legen und dann bereitwillig anerkennen. Das wiederum macht sie besonders attraktiv für jene psychischen Systeme, welche ansonsten eher mit fehlender sozialer Positivrückmeldung zu kämpfen hatten oder haben. Ein Prozess, der das Risiko eines Teufelskreises beinhaltet: Je mehr man bereits mit anderen „sozialen Baustellen“ zu kämpfen hat, desto mehr sehnt man sich nach Liebe und desto mehr sucht man sie. Und je größer die Sehnsucht und die Bemühungen des Suchens, desto höher und wahrscheinlicher auch das Risiko der Enttäuschung. Eine Entwicklung, die – in die andere Richtung „zurückgedacht“ – paradoxerweise dazu führt, dass man andererseits je mehr Liebessysteme findet, desto weniger man danach sucht. Was es aber auch nicht zwingend besser macht.

Es ist somit die Chance der (Selbst-)Bestätigung, die psychische Systeme immer wieder dazu bringt, entweder Liebessysteme mit hohem Enttäuschungsrisiko zu suchen oder ständig von welchen „gefunden“ zu werden, ohne sich dem entziehen zu können, selbst wenn die eigene Ratio es besser weiß. Oder aber, und dies ist die dritte, hier bislang noch nicht thematisierte Option, ein Liebessystem gar nicht verlassen zu können, obwohl man es doch eigentlich will. Je größer das Bedürfnis nach Bestätigung der sozialen Selbstdarstellung, desto höher auch das Risiko, in eine der besagten Situationen zu geraten.

Übrigens: Hier spezifische charakterliche Dispositionen auszumachen – im Sinne von: „diese oder jene Charaktere sind eher anfällig für den ‚Liebes-Infekt‘ als andere“ – wäre hierbei nicht eben sinnvoll, da das Risiko, in ein Liebessystem zu geraten, von dem jeweiligem Zusammenwirken der beiden betroffenen sozialen Selbstdarstellungen abhängig ist. Beispielhaft ausgedrückt: Natürlich sind narzisstische Persönlichkeiten als Charaktere mit besonderem Bestätigungsbedürfnis hiervon eher betroffen als manch andere. Das Bedürfnis nach sozialer Selbstbestätigung macht jedoch nicht bei Narzissten Halt, sondern vermag sich etwa auch auf jene zu erstrecken, denen gemeinhin z. B. ein „Helfersyndrom“ oder eine besondere Selbstlosigkeit zugerechnet wird. Hier sind dann eben das Helfersyndrom und die – vermeintliche – Selbstlosigkeit die soziale Selbstdarstellung, die nach Bestätigung verlangt. Liebessysteme sind soziale Selbstdarstellungsbestätigungssysteme. Dies gilt ganz grundsätzlich, unabhängig von charakterlichen Dispositionen der Beteiligten. Es ist schlicht niemand gefeit vor diesem elementaren Bedürfnis, welches dem nach Nahrung und Sauerstoff nur wenig nachsteht. Selbst jene, die gerne Gegenteiliges verkünden – besonders beliebt bei alternativ-individualistischen (jugendlichen) Subkulturen („mir ist egal, was andere von mir denken; ich mach mein Ding!“) – artikulieren damit auch nur eine besonders paradoxe Variante des Bedürfnisses nach sozialer Selbstbestätigung. Denn sonst würden sie es nicht verkünden.

Ziel dieses Artikels war die Beantwortung der Frage, warum man sich das Risiko eines Liebessystems immer wieder antut. Es sollte deutlich geworden sein, welche Effekte diese wohl raffinierteste und vielleicht auch komplizierteste Form sozialer Systeme für uns bereithält. In positiver, aber eben ja auch in negativer Hinsicht: So ist es alles andere als leicht, einerseits seine komplette eigene psychosoziale Komplexität „auf den Tisch des Systems“ zu legen und dann andererseits wiederum die der anderen Seite zu akzeptieren. Mit allen Problematiken, die sonst noch so dazugehören: Wer legt seine zuerst auf den Tisch? Auf welchen Tischen lagen sie vorher schon (oder, im schlimmsten Falle: auf welchen – wessen – anderen Tischen liegen sie noch immer…)? Liegt jetzt mehr drauf als vorher? Glaubt vielleicht eine der beiden Seiten nur, dass die der jeweils anderen ganz auf dem Tisch liegt („doppelte Kontingenz“)? Und was sagt eigentlich das Familiensystem dazu? 

Diese Fragen zeigen: Aus dem gegenseitigen Akzeptieren der psychosozialen Komplexität des jeweils anderen erwächst somit also nochmal eine ganz neue, ureigene soziale Komplexität und Kontingenz des Liebessystems selbst! Hierin liegt denn auch die Warnung, die die Ratio uns jedes Mal wieder vorher mitzuteilen versucht und mit der sie so oft (zu oft?) scheitert, weil das Chips fressende, Vorabendserien konsumierende, liebeslustige Selbstbestätigungsmonster ignorant weiter läuft, gefüttert und angetrieben durch biochemisch-hormonelle Begleitmusik. Im Grunde eine Tragödie. Aber eine, die denjenigen, die es – zumindest theoretisch – besser wissen, immerhin lukrative und ausfüllende soziale Rollen als Paar- oder Familientherapeuten beschert. Und das ist doch auch etwas, oder?

Mittwoch, 5. August 2015

Politische Willkür: Warum Heiko Maas zurücktreten müsste

Demokratische Rechtsstaatlichkeit wird im soziologischen Sinne charakterisiert durch die Aufrechterhaltung einer funktional differenzierten Gesellschaftsstruktur. Die beiden gesellschaftlichen Funktionssysteme Politik und Recht sind demnach „operativ geschlossen“, d. h.: Geschützt vor direkten Eingriffen und Interventionsversuchen durch das jeweils andere System. Die Instanz, die dies gewährleistet, ist die Verfassung als strukturelle Kopplung beider Systeme, über die beide ihre eigenen Grenzen erkennen können. Beobachtet die Politik die Verfassung, so weiß sie, wie weit sie gehen darf und wie weit nicht. In Deutschland schützt das Grundgesetz die Autonomie der beiden Systeme, wodurch eine Politisierung des Rechts verhindert werden soll.

Soweit der Idealzustand. Vor einigen Tagen wurde dieses Grundprinzip schwerwiegend verletzt und mit Füßen getreten. Und dies weder durch den vielgescholtenen Verfassungsschutz noch durch den Generalbundesanwalt, sondern durch den Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) persönlich.

Was war geschehen? Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hatte im Falle einer aus seiner Sicht widerrechtlichen Veröffentlichung interner Dokumente Strafanzeige gestellt, welcher sich dann der Generalbundesanwalt (GBA) Harald Range angenommen hatte. Weder am ersten noch am zweiten Schritt ist auch nur ansatzweise irgendetwas zu beanstanden: Jeder in Deutschland kann, sofern es nicht der Verleumdung anderer dient, Strafanzeige gegen andere stellen, sobald er oder sie es für geboten hält. Dieses Recht schließt selbstverständlich auch deutsche Behörden ein. Im Anschluss daran ist es dann die dienstliche Pflicht von Staatsanwaltschaften, Ermittlungen aufzunehmen, wie der GBA es daraufhin getan hat.

In der Öffentlichkeit aber war das Geschrei auch hier schon groß: Ein „Einschüchterungsversuch“ sei dies gewesen, ein „mit Kanonen auf Spatzen schießen“. Einer der Blogger von „Netzpolitik“ – welche nun übrigens in einer bemerkenswerten, aber öffentlich noch kaum diskutierten Weise alle zu „Journalisten“ geadelt wurden – erklärte einige Tage später vor laufender Kamera allen Ernstes, er habe ja gar nicht gewusst, dass es den Straftatbestand des Landesverrats überhaupt (noch) gäbe. Abseits davon, dass man hier gerne das alte Credo des „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“ entgegenhalten würde, so fragt man sich, ob dies allen Ernstes die „Journalistengeneration“ von morgen sein soll: Menschen, die mal eben interne Dokumente in die Öffentlichkeit bringen, es davor aber nicht einmal für angebracht halten, einmal durch das Strafgesetzbuch zu blättern. Das soll nun die „vierte Gewalt“ der Zukunft sein?

Doch wie auch immer: Die Tatsache, dass bis hierhin ein völlig normaler rechtsstaatlicher Prozess lief, wurde im Zuge der allgemeinen Empörung gründlich ignoriert. Es folgte nun ein Schritt der juristischen Sorgfalt seitens des GBA: Ein externes, unabhängiges Gutachten wurde in Auftrag gegeben, um festzustellen, ob die preisgegebenen Interna die Kriterien eines „Staatsgeheimnisses“ erfüllen oder nicht, wie sie der Landesverrats-Paragraf des StGB vorsieht. Hierauf folgte nun das erste nicht-rechtsstaatliche Handeln des ganzen Vorgangs: Justizminister Maas intervenierte und ordnete die Rücknahme des Gutachten-Auftrages an, da dieses in eine Richtung zu gehen drohte, die der politischen Linie des Ministers und seiner Partei zuwider lief, da es die Einordnung der preisgegebenen Informationen als „Staatsgeheimnis“ und dadurch das BfV und die Bundesanwaltschaft in ihrer Einschätzung bestätigte.

Hier trat nun das ein, was, soziologisch gesprochen, als funktionale Entdifferenzierung identifizierbar ist: Das politische System interveniert ins Rechtssystem, greift in die eigentlich unabhängige Justiz ein, um strafrechtliche Ermittlungen in einer politisch erwünschten Weise zu beeinflussen und zu Ergebnissen zu führen, die die Politik vor unbequemen Vorwürfen zu schützen vermag. Wohl auch eine Aktion, um Maas eine weitere Verfestigung des Umfaller-Images zu ersparen, welches ihm seit seiner Zustimmung zur Vorratsdatenspeicherung anhaftete.

Ein Vorgang, der jedoch letztendlich nicht anders bezeichnet werden kann als die Aktion einer Bananenrepublik-Regierung, die nach Belieben das Recht ihren politischen Wünschen anpasst, wie es ihr gerade gefällt. Auch das in diesen Tagen zuweilen gehörte Argument, die Staatsanwaltschaften – also auch der GBA als formaler Untergebener des Bundesjustizministers – seien ja kein Teil der Judikative, weswegen das Prinzip der Gewaltenteilung hier nicht greife, läuft ins Leere: Allein das rechtfertigt noch lange keine politische Einflussnahme auf strafrechtliche Ermittlungen! Nicht im Ansatz. Weder in diesem Fall noch in irgendeinem anderen. Wer dies ignoriert oder zu beschönigen versucht, hat das Grundgerüst des deutschen Rechtsstaates nicht verstanden.

GBA Range wiederum tat in dieser Situation das einzig richtige und informierte die Öffentlichkeit vom Handeln und von der Einmischung des Ministers. Ein mutiger Akt, im Zuge dessen ihm klar gewesen sein musste, dass er damit sein Amt mindestens aufs Spiel setzte. Der ja schon vorher autokratisch agierende Minister wiederum blieb sich dann auch selber treu und versetzte Range umgehend in den Ruhestand.

Letztlich ist dieser nur als skandalös zu bezeichnende Vorgang – und dies bezieht sich primär auf die Anordnung der Rücknahme des Gutachten-Auftrages – Grund genug, den sofortigen Rücktritt des Ministers Maas zu verlangen, welcher dadurch als Bundesjustizminister schlicht untragbar geworden ist. Die öffentliche Empörung hält sich dennoch in Grenzen. Der Grund dafür ist klar: Der Tenor des politischen Mainstreams geht in eine Richtung, die das autokratische Handeln von Maas für begrüßenswert hält. Das macht es jedoch nicht rechtsstaatlicher, denn: Nicht die Mehrheit bestimmt, was rechtsstaatlich ist, sondern das Gesetz.

Der Nachfolger Ranges befindet sich in einer schwierigen Position: Einerseits muss er jetzt Loyalität gegenüber einem fehlgeleiteten Minister beweisen, andererseits kann er schwerlich die bisherigen Ermittlungsergebnisse in einem (politischen) Handstreich einfach zurücknehmen, wenn er den Rechtsstaat nicht noch weiter beschädigen will als er ohnehin schon ist. Weitere Entwicklungen hierbei bleiben abzuwarten.

Es täte der bundesdeutschen Debatte um den Auslöser des Ganzen, nämlich der Frage nach dem Ausbau der Internet-Überwachung seitens des Verfassungsschutzes, jedoch gut, sich bewusst zu machen, dass nationale Souveränität ihren Preis hat. Die deutsche Bevölkerung lehnt die Überwachung durch den Geheimdienst einer fremden Macht, in diesem Falle der USA, mehrheitlich ab. Dies ist nachvollziehbar, mündet aber im Zuge der Veröffentlichung der NSA-Praxis nun zunehmend darin, dass die NSA etwa dem Bundesnachrichtendienst (BND) Informationen vorenthält, was aus ihrer Sicht nur konsequent und ebenso nachvollziehbar ist, da von einem vertraulichen Umgang damit nun nicht mehr ausgegangen werden kann. Logische Folge dessen ist, dass BfV und BND nun den Schritt tun, der eigentlich schon seit langem geboten ist, um sich von den US-Nachrichtendiensten zu emanzipieren: Nämlich ihre eigenen Strukturen der Informationsgewinnung auszubauen. Ein Schritt, dem letztlich auch die Einführung der Vorratsdatenspeicherung entsprungen ist. 

Es ist und bleibt ein mehr als naiver, aber leider weit verbreiteter Irrglaube zu meinen, nachrichtendienstliche Aufklärung könne im Jahre 2015 erfolgen, ohne diese den Kommunikationsstrukturen des 21. Jahrhunderts anzupassen. Wer meint, die Bundesrepublik Deutschland könne nachrichtendienstlich souverän werden, aber gleichzeitig untätig dabei zusehen, wie Kriminelle und politische Extremisten sich zunehmend über das Internet organisieren und ihre Aktionen vorbereiten, hat die Anforderungen an moderne staatliche Strukturen und die damit zwingend einhergehende moderne Sicherheitsarchitektur nicht verstanden. Es wird höchste Zeit, diesem Irrglauben entgegenzuwirken – und abseits all der „Netzpolitiker“, Bürgerrechtler, „Internet-Aktivisten“ etc. auch mal denjenigen zuzuhören, die sich tagtäglich mit der Frage befassen, wie wir auch morgen noch sicher leben können. Organisierte Kriminalität und Terrorismus, Mord, Totschlag und Gewalt lassen sich für gewöhnlich nämlich eher selten mit Zeitungs- oder Blogartikeln bekämpfen.

Mittwoch, 8. Juli 2015

Psychologische Systemtheorie VIII: Funktion und Probleme von Flirt-Kommunikation

Wenn im Alltag vom „Flirten“ die Rede ist, so schwingen dabei für gewöhnlich recht unterschiedliche Assoziationen mit: Verstehen die einen darunter eine relativ direkte Anbahnung von Intimkontakten, so kann für andere schon ein lockerer, charmanter Wortwechsel mit einem / einer Vertreter/in des präferierten Geschlechts, der beim Bäcker stattfindet, darunter fallen, nach welchem man wieder auseinandergeht und während dem man nie anderes vor hatte, als sich während des Brötchenkaufs mal schnell ganz nett zu unterhalten.

Was jedoch beide Auslegungen gemeinsam haben, ist, dass Flirts nicht mit Vertretern eines Geschlechts geführt werden, welches grundsätzlich nicht für weitere intim- oder gar liebesbasierte Kontakte in Frage kommt. Selbst wenn diese also während des Flirts nicht direkt intendiert werden, so schwingt ihre grundsätzliche Möglichkeit, ihr Potenzial immer gleichsam mit. Das „theoretisch könnten wir ja…“ ist dabei Dauerbegleiter. Wo dies nicht der Fall ist, liegt kein Flirt vor, und wo dies nur von einer Seite ausgeht, nur ein Flirtversuch, der scheitern muss. Danach kann das Gespräch dann auf andere Weise fortgesetzt oder – nicht selten peinlich berührt – beendet werden. Ersteres vollzieht sich auch gerne einmal unbemerkt (etwa über Orts- oder „versachlichende“ Themenwechsel, oder auch das Dazukommen anderer Personen), letzteres eher nicht. Im letzteren Falle muss dann mitunter zu Ersatzfloskeln gegriffen werden („Oh, es muss schon zwanzig nach sein…“) oder es wird eilig eine sehr gute Freundin herangewinkt, die einen aus dem kommunikativen Elend erlöst.

Aber eins nach dem anderen. Festzuhalten ist zunächst einmal, dass die Funktion von Flirtkommunikation in der Schaffung von Kontingenz in der Interaktion liegt. Einfacher ausgedrückt: Solange geflirtet wird, ist noch alles offen. Ab dem Moment, ab dem man in die konkret erotische Kommunikation übergeht, oder ab dem Moment, ab dem die Liebeskommunikation offensichtlich wird, also Emotionen verbalisiert und offen ausgesprochen werden, ab dem Moment endet die Flirt-Phase der Kommunikation.

Flirt hat dabei die Funktion, einem allzu schnellen Verbindlich-Werden in diesen weiterführenden Fragen entgehen, sie aber interaktiv vorbereiten zu können. Er bietet die Möglichkeit, sich nicht allzu schnell festlegen zu müssen, ob man sich etwa den One Night Stand nun wirklich antun will, weil man ja nicht weiß, ob der oder die andere einen wirklich so reizt, wie es der Alkohol an der Bar gerade glauben macht, oder ob man sich auf ein Wiedersehen mit einer liebesbasierten Vertiefung der Kommunikation einlassen will („Date“). Oder auch: Ob man die eine oder die andere Variante vorzieht. Wer flirtet, muss all das noch nicht klären, sondern kann hier erst einmal vorfühlen.

Gleichzeitig ist es natürlich auch möglich, sich alleine an der Möglichkeit des „Es könnte ja mehr werden“ zu ergötzen, trotz des Wissens, dass dies nicht eintreten wird. Man denke an die oben beschriebene Situation beim Bäcker: Der verheiratete 55jährige Verwaltungsbeamte Hubert, der sich beim Brötchenkauf einen anspielungs- und blickreichen, humorigen und zwinkernden Plausch mit der hübschen 20jährigen Bäckereifachverkäuferin Isabel gönnt und danach treu mit den Brötchen zu seiner gleichaltrigen Bertha zurückkehrt – auch er flirtet, nur eben mit einer geringen Wahrscheinlichkeit einer Realisierung der Intensivierungsoption. Dies weiß Hubert, dies weiß auch Isabel (ja sogar Bertha weiß es, sonst hielte sie bei Huberts Rückkehr schon den Kochlöffel in der geballten Faust). Aber gleich einer Träumerei à la „Was würde ich machen, wenn ich Millionär wäre?“ oder einem Schaufensterbummel vor einem Juwelier mit ohnehin unbezahlbaren Schmuckstücken kann allein die Vorstellung reizvoll und ja auch mal recht schmeichelhaft und ego-stärkend sein. Eine Funktion des Flirts ist somit auch die, die in Intim- und Liebesbeziehungen noch stark intensiviert wird: Die der Bestätigung der eigenen, sozialen Selbstdarstellung, was das Selbstwertgefühl und damit die Zufriedenheit erhöht.

Und dies nicht nur bei Hubert, sondern auch bei Isabel: Auch sie kann sich dadurch ihres Reizes rückversichern und erfährt nebenbei etwas nette Ablenkung in ihrem vielleicht nicht grundsätzlich immer allzu abenteuerlichen Beruf. Auch für das Geschäft ist es gut und die Kunden kommen wieder. Flirt kann also auch eine Funktion einnehmen für übergeordnete soziale Systeme: Wirtschafts- oder politische Organisationen etwa, die dadurch Anhänger gewinnen wollen, operieren nicht selten mit dem Irritationsinstrument der Flirt-Interaktion, welche durch junge, gutaussehende Damen zuweilen wahrscheinlicher gemacht wird. Schwierig wird es dann mitunter, wenn dann der Code des übergeordneten sozialen Systems ins Spiel kommt und sich hinter der Flyer verteilenden Schönheit das verhasste Parteilogo oder das unternehmerische Profitinteresse offenbart. Ob das Interaktionssystem Flirt hier dann immer noch seinen organisational vorgesehenen Job tun kann, ist dann auch maßgeblich von biochemisch-hormonellen Prozessen in den Körpern der angesprochenen Personen abhängig.

Abseits dieser Positivbeispiele sind logischerweise auch Situationen denkbar, in denen Flirtversuche vom Typ „Nette Illusion beim Bäcker“ scheitern, weil genau dieses von einer Seite nicht erkannt oder als aufdringlich empfunden wird. Die herzliche Vorstellung von Hubert und Isabel in der Bäckerei oder die amüsante Vorstellung eines baggernden Horst Schlämmer weicht in diesem Falle dann Stories wie der von Rainer Brüderle und seiner Tanzkarte für die Stern-Journalistin Laura Himmelreich, die dessen Dirndl-Komplimente nicht allzu charmant fand. So kann scheiternde Flirt-Kommunikation auch schon mal netzweite #Aufschreie und damit massive Irritationen ganzer gesellschaftlicher Funktionssysteme wie Politik und Massenmedien nach sich ziehen. Ob dies dann allerdings schon unter „Sexismus“ fällt, mag vom / von der mündigen Bürger/in durchaus in Zweifel gezogen werden.

Eine besondere Schwierigkeit des Flirts außerhalb der recht klaren „Bäcker-Situationen“ liegt nicht selten in dem, was in Niklas Luhmanns Mikrosoziologie unter Rückgriff auf Talcott Parsons als „doppelte Kontingenz“ bezeichnet wird: Die Tatsache, dass sich beide Seiten währenddessen über die Motive des anderen und dessen nächste Schritte im Unklaren sind, was natürlich durch die ohnehin schon vorhandene, dem Flirt als solchen ja innewohnende Kontingenz-Situation noch verstärkt wird.

Diese bringt es mit sich – den Typus des „Bäcker-Flirts“, der auf einer zweifach geteilten und willkommen geheißenen, aber von beiden auch als solchen erkannten Illusion basiert, wie gesagt ausgenommen – dass eben beide Seiten sich völlig unklar darüber sind, wie es denn nun weitergeht. Das, was den Flirt für die Phase der Unsicherheit so nützlich und funktionell macht, macht ihn ab dem Moment, ab dem die Unsicherheit bei mindestens einem der beiden einer Entscheidung gewichen ist (Affäre? Date? Verliebtheit?) zu einer Qual, weil man ja nicht weiß, ob es dem anderen genauso geht (die Beendigung des Flirts ohne die Intention einer Kontaktintensivierung ist hiergegen noch verhältnismäßig einfach, wenn auch mitunter peinlich; s. o.). Der andere wiederum befindet sich womöglich sogar in der gleichen Situation.

Beide jedoch können ihr Dilemma nicht aussprechen, da genau das ja die Flirtkommunikation beenden würde, da es das Streben nach Verbindlichkeit aufzeigen würde: Dieses kann erfolgreich sein; es kann den anderen jedoch auch frühzeitig abschrecken und damit die eigene Zielsetzung vorzeitig sabotieren. Zur Auflösung des beiderseitigen Dilemmas gibt es dann einerseits die Zeitdimension: Flirts sind zeitlich begrenzt. Dass man z. B. über 50 Jahre hinweg ohne weitere Folgen, welcher Art auch immer, nur miteinander flirtet, ohne dass es endet oder eben ohne dass mehr passiert als das, ist eher unwahrscheinlich.

Andererseits gibt es Kommunikationsmedien abseits der Sprache, die einem mitunter das gegenseitige Verstehen erleichtern und auch die Frage beantworten, wieso man den ganzen Aufwand andauernd wieder auf sich nimmt. Hier geht es dann um Elemente wie Blicke, Mimik, Gestik und andere Kommunikationsformen (im Internet: Smilies / Icons), die, jedenfalls bei genügend zwischenmenschlicher Kompetenz (= Beobachtungsfähigkeit zweiter Ordnung = Beobachten, wie der andere beobachtet), dafür sorgen, dass man eher versteht, ob der andere sich auf den ganzen Plan einlassen würde.

Hiervon ausgenommen sind natürlich Mechanismen, die im Rahmen von Flirt-Aufarbeitung im Nachhinein dann gerne als „mit jemandem spielen“ tituliert werden: Wenn etwa einer der beiden Partner über die o. g. Formen zustimmende Signale abgibt, ohne sie selbst so zu meinen, und dann, bei dem daraus folgenden Ende der Flirt-Kommunikation mit dem daran anschließenden Versuch des Verbindlich-Machens, den anderen auflaufen lässt. In derlei Fällen wurde gewissermaßen die Kontingenz-Funktion der Flirtkommunikation bis ins Letzte ausgereizt, um sich der Qualität der eigenen sozialen und ggf. ästhetischen Selbstdarstellung zu versichern. 

So ist es eben mit dem Flirten ganz genauso wie mit vielen anderen Kommunikationsmodi: Kontingenz bedeutet höhere Freiheitsgrade. Doch wo mehr Freiheit ist, ist auch mehr Risiko. Ob und wie lange man sich all das immer wieder antun will, mag jeder selbst entscheiden. Einer Sache sollte der oder die Flirtende jedoch beachten: Machen Sie sich das hier Geschilderte nicht allzu deutlich bewusst – und wenn Sie flirten, vergessen Sie all das am besten wieder. Es ist möglich, Interaktionen im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode zu analysieren – was dann dementsprechend auch tödlich ist gerade für einen Flirt, in dem Spontaneität, Emotion und Irrationalität gefragter sind als Intellekt und Analyse. Schalten Sie letzteres rechtzeitig ab. Und hören Sie am besten auf, solche Texte wie diesen zu lesen.

Montag, 22. Juni 2015

Ursachen von Extremismus - Ein Plädoyer gegen politische Simplifizierungen

Wenn es um die Frage nach den Ursachen von Extremismus und Terrorismus geht, bietet sich allzu häufig eine breite Spielwiese für Leute, die mittels scheinwissenschaftlicher Erklärungen ihre politische Meinung zu artikulieren versuchen und sich dadurch seriöser geben, als sie es eigentlich sind. Alles, was einem politisch gerade nicht genehm ist, kann dann als Ursache von Extremismus herangezogen werden: Für Libertäre ist es der „Staat“, für Islamisten „der Westen“, für NeoCons „der Islam“ und für Linke „die Armut“. Das, was man selber sozial als Risiko konstruiert, wird der ausschlaggebende Faktor, dem fast jede Schieflage der Welt (Extremismus und Terrorismus bilden in dieser Weltsicht dann zumeist nur einen Ausschnitt der Schieflage) entspringt. Die politische Weltanschauung wird zur theoretischen Rahmung der Sicht auf alles, was beobachtbar ist.

Letztlich dient dieses Herstellen trivialer und trivialisierender, unterkomplexer und einseitiger Kausalketten einem ur-menschlichen Bedürfnis: Dem nach Komplexitätsreduktion. Wir können die Weltgesellschaft und das, was in ihr geschieht, niemals in ihrer gesamten Komplexität wahrnehmen, da uns dies, sowohl als psychische als auch als soziale Systeme, heillos überfrachten würde. Dieser Informationsüberflutung müssen wir Herr werden, indem wir nur bestimmte Ausschnitte beobachten und erklären. Die Verneinung sozialer Komplexität und die Rückführung sozialer Ereignisse und Zustände auf einfache Ursachen und Kausalitäten liefert uns Verständnis und dadurch Sicherheit. Vor dem, was wir verstehen, haben wir keine Angst. Komplexität und Ungewissheit verunsichern uns, weil sie fremd sind. Diese simple sozialpsychologische Erkenntnis erklärt bereits, warum es in Laiendiskussionen über das Thema mehr oder weniger üblich und auch kaum vermeidbar ist, allzu simplifizierende Gesetzmäßigkeiten darüber aufzustellen, „woher das alles kommt“.

Sogar die Politik muss nach diesem Muster operieren, da es ihrer Codierung entspricht: Soziale Entwicklungen müssen in politisch-ideologische oder wenigstens programmatische Rahmen gepresst werden, damit man als Politiker oder politische Organisation recht behalten und dadurch im harten politischen Geschäft bestehen kann. Soweit also nichts Neues. Problematisch wird es jedoch, wenn selbst Wissenschaftlicher diese Simplifizierungen übernehmen – sei es aus dem Bedürfnis nach Komplexitätsreduktion heraus oder aber um zu politisieren. Beides ist schlicht unwissenschaftlich und daher unseriös.

So tendiert beispielsweise auch manch links angehauchter „Friedensforscher“ dazu, selbst noch heute, im Jahre 2015, Botschaften wie „Es geht um Armut, nicht um Religion“ zu verbreiten und damit wider jegliche wissenschaftliche Erkenntnislage gesetzmäßige Ausschlussbotschaften zu artikulieren, die nur dem Drang zu politisieren entsprungen sein können. Anders lässt sich eine so grobe Ignoranz gegenüber dem Forschungsstand kaum erklären.

Achtung: Damit soll an dieser Stelle übrigens genauso wenig erklärt werden, dass das Gegenteil wahr sei, dass es also immer um Religion und nicht um Armut ginge. Dies wäre eine genauso falsche Simplifizierung, nur von der anderen (politischen) Seite. Es geht vielmehr darum zu erkennen, dass es bei der Frage nach den Ursachen von Extremismus und Terrorismus dringend notwendig ist, eine wissenschaftliche Beobachterebene einzunehmen, die sowohl die Makro-, die Meso- und die Mikro-Ebene in ihre Analysen mit einbezieht (vgl. Della Porta 2006) als auch eine interdisziplinäre Perspektive einnimmt, die tunlichst jede Form von wissenschaftlichem „Fachidiotentum“ vermeidet.

Zieht man die reichhaltige soziologische und sozialpsychologische Forschung zu Rate, die sich insbesondere auf den Kontext des linksextremen Terrorismus der 70er und 80er Jahre und des Rechtsextremismus seit den 90er Jahren bezieht, so stößt man auf eine Fülle von Faktoren, die die Entwicklung zur Radikalisierung bis hin zur politischen Gewalt entscheidend geprägt haben. Diese Faktoren finden sich sowohl auf der gesellschaftlichen Ebene als auch auf der Ebene von Organisationen und Gruppen sowie auf der kleinsten Ebene, also der individueller Biografien und Sozialisation.

Auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene nehmen nicht zuletzt auch Entwicklungen, wie sie die sog. Friedensforschung und auch die Politikwissenschaft ausmachen, eine wichtige Rolle ein: Hier gehen Armut und sozioökonomische Missstände mitunter eher Hand in Hand mit kulturellen und / oder religiösen Aspekten, als dass beide sich gegenseitig ausschließen würden, da politisch- bzw. religiös-radikale Ideen, soviel ist ja allgemein bekannt, auf einem Nährboden gesellschaftlicher Perspektivlosigkeit mitunter sehr viel schneller wachsen können als dort, wo allgemeiner Wohlstand herrscht. Dies minimiert aber eben nicht die Rolle der Ideologien, deren Vertreter sich fragen lassen müssen, wie es sein kann, dass sie überhaupt auf diese verhängnisvolle Weise interpretierbar ist.

Dies ist jedoch längst nicht der einzige Aspekt. So hatte man es etwa im Falle der Radikalisierung von Teilen der Studentenbewegung Ende der 60er / Anfang der 70er Jahre in Europa eben kaum mit breit gesellschaftlichen sozioökonomischen Einflüssen zu tun. Hier spielte auf der Makro-Ebene vor allem die Wahrnehmung einer politischen Doppelmoral (z. B.: Vietnam-Krieg) und eines repressiven Staates (Konfrontationen mit der Polizei, Attentat auf Dutschke, staatliche Reaktionen auf die RAF etc.) mit rein, die auf dieser Ebene die Radikalisierung beschleunigten (vgl. Horn 1982).

Im Falle des modernen deutschen Rechtsextremismus wiederum, der besonders in den neuen Bundesländern ausgeprägt ist, müsste man wiederum wieder mehr sozioökonomische Ursachen in den Blick nehmen. Aber: Auch nicht als einzige! So ist hier nicht zuletzt auch die Frage nach der politischen Sozialisation von Relevanz, die in der DDR von Kollektivismus und nicht von Meinungspluralismus geprägt war, was die Entwicklung einer „Suche nach dem starken Mann“, nach politischen Führerfiguren stark begünstigt.

Dies ist wahrlich keine neue Erkenntnis: Schon sehr früh hat Theodor Adorno seine Theorie von der „autoritären Persönlichkeit“ (vgl. Adorno et al. 1950) entwickelt, welche zwar in Teilen von der modernen Sozialpsychologie kritisch beurteilt wird, die aber dennoch Komponenten enthält, die nach wie plausibel erscheinen und die durch die moderne Forschung unterfüttert wurden. So ist die Sozialisation im Rahmen einer autoritären familiären Erziehung ein Faktor, der auf eine etwaige spätere Entwicklung hin zum Extremismus begünstigend wirken kann, da hier die Suche nach einer strengen Vaterfigur mitunter auf das Politische übertragen wird, etwa um deren Wegfall auszugleichen, um persönliches Unglück und Kontrollverlust zu kompensieren (vgl. Fritsche / Deppe / Decker 2013: 167 ff.) oder um eine Quelle komplexitätsreduzierter Erklärungen zu erhalten, die einem die eigene, aufwändige und vor allem ungewisse Suche nach Erklärungen für gesellschaftliche Missstände erspart.

Teile der psychologischen Forschung wiederum vertiefen diese Mikro-Ebene noch weiter, indem sie psychoanalytische Erklärungsmodelle für die besagten Entwicklungen auf individueller Ebene heranziehen und etwa im Falle von islamistischen Terroristen die These einer gestörten frühkindlichen Sozialisation aufstellen, die – vom Verhältnis zur Mutter projizierend hin zur religiös-gesellschaftspolitischen Sicht auf die Frau als solche – zu einer massiven Frauenfeindlichkeit und zu dem Drang führt, eigene, schon frühkindlich empfundene Machtlosigkeit in Form von massiven Gewalttaten zu kompensieren (vgl. Piven 2003).

Abseits dessen, was hier nun zur Makro- und zur Mikro-Ebene gesagt wurde, gilt es auch, gerade im Zuge einer soziologischen Perspektive, entscheidende Gruppendynamiken im Auge zu behalten, welche besonders im Falle der RAF durch nachträgliche qualitative Interviews gut erforscht sind. Hier lässt sich etwa ausmachen, wie die zunehmende Abschottung von Gruppen nach außen – erst „nur“ politisch, dann vor allem durch den Gang in den Untergrund – zu einer Radikalisierung in ihrem Innern (vgl. Della Porta 2006) und zu einer Stärkung des Freund-Feind-Denkens führte, das alle Extremismen auszeichnet. Zeitgleich steigt die Konformität im Innern, da die Abhängigkeitsverhältnisse zu den Autoritätspersonen massiv zunehmen: Man ist auf die Führer der Gruppe angewiesen, kann ja nirgendwo anders mehr hin. Ist dieser Weg einmal eingeschlagen, ist eine Entwicklung hin zu sich immer weiter verstärkender politischer Gewalt und immer weiter verschwindenden Scheuklappen hierbei wahrscheinlich.

Zugleich müssen sich die extremen Gruppierungen auf einem eigenen „Markt“ profilieren, was Donatella della Porta mit der Metapher der „Unternehmer der Gewalt“ umschrieben hat (vgl. ebd.): Man muss sich immer radikaler geben und sich dadurch profilieren, um aufzufallen und bei all der fundamentalistischen Konkurrenz nicht unterzugehen. In den 70er Jahren war dieses Phänomen der Meso-Ebene insbesondere bei den linksextremen Gruppierungen in Europa zu beobachten, heute besonders bei den islamistischen Organisationen des Nahen Ostens.

Im Falle des europäischen Rechts- und Linksextremismus kann ferner auch eine Politisierung der Milieus der Betroffenen ausgemacht werden. So kommunizierte ein politisch radikaler Aktivist der Studentenbewegung Anfang der 70er Jahre selten nur dann politisch, wenn er etwa an einem Treffen seiner politischen Gruppe teilnahm. Auch im Hörsaal herrschte zu jener Zeit eine mitunter – je nach Fach, besonders aber in den Sozialwissenschaften – durch und durch politische und manchmal politisch aufgeheizte Stimmung. Wenn man dann noch mit zwei politischen Gesinnungsgenossen, die zugleich Kommilitonen sind, in einer WG wohnte, war ein beträchtlicher Anteil des Lebensumfeldes dementsprechend politisiert, was natürlich nicht ohne Einfluss auf den Einzelnen blieb (vgl. Horn 1982). Das oben beschriebene Phänomen der Gruppenabschottung schlägt hier auf ähnliche Weise zu und begünstigt Radikalisierung, da der Austausch mit Andersdenkenden und damit die (Selbst-)Reflexion leidet.

Richtet man nun nochmal den Blick nach Nahost, so treten gesellschaftliche und politische Entwicklungen der Makro-Ebene gerade auch da mit der tiefenpsychologisch beobachteten Mikro-Ebene in Zusammenhang, wo in der Soziologie von „Konfliktsystemen“ (vgl. Japp 2006) oder, in der Alltagssprache, von einer „Spirale der Gewalt“ die Rede ist. Diese schaffen Teufelskreise, indem Betroffene durch selbst erlebte Gewalt radikalisiert werden, die sich nicht nur in einer familiär und (!) politisch autoritären Erziehung manifestiert, sondern eben auch durch ganz konkrete Kriegserfahrungen und daraus resultierende Traumata. Diese begünstigen über vielfältige Teilaspekte – Empfindungen wie Hass oder auch der Drang zur Kompensation von Ohnmachtsgefühlen und Kontrollverlust – ihrerseits wieder die Gewalt von morgen, zumal oftmals auch keine Strukturen psychosozialer Dienstleistungen bestehen, die helfen könnten, diese Gewalterlebnisse und Traumata zu verarbeiten. Sie werden somit gewissermaßen mitgeschleppt und wachsen oft unerkannt heran zu inneren Dämonen, die irgendwann erbarmungslos zuschlagen können.

Im Rahmen dieses kurzen Artikels konnten die zahlreichen Einflussfaktoren bei der Entstehung von Extremismus und Terrorismus nur schlaglichtartig beleuchtet werden. All die genannten spielen je nach Fall, je nach Person, je nach Gruppe, je nach Ideologie, je nach Weltregion in völlig unterschiedlicher Form und Gewichtung in die Entwicklung mit rein – manche mehr hier, manche mehr dort; manche weniger hier, manche weniger dort. Klar ist auch: Jeder Extremist, jeder Terrorist ist ein Produkt eines Zusammenspiels (!) mehrerer der genannten Faktoren und so gut wie niemals nur das Produkt eines einzigen. Diese Verschiedenartigkeit von Biografien, Entwicklungen und Ereignissen anzuerkennen, bedeutet, soziale Komplexität zur Kenntnis zu nehmen.

Zugleich existiert zu jedem dieser angesprochenen Punkte eine Fülle von sozialwissenschaftlicher Literatur (von der medizinisch-neurologischen, die etwa die biochemischen Bedingungen von Aggression in unseren Körpern beleuchtet, einmal ganz abgesehen). Wer wirklich ernsthaft – d. h., ohne die Intention einer lebenserleichternden Komplexitätsreduktion und ohne den Drang, eigentlich nur seiner politischen Meinung Ausdruck zu verleihen – über diese Fragen diskutieren möchte, sollte sich einen sorgfältigen Überblick über den entsprechenden Forschungsstand verschaffen – und sich danach zu Wort melden. Mit den bisher leider ständig zu beobachtenden politischen Reflexen jedoch ist der Sache ganz sicher nicht gedient.


Literatur

Adorno, Theodor W. / Frenkel-Brunswik, Else /  Levinson, Daniel J. / Sanford, R. Nevitt (1950): The Authoritarian Personality. Harper and Brothers, New York.

Auchter, Thomas (2003): Angst, Hass und Gewalt. Psychoanalytische Überlegungen zu den Ursachen und Folgen des Terrors. In: Auchter, Thomas / Büttner, Christian / Wirth, Hans-Jürgen (Hrsg.): Der 11. September. Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen von Terror und Trauma. Psychosozial-Verlag, Gießen.

Böllinger, Lorenz (1981): Die Entwicklung zu terroristischem Handeln als psychosozialer Prozeß. In: Jäger, Herbert / Schmidtchen, Gerhard / Süllwold, Lieselotte (Hrsg.): Lebenslaufanalysen. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Decker, Oliver / Kiess, Johannes / Brähler, Elmar (2013): Bedrohungserleben und Kontakthypothese. In: Decker, Oliver / Kiess, Johannes / Brähler, Elmar (Hrsg.): Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose. Psychosozial-Verlag, Gießen. Kap. 5.4 (S. 185 bis 195).

Della Porta, Donatella (2006): Politische Gewalt und Terrorismus: Eine vergleichende und soziologische Perspektive. In: Weinhauer, Klaus / Requate, Jörg / Haupt, Heinz-Gerhard (Hrsg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren. Campus Verlag, Frankfurt a.M.

Diewald-Kerkmann, Gisela (2006): „Verführt“ – „abhängig“ – „fanatisch“: Erklärungsmuster von Strafverfolgungsbehörden und Gerichten für den Weg in die Illegalität – Das Beispiel der RAF und der Bewegung 2. Juni (1971 – 1973). In: In: Weinhauer, Klaus / Requate, Jörg / Haupt, Heinz-Gerhard (Hrsg.): Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren. Campus Verlag, Frankfurt a.M.

Fritsche, Immo / Deppe, Janine / Decker, Oliver (2013): Außer Kontrolle? Ethnozentrische Reaktionen und gruppenbasierte Kontrolle. In: Decker, Oliver / Kiess, Johannes / Brähler, Elmar (Hrsg.): Rechtsextremismus der Mitte. Eine sozialpsychologische Gegenwartsdiagnose. Psychosozial-Verlag, Gießen. Kap. 5.2 (S. 161 bis 174).

Horn, Michael (1982): Sozialpsychologie des Terrorismus. Campus, Frankfurt a. M. / New York.

Jäger, Herbert (1981): Die Sozialisation von Terroristen als Weg in abweichende Konformität. In: Jäger, Herbert / Schmidtchen, Gerhard / Süllwold, Lieselotte (Hrsg.): Lebenslaufanalysen. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Japp, Klaus Peter (2006): Terrorismus als Konfliktsystem. In: Soziale Systeme. Zeitschrift für Soziologische Theorie 12, 6 - 32.

Piven, Jerry S. (2003): Terrorismus als Religionsersatz. In: Auchter, Thomas / Büttner, Christian / Wirth, Hans-Jürgen (Hrsg.): Der 11. September. Psychoanalytische, psychosoziale und psychohistorische Analysen von Terror und Trauma. Psychosozial-Verlag, Gießen.

Von Baeyer-Katte, Wanda / Claessens, Dieter / Feger, Hubert / Neidhardt, Friedhelm (1982): Gruppenprozesse. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Wahl, Klaus / Wahl, Melanie R. (2013): Biotische, psychische und soziale Bedingungen für Aggression und Gewalt. In: Enzmann, Birgit (Hrsg.): Handbuch Politische Gewalt. Formen – Ursachen – Legitimation – Begrenzung. Springer VS, Wiesbaden. 

Zick, Andreas (2004): Psychologie des Rechtsextremismus. In: Sommer, G. / Fuchs, A. (Hrsg.): Krieg und Frieden: Handbuch der Konflikt- und Friedenspsychologie. Psychologie Verlags Union, Weinheim.

Freitag, 29. Mai 2015

Psychologische Systemtheorie VII: Suizidale Systeme - Wenn die Leitdifferenz zur Leiddifferenz wird

Der Tod eines psychischen Systems. Die völlige und endgültige Auflösung einer System-Umwelt-Differenz – die vollständige Entdifferenzierung. Bei biologischen Systemen ist es die Regel: Jeden Tag werden welche – auch verursacht durch innere Vorgänge wie etwa Tumore – krank und sterben. Auch bei sozialen Systemen ist dies nichts Ungewöhnliches: Interaktionssysteme lösen sich jeden Tag auf, häufig auch Organisationssysteme. Selbst für Funktionssysteme der Gesellschaft – wie z. B. die Religion, das Recht oder die Politik – besteht nicht per se eine Ewigkeitsgarantie.

Der Tod psychischer Systeme ist häufig die Folge des Sterbens biologischer Systeme und manchmal auch eine Folge der Auflösung sozialer Systeme (man denke etwa an Bürgerkriege in sog. „failed states“). Manchmal jedoch setzt sich ein psychisches System auch selbst ein Ende – wir nennen es dann „Selbstmord“. Doch wieso tut es das? Es folgt der Versuch einer systemtheoretisch inspirierten Erklärung.

Identitätsbildend für ein System, sei es sozial oder psychisch, ist seine Leitunterscheidung. Die Leitdifferenz ist der Code, der seine Umweltbeobachtung prägt und determiniert, welche Gesichtspunkte der beobachteten (Um-)Welt Sinn verleihen und somit auch Sinn stiften für das System selbst. Ein konkreteres Beispiel aus der Welt sozialer Systeme: Das politische System beobachtet seine Umwelt grundsätzlich in Bezug darauf, was für die eigene Machterhaltung förderlich ist und was nicht (Macht / Ohnmacht als Leitdifferenz). Für die Wirtschaft gilt dies analog mit der Leitunterscheidung von Gewinn / Verlust, für die Wissenschaft mit dem Code Wahrheit / Unwahrheit usw. usf.

All diese binären Codes sind identitätsstiftend für die besagten Systeme, die dadurch auch wissen, bis wohin sie reichen, was zu ihnen gehört und was nicht. Der Code schafft die Grenze zwischen System und Umwelt. Auf der Ebene der Organisations- und der Interaktionssysteme gestaltet sich dieses Phänomen mitunter vielfältiger und heterogener – Organisationen lassen sich, etwa über unterschiedliche Abteilungen, oft mehreren Funktionssystemen zuordnen; ähnlich ist es bei Interaktionssystemen, wenn man etwa an Sitzungen von Vorständen mit verschiedenen Geschäftsbereichen denkt. Dennoch: System-Umwelt-Grenzen und identitätsstiftende Leitunterscheidungen gibt es auch hier.

Gleiches gilt für psychische Systeme, wenn auch natürlich in noch komplexerer Form, wenn man an die (post-)moderne Diversität sozialer Rollen denkt, mit denen wir tagtäglich klarkommen müssen. Nichtsdestotrotz verfügen auch psychische Systeme über Leitdifferenzen, die ihrem Leben einen Sinn verleihen und ihre Umweltbeobachtungen determinieren. Auf dieser Mikro-Ebene können beispielsweise Werte diese Funktion einnehmen – je nachdem, welchen wir folgen. Das persönliche Moralempfinden, Liebe, berufliche Ziele, Ängste verschiedenster Art – sie alle bedeuten Leitdifferenzen, die unser Leben und unsere Selbstbeschreibung als psychische Systeme prägen und konstruieren. Und dabei manchmal durch Leiddifferenzen ersetzt werden.

Wie an anderer Stelle bereits dargestellt, sind psychische Erkrankungen wie Depressionen oder auch Zwangsstörungen systemtheoretisch fassbar als fehlende Geschlossenheit des jeweiligen psychischen Systems, welche durch das Fehlen eines stabilen Leitcodes zustande kommt. Das daraus resultierende Fehlen einer „Letztinstanz“ zur Beurteilung systeminterner Operationen – sprich: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. – führt dazu, dass diese nicht oder nur schwer durch eine systeminterne Entscheidung zum Abschluss gebracht werden können. Konsequenz: Die internen Systemoperationen geraten in eine Endlosschleife. Konkret äußert sich dies dann etwa in endlosen, grüblerischen Teufelskreisen, ungesunden Dauerreflexionen, depressiven Tiefs („Löcher“), lähmender Lethargie oder auch in Zwangshandlungen mit immer und immer wiederkehrenden Wiederholungen, die aufgrund des Fehlens der Letztentscheidung nicht zum Abschluss gebracht werden können, da sich das System selber nicht mehr traut und somit immer wieder „sicher gehen“ muss, ohne abschließende Entscheidung.

Noch gravierender wird es dann, wenn die gestörte Codierung sich zu einem dauerhaften Mangel an Leitdifferenzen auswächst. Hier fehlt dann nicht nur die Letztentscheidungskapazität, die dafür sorgt, dass systeminterne Operationen zum nötigen Abschluss gebracht werden, sondern es fehlt gar das sinnstiftende Element für die Umweltbeobachtung. Ein gravierender Einschnitt: Die Umwelt kann nicht mehr in Bezug auf bestimmte Blickpunkte betrachtet werden, sondern sie wird einfach nur noch so betrachtet – ohne Kriterien, ohne Prioritäten. Es überrascht nicht, dass auf diese Weise keine Zurechnung von Sinn, von Bedeutung mehr erfolgen kann, was wiederum alles in der Umwelt beobachtete für das betreffenden psychische System – im buchstäblichen Sinne des Wortes – „gleich-gültig“ und somit egal macht. Wo nicht via Code gewichtet wird, ist alles gleich viel wert, alles gleich wichtig oder eben alles gleich unwichtig. Der völlige Fatalismus – ein typisches Merkmal etwa der Depression – tritt ein, der die Umweltbeobachtung unprofitabel und daher sinnlos macht.

Konsequenz: Die Umweltbeobachtung wird massiv verringert oder gar eingestellt. Doch ein System, sozial oder psychisch, welches aufhört seine Umwelt zu beobachten, ist nicht mehr irritierbar – und somit auch nicht mehr imstande, sich an seine Umwelt anzupassen oder in ihr zu operieren. An diesem Punkt treten, konkreter gesprochen, dann Stationen wie Jobverlust, Beziehungsende etc. ein, die ihrerseits den Teufelskreis verfestigen und die Negativentwicklung verstärken können.

Mit der Umweltbeobachtung fällt jegliches übriges identitätsstiftendes Element weg. Wer und was wir sind, wissen wir, indem wir erfahren, wer und was wir nicht sind. Erst dies ermöglicht uns die Unterscheidung zwischen uns selbst und den anderen, erst das schafft die System-Umwelt-Grenze. Beobachte ich nicht mehr, unterscheide ich nicht mehr zwischen mir und den anderen. Die Differenz endet und somit übrigens auch jede Option, sich als Individuum in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen – auch diese generiert sich immer nur in dem (vermeintlichen) Wissen darüber, was an einem anders ist als an anderen. Dieses kann es aber nur geben, wenn „das Andere“ bewusst beobachtet und wahrgenommen wird.

Mit dem Ende der Umweltbeobachtung und dem entweder schon zuvor oder aber spätestens jetzt eintretenden Auflösen der systemischen Leitdifferenzen entfällt schließlich jedes letzte, übrige sinn- und identitätsstiftende Element für das System. Dies schafft die gravierende Sinnkrise, die – da der Prozess nun soweit fortgeschritten ist – nicht mehr auflösbar ist. Am Ende der Krise steht, sofern die Entwicklung nicht von der sozialen Umwelt erkannt und gestoppt wird, die Selbstabschaltung des Systems, das sich aufgrund der sich auflösenden System-Umwelt-Grenze (s. o.) schon gar nicht mehr als solches begreifen kann. 

Der dies verwirklichende Suizid mag in diesem Falle dann einen letzten, finalen Akt der sinn- und identitätsstiftenden Kommunikation darstellen: Was gibt es authentischeres als dem eigenen Leben absichtlich und in vollem Bewusstsein ein Ende zu setzen? In welchem Moment ist das System mehr es selber als in dieser fundamentalsten aller möglichen Entscheidungen? In einem letzten Zuge wird also doch nochmal entschieden, da wird doch nochmal Identität gesucht und kommuniziert, da wird doch nochmal die vergangene Individualität, also das Anders-Sein als der Rest, mit einem flammenden Ausrufungszeichen versehen, um ein letztes Mal die Grenze zwischen sich und der verbleibenden Umwelt zu ziehen, bevor man sie endgültig aufgibt. Diese Funktion erfüllt dann oftmals der Abschiedsbrief, in dem Gründe erläutert und Botschaften für die Nachwelt hinterlassen werden, die deutlich machen sollen: „Meine Identität, mein Sinn, meine Leitdifferenz, meine System-Umwelt-Grenze – all das mag sich aufgelöst haben. Aber es war mal anders. Und nun sollt ihr sie noch ein letztes Mal wahrnehmen, bevor sie endgültig verschwindet.“

Dienstag, 5. Mai 2015

Psychologische Systemtheorie VI: Individualitätszurechnung durch Körpermodifikation

Für Susana!

In ihrem Aufsatz „Tell me what you don’t like about yourself“: Personale Identitätskonstruktion in der US-amerikanischen makeover culture im 21. Jahrhundert am Beispiel der Serie Nip/Tuck beleuchten Susana Rocha Teixeira und Anita Galuschek (2015) am Beispiel einer US-Fernsehserie, wie sich die Effekte dessen, was gemeinhin immer häufiger als Postmoderne identifiziert wird, auf Körpervorstellungen und – genauer – Körpermodifikation auswirken. Der damit einhergehende Vorgang der „beautification“ wird dabei nach Nina Degele als Kommunikationsmedium zum Zwecke der Identitätssicherung dargestellt (vgl. Teixeira / Galuschek 2015: 80). Grund genug, dieser Diagnose auch nochmal aus einer systemtheoretischen Sicht nachzugehen. Gibt es eine (psycho-)soziale Funktion der Körpermodifikation, die mit der Postmoderne in Zusammenhang steht?

Das, was man makrosoziologisch gesehen unter „Postmoderne“ subsumieren kann, setzt den Menschen einem nicht geringen Druck aus. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft – im Zuge derer die Funktionssysteme der Gesellschaft wie Politik, Recht, Wissenschaft, Religion, Wirtschaft, Erziehung oder Kunst gleichberechtigt nebeneinander existieren und in keinem hierarchischen Verhältnis mehr zueinander stehen – hat zu einem großen „Nebeneinander von Wahrheiten“ geführt, im Zuge derer der Freiheitsgrad des Einzelnen unzweifelhaft gestiegen ist, mit dem aber auch ein schlagartiger Anstieg an sozialer Komplexität und Kontingenz (Ungewissheit) einhergeht: Lebenswege sind nicht mehr familiär vorprogrammiert. Vieles mehr ist erreichbar, sowohl bio- als auch geografisch. Die Auswahl an Waren und Dienstleistungen ist angestiegen. Politik wird entideologisiert, Religion mindestens privatisiert. Freundschaften und Beziehungen sind nicht mehr zwingend an Klassen gebunden. Informationen stehen jederzeit zur Verfügung. Globale Kommunikation ist zum Alltag geworden. Damit gehen zugleich neue Erwartungen an das Individuum einher: Flexibilität im Beruf und auf dem Arbeitsmarkt ist gefragt. Der postmoderne Mensch – bewusst klischeehaft zugespitzt im „Hipster“, der einfach alles nur noch ironisch sieht und nichts mehr ernst meint – lebt unverbindlicher, er hat keine absoluten Wahrheiten mehr, keine lebenslangen Beziehungen, keine Konfession und keine feste politische Meinung. Er muss jederzeit alles haben können, aber auch jederzeit überall sein und arbeiten können (kein Zufall dabei: die sog. Zivilisationskrankheit „Burn-Out-Syndrom“).

Auch die nicht mehr ganz so neue Diagnose der Individualisierung kann als ein Symptom dieses Prozesses begriffen werden, in dem der Mensch bzw. das psychische System im Zuge seiner unvermeidbaren Identitätsfindung auf sich selbst zurückgreifen muss, weil es zunehmend an höheren sozialen Ebenen, die dies für ihn übernehmen könnten, mangelt. Wo die Familie, die Klasse, die Nation, die politische Ideologie, die Konfession, die Ehe oder welches soziale System auch immer nur noch ein System unter vielen sind und nicht mehr das „Heimat-System“, dem man sich vor allen anderen zurechnen konnte, da braucht es neue Mechanismen der Identitätsfindung, welche nun immer mehr nur noch auf der untersten Mikro-Ebene möglich ist: Der des „Individuums“.

Individualität in der Kommunikation ist gleichbedeutend mit der Zurechnung von Einzigartigkeit und damit Unterscheidbarkeit, was konstitutiv ist für das Selbstwertgefühl des postmodernen Menschen. Individualität erlaubt die Identifikation im Interaktionsprozess, die Möglichkeit, soziale Erwartungen auf ein bestimmtes psychisches System zuzurechnen. In der postmodernen, funktional differenzierten Gesellschaft ist dies umso mehr notwendig geworden, als dass es immer weniger kollektive, soziale „Ausweichidentitäten“ gibt (s. o.). Sie ermöglicht es, sich trotz der vielen gesellschaftlichen Hochzeiten, auf denen der postmoderne Mensch heute tanzen muss – i. S. v.: Anforderungen sozialer Selbstdarstellung in verschiedensten Systemen, sei es als Kunde, als Arbeitnehmer, als Familienmensch, als Sportler, als Medienrezipient, als Patient usw. usf. – einen Halt zu bewahren, der dafür sorgt, dass man in der Vielfalt der Eingebundenheit in die sozialen Systeme nicht zerteilt und aufgelöst wird.

Zugleich entfaltet die Beliebigkeit der Postmoderne auch auf die Konstitution von Individualität ihre Wirkung: „Das viel zitierte, postmoderne ‚anything goes‘ bedeutet (…) [auch] eine metaphysische Obdachlosigkeit durch den Verlust von allgemeingültigen und metaphysischen Sinnstrukturen" (Teixeira / Galuschek 2015: 86). Wo es an diesen Strukturen fehlt, da gleicht die Palette zur Herstellung von Individualität einem Selbstbedienungsladen: Sei es die Angehörigkeit zu einer vermeintlich „alternativen“ Subkultur, sei es eine bestimmte Mode, eine bestimmte Freizeitaktivität oder ein bestimmter Musikgeschmack – viele Wege führen zum Rom des Individualismus. Einer davon ist der der Körpermodifikation.

Die technologisch fortgeschrittene Weltgesellschaft ist eine beschleunigte Gesellschaft. Man kommt schneller an beliebige Orte, kann Menschen kommunikativ schneller erreichen und erhält schneller beliebige Informationen. Doch wo Beobachtung und Irritation durch dadurch gewonnene Informationen schneller gehen, da werden diese auch schneller alt. Trends, seien sie musikalisch oder modisch, kommen schneller auf und verschwinden schneller wieder. Und das Individuum muss mithalten können. Das Ideal der Jugendlichkeit, mit der gemeinhin Schnelligkeit und Dynamik assoziiert werden, wird hierdurch gestärkt.

Modifikation des eigenen Körpers, welche konkrete Form sie denn gerade auch annimmt, erlaubt es, diesem Ideal näher zu kommen. Doch sie ermöglicht noch mehr: „Da der Körper als Folge der individualistischen Konsumgesellschaft zum erwerbbaren Konsumgut geworden ist, kann (…) also der Gang ins Fitnessstudio, der Kauf einer Botoxbehandlung oder Fettabsaugung, zum Konstruieren und Inszenieren der eigenen Identität dienen, welche dennoch (…) harte Arbeit, Selbstdisziplin und Durchsetzen im beruflichen (und privaten) Wettbewerb suggeriert“ (ebd.: 91). Das Inszenieren der eigenen Identität ist hierbei der Versuch des betreffenden Individuums, bei der jeweiligen sozialen Umwelt eine Zurechnungsleistung herbeizuführen, im Zuge derer vermeintlich charakteristische Merkmale speziell mit ihm – und, wichtig: mit keinem anderen! – assoziiert werden. Merkmale, die zugleich die Werte der es jeweils beheimatenden sozialen Systeme verkörpern: Bei unternehmerisch tätigen Menschen wird Materialismus kommuniziert, bei wissenschaftlich tätigen Menschen Nachdenklichkeit, bei sozial tätigen Menschen Solidarität. Bezogen auf reine modische Accessoires kann sich der fantasievolle Leser hier bspw. eine goldene Armbunduhr, eine schwarz umrandete Brille oder eine zerrissene Jeans imaginieren. Im Rahmen der Körpermodifikation wird dieser Vorgang dann essenziell zugespitzt, indem es im wahrsten Sinne des Wortes „an den Kern der Sache“ geht.

Damit wird zugleich Authentizität kommuniziert, ein „mit sich identisch (…) sein“ (ebd.: 91): „Seht her, meine Individualität ist es mir wert. Ich bin so sehr ich selber, so wenig wie die anderen, dass mir das eine essenzielle Veränderung meiner ureigenen diesseitigen Existenzform wert ist.“ Und trotzdem erwächst daraus eine störende Paradoxie: Von der noch nicht so postmodern geprägten sozialen Umwelt kann gerade dies als eben nicht authentisch, sondern als Nichtwahrhabenwollen des eigenen, natürlichen Alterungs- und / oder Veränderungsprozesses wahrgenommen werden. Hier kollidiert die althergebrachte Sichtweise einer festen, unveränderbaren Identität mit dem postmodernen Ideal des allzeitflexiblen, ständigen Veränderungen unterworfenen, sozial wie auch geografisch heimatlosen Kosmopoliten, der immer alles sein können muss. Daraus ergibt sich nicht selten ein Kulturkampf zwischen zwei Mentalitäten, der nicht wirklich beilegbar zu sein scheint.

Die soziale Dimension ist nicht gleichbedeutend mit der psychischen. Und dennoch haben die intendierten sozialen Auswirkungen von Körpermodifikation (Zurechnung von Individualität entsprechend den postmodernen System-Werten / -Erwartungen) sehr konkrete psychische Folgen.

Das Genügen angenommener sozialer Systemerwartungen stärkt das Selbstwertgefühl des psychischen Systems und reduziert dadurch zumindest kurzfristig kognitive Dissonanzen (wie etwa die Differenz „gealterter Körper“ vs. „Erwartung von Jugendlichkeit“), was temporäre Zufriedenheit zu schaffen vermag. Doch ein solches Vorgehen kann schnell in einen Teufelskreis münden: Da gerade in der postmodernen Gesellschaft kollektive Erwartungen bzw. Werte einem schnellen Wandel unterliegen, kann die Modifikation von heute schon morgen bereits unmodern sein. Stabilität und ein psychisch gesundes In-Sich-Ruhen müssen auf diese Weise unerreichbar bleiben, da das Ideal, selbst wenn es zeitweise hergestellt wurde, aufgrund äußerer Wandlungen nie von Dauer sein kann.

Körpermodifikation kann somit, sofern sie aus den hier dargestellten Intentionen heraus betrieben wird und nicht lediglich einem partiellen, beiläufigen ästhetischen Empfinden oder etwa der restaurativen Medizin dient – was aber, wenn man sowohl den finanziellen Preis als auch die dauerhaften und nachhaltigen Folgen so mancher Modifikation betrachtet, wohl eher selten der Fall sein dürfte – zu einem Risiko für die Zufriedenheit mit sich selbst und damit die psychische Gesundheit werden. In ihr drückt sich eine gesellschaftliche Entwicklung aus, die mit dem Problemkomplex „Burn-Out“ auch auf anderen Feldern zuweilen gnadenlos zuschlägt.

Die Suche nach Individualität und nach der sie gewissermaßen bestätigenden Authentizität gleicht zuweilen – längst nicht immer, aber, wie dargestellt, oftmals – dem verzweifelten Streben eines Esels, dem man eine Karotte vor die Schnauze gebunden hat, selbige zu erreichen, was ihm natürlich nie gelingt – während er zugleich die im an ihn gebundenen Karren sitzenden Menschen unbewusst immer weiter zieht. So wie der postmoderne Mensch, der verzweifelt nach einem Anker der Individualität strebt in einem Meer der sozialen Kontingenz, in seiner haltlosen Verzweiflung zum Lastenesel wird für zuweilen entwurzelnde und überkomplexe Systemerwartungen, die ihn irgendwann krank machen.

Vielleicht sollten wir nicht nur versuchen, die Gesellschaft, wie es oft so schön heißt, zu „entschleunigen“, sondern auch bei der eigenen verzweifelten Selbstumklammerung einen Gang zurückschalten. In einer Welt, in der der verzweifelte Ruf nach Individualitätszurechnung vielen Menschen geradezu aus dem Gesicht springt, da gleicht jener, der dabei wirklich in sich ruht, einem Fels in der Brandung. Und damit verkörpert er mehr Individualität als alle Postmodernisten zusammen.


Quelle: 

Teixeira, Susana Rocha / Galuschek, Anita (2015): „Tell me what you don’t like about yourself”: Personale Identitätskonstruktion in der US-amerikanischen makeover culture im 21. Jahrhundert am Beispiel der Serie Nip/Tuck. In: Bainczyk-Crescentini, Marlene / Ess, Kathleen / Pleyer, Michael / Pleyer, Monika (Hrsg.): Identitäten / Identities: Interdisziplinäre Perspektiven. Universitätsbibliothek Heidelberg, S. 77-93. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/18646/1/HGGS_Identitaeten_05TeixeiraGaluschek.pdf (abgerufen am: 5. 5. 2015)