Samstag, 31. Januar 2015

Nous sommes Charlie Hebdo?

Der Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo verschleiert, dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit nur auf den ersten Blick durch den Islamismus, in Wirklichkeit aber durch den Westen selbst bedroht werden.

Ein Gastbeitrag von Sebastian Müller

Nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo in Paris bleibt, wenn der Pulverdampf verzogen ist, eine zentrale Frage: Wenn der Anschlag islamistisch motiviert war, bleibt er dann als ein endgültiges Symbol für die kulturelle Unverträglichkeit zwischen westlichem Säkularismus und dem Islam als Ganzes haften?

Die Auseinandersetzung mit dieser Frage, und die wird es en masse geben, führt womöglich zu weiteren Gedankengängen, die mit jedem Anschlag auf die Aushängeschilder westlicher Freiheit weitere Kreise ziehen.

Gefährdet diese Unverträglichkeit den Fortbestand einer demokratischen Zivilgesellschaft? Ist der Islam selbst die Bedrohung für eine längst schon ausgehöhlte westliche Demokratie, oder aber vielmehr unsere Antwort darauf? So innig der symbolische Schulterschluss von Hollande, Merkel und anderen Regierungschefs auf dem Pariser Solidaritätsmarsch auch zelebriert gewesen sein mag, so wenig beantwortet er diese Fragen. Passend dazu liest sich ein Zitat aus der Zeit:
“Wessen Produkt sind die Attentäter von Paris? Die eines religiösen Fanatismus oder der französischen Gesellschaft? Wessen Werte wurden in den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo angegriffen? Die des “Westens”? Oder universelle Werte von Presse- und Meinungsfreiheit (…)?”
Vorneweg: Es braucht keinen Islamismus, um an den Pfeilern unserer Demokratie zu sägen. Die meisten politikwissenschaftlichen Gegenwartsdiagnosen kommen gänzlich ohne eine Islamisierung aus, um die Entleerung demokratischer Prozesse zu konstatieren. Symptome der sogenannten Postdemokratie sind vielmehr die Macht globaler Konzerne, Lobbyismus und Hinterzimmerpolitik, der Niedergang des politischen Diskurses sowie gesellschaftliche Fliehkräfte vor dem Hintergrund eines puren ökonomischen Materialismus.

Sicher, eine nicht säkularisierte islamische Parallelgesellschaft mag eine dieser Fliehkräfte sein. Doch sie ist eben nur eine. Eine zunehmend entrückte Geldelite, deren zunehmende Abschottung durch Gated Communities ihrer geistigen Haltung entspricht, ist eine andere.

Geht also die Gefahr von einem sich quantitativ und qualitativ radikalisierenden Islam aus, oder aber von jenen Politikern, für die der Anschlag Wasser auf ihre Mühlen war? Die Forderungen nach mehr Kontrolle und Überwachung liegen bereits unausgesprochen in der Luft. Provoziert der islamistische Terrorismus den repressiven Überwachungsstaat, der seit 9/11 und mit den Enthüllungen des geächteten Edward Snowdens bereits dystopische Ausmaße angenommen hat? Oder ist dieser ganz unabhängig vom Terrorismus auf dem Vormarsch?

Es braucht keinen Terrorismus, um die geopolitischen Interessen der USA durchzusetzen. Es braucht diesen ebenso wenig, um den Datenhunger von Regierungen und großen Konzernen zu befriedigen. Doch für das Streben nach Macht und Kontrolle einerseits, und dem kommerziellen Kalkül anderseits, welches dem natürlichen Wesen von Staaten und Unternehmen jeweils entspricht, lässt sich eben dieser Terrorismus besonders gut instrumentalisieren, um den zunehmend als lästig empfundenen Rechtsstaat auszuhöhlen.

Unabhängig vom islamistischen Terrorismus, Salafismus und dem IS haben wir zudem eine demokratische Institution, die ihrer angestammten Aufgabe als Vierter Gewalt immer weniger nachzukommen scheint, die nun aber den Anschlag auf Charlie Hebdo instrumentalisiert, um sich als Opfer einer Medienhetze zu inszenieren. Denn die deutschen Leitmedien waren es, die jede zivilgesellschaftliche Protestbewegung – von Stuttgart 21 über Occupy bis Pegida – tendenziell niederschrieb. Doch bei einer solch obrigkeitlichen Berichterstattung braucht man sich weder über das Echo zu wundern, noch über die Frage, wie frei unsere Presse überhaupt noch ist. Wenn Sie es aber nicht mehr ist, oder vielleicht auch nie war, dann hat das sicher nichts mit dem Islam zu tun.

All das soll nicht heißen, dass eine kritische Debatte über den Islam nicht angebracht wäre. Doch wird der Islam nicht allenthalben hart kritisiert? Sicher mag es verstärkt Angst vor Sanktionen geben, doch die gibt es beim Thema Juden und Israel auch. Bei Charlie Hebdo jedenfalls wurde noch kein Mitarbeiter wegen islamophober Karikaturen entlassen – wohl aber Maurice Albert Sinet wegen vermeintlich antisemitischen. Und allein der ägyptisch-stämmige Politologe Hamed Abdel-Samad, enger Mitstreiter von Henryk M. Broder, landete vor 4 Jahren mit seinem Buch “Der Untergang der islamischen Welt” einen Bestseller auf dem deutschen Buchmarkt.

Abdel-Samads These: Die islamische Kultur sei einen Prozess der Erstarrung des religiösen Denkens und damit des Verfalls ausgesetzt. Vor allem hätte die islamische Welt nie gelernt, ein gesundes Verhältnis zum Materialismus zu entwickeln, wie es der Westen durch die Aufklärung und dem Humanismus getan hätte:
“Nicht nur wegen der Erstarrung des religiösen Denkens sehe ich heute den Untergang der islamischen Welt als unausweichlich an, sondern auch angesichts der Tatsache, dass die meisten islamischen Länder mittlerweile einer Konsummentalität verfallen sind, aus der es für sie keinen geistigen Ausweg zu geben scheint.”
Abdel-Samads zitierte Passage aus dem Vorwort orientiert sich ausdrücklich an Oswald Spenglers 1918 erschienen Klassiker “Der Untergang des Abendlandes” an, der – wohl nicht zuletzt durch den Eindruck des Ersten Weltkrieges – das Ende der westlichen Zivilisation prophezeite. Spengler zeichnete dabei das Bild vom Lebenszyklus – der Kindheit, Jugend und dem Alter – einer Kultur. Der späte Zustand einer Kultur charakterisiere sich laut Spengler – wiederum inspiriert durch Edward Gibbons epochales Geschichtswerk “Verfall und Untergang des römischen Imperiums” – durch Erstarrung, Zivilisationskriege sowie einer sich von der Kultur abwendenden und der Unterhaltungsindustrie zuwendenden Bevölkerung.

Gibbon damals, als auch Alejandro Amenábars sehenswerter Film Agora - Die Säulen des Himmels, interpretieren übrigens das Christentum als den “Fundamentalismus” der Spätantike, die zur Bekämpfung des Heidentums und der unter ihm gedeihenden Wissenschaft und damit letztendlich zur Erstarrung sowie zum Niedergang des Römischen Reiches geführt habe.

Abdel-Samad folgt der Beobachtung der geistigen und gesellschaftlichen Erstarrung und projiziert diese, mit autobiographischen Verweis, auf den heutigen Islam:
“Man könnte sagen, Konsum ohne Kant führt zur Verwirrung. Indem die Mehrheit der Menschen in den islamischen Staaten die Instrumente und Produkte der Moderne verschlingt, sich dem dahinter stehenden Gedankengut aber nach wie vor verschließt, existiert sie in einem Zustand der Schizophrenie, der über kurz oder lang in Fanatismus oder kulturelle Verwahrlosung mündet – oder gar in beides zugleich.”
Das also ist für Abdel-Samad der Bogen, der zur Gewalt und zum islamistischen Terrorismus führt, zuletzt zu solchen gescheiterten Existenzen, die den Anschlag in Paris zu verantworten haben. Der sich im Zuge geistiger Erstarrung radikalisierende Islam rekrutiert die Verlierer des kapitalistischen Globalismus, orientierungslose Muslime – oder solche mit muslimischen Hintergrund – verloren zwischen zwei Kulturen, die im Heiligen Krieg sinnstiftenden Halt suchen.

Jenseits von Spenglers historischen Determinismus ist die auf “Materialismus ohne Aufklärung” rekurrierende These durchaus interessant und nachdenkenswert. Doch ob es richtig ist, den westlichen Kulturkreis von diesem “schizophrenen” Zerfallsprozess anzuschließen, wäre eine weitere Überlegung wert. Adorno und Horkheimer zudem, begreifen den von Abdel-Samad so gutgläubig und immunisierend verwendeten Begriff der “Aufklärung” als einen “spezifisch abendländischen, auf Selbsterhaltung und Herrschaft abzielenden Rationalitätstypus”, der bis in die Verbrechen des Nationalsozialismus münden konnte.

Adorno und Horkheimer verfolgen den Begriff in ihrer berühmten “Dialektik der Aufklärung” bis an den Beginn der Menschheitsgeschichte zurück. So wäre der vom Islam immer noch gesuchte mythische Zugang zur Welt zwar im Westen rational aufgeklärt worden. Aber mit der stufenweisen Vervollkommnung der Naturbeherrschung schlage Aufklärung als “Herrschaft über eine objektivierte äußere und die reprimierte innere Natur” selbst in Mythologie zurück, so die Autoren. “Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie”, in eine Mythologie, die im Positivismus des Faktischen kulminiert, welcher die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse als notwendige darstellt und die den “Einzelnen […] gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert”.

Der westliche Kulturkreis ist für die Kritische Theorie also keineswegs so immun gegen die Gefahren einer Verwahrlosung durch die eigene Kulturindustrie, wie Abdel-Samad es diesem attestiert. Im Gegenteil, Adorno und Horkheimer erkannten bereits vor gut 70 Jahren, dass die Steigerung der wirtschaftlichen Produktivität in eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche fortschreiten und damit letztlich in einem „Ausverkauf der Kultur“ enden würde.

Spengler hätte sich wohl die Hände gerieben, wenn er noch würde lesen können, wie auch die beiden Philosophen den Sinn durch die kalkulierten Dummheiten des Amüsements ersetzt sehen, der im heutigen Privatfernsehen seinen traurigen Gipfel erreicht hat. Dass zudem das Wirtschaftsgeschehen als Ausfluss der objektivierten Macht logischer Rationalisierungsprozesse unreflektiert verherrlicht werde, ist eine Neoliberalismuskritik, wie sie aktueller nicht sein könnte.

Damit wäre der Bogen zurück zu der eingangs erwähnten Feststellung geschlagen, dass es genug Symptome gibt, um auch in der westlichen Gesellschaft selbst einem Zerfallsprozess erkennen zu können. Und mit ihr stehen jene Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf dem Spiel, die nur auf den ersten Blick durch den Islamismus, in Wirklichkeit aber durch den “Rationalitätstypus” selbst bedroht wird. Das kapitalistische Kulturindustie- und Produktionsregime sorgt auch bei seinen eigenen Kindern für genug Entfremdung.

 

Sebastian Müller ist Historiker (Mag.) und Politikwissenschaftler und ist als freier Autor tätig. Er ist Gründer und Autor des Blogs Le Bohémien, in dem dieser Artikel zuerst veröffentlicht wurde.

Donnerstag, 15. Januar 2015

Keine Kompromisse: "Ein bisschen Systemtheorie" geht nicht

Systemtheorie kann die Art zu denken und seine soziale Umwelt zu beobachten von Grund auf umkrempeln – positiver ausgedrückt: Vom Kopf auf die Füße stellen. Man erlebt einen kleinen, inneren, mentalen „Umsturz“ und sieht so manches mit anderen Augen. Die Tatsache, dass es sich bei der soziologischen Systemtheorie Luhmannscher Prägung um eine Großtheorie handelt, die den universellen Anspruch hat, die Gesellschaft als Ganzes zu erklären, die sich aber auch auf der Ebene von Organisation und Interaktion manifestiert, führt dazu, dass sich ihre Perspektive gewissermaßen in jedem Lebensbereich einmischt.

Seien es politische Debatten, sei es die Ebene der Psyche, seien es organisationale Prozesse, seien es Liebe, Freundschaft und Familie, sei es die Mediennutzung, sei es wissenschaftliches Arbeiten – es gibt keinen Bereich, der nicht systemtheoretisch beobachtbar wäre und somit auch keinen, zu dem die Theorie nichts zu sagen hätte. Im Ergebnis führt dies dann schnell dazu, dass sie eigentlich ständig zu einem spricht – dass man ihre Perspektive einbringt, wenn man diskutiert; dass sie immer wieder zum Thema wird, weil sie in der Debatte neue Erkenntnisse verspricht.

Im Zuge einer solchen Debatte wurde dem Autor dieser Zeilen daher einmal vorgeworfen, Systeme ja „als heilige Kühe zu betrachten“, deren Existenz nicht negiert werden dürfe. Und auch an anderer Stelle, zu anderer Zeit werden systemtheoretisch denkende Diskutanten, zumeist Soziologen, nicht selten mit dem Vorwurf konfrontiert, die Theorie als ein Dogma zu betrachten, als eine nicht zu hinterfragende Lehre, im Zuge derer jede Äußerung ihres Schöpfers Niklas Luhmann als heilige, nicht kritisierbare Prophezeiung zu betrachten sei. Geäußert wird dieser Vorwurf dann nicht nur von Vertretern anderer, entgegengesetzter theoretischer Stoßrichtungen aus Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie oder Geschichtswissenschaft, sondern zuweilen gar auch von Vertretern „reformierter Systemtheorie“, die den „undogmatischen“ Kompromiss mit anderen Ansätzen sucht und Luhmanns Thesen nur partiell aufgreift.

Nun ist es, gerade etwa in Bezug auf politische Ideologien, keine Sünde, undogmatisch und dadurch nicht selten auch toleranter an ein Thema heranzugehen. Mit Blick auf die Religion und ihre Glaubensrichtungen ist es heute sogar vonnöten, da eine komplett dogmatische Auslegung wenigstens monotheistischer Glaubensrichtungen – im Sinne der Verkündung absoluter Wahrheiten – direkt in den Fundamentalismus und dadurch zur Gewalt führen würde. Im Falle soziologischer Systemtheorie jedoch sieht das Ganze anders aus, da wir es hier mit der Anforderung wissenschaftlicher Konsistenz zu tun haben.

Die (in den Sozialwissenschaften seit Jahrzehnten andauernden) Versuche, Systemtheorie irgendwie mit anderen Ansätzen oder gar Theorien zu vereinigen (darunter dann so kurios anmutende Frankfurter Leuchttürme wie „Lebenswelt“-Konzepte als Gegenbegriffe zum „System“), würden im Ergebnis nicht weniger als eine Aushebelung des systemtheoretischen Beobachtungsinstrumentariums nach sich ziehen. Die innere Geschlossenheit der Systemtheorie garantiert ihre logische Konsistenz und dadurch die Schlüssigkeit und Qualität ihrer Analysen.

Hebelt man die Konsistenz, sprich die unbedingte Bindung ans systemische Denken und Beobachten aus, so schafft dies soziologische Unschärfe. Der intendierte Gegenbegriff der „Lebenswelt“ illustriert diese Vernebelung gut: Anstatt die Person – bzw. das psychische System – in Bezug auf ihre sozialen Rollen und ihre Kommunikation im Rahmen sozialer Systeme in zweiter Ordnung zu beobachten, wie es (die einzig mögliche) soziologische Pflicht wäre, erliegt das Lebenswelt-Konzept der Verlockung des alltagsgenerierten Bauchgefühls, des Bedürfnisses, die eigenen Instinkte, „biases“ und Prämissen, ummantelt als eine Art vermeintlich „gesunder Menschenverstand“, als soziologische Analyse verkaufen zu können und dadurch das, was eigentlich nur eigene Disposition ist, als vermeintlich wissenschaftlich objektivieren und dadurch in der wissenschaftlichen Debatte legitimieren und anschlussfähig machen zu können.

Das Abrücken vom systemischen „Dogma“, das jedoch letztlich nur Präzision und begriffliche Trennschärfe bedeutet und bedeuten muss, ist somit letztlich eine Folge des Bedürfnisses, gerade in jenem System, in dem dies eigentlich nicht geboten ist, Komplexitätsreduktion zu betreiben: In der Wissenschaft. Dadurch kann (und soll wohl auch) wissenschaftliche Beobachtung politisiert und offener werden für die individuelle, selektive Willkür bei der vermeintlichen Wahrheitsfindung.

Selbst in manchen Lehrbüchern ist gelegentlich zu lesen, systemisches Denken habe „undogmatisch“ und grundsätzlich offen zu sein. Die Notwendigkeit der Anerkennung der Kontingenz psychosozialer Prozesse sollte jedoch nicht zu dem Fehlschluss führen, man könne systemtheoretische Analyse oder systemische Therapie und Beratung ohne die Grundlage einer in sich geschlossenen und konsistenten Theorie betreiben.

Es bedarf eines präzisen Instrumentariums, um Probleme, haben sie nun einen rein sozialen oder aber einen psychosozialen Charakter, zu identifizieren und lösen zu können. Eine klare Herausarbeitung, eine Identifikation eines Problems erreicht man nicht mit analytischer Umnebelung, terminologischer Diffusion und einem theoretischen Selbstbedienungsladen, im Zuge dessen man sich immer gerade jenen Ansatz oder jene Theorie herauspickt, die eben gerade am besten zur eigenen Disposition passt.

Ein solches Vorgehen hieße im Ergebnis, sein wissenschaftliches oder therapeutisches Instrumentarium der eigenen Meinung anzupassen. Ein Vorgehen also, das un-systemischer nicht sein könnte, da es zwingend die dringend nötige Beobachtung zweiter Ordnung stören muss, die bei systemtheoretischer bzw. systemischer Beobachtung notwendig ist. Diese bedeutet, sich auf den Funktionscode, die Leitdifferenz oder auch nur die Prämissen eines anderen Systems, sei es sozialer oder psychischer Natur, einzulassen und diese zu erkennen. Dies setzt voraus, dass die eigenen Prämissen oder Leitunterscheidungen wenigstens zeitweise ausgeblendet werden müssen, damit es nicht nur bei der Beobachtung erster Ordnung bleibt. Das wiederum ist nur im Rahmen einer konsistenten, kontinuierlichen und ausschließlichen (!) Anwendung systemtheoretischer Konzepte auf die Empirie möglich, sowohl auf Makro- als auch auf Mikro-Ebene.

Allein das „Dogma“ der Systemtheorie ist es dann, das den wissenschaftlichen oder therapeutischen Beobachter in jenem Moment vom Klammergriff der eigenen Disposition zu befreien vermag, und dadurch die dringend nötige Unvoreingenommenheit gewährleistet, ohne die es nicht geht. Im Ergebnis führt dies zu dem paradoxen Fazit, dass es eine Art absolut geltende Meta-Wahrheit der orthodoxen Systemtheorie im traditionellen Bielefelder Sinne braucht, um eben nicht unreflektiert im Sumpf eigener Prämissen, „Wahrheiten“ und Dispositionen zu versinken, wenn diese gerade nur schaden würden. 

Wer die soziale Welt aus einer systemtheoretischen Brille beobachten will, kann dabei keine Kompromisse machen. „Ein bisschen Systemtheorie“, ein wenig hiervon, ein wenig davon, ein „pragmatischer“ Umgang mit dem theoretischen Instrumentarium der Sozialwissenschaften – das funktioniert in diesem Falle nicht bzw. wäre in diesem Falle kein systemtheoretisches Vorgehen mehr. Nicht, weil Systemtheoretiker an den Lippen des Propheten Niklas Luhmann hängen müssen. Sondern weil die Vernachlässigung dieses Grundsatzes ein unwissenschaftliches Vorgehen zur Folge hätte, das in Gefahr läuft, in Willkür, Unschärfe und Verwässerung zu münden.