Donnerstag, 15. Januar 2015

Keine Kompromisse: "Ein bisschen Systemtheorie" geht nicht

Systemtheorie kann die Art zu denken und seine soziale Umwelt zu beobachten von Grund auf umkrempeln – positiver ausgedrückt: Vom Kopf auf die Füße stellen. Man erlebt einen kleinen, inneren, mentalen „Umsturz“ und sieht so manches mit anderen Augen. Die Tatsache, dass es sich bei der soziologischen Systemtheorie Luhmannscher Prägung um eine Großtheorie handelt, die den universellen Anspruch hat, die Gesellschaft als Ganzes zu erklären, die sich aber auch auf der Ebene von Organisation und Interaktion manifestiert, führt dazu, dass sich ihre Perspektive gewissermaßen in jedem Lebensbereich einmischt.

Seien es politische Debatten, sei es die Ebene der Psyche, seien es organisationale Prozesse, seien es Liebe, Freundschaft und Familie, sei es die Mediennutzung, sei es wissenschaftliches Arbeiten – es gibt keinen Bereich, der nicht systemtheoretisch beobachtbar wäre und somit auch keinen, zu dem die Theorie nichts zu sagen hätte. Im Ergebnis führt dies dann schnell dazu, dass sie eigentlich ständig zu einem spricht – dass man ihre Perspektive einbringt, wenn man diskutiert; dass sie immer wieder zum Thema wird, weil sie in der Debatte neue Erkenntnisse verspricht.

Im Zuge einer solchen Debatte wurde dem Autor dieser Zeilen daher einmal vorgeworfen, Systeme ja „als heilige Kühe zu betrachten“, deren Existenz nicht negiert werden dürfe. Und auch an anderer Stelle, zu anderer Zeit werden systemtheoretisch denkende Diskutanten, zumeist Soziologen, nicht selten mit dem Vorwurf konfrontiert, die Theorie als ein Dogma zu betrachten, als eine nicht zu hinterfragende Lehre, im Zuge derer jede Äußerung ihres Schöpfers Niklas Luhmann als heilige, nicht kritisierbare Prophezeiung zu betrachten sei. Geäußert wird dieser Vorwurf dann nicht nur von Vertretern anderer, entgegengesetzter theoretischer Stoßrichtungen aus Soziologie, Politikwissenschaft, Psychologie oder Geschichtswissenschaft, sondern zuweilen gar auch von Vertretern „reformierter Systemtheorie“, die den „undogmatischen“ Kompromiss mit anderen Ansätzen sucht und Luhmanns Thesen nur partiell aufgreift.

Nun ist es, gerade etwa in Bezug auf politische Ideologien, keine Sünde, undogmatisch und dadurch nicht selten auch toleranter an ein Thema heranzugehen. Mit Blick auf die Religion und ihre Glaubensrichtungen ist es heute sogar vonnöten, da eine komplett dogmatische Auslegung wenigstens monotheistischer Glaubensrichtungen – im Sinne der Verkündung absoluter Wahrheiten – direkt in den Fundamentalismus und dadurch zur Gewalt führen würde. Im Falle soziologischer Systemtheorie jedoch sieht das Ganze anders aus, da wir es hier mit der Anforderung wissenschaftlicher Konsistenz zu tun haben.

Die (in den Sozialwissenschaften seit Jahrzehnten andauernden) Versuche, Systemtheorie irgendwie mit anderen Ansätzen oder gar Theorien zu vereinigen (darunter dann so kurios anmutende Frankfurter Leuchttürme wie „Lebenswelt“-Konzepte als Gegenbegriffe zum „System“), würden im Ergebnis nicht weniger als eine Aushebelung des systemtheoretischen Beobachtungsinstrumentariums nach sich ziehen. Die innere Geschlossenheit der Systemtheorie garantiert ihre logische Konsistenz und dadurch die Schlüssigkeit und Qualität ihrer Analysen.

Hebelt man die Konsistenz, sprich die unbedingte Bindung ans systemische Denken und Beobachten aus, so schafft dies soziologische Unschärfe. Der intendierte Gegenbegriff der „Lebenswelt“ illustriert diese Vernebelung gut: Anstatt die Person – bzw. das psychische System – in Bezug auf ihre sozialen Rollen und ihre Kommunikation im Rahmen sozialer Systeme in zweiter Ordnung zu beobachten, wie es (die einzig mögliche) soziologische Pflicht wäre, erliegt das Lebenswelt-Konzept der Verlockung des alltagsgenerierten Bauchgefühls, des Bedürfnisses, die eigenen Instinkte, „biases“ und Prämissen, ummantelt als eine Art vermeintlich „gesunder Menschenverstand“, als soziologische Analyse verkaufen zu können und dadurch das, was eigentlich nur eigene Disposition ist, als vermeintlich wissenschaftlich objektivieren und dadurch in der wissenschaftlichen Debatte legitimieren und anschlussfähig machen zu können.

Das Abrücken vom systemischen „Dogma“, das jedoch letztlich nur Präzision und begriffliche Trennschärfe bedeutet und bedeuten muss, ist somit letztlich eine Folge des Bedürfnisses, gerade in jenem System, in dem dies eigentlich nicht geboten ist, Komplexitätsreduktion zu betreiben: In der Wissenschaft. Dadurch kann (und soll wohl auch) wissenschaftliche Beobachtung politisiert und offener werden für die individuelle, selektive Willkür bei der vermeintlichen Wahrheitsfindung.

Selbst in manchen Lehrbüchern ist gelegentlich zu lesen, systemisches Denken habe „undogmatisch“ und grundsätzlich offen zu sein. Die Notwendigkeit der Anerkennung der Kontingenz psychosozialer Prozesse sollte jedoch nicht zu dem Fehlschluss führen, man könne systemtheoretische Analyse oder systemische Therapie und Beratung ohne die Grundlage einer in sich geschlossenen und konsistenten Theorie betreiben.

Es bedarf eines präzisen Instrumentariums, um Probleme, haben sie nun einen rein sozialen oder aber einen psychosozialen Charakter, zu identifizieren und lösen zu können. Eine klare Herausarbeitung, eine Identifikation eines Problems erreicht man nicht mit analytischer Umnebelung, terminologischer Diffusion und einem theoretischen Selbstbedienungsladen, im Zuge dessen man sich immer gerade jenen Ansatz oder jene Theorie herauspickt, die eben gerade am besten zur eigenen Disposition passt.

Ein solches Vorgehen hieße im Ergebnis, sein wissenschaftliches oder therapeutisches Instrumentarium der eigenen Meinung anzupassen. Ein Vorgehen also, das un-systemischer nicht sein könnte, da es zwingend die dringend nötige Beobachtung zweiter Ordnung stören muss, die bei systemtheoretischer bzw. systemischer Beobachtung notwendig ist. Diese bedeutet, sich auf den Funktionscode, die Leitdifferenz oder auch nur die Prämissen eines anderen Systems, sei es sozialer oder psychischer Natur, einzulassen und diese zu erkennen. Dies setzt voraus, dass die eigenen Prämissen oder Leitunterscheidungen wenigstens zeitweise ausgeblendet werden müssen, damit es nicht nur bei der Beobachtung erster Ordnung bleibt. Das wiederum ist nur im Rahmen einer konsistenten, kontinuierlichen und ausschließlichen (!) Anwendung systemtheoretischer Konzepte auf die Empirie möglich, sowohl auf Makro- als auch auf Mikro-Ebene.

Allein das „Dogma“ der Systemtheorie ist es dann, das den wissenschaftlichen oder therapeutischen Beobachter in jenem Moment vom Klammergriff der eigenen Disposition zu befreien vermag, und dadurch die dringend nötige Unvoreingenommenheit gewährleistet, ohne die es nicht geht. Im Ergebnis führt dies zu dem paradoxen Fazit, dass es eine Art absolut geltende Meta-Wahrheit der orthodoxen Systemtheorie im traditionellen Bielefelder Sinne braucht, um eben nicht unreflektiert im Sumpf eigener Prämissen, „Wahrheiten“ und Dispositionen zu versinken, wenn diese gerade nur schaden würden. 

Wer die soziale Welt aus einer systemtheoretischen Brille beobachten will, kann dabei keine Kompromisse machen. „Ein bisschen Systemtheorie“, ein wenig hiervon, ein wenig davon, ein „pragmatischer“ Umgang mit dem theoretischen Instrumentarium der Sozialwissenschaften – das funktioniert in diesem Falle nicht bzw. wäre in diesem Falle kein systemtheoretisches Vorgehen mehr. Nicht, weil Systemtheoretiker an den Lippen des Propheten Niklas Luhmann hängen müssen. Sondern weil die Vernachlässigung dieses Grundsatzes ein unwissenschaftliches Vorgehen zur Folge hätte, das in Gefahr läuft, in Willkür, Unschärfe und Verwässerung zu münden.

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