Donnerstag, 19. Februar 2015

Psychologische Systemtheorie IV: Narzissmus als dauerhaftes Irritationsbedürfnis

In der Alltagssprache sprechen wir für gewöhnlich von „Narzissmus“, wenn wir es mit einer besonders selbstverliebten Person zu tun haben. Zugleich bezeichnet der Begriff jedoch auch eine Persönlichkeitsstörung, die sich für Betroffene und ihr Umfeld in gravierender Form auswirken kann und für die erstere oft nur bedingt selbst etwas können. Damit deutet sich bereits das erste große Problem an, das in diesem Artikel zwar nicht im Mittelpunkt steht, aber dennoch Erwähnung finden muss: Das der sozialen Etikettierung, die dadurch bewusst oder unbewusst entsteht.

Begriffe, die im Alltag Gebrauch finden, sind dementsprechend bekannt und oft auch mit einer Wertung konnotiert. So ist Narzissmus allgemeinhin eine recht negativ konnotierte Zurechnung, wodurch Personen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung automatisch den Auswirkungen dieser alltagssprachlichen Negativassoziation ausgesetzt sind und dafür „in Haftung“ genommen werden – ohne dass mit einer entsprechenden Diagnose eine solche Wertung beabsichtigt oder auch nur annähernd sinnvoll ist. So sehr sich der Autor dieser Zeilen auch gegen eine künstliche Veränderung von Sprache aus Political-Correctness-Gründen ausspricht: Hier könnte eine Umbenennung der betreffenden Störung tatsächlich einmal sinnvoll sein, um derlei Etikettierungsprozesse zu verhindern. Es spricht viel dafür, dass es eine Aufgabe der Psychiatrischen Soziologie sein könnte, sich dieser Sache anzunehmen.

Doch nun zum eigentlichen Gegenstand dieses Textes.

Psychische Systeme – wir sprechen hier bewusst nicht von „Menschen“, da eine derartige Formel noch vieles mehr umfasst, um das es hier jedoch nicht geht – bedürfen, wie soziale Systeme auch, der ständigen Irritation durch ihre soziale Umwelt, um sich auf sie einstellen zu können. Systeme, die nicht in ausreichendem Maße irritierbar sind, geraten in ihrem Verhältnis zur sozialen Umwelt geradezu unausweichlich in Schwierigkeiten. Ein plastisches Beispiel für einen solchen Fall ist das Phänomen des Autismus, im Zuge dessen psychische Systeme geprägt sind durch eine zu hohe operative Geschlossenheit, die sie von ihrer Umwelt abschottet, in ihrer Irritationsfähigkeit gravierend einschränkt und durch das sie im Alltag auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

Auch das Gegenteil ist denkbar: Psychische Systeme, die in zu hohem Maße irritierbar, also für ihre soziale Umwelt zu offen sind, leiden demgegenüber nicht selten an Erkrankungen wie Zwangsstörungen oder Depressionen, die aus dem Fehlen eines seelischen „Filters“ (systemtheoretisch ausgedrückt: einer Leitdifferenz) her resultieren, aufgrund dessen es dem System nicht gelingt, eine innere Operation (eine Handlung, einen Gedanken, eine Entscheidung o. ä.) zu ihrem notwendigen Abschluss zu bringen, so dass diese entweder immer wieder wiederholt werden müssen oder aber im Meer der Selbstreflexion (platter: Grübelei) versinken.

Ein psychisches System, das als narzisstisch beschrieben wird, ist – zunächst einmal – nicht auf eines dieser beiden Enden der Offenheits- bzw. Geschlossenheits-Skala festlegbar. Ein „narzisstisches“ psychisches System kann sowohl zu offen als auch zu geschlossen sein. Wichtig ist in diesem Zusammenhang erst einmal die Tatsache, dass seine Störung etwas über ein empfundenes Bedürfnis aussagt: Das Bedürfnis zur dauerhaften, beständigen Irritation, der dauerhaften kommunikativen Rückmeldung seitens der sozialen Umwelt oder von Teilen dieser, in Form anderer psychischer Systeme – präferiert in positiver Form (z. B. durch Anerkennung), vor allem aber in reichhaltiger. Entgegen den weitläufig üblichen Vorurteilen über Narzissmus müssen diese Rückmeldungen nicht immer zwingend ein positives Loben o. ä. beinhalten, sondern vor allem in reichlichem Maße vorhanden sein. Das psychische System muss beständig irritiert werden und dabei ist es erst einmal sekundär, auf welche Weise. Das Selbstwertgefühl vermag sich schon durch die Reaktion als solche zu steigern.

Das Irritationsbedürfnis drückt sich aus in der charakteristischen, ständigen und teilweise exzessiven Suche nach äußerer Bestätigung: Kontingenz, also Ungewissheit, Unsicherheit, ja auch Unplanbarkeit der Zukunft wird als unerträglich erlebt. Narzissmus ist in nicht wenigen Fällen gerade gekennzeichnet durch gravierende Unsicherheit in Bezug auf die eigene soziale Rolle, gleich in welchem sozialen System, sei es Familie, Beruf oder Beziehung. Es bedarf der ständigen Rückversicherung, der ständigen, wiederholten Stabilisierung der eigenen Identitätsfindung. Wer oft hören will, dass er oder sie kompetent ist, kreativ, schön, liebenswert etc., der ist sich über diese Dinge selbst nicht in ausreichendem Maße im Klaren. Es muss immer wieder gehört, immer wieder bestätigt werden, damit niemals auch nur der Hauch einer Gefahr aufkommen kann, dass es jemals anders werden oder auch nur anders wahrgenommen werden könnte.

Auf die jeweils andere Seite, also grob gesagt die soziale Umwelt, wirkt dies dann gerne selbstverliebt: Wer oft hören will, dass er toll, gut, fähig und schön ist, oder dieses Bedürfnis irgendwie in anderer Form zum Ausdruck bringt, muss ja „selbstverliebt“ sein, ein großes Ego haben. Grundlage dieses Verhaltens ist aber zumeist das Gegenteil: Tiefgreifende Unsicherheit in Bezug auf die eigene Person und Identität, die sich mal in Narzissmus ausdrückt, mal aber – etwa in Beziehungen – auch bspw. durch rasende Eifersucht oder besitzergreifendes Verhalten.

In derlei liebesbasierten Zweiersystemen kann der andere dann „nie genug“ sein. Der andere muss dem Narzissten „gehören“. Nicht nur müssen sich dabei – was Liebe immer ausmacht – beide beteiligten psychischen Systeme in ihrer ganzen Komplexität, d. h. auch in all ihren sozialen Rollen, akzeptieren, sondern – da es ja nie genug sein kann – die Inbesitznahme muss auch auf anderer Ebene weitergehen.

Da bleibt dann nur noch die Zeitdimension: Eigentlich ist jede Sekunde ohne den anderen illegitim. Die Zukunft müsste eigentlich bis zum Tod gemeinsam verplant sein. Die dauerhafte (Selbst-)Irritation, hier im Rahmen des Liebessystems, muss immer und dauerhaft gewährleistet sein. Der „System-Spiegel“, in dem man den eigenen Wert verkörpert sieht, muss immer vorhanden sein. Ist er das nicht, oder besteht auch nur die Gefahr, dass er das irgendwann einmal nicht oder nicht in ausreichendem Maße sein könnte (!), gerät das System in Panik.

Folgerichtige Konsequenz dessen ist denn auch die Unfähigkeit oder zumindest der Unwille zum Allein-Sein: Ein Zustand, in der keine beständige, irritationsgewährleistende Bespiegelung gewährleistet ist, wird als alles andere als erstrebenswert angesehen. Ein enthaltsames Single-Dasein ist nichts für den Narzissten, da er sich nicht imstande sieht, ohne die Gewissheit der ständigen, intimbasierten Selbstbestätigung das reibungslose Operieren seines psychischen Systems zu gewährleisten. Die Folge: Er stürzt sich von einer Bindung ohne wirkliche Pause sogleich in die nächste. Das Irritationsbedürfnis gleicht einer Sucht.

Der Narzissmus vermag es sogar, sowohl im Rahmen von Liebesbeziehungen und Freundschaften, als auch im Rahmen anderer Zusammenhänge identitätsbildend für ganze soziale Systeme zu werden. Bezogen auf das Liebessystem zeigt sich dies dann etwa darin, dass der Partner nicht etwa nur „spiegelnder“, d. h. (selbst-)bestätigender und irritationsbeauftragter Referenzpunkt ist, sondern zugleich auch Vorzeigeobjekt. Der Narzissmus bzw. seine Implikationen in Form der Leitdifferenz „Anerkennung / Nicht-Anerkennung“ wird hier zum Leitprinzip eines sozialen Systems, welches sodann nur noch darauf ausgerichtet ist, dem Narzissten die dringend nötigen Irritationen zu verschaffen.

Der Partner muss sich ins Selbstbild einfügen: Sei es durch die gemeinsame Zugehörigkeit zu einer bestimmten Subkultur, zur selben Berufsgruppe, zur selben Religion oder Ethnie, durch gemeinsame äußerliche Attribute oder durch Auffälligkeiten, die die beständige äußere Aufmerksamkeit seitens der Umwelt auch auf den narzisstischen Partner lenken und damit gewährleisten. Kurz gesagt: Der Partner muss auch in rein instrumenteller Form die konstante Selbstbespiegelung des Narzissten nach außen unterstützen. Der Narzisst sieht sich selbst in seinem Partner – weswegen dieser von dem Narzissten nicht selten auch in einer Intensität geliebt wird, mit der nur wenig andere mithalten können.

Auch in der Biografie schlägt sich Narzissmus nieder. So zieht es Narzissten einerseits in „extrovertierte“ Berufsgruppen, in denen es darum geht, sich zu präsentieren – und dadurch weitere Irritationen in sich aufzunehmen. Es hält ihn schwerlich an einem Ort: Wer konstante Neu-Irritation braucht, der muss diesen irgendwann wechseln. Stabilität wird nicht grundsätzlich benötigt, sondern lediglich das stabile Vorhandensein von Irritationen. Dies ist nur durch Ortswechsel möglich oder zumindest ausgedehnte Reisen von Zeit zu Zeit.

Doch warum das alles? Wie kommt es zu einem solchen Systemzustand?

Vieles spricht dafür, dass narzisstische Persönlichkeiten in ihren Familien als solche nicht allein sind. Das ständige Bedürfnis nach Irritation kann anerzogen sein: Etwa dadurch, dass das betreffende System während seiner familiären Sozialisation regelmäßig solch vielfältige Irritationen – womöglich gar widersprüchlicher Art – erhalten hat und danach nicht mehr ohne diese leben kann. Beispielhaft können diese seitens der Familie erfolgenden Irritationen bestehen aus einer starken Beschützerrolle oder dem Schenken beständiger Aufmerksamkeit dem Kind gegenüber (anders gesagt: das Kind hat nie gelernt, sich auch mal selbst zu genügen, wodurch es ihm unmöglich wird, einfach nur „in sich zu ruhen“). Später, im Anschluss an die familiäre Sozialisation, können im Sinne einer die Störung stabilisierenden Wirkung auch Einflussfaktoren hinzukommen, die von anderen sozialen Systemen ausgehen: Bspw. (zu) schneller beruflicher bzw. finanzieller Aufstieg oder auch Äußerlichkeiten, die das Vorhandensein beständiger Aufmerksamkeit gegenüber dem Narzissten in spe wahrscheinlich machen und ihn dadurch daran immer weiter „gewöhnen“.

Wie umweltoffen bzw. –geschlossen ein solches, narzisstisch codiertes psychisches System ist, ist in diesem Falle primär von der Konstitution der jeweiligen sozialen Umwelt abhängig. Der Narzisst kann zum extrem feinfühligen Empathen werden, solange seine Umwelt ihm ein irritationswilliges Spiegelbild bildet, das er „verstehen“ kann. In dem Falle hat er es ja quasi mit sich selbst zu tun – und ist damit dann, entgegen den üblichen Vorurteilen, die über Narzissten sonst bestehen, zu extrem hoher Sensibilität fähig. Setzt dieses Verstehen dann allerdings aus, weigert sich etwa die andere Seite, ihre irritationsgewährleistende Spiegelbildfunktion nachzukommen, erlaubt sie sich also, anders zu „ticken“ als der Narzisst, so setzt die Empathie ruckartig aus und seine Reaktion vermag, bedingt durch die Enttäuschung über die plötzlich ausbleibende Selbstbestätigung, binnen Sekunden in äußerste Gefühlskälte oder gar Aggression umzuschwenken.

Zur Beobachtung zweiter Ordnung, also zum Beobachten, wie er beobachtet wird, ist der Narzisst dann nicht mehr willens und fähig und die Irritationen erreichen ihn nicht mehr – was zugleich zum Rückkehr der Panik führen kann: „Wo hole ich mir nun meine Irritation?“ Gerade dadurch, also durch die aus dem plötzlichen Empathiemangel resultierende Irritationslosigkeit, generiert sich schließlich wieder das starke Bedürfnis nach Irritationen, welche aber aus genannten Gründen selten im ausreichenden Maße zustande kommen. Dies schafft erneute Panik und / oder Aggression – der Teufelskreis setzt sich fort.

Für die soziale Umwelt zeigt sich dieser sich zuweilen ruckartig ändernde Systemzustand dann als eine Art extreme Launenhaftigkeit, die bisweilen äußerst irrational erscheinen und als solche zusätzlich noch von begleitenden, körperlich-biochemischen Faktoren verstärkt werden kann. Empathische und konsensorientierte Kommunikation ist damit nicht mehr möglich. Genau hierin liegt oftmals der Grund dafür, weswegen Narzissten innerhalb von selbstreferenziellen liebesbasierten Zweiersystemen schnell in Probleme oder Streit geraten.

Eine Agenda zur „Heilung“ dieses Systemzustands kann an dieser Stelle nicht gegeben werden. Was aber dargelegt werden kann – und was auch mindestens genauso wichtig ist – ist ein Vorschlag zum Umgang mit narzisstisch codierten psychischen Systemen für die soziale Umwelt.

Denn: Es ist wichtig, dass diese, um den entsprechenden Herausforderungen gut begegnen zu können, frühzeitig lernt, Systeme zu erkennen, die sich in das hier beschriebene Muster einordnen lassen. Ab dem Moment, ab dem sie dies tut, kann die soziale Umwelt bzw. können die ihr zugehörigen Systeme eine Art innere Distanz aufbauen, die hilft, das narzisstisch codierte System im richtigen Licht zu sehen, ohne dabei in Vorverurteilungen oder allzu schnelle Distanz zum Narzissten zu verfallen und diesen quasi als verhinderten Psychopathen abzutun, von dem ohnehin nichts Gutes zu erwarten ist. Wer sich beständig klarmacht, woher bestimmte narzisstische Verhaltensmuster beim anderen resultieren, der kann lernen, damit umzugehen.

Sicherlich gilt es hierbei nochmal das jeweilige soziale Systemverhältnis zu beachten. Anders gesagt: In Kollegialbeziehungen oder auch noch in Freundschaften ist für viele Leute besser mit Narzissten klarzukommen als in Liebesbeziehungen, in denen man im Zweifel nicht mal eben die Tür hinter sich zu machen kann, sondern die Komplexität des narzisstischen Partners in seiner vollen Entfaltung akzeptieren muss. Dies zu schaffen, dürfte sich für manche, in extremen Fällen, als unmögliche Aufgabe entpuppen. Das macht den Narzissten jedoch nicht zum schlechten Menschen, sondern nur zu einem, der an einer mal mehr, mal weniger gravierenden psychischen Störung leidet. Ist sich der Partner dessen bewusst und – das ist der entscheidende Punkt – macht sich auch der Narzisst selbst dies bewusst, wird diese Tatsache also von beiden Seiten in ausreichendem Maße und häufig genug reflektiert, so kann selbst ein Liebessystem unter diesen Umständen von Dauer sein.

Viel Erfolg!

Sonntag, 8. Februar 2015

Ziemlich beste Freunde: Vom Wert der deutsch-französischen Freundschaft

In diesen Tagen zeigt sich in aller Klarheit, von welcher Bedeutung die Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich wirklich ist – nicht nur für die beiden Länder und ihre Völker selbst, nicht nur für ihren Kontinent, sondern auch für die Weltpolitik als Ganzes.

Deutschland, Frankreich und die EU als Friedensmächte

Die Hoffnungen der friedliebenden Europäer ruhen derzeit auf der Initiative des französischen Staatspräsidenten Hollande und der deutschen Bundeskanzlerin Merkel, die gemeinsam mit dem russischen Präsidenten Putin auf eine friedliche, politische bzw. diplomatische Lösung des Ukraine-Konfliktes hinwirken wollen. Diese Initiative ist jedoch nicht nur aufgrund der auf ihr ruhenden Hoffnungen bedeutsam. Sie kennzeichnet zugleich eine Entwicklung, die schon im Jahre 2002 im Vorfeld des Irakkrieges beobachtbar war, als sich der damalige Kanzler Schröder und der damalige französische Präsident Chirac in ihrer Ablehnung des Krieges einig waren und damit innerhalb der „westlichen Welt“ als das „alte Europa“ (Donald Rumsfeld) gegen den Führungsanspruch der USA Stellung bezogen.

Auch heute wieder sind die Reaktionen amerikanischer Politiker auf die europäische Initiative das, was Briten als „not amused“ bezeichnen würden. Und dies trifft nicht nur auf republikanische Säbelrassler und notorische kalte Krieger wie den Senator John McCain zu, sondern durchaus auch auf Vertreter der Demokraten, die kürzlich, wenn auch diplomatisch verbrämt, u. a. auf der Münchner Sicherheitskonferenz ihre kühle Missbilligung kundtaten.

Nachdem die Selbstdefinition der Bundesrepublik als souveräner Staat im Zuge der NSA-Affäre mehr als gelitten hat, scheint ihre Bundesregierung, gestärkt durch die Allianz mit den Franzosen, endlich zumindest partiell zu einer selbstbewussteren Außenpolitik zurückzufinden – möglicherweise durchaus auch als Retourkutsche auf die US-amerikanische Arroganz, die mit der besagten Affäre einherging.

Und hier zeigt er sich auch, der Wert der deutsch-französischen Freundschaft: Sie ermöglicht es Berlin, zur dringend gefragten souveränen deutschen Außenpolitik zurückzufinden, die sich nicht in einer lediglich taktisch eingesetzten, assistierenden „good cop“-Funktion für die amerikanischen „bad cops“ erschöpft, sondern eigene Akzente setzt – Akzente, die auch den Amerikanern durchaus mal so richtig missfallen dürfen. Das gemeinsam mit Frankreich koordinierte Handeln spricht Deutschland dabei zugleich vom ewig wieder vorgebrachten Vorwurf des „deutschen Sonderweges“ frei. Es zeigt, dass Deutschland zu kooperieren gewillt ist – sich deswegen jedoch nicht automatisch auf die Linie der amerikanischen Hegemonialmacht einlassen oder gar seine außenpolitische Souveränität abgeben muss.

Doch auch Frankreich geht gestärkt aus der Kooperation mit dem wirtschaftsstarken Deutschland hervor: In Paris herrscht eine quasi „historische“, allenfalls durch Transatlantiker wie Sarkozy zeitweise unterbrochene Skepsis gegenüber der Vorstellung, den USA die Deutungshoheit über die Lösung europäischer Konflikte zu überlassen. Daraus generiert sich das lebhafte gemeinsame Interesse, eine alternative Linie, eine Art dritten Weg zu etablieren. Ein Ansinnen, das hoffen lässt: Hoffen auf die Chance einer aus dieser gemeinsamen Stärke geborenen, europäischen Friedensmacht. Die Worte der Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) waren vor diesem Hintergrund gar nicht allzu falsch: Deutschland ist bereit „zu führen“. Aber wohl glücklicherweise nicht auf die blutige Art und Weise, wie es sich manche auf der anderen Seite des Atlantiks – und wohl leider auch manche auf dieser Seite des Ozeans – erhoffen.

Makler für den Frieden im Nahen Osten

Deutschland bietet sich durch die Freundschaft mit Frankreich nicht zuletzt auch die Gelegenheit zu lernen: Und zwar zu lernen, wie souveräne Außenpolitik aussehen kann, wenn man nur wirklich will, wenn man mutig genug ist.

Ein Beispiel der letzten Monate hierfür bietet in diesem Zusammenhang die Anerkennung des Staates Palästina durch die französische Nationalversammlung, welcher wenig später die – wenn auch eingeschränkte – Anerkennung seitens des Europäischen Parlamentes folgte. Eine Entscheidung also, die Modellcharakter hatte – für die EU und vielleicht auch eines Tages für ein Deutschland, das sich traut, gestärkt durch das Bündnis mit Frankreich auch in so brisanten Feldern wie der Nahostpolitik endlich friedenspolitische Akzente zu setzen.

Eine Zielsetzung, deren Verwirklichung angesichts des Flächenbrands in der Region umso notwendiger geworden ist. Denn so sehr sich auch die US-Administration Barack Obamas zumindest auf den Iran zubewegt hat, so sehr herrscht doch, gerade was die nötige Bekämpfung des IS angeht, unter den dafür entscheidenden Mächten noch immer Sprachlosigkeit. Sprachlosigkeit, die durch die in der islamischen Welt glaubwürdigeren und angeseheneren Europäer eher überwunden werden könnte als durch die USA. Weitere internationale Herausforderungen also, in denen die deutsch-französische Freundschaft und deren „Output“ von entscheidender Bedeutung sein könnten.

Führungsmächte innerhalb der EU

Was für außenpolitische Ansätze außerhalb der EU gilt, gilt auch innerhalb. Im gestörten deutsch-griechischen Verhältnis ergibt sich durch die deutsch-französische Freundschaft das Potenzial einer Vermittlung, die zumindest die Chance eines Dialogs mit der neuen griechischen Regierung deutlich vergrößert. Die französische Vermittlerrolle könnte in diesem Falle eine Möglichkeit bieten, die Würde eines zwar krisengeschüttelten, aber souveränen Griechenlands wiederherzustellen, ohne dass dieses sich in einem vergifteten Verhältnis zu Deutschland und damit einer Art dauerhaften Trotzreaktion einrichtet.

Von nicht geringer Relevanz für die inner-europäische Führungsrolle Deutschlands und Frankreichs ist dabei allerdings die Erkenntnis, dass die Stärke aus der Verschiedenheit herrührt. Ein politisch homogenisierter und administrativ quasi zwangsweise zusammengeketteter EU-Superstaat würde rundherum eine Schwächung Europas bedeuten, die über die Forcierung des Nichtgewollten Europas Völker gegeneinander aufbringt, anstatt ihnen ihre kulturelle Eigenständigkeit zu lassen, die sich eben auch in nationalstaatlicher Souveränität ausdrückt.

Die ewig neu kolportierte Story, dass Europa nur als gemeinsamer Bundesstaat eine gewichtige Rolle in der Weltpolitik spielen könne, ist und bleibt dabei historischer Unfug. Deutschland als Wirtschaftsmacht und Frankreich als Atom- und Vetomacht im UN-Sicherheitsrat haben im letzten halben Jahrhundert die Weltpolitik entscheidend mit geprägt, von der Rolle Großbritanniens und anderer europäischer Staaten einmal ganz abgesehen. Dies wird sich auch künftig nicht ändern.

Die Stärke der deutsch-französischen Allianz, sowohl als Führungsmächte innerhalb der EU wie auch als entscheidende Hauptakteure der EU nach außen, liegt in der Verbindung ihrer Verschiedenheit, nicht in einer erzwungenen, auch suprastaatlich-formalisierten Aneinander-Kettung. Die Vorstellung eines „Europas der Vaterländer“ nach Charles de Gaulle bietet dabei das richtige, weil die Identität der Beteiligten respektierende Konzept. Ein Konzept, das nicht nur die staatliche, rein politische Ebene berührt und betrifft, sondern auch die der Gesellschaft(en) generell.

Die Freundschaft der beiden Völker: Von wegen „Erbfeind“!

Als vor wenigen Wochen der islamistische Anschlag auf „Charlie Hebdo“ die Welt erschütterte, waren die Betroffenheit und die Solidarität in Deutschland besonders ausgeprägt. Das kam nicht von ungefähr: Die Freundschaft beider Völker ist seit langem nicht nur auf politischer Ebene ausgeprägt, sondern auch – nicht nur bedingt durch die rein geografische Nachbarschaft – auf der gesellschaftlichen generell.

Laut einer 2012 geführten, von der deutschen Botschaft in Paris in Auftrag gegebenen Umfrage äußerten jeweils über 85 % der befragten Franzosen bzw. der befragten Deutschen, ein recht gutes bis sehr gutes Bild von den jeweils anderen zu haben. Bei den Deutschen überwiegt die „Sympathie“, bei den Franzosen der „Respekt“ für ihre jeweiligen Nachbarn.

Ein Ergebnis, das deutlich macht, wieso das deutsch-französische Bündnis auch auf politischer Ebene so gut und effektiv zu funktionieren scheint: Es ist, empirisch belegt, „zivilgesellschaftlich“ unterfüttert und beruht auf einer gelebten gegenseitigen Freundschaft.

Ein Verhältnis, das auch erfüllt ist von interessanten Gemeinsamkeiten: Die der inneren kulturellen Ambivalenz beispielsweise. Während in Deutschland West und Ost nach wie vor, wenn auch nicht mehr in der Intensität wie noch vor einigen Jahren, miteinander „fremdeln“, so bestehen in Frankreich gewichtige Mentalitätsunterschiede zwischen Nord und Süd, die gerne auch filmisch und literarisch verarbeitet und thematisiert werden.

Während Deutschlands Identitätsempfinden nach wie vor stark von der Zeit des Nationalsozialismus geprägt wird, so erlebt Frankreich mit seinen heutigen, gewichtigen Integrationsproblemen heute die Folgen seiner kolonialen Ära – in einer Weise, die, bei allen Problemen, die es in diesem Feld in Deutschland gibt, in Frankreich weitaus dramatischer und teilweise gewalttätiger ausfallen als hierzulande. Beide Kulturen hadern somit auf ihre eigene Weise noch heute mit den schwierigsten Epochen ihrer Geschichte – und können gerade dadurch voneinander lernen und somit zu einem neuen, europäischen Selbstbewusstsein finden.

Voneinander lernen – das gelingt in der Regel gerade auch durch das Akzeptieren von Unterschieden. Und auch davon gibt es bei einem vergleichenden Blick genug. Zumeist ausgedrückt in Mentalitäten: Die französische Neigung zum Aufbegehren etwa, zur „action“ (Streik!), gehört nicht eben zu den Charakteristika, die man auch den Deutschen zuschreiben würde. Ähnlich sieht aus mit der Assoziation vom „bohémien“ aus oder dem damit im Zusammenhang stehenden, französischen „joie de vivre“. Umgekehrt kommen Franzosen nicht unbedingt häufig in den Genuss, mit Attributen wie „pünktlich“ oder „diszipliniert“ geehrt zu werden.

Deutsche gelten demgegenüber nicht selten als eher kühl, humorlos und distanziert, während – gerade auch befeuert durch entsprechende künstlerisch-kulturelle Beiträge – Franzosen gerne eine Art lebensbejahende Melancholie zugeschrieben wird.

Ganz unabhängig davon, ob all diese Zurechnungen nun stimmen oder nicht, oder ob sie vielleicht auch – soziologisch gesprochen – als stetige Fremdbeschreibungen sich irgendwann zu kollektiven Selbstbeschreibungen verfestigten (eben etwa durch entsprechende kulturelle Verarbeitung) und gerade dadurch „wahr“ wurden: Deutlich wird, dass zwischen beiden Kulturen tiefgreifende Unterschiede bestehen; ja sogar Unterschiede, die beide Seiten wie eine Art Yin und Yang wirken lassen. Umso mehr hoffnungsvoll stimmt es, dass diese Unterschiede – ebenfalls dem Yin-Yang-Symbol gleichend – so sehr geschätzt und durch eine eng verbundene und gut harmonierende Freundschaft belohnt werden. 

Eine Freundschaft also, die ihre Stärke aus der Kraft der Diversität und der Unterschiede schöpft – was einmal mehr deutlich macht, wie wichtig eine Aufrechterhaltung dieser beiden so eigenen Identitäten in einem Europa souveräner Staaten ist. Und eine Freundschaft, die eine mächtige Wirkung entfalten kann: Als verantwortungsvolles Führungsduo innerhalb der EU wie auch als Allianz von Friedensmächten bei der Lösung internationaler Konflikte und als Gegengewicht zu den USA. Mit dem guten Beispiel dafür vorangehend, wie man jahrhundertelange „Erbfeindschaft“ überwinden und diese endgültig in die Kellerarchive der Weltgeschichte verbannen kann. Souverän – aber geeint durch Freundschaft.