Dienstag, 5. Mai 2015

Psychologische Systemtheorie VI: Individualitätszurechnung durch Körpermodifikation

Für Susana!

In ihrem Aufsatz „Tell me what you don’t like about yourself“: Personale Identitätskonstruktion in der US-amerikanischen makeover culture im 21. Jahrhundert am Beispiel der Serie Nip/Tuck beleuchten Susana Rocha Teixeira und Anita Galuschek (2015) am Beispiel einer US-Fernsehserie, wie sich die Effekte dessen, was gemeinhin immer häufiger als Postmoderne identifiziert wird, auf Körpervorstellungen und – genauer – Körpermodifikation auswirken. Der damit einhergehende Vorgang der „beautification“ wird dabei nach Nina Degele als Kommunikationsmedium zum Zwecke der Identitätssicherung dargestellt (vgl. Teixeira / Galuschek 2015: 80). Grund genug, dieser Diagnose auch nochmal aus einer systemtheoretischen Sicht nachzugehen. Gibt es eine (psycho-)soziale Funktion der Körpermodifikation, die mit der Postmoderne in Zusammenhang steht?

Das, was man makrosoziologisch gesehen unter „Postmoderne“ subsumieren kann, setzt den Menschen einem nicht geringen Druck aus. Die funktionale Differenzierung der Gesellschaft – im Zuge derer die Funktionssysteme der Gesellschaft wie Politik, Recht, Wissenschaft, Religion, Wirtschaft, Erziehung oder Kunst gleichberechtigt nebeneinander existieren und in keinem hierarchischen Verhältnis mehr zueinander stehen – hat zu einem großen „Nebeneinander von Wahrheiten“ geführt, im Zuge derer der Freiheitsgrad des Einzelnen unzweifelhaft gestiegen ist, mit dem aber auch ein schlagartiger Anstieg an sozialer Komplexität und Kontingenz (Ungewissheit) einhergeht: Lebenswege sind nicht mehr familiär vorprogrammiert. Vieles mehr ist erreichbar, sowohl bio- als auch geografisch. Die Auswahl an Waren und Dienstleistungen ist angestiegen. Politik wird entideologisiert, Religion mindestens privatisiert. Freundschaften und Beziehungen sind nicht mehr zwingend an Klassen gebunden. Informationen stehen jederzeit zur Verfügung. Globale Kommunikation ist zum Alltag geworden. Damit gehen zugleich neue Erwartungen an das Individuum einher: Flexibilität im Beruf und auf dem Arbeitsmarkt ist gefragt. Der postmoderne Mensch – bewusst klischeehaft zugespitzt im „Hipster“, der einfach alles nur noch ironisch sieht und nichts mehr ernst meint – lebt unverbindlicher, er hat keine absoluten Wahrheiten mehr, keine lebenslangen Beziehungen, keine Konfession und keine feste politische Meinung. Er muss jederzeit alles haben können, aber auch jederzeit überall sein und arbeiten können (kein Zufall dabei: die sog. Zivilisationskrankheit „Burn-Out-Syndrom“).

Auch die nicht mehr ganz so neue Diagnose der Individualisierung kann als ein Symptom dieses Prozesses begriffen werden, in dem der Mensch bzw. das psychische System im Zuge seiner unvermeidbaren Identitätsfindung auf sich selbst zurückgreifen muss, weil es zunehmend an höheren sozialen Ebenen, die dies für ihn übernehmen könnten, mangelt. Wo die Familie, die Klasse, die Nation, die politische Ideologie, die Konfession, die Ehe oder welches soziale System auch immer nur noch ein System unter vielen sind und nicht mehr das „Heimat-System“, dem man sich vor allen anderen zurechnen konnte, da braucht es neue Mechanismen der Identitätsfindung, welche nun immer mehr nur noch auf der untersten Mikro-Ebene möglich ist: Der des „Individuums“.

Individualität in der Kommunikation ist gleichbedeutend mit der Zurechnung von Einzigartigkeit und damit Unterscheidbarkeit, was konstitutiv ist für das Selbstwertgefühl des postmodernen Menschen. Individualität erlaubt die Identifikation im Interaktionsprozess, die Möglichkeit, soziale Erwartungen auf ein bestimmtes psychisches System zuzurechnen. In der postmodernen, funktional differenzierten Gesellschaft ist dies umso mehr notwendig geworden, als dass es immer weniger kollektive, soziale „Ausweichidentitäten“ gibt (s. o.). Sie ermöglicht es, sich trotz der vielen gesellschaftlichen Hochzeiten, auf denen der postmoderne Mensch heute tanzen muss – i. S. v.: Anforderungen sozialer Selbstdarstellung in verschiedensten Systemen, sei es als Kunde, als Arbeitnehmer, als Familienmensch, als Sportler, als Medienrezipient, als Patient usw. usf. – einen Halt zu bewahren, der dafür sorgt, dass man in der Vielfalt der Eingebundenheit in die sozialen Systeme nicht zerteilt und aufgelöst wird.

Zugleich entfaltet die Beliebigkeit der Postmoderne auch auf die Konstitution von Individualität ihre Wirkung: „Das viel zitierte, postmoderne ‚anything goes‘ bedeutet (…) [auch] eine metaphysische Obdachlosigkeit durch den Verlust von allgemeingültigen und metaphysischen Sinnstrukturen" (Teixeira / Galuschek 2015: 86). Wo es an diesen Strukturen fehlt, da gleicht die Palette zur Herstellung von Individualität einem Selbstbedienungsladen: Sei es die Angehörigkeit zu einer vermeintlich „alternativen“ Subkultur, sei es eine bestimmte Mode, eine bestimmte Freizeitaktivität oder ein bestimmter Musikgeschmack – viele Wege führen zum Rom des Individualismus. Einer davon ist der der Körpermodifikation.

Die technologisch fortgeschrittene Weltgesellschaft ist eine beschleunigte Gesellschaft. Man kommt schneller an beliebige Orte, kann Menschen kommunikativ schneller erreichen und erhält schneller beliebige Informationen. Doch wo Beobachtung und Irritation durch dadurch gewonnene Informationen schneller gehen, da werden diese auch schneller alt. Trends, seien sie musikalisch oder modisch, kommen schneller auf und verschwinden schneller wieder. Und das Individuum muss mithalten können. Das Ideal der Jugendlichkeit, mit der gemeinhin Schnelligkeit und Dynamik assoziiert werden, wird hierdurch gestärkt.

Modifikation des eigenen Körpers, welche konkrete Form sie denn gerade auch annimmt, erlaubt es, diesem Ideal näher zu kommen. Doch sie ermöglicht noch mehr: „Da der Körper als Folge der individualistischen Konsumgesellschaft zum erwerbbaren Konsumgut geworden ist, kann (…) also der Gang ins Fitnessstudio, der Kauf einer Botoxbehandlung oder Fettabsaugung, zum Konstruieren und Inszenieren der eigenen Identität dienen, welche dennoch (…) harte Arbeit, Selbstdisziplin und Durchsetzen im beruflichen (und privaten) Wettbewerb suggeriert“ (ebd.: 91). Das Inszenieren der eigenen Identität ist hierbei der Versuch des betreffenden Individuums, bei der jeweiligen sozialen Umwelt eine Zurechnungsleistung herbeizuführen, im Zuge derer vermeintlich charakteristische Merkmale speziell mit ihm – und, wichtig: mit keinem anderen! – assoziiert werden. Merkmale, die zugleich die Werte der es jeweils beheimatenden sozialen Systeme verkörpern: Bei unternehmerisch tätigen Menschen wird Materialismus kommuniziert, bei wissenschaftlich tätigen Menschen Nachdenklichkeit, bei sozial tätigen Menschen Solidarität. Bezogen auf reine modische Accessoires kann sich der fantasievolle Leser hier bspw. eine goldene Armbunduhr, eine schwarz umrandete Brille oder eine zerrissene Jeans imaginieren. Im Rahmen der Körpermodifikation wird dieser Vorgang dann essenziell zugespitzt, indem es im wahrsten Sinne des Wortes „an den Kern der Sache“ geht.

Damit wird zugleich Authentizität kommuniziert, ein „mit sich identisch (…) sein“ (ebd.: 91): „Seht her, meine Individualität ist es mir wert. Ich bin so sehr ich selber, so wenig wie die anderen, dass mir das eine essenzielle Veränderung meiner ureigenen diesseitigen Existenzform wert ist.“ Und trotzdem erwächst daraus eine störende Paradoxie: Von der noch nicht so postmodern geprägten sozialen Umwelt kann gerade dies als eben nicht authentisch, sondern als Nichtwahrhabenwollen des eigenen, natürlichen Alterungs- und / oder Veränderungsprozesses wahrgenommen werden. Hier kollidiert die althergebrachte Sichtweise einer festen, unveränderbaren Identität mit dem postmodernen Ideal des allzeitflexiblen, ständigen Veränderungen unterworfenen, sozial wie auch geografisch heimatlosen Kosmopoliten, der immer alles sein können muss. Daraus ergibt sich nicht selten ein Kulturkampf zwischen zwei Mentalitäten, der nicht wirklich beilegbar zu sein scheint.

Die soziale Dimension ist nicht gleichbedeutend mit der psychischen. Und dennoch haben die intendierten sozialen Auswirkungen von Körpermodifikation (Zurechnung von Individualität entsprechend den postmodernen System-Werten / -Erwartungen) sehr konkrete psychische Folgen.

Das Genügen angenommener sozialer Systemerwartungen stärkt das Selbstwertgefühl des psychischen Systems und reduziert dadurch zumindest kurzfristig kognitive Dissonanzen (wie etwa die Differenz „gealterter Körper“ vs. „Erwartung von Jugendlichkeit“), was temporäre Zufriedenheit zu schaffen vermag. Doch ein solches Vorgehen kann schnell in einen Teufelskreis münden: Da gerade in der postmodernen Gesellschaft kollektive Erwartungen bzw. Werte einem schnellen Wandel unterliegen, kann die Modifikation von heute schon morgen bereits unmodern sein. Stabilität und ein psychisch gesundes In-Sich-Ruhen müssen auf diese Weise unerreichbar bleiben, da das Ideal, selbst wenn es zeitweise hergestellt wurde, aufgrund äußerer Wandlungen nie von Dauer sein kann.

Körpermodifikation kann somit, sofern sie aus den hier dargestellten Intentionen heraus betrieben wird und nicht lediglich einem partiellen, beiläufigen ästhetischen Empfinden oder etwa der restaurativen Medizin dient – was aber, wenn man sowohl den finanziellen Preis als auch die dauerhaften und nachhaltigen Folgen so mancher Modifikation betrachtet, wohl eher selten der Fall sein dürfte – zu einem Risiko für die Zufriedenheit mit sich selbst und damit die psychische Gesundheit werden. In ihr drückt sich eine gesellschaftliche Entwicklung aus, die mit dem Problemkomplex „Burn-Out“ auch auf anderen Feldern zuweilen gnadenlos zuschlägt.

Die Suche nach Individualität und nach der sie gewissermaßen bestätigenden Authentizität gleicht zuweilen – längst nicht immer, aber, wie dargestellt, oftmals – dem verzweifelten Streben eines Esels, dem man eine Karotte vor die Schnauze gebunden hat, selbige zu erreichen, was ihm natürlich nie gelingt – während er zugleich die im an ihn gebundenen Karren sitzenden Menschen unbewusst immer weiter zieht. So wie der postmoderne Mensch, der verzweifelt nach einem Anker der Individualität strebt in einem Meer der sozialen Kontingenz, in seiner haltlosen Verzweiflung zum Lastenesel wird für zuweilen entwurzelnde und überkomplexe Systemerwartungen, die ihn irgendwann krank machen.

Vielleicht sollten wir nicht nur versuchen, die Gesellschaft, wie es oft so schön heißt, zu „entschleunigen“, sondern auch bei der eigenen verzweifelten Selbstumklammerung einen Gang zurückschalten. In einer Welt, in der der verzweifelte Ruf nach Individualitätszurechnung vielen Menschen geradezu aus dem Gesicht springt, da gleicht jener, der dabei wirklich in sich ruht, einem Fels in der Brandung. Und damit verkörpert er mehr Individualität als alle Postmodernisten zusammen.


Quelle: 

Teixeira, Susana Rocha / Galuschek, Anita (2015): „Tell me what you don’t like about yourself”: Personale Identitätskonstruktion in der US-amerikanischen makeover culture im 21. Jahrhundert am Beispiel der Serie Nip/Tuck. In: Bainczyk-Crescentini, Marlene / Ess, Kathleen / Pleyer, Michael / Pleyer, Monika (Hrsg.): Identitäten / Identities: Interdisziplinäre Perspektiven. Universitätsbibliothek Heidelberg, S. 77-93. http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/18646/1/HGGS_Identitaeten_05TeixeiraGaluschek.pdf (abgerufen am: 5. 5. 2015)

Kommentare:

  1. Zunächst eine Verständnisfrage: Im Text ist durchgehend von Postmoderne die Rede. Die Attribute, die verwendet werden, um die Postmoderne zu beschreiben, sind allerdings dieselben, mit denen die soziologische Systemtheorie nach Luhmann üblicherweise die Moderne beschreibt. Worin bestehen denn dann die Unterschiede zwischen Moderne und Postmoderne oder wird hier beides als identisch betrachtet?

    Zum Inhalt: Dass Hipster als postmodernes Phänomen beschrieben werden, dem kann ich mich durchaus anschließen. Mir wäre es allerdings neu, dass gerade bei Hipstern Schönheits-OPs besonders angesagt wären. Ich hab da so meine Zweifel, ob die sich solche OPs überhaupt leisten können, denn reich sind die in der Regel nicht.

    In der Tendenz geht der Text in richtige Richtung. Am Ende werden mir aber doch zu viele verschiedene Phänomene in einen analytischen Topf geworfen, die meiner Ansicht nach getrennt werden sollten. Der Zusammenhang zwischen Schönheits-OPs und Burn Out erschließt sich mir nicht. Mit Schönheits-OPs wird versucht ein gewisses Idealbild vom eigenen Körper zu erreichen. In Extremfällen, wie Michael Jackson, scheint es mir eher darum zu gehen, vor dem eigenen Real-Selbst zu fliehen und jemand anderes zu werden. Hier geht es darum die störende Differenz zwischen Ideal- und Real-Selbst zum Verschwinden zu bringen bzw. sie nicht mehr fühlen zu müssen. Bei Burn Out fehlt doch dem Betroffenen gerade ein Ideal-Selbst, dass man noch erreichen kann. Das Real-Selbst, wie es sich im Verhalten ausdrückt, erscheint nur noch sinnlos. Man weiß nicht mehr, warum man das alles noch tut - offenbar nicht mehr zu Selbstverwirklichung.
    Ich denke daher, eine genauere Analyse der Sucht nach Schönheits-OPs und von Burn Out würde zu jeweils anderen Problemdiagnosen führen. Grundsätzlich würde ich aber sagen, dass der Wunsch sich selbst zu verändern und nach einem bestimmten erreichbaren Ideal zu streben nichts Schlechtes ist. Pathologisch, im Sinne von selbstzerstörerisch, wird es erst, wenn man nach unerreichbaren oder nach fremden Idealen strebt. Nip/Tuck drehte sich genau darum, Verhaltensmuster aufzuzeigen, bei denen es um das Streben nach unerreichbaren oder fremden körperlichen Idealen geht.

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    1. Aus meiner Sicht beschreiben "Moderne" und "Postmoderne" zumindest überschneidende Zeiträume, aber in unterschiedlichen Sprachen. Moderne im Sinne funktionaler Differenzierung ist eine soziologische Kategorie, nach der bislang nichts neues mehr kam. Postmoderne gebrauche ich dagegen nicht im Sinne sozialwissenschaftlicher Deskription, sondern als Terminus normativer philosophischer und gesellschaftspolitischer Kritik. Möglicherweise könnte man aber auch annehmen, dass die Postmoderne eine Art Zuspitzung des Bewusstseins funktionaler Differenzierung innerhalb der sozialen Systeme selbst ist. Gewissermaßen der Moment, in dem die wissenschaftliche Fremdbeschreibung vom Rest der Gesellschaft verinnerlicht und damit zur Selbstbeschreibung wird.

      Hipster sind eine subkulturelle Zuspitzung (so wie viele Subkulturen letztlich Zuspitzungen des Mainstreams sind). Bei ihnen zeigen sich postmoderne Charakteristika nur anders als bei anderen gesellschaftlichen Gruppen.

      Zum letzten Absatz: Was ist denn das "Real-Selbst"? Das würde ja bedeuten, es gäbe sozusagen "das Eigentliche", "den Kern", "das innere Wesen". Ist dem so? Wenn ja, kann man das natürlich so sehen. Aber man kann ja auch eine andere Prämisse haben: Nämlich, dass es Postmodernisten eben an genau diesem "inneren Kern" fehlt und gerade deswegen irgendwie immer alles möglich ist bzw. sein muss.

      Dass das Streben nach dem Idealzustand als solches noch nichts negatives ist, ist sicherlich richtig.

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