Freitag, 27. Mai 2016

Psychologische Systemtheorie XII: Aktives Zuhören als doppelte Beobachtung zweiter Ordnung

Das sogenannte Aktive Zuhören ist eine Gesprächstechnik, die in der Psychotherapie (insbes. Gesprächstherapie) ebenso Anwendung findet wie etwa auch in der polizeilichen Krisenkommunikation, etwa zur Deeskalation, beim Umgang mit psychisch Kranken oder beim Gespräch mit Suizidenten. Sie geht primär zurück auf den US-Psychotherapeuten Carl Rogers und dient dem Ziel, Vertrauen aufzubauen, die Kommunikation zu präzisieren und zu reflektieren und sie gewissermaßen „in positive Bahnen zu lenken“ und dadurch konstruktiv zu machen, wodurch im Idealfall die Grundlage für eine problemlösende Haltung geschaffen werden kann.

Das Aktive Zuhören verlangt dem, der es praktiziert, hohe Selbstreflexionskompetenz ab, welche, um das gewünschte Ergebnis in der Interaktion in Gänze herbeizuführen, oft einer mehrjährigen Professionalisierung bedarf. Der Ausübende steht vor der schwierigen Aufgabe, sowohl sich selbst als auch den anderen – etwa den Patienten oder den Suizidenten – quasi gleichzeitig genauestens zu beobachten („Beobachtung“ verstehe ich hier natürlich soziologisch, so dass nicht nur die visuelle, sondern auch die akustische Komponente darunter fällt). Eine Multitasking-Aufgabe also, was eine Teilerklärung dafür sein könnte, wieso therapeutisch-beratende Berufe gerade bei Frauen eine gewisse Beliebtheit genießen.

Doch im Ernst: Die Anforderungen an den aktiv Zuhörenden sind vielfältig. Aus klinisch-soziologischer Sicht ergibt sich daraus nun die Frage: Was passiert da bei den Beteiligten eigentlich genau? Welche Herausforderungen ergeben sich? Was passiert dabei mit den beteiligten psychischen Systemen? Ein systemischer Blick könnte hier gewinnbringend sein.

Wer aktiv zuhört, muss den anderen in vielerlei Hinsicht beobachten. Er muss nicht nur auf die Worte achten, sondern auch jene Elemente, die maßgeblich Paul Watzlawick zu seinem berühmten Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren“ inspiriert haben, da sie die nicht-verbale Komponente der Kommunikation ausmachen: Gestik, Mimik, Körpersprache etc. Anhand dessen lässt sich bekanntlich, auch abseits der Wortwahl, vieles erkennen, was gerade etwa in polizeilich relevanten Krisensituationen über Leben und Tod entscheiden kann.

Verabschiedet sich der im Fensterrahmen im 10. Stock sitzende Suizident gerade mental (und eben auch unbewusst körperlich) von seinem polizeilichen Verhandlungspartner oder nähert er sich ihm an? Gleitet das Gegenüber des Therapeuten gerade in eine traumatische Erinnerung? Viele Situationen sind denkbar. Umso wichtiger ist eine Voraussetzung wie auch ein Effekt des Aktiven Zuhörens das, was wir gemeinhin Empathie nennen: Das erfolgreiche Beobachten, wie der andere mich und die übrige Welt beobachtet.

Doch dieser Vorgang, der in der soziologischen Systemtheorie als Beobachtung zweiter Ordnung bezeichnet wird (das Beobachten der Beobachtung), muss der aktiv Zuhörende nicht nur gegenüber dem anderen ausüben, sondern auch gegenüber sich selbst, mit der Zielsetzung einer beständigen Selbstreflexion: Hierbei gilt es nun – idealerweise gleichzeitig – zu beobachten, wie man selber beobachtet. Der aktiv Zuhörende muss sich permanent auf seine eigenen Reaktionen auf das Gehörte überprüfen.

Hört er etwa eine Äußerung, deren Inhalt er zutiefst ablehnt, so muss er im Sinne des Aktiven Zuhörens darauf achtgeben, diese Ablehnung nicht in schroffer Form zum Ausdruck zu bringen, sondern sie in einer Form zu artikulieren, die Anschlusskommunikation zulässt. Ein impulsives „Das stimmt doch einfach nicht!“ ist ein No-Go, stattdessen muss die Nicht-Zustimmung in einer Weise vorgebracht werden, die den Optimismus zur Findung eines Konsens signalisiert und eine problemlösende statt trotzig-ablehnende Grundhaltung bewahrt und demonstriert: „Wäre es nicht auch eine gute Idee, wenn Sie stattdessen…?“.

Die Körpersprache des aktiv Zuhörenden muss dies widerspiegeln: Ebenso ein No-Go sind eine abgeneigte, distanzierte Körperhaltung mit verschränkten Armen, genauso wie auch ein Signalisieren von zu wenig Distanz, was Einmischung und Verletzung der Selbstbestimmung und der Intimsphäre des anderen implizieren könnte. Auch hier gilt es einen – nicht immer einfachen – Mittelweg zu finden, der darüber hinaus nicht generalisierbar ist, sondern der Situation und dem Gegenüber angemessen sein muss.

Die Beobachtung der eigenen Beobachtung, die von dem aktiv Zuhörenden ausgeht, muss sich also sogar auf mehrere Bereiche der eigenen Sender-Rolle erstrecken: Verbale wie auch non-verbale Kommunikation, wobei letztere schon wieder mehrere Facetten beinhaltet, da der Körper in der Regel vielerlei Formen hat, sich bewusst oder unbewusst non-verbal auszudrücken.

So gesehen haben wir es hier mit dem Anspruch einer doppelten Beobachtung zweiter Ordnung zu tun, die sich zur selben Zeit sowohl auf den aktiv Zuhörenden selbst als auch auf den anderen erstreckt, und die genau genommen sogar mehr als nur „doppelt“ ist, da sie sich wie gesagt nicht nur auf die verbale Komponente erstreckt. Eine Herausforderung, die auch deutlich macht, wieso Therapie und Beratung einer spezifischen Qualifikation bedürfen und nicht jedermann binnen kurzer Zeit unvorbereitet zugemutet werden dürfen.

Und nichtsdestotrotz wird hier die „pure Profession“ allein niemals ausreichend sein können, da auf ein gewisses Maß an „an-sozialisierter Empathie“ bei dem aktiv Zuhörenden nicht verzichtet werden kann, wenn die besagte Gesprächstechnik nicht zu einem mechanischen Herunterspulen von Phrasen und sinnlosen Gesprächszusammenfassungen mutieren soll, die dem anderen eher das Gefühl geben, nicht ernst genommen zu werden, und somit kontraproduktiv sind und das Problem im schlimmsten Falle noch intensivieren als es zu lösen. Es ist also Vorsicht geboten.

Dies gilt umso mehr, als dass hier nicht nach einem vorgegebenen Schema vorgegangen werden kann – ein Grund mehr, warum so manch guter Mediziner nicht automatisch ein guter Psychiater ist – sondern individuell bewertet werden muss, welche Aussagen des Gegenübers eine gewichtigere Rolle spielen und welche eher nicht. Danach richtet sich dann ein weiterer typischer Bestandteil des Aktiven Zuhörens, nämlich das von Zeit zu Zeit erfolgende Zusammenfassen der zuvor getätigten Aussagen des anderen durch den aktiv Zuhörenden.

Dies dient drei Zielen. Zum einen sollen damit Missverständnisse im Vorhinein direkt verhindert werden. Dadurch kann vermieden werden, dass der aktiv Zuhörende bei der Lösungssuche für ein Problem an dem Gegenüber vorbeiredet und dieses sich womöglich wiederum nicht ernst genommen fühlt und schlimmstenfalls die Interaktion abbricht. Auch hier entfaltet sich Beobachtung zweiter Ordnung, wenn auch auf äußerst sorgfältige und ausgearbeitete Art und Weise.

Die Komponente des „Verstehens“ als entscheidender Bestandteil von Kommunikation – in der Lesart Niklas Luhmanns – wird hier großgeschrieben. Zwar kann – auch wenn die offizielle Darstellung psychotherapeutischer und beratender Praxis anderes nahelegt – immer nur Kommunikation beobachtet werden und niemals psychische Systeme bzw. Bewusstsein selbst, jedoch versucht man dieser Unmöglichkeit hiermit so nahe wie nur möglich zu kommen.

Zum zweiten liegt die Funktion eines solchen Vorgehens in der „Spiegelung“ des anderen psychischen Systems im Rahmen eines professionalisiert operierenden Interaktionssystems. Indem das Gegenüber des aktiv Zuhörenden die eigenen Aussagen nochmal mehr oder weniger komprimiert präsentiert bekommt, erfolgt eine scheinbare Spiegelung der eigenen psychischen System-Operationen, die zwar immer nur eine Spiegelung der eigenen Kommunikation sein kann, die jedoch basierend auf einem anderen psychischen Fundament, also aus einer anderen Funktionslogik heraus erfolgt.

Indem die Aussagen des Gegenübers durch die Wiederholung des aktiv Zuhörenden durch letzteren „neu codiert“ werden, ergibt sich eine neue Sichtweise auf die thematisierten Problematiken. Analog zum in der Wissenschaft beliebten Grundsatz, dass fachliche Thesen erst dann wirklich systematisiert und theoretisch fundiert dargelegt werden können, wenn sie einmal – sei es auch nur für einen selber – essay- oder exposé-artig niedergeschrieben worden sind, so gilt hier die Annahme, dass die erneute Verbalisierung von Gedanken von anderer Seite aus neue Perspektiven auf das Problem schafft, die eine Lösung in sich bergen, indem die Überlegungen dahingehend von anderer Seite aus „weitergesponnen“ werden – von einer Seite, die unbelastet und frei vom „bias“ des schwer ablegbaren, womöglich durch psychische Krankheit verzerrten und belasteten Selbstverständnis des Betreffenden auskommt.

Drittens schafft dieses Element des Aktiven Zuhörens ein vertrauensvolles Verhältnis in der Interaktion oder eines, das diesem zumindest nahe kommt. In diesem Punkt zeigt sich eine gewisse Show-Komponente der Gesprächstechnik: Es wird mit den von Zeit zu Zeit erfolgenden Zusammenfassungen Verständnis suggeriert. Das Gegenüber spürt auf diese Weise, dass seine Aussagen gehört und nicht ignoriert wurden, was es ihm erleichtert, weiter zu sprechen, ohne sich darüber Sorgen machen zu müssen, dass er womöglich – wie vermutlich bei nicht wenigen Gelegenheiten zuvor, im privaten Umfeld – nicht ernst genommen würde. Selbstverständlich hält sich der Heuchelei-Grad hierbei in Grenzen: Der aktiv Zuhörende kann dieses Gefühl nur vermitteln, wenn er sich wirklich auf den anderen eingelassen und ihm wirklich mit offener Grundhaltung zugehört hat. Und dennoch: In diesem Punkt geht es, wenn man so will, immer auch ein Stück weit um ganz gezielte soziale Beeinflussung, die die Redseligkeit des Gegenübers erhöhen soll.

Betrachtet man die Axiome, die Carl Rogers in Hinblick auf Aktives Zuhören aufgestellt hat, so begegnet einem spätestens an diesem Punkt das erste Problem. So soll der aktiv Zuhörende nämlich ein authentisches Auftreten an den Tag legen, da nur ein solches vertrauensbildend wirken kann. Hier bedarf es einer Präzisierung.

Authentizität bezeichnet letztlich die Einheit bzw. die enge Kopplung von Auftreten und sozialer Selbstdarstellung einerseits und den „inneren Vorgängen“ des Bewusstseins andererseits. Ist jemand nicht authentisch, so ist beides voneinander entkoppelt: Die soziale Selbstdarstellung ist anders als das, was – vermutlich (denn sicher wissen all jene von uns, die keine Telepathie beherrschen, es nie) – dahinter steckt. Diesen Eindruck gilt es zu vermeiden.

Das tatsächliche Fehlen von Authentizität bei dem aktiv Zuhörenden jedoch wird zumindest gelegentlich kaum zu vermeiden sein: Auch ein Psychotherapeut hat mal Stress und Momente, in denen er eigentlich gerade keine Lust auf seinen Beruf hat. Auch ein Polizist, der auf einen Bürger trifft, der an Schizophrenie leidet und gerade zum fünften Mal die Polizei gerufen hat, und diesem nun aktiv zuhörend begegnen soll, hat mal andere Sorgen im Kopf als die Probleme des Gegenübers.

An diesem Punkt ist es dann jedoch alles andere als geboten, sich tatsächlich authentisch zu verhalten, da dies ja genau diese inneren Prozesse offenlegen und die Interaktion wohl augenblicklich beenden oder eskalieren lassen würde. Es gilt hier also, unbequem ausgedrückt, mindestens zeitweise zu schauspielern, also gerade nicht authentisch zu sein – dabei aber durchaus authentisch aufzutreten, also seinem eigenen Verhalten den Anschein zu geben, als gäbe es in diesem Moment nichts wichtigeres auf der Welt als das – einem sonst vermutlich eher unbekannte – Gegenüber.

Letztlich: Ein Akt reinster Heuchelei, welcher allerdings in der Folge, im Zuge eigener kognitiver Dissonanzreduktion seitens des aktiv Zuhörenden, in eine authentische Handlung überführt werden kann und muss, indem man sich selbst die Relevanz der eigenen Rolle in der speziellen Interaktionssituation klarmacht und sich gezielt auf das Gegenüber einlässt – also seinen „Innenzustand“ seiner schon länger vorhandenen sozialen Selbstdarstellung anpasst. Dies allerdings ist nötig: Eine andauernde Schauspielerei würde das Gegenüber irgendwann unweigerlich erkennen. Was allerdings nichts daran ändert, dass die Authentizität bzw. das authentische Auftreten des aktiv Zuhörenden oft genug erst „nachgeliefert“ wird. Die Tatsache, dass der aktiv Zuhörende in seiner zumeist professionellen Rolle dabei ohnehin schon oft unter dem Generalverdacht steht, eigentlich nicht authentisch zu sein, sondern eben nur seiner sozialen Rollenerwartung gerecht zu werden, macht die Sache nicht gerade einfacher. 

Es wird deutlich: Die Herausforderungen, die sich an den aktiv Zuhörenden stellen, sind nicht gering. Doppelte Beobachtung zweiter Ordnung in Verbindung mit verschiedenen Formen verbaler und non-verbaler Kommunikation, das Problem der Authentizität – die Baustellen und Fallen, die sich dabei bieten, sind vielfältig und bedürfen einer sorgfältigen Professionalisierung und eines umfassenden Einfühlungsvermögens, das aufzubringen auch eine gute fachliche Ausbildung nicht immer garantieren kann. Dem jeweiligen Gegenüber ist zu wünschen, dass der aktiv Zuhörende imstande ist, diesen sich bietenden Problemen kompetent zu begegnen.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Donald Trump - Im Zweifel die bessere Wahl

Selten dürfte ein amerikanischer Präsidentschaftswahlkampf so polarisiert haben wie der aktuelle. Der durch ihren linksgerichteten Parteifreund Bernie Sanders gehandicapten Hillary Clinton steht ein republikanischer Präsidentschaftskandidat gegenüber, der als Außenseiter gestartet ist – und diese Rolle auch jetzt noch nicht wirklich hat ablegen können. Er ist der Albtraum des Establishments der „Grand Old Party“, was sich nicht erst in den TV-Debatten zu den Vorwahlen gezeigt hat, bei denen insbesondere die inzwischen abgetretenen Kandidaten Ted Cruz und Marco Rubio Trump heftig bekämpft haben. Trump seinerseits verstieg sich im Rahmen der Debatten um seine Person zu cholerisch-unsouveränen Reaktionen und Witzen, die seine Seriosität und seine Glaubwürdigkeit als möglicher US-Präsident für viele in Frage stellten.

Sowohl diese Eskapaden und länger zurückliegende biografische Fehltritte als auch seine brachiale, ungeschliffene und emotionale, „aus dem Bauch“ kommende Rhetorik führten in der Folge dazu, dass er bei nicht wenigen Europäern und liberalen Amerikanern als politischer Albtraum gilt, der eine Gefahr für den Weltfrieden darstelle. Zugleich ist dies bislang jedoch auch sein großes Plus: Seine Ungeschliffenheit ist es, sein Nicht-Entschuldigen, seine fehlende politische Korrektheit und die daraus generierte Wahrnehmung der Authentizität, die seine Popularität bei Teilen der amerikanischen Bevölkerung ausmachen.

Vom Polit-Establishment in Washington hat man genug. Ein Phänomen, das sich nicht nur im konservativen Spektrum und bei den Republikanern zeigt, sondern auch im liberalen bzw. bei den Demokraten: Clinton gilt nicht weniger als Establishment, im Gegensatz zu ihrem Rivalen Bernie Sanders, der maßgebliche Teile der Demokratischen Partei ordentlich nach links gekippt hat. Mit ihm hat Trump eine wesentliche und alles andere als negative Eigenschaft gemein: Beide gelten nicht als Marionetten der Wall Street. So lässt sich Trump nicht von ihr finanzieren und fordert unumwunden ihre Besteuerung. Eine Position, die vermutlich viele, die Trump als bösen US-Milliardär mit komischer Frisur rezipieren, niemals zur Kenntnis genommen haben. Und eine Position, die infolge der letzten Finanzkrise von bemerkenswertem Realismus kündet.

Und dies ist nicht die einzige dieser Art, wie eine Beobachtung der letzten Wochen deutlich macht. Seit einiger Zeit nämlich lassen gerade auch neokonservative deutsche Medien, wie allen voran der Springer-Verlag und die ihm zugehörigen Zeitungen sowie der Focus, nichts unversucht, Trump in der öffentlichen Meinung herabzuwürdigen, obwohl sie sonst nicht zwingend als die größten Gegner konservativer republikanischer US-Politiker galten. Der maßgebliche Bruch wird schnell deutlich, wenn man die Argumentationen verfolgt: Bei Trump fehlt das „neo-“ vor dem „konservativ“.

Drei Buchstaben, die besonders im politischen Spektrum der USA weltanschauliche Differenzen beinhalten, die nichts weniger als den Unterschied zwischen Krieg und Frieden ausmachen können. So stehen insbesondere im Feld der Außenpolitik linksliberale Politiker wie Obama und Clinton den Neokonservativen der Republikanischen Partei, die unter dem früheren US-Präsidenten George W. Bush den bislang größten Einfluss auf die US-Politik erreicht hatten, weitaus näher als die klassischen Konservativen aus den (nicht ganz so) eigenen Reihen, welche auch Trump repräsentiert. Dies ist die – durchaus eben nicht nur persönliche, sondern ganz klar ideologische – Konfliktlinie die derzeit die Republikanische Partei entzweit.

Sie zeigt sich im Besonderen an der Haltung zum außenpolitischen Interventionismus: Es ist eine ideologische Grundkonstante der US-amerikanischen NeoCons, dass „humanitäre Interventionen“ zugunsten von Demokratisierung wie auch zugleich von machtpolitischen Interessen der USA (aktuell relevant in Syrien) grundsätzlich – nicht nur partiell, wie bei den linksliberalen Demokraten der Fall – befürwortet werden, ebenso wie auch die klare Unterstützung Israels im Nahost-Konflikt sowie eine Geopolitik, die sich strikt gegen die Interessenpolitik Russlands in Osteuropa wendet.

Von den klassischen Konservativen in den USA und Trump werden diese Grundkonstanten in Zweifel gezogen. Ein Faktum, dass Trumps politischen Triumph noch erstaunlicher macht: Dass sich in der Partei Reagans, Bushs, Cheneys und Rumsfelds ein Anti-Interventionist so weit durchsetzen konnte, ist letztendlich nur dadurch plausibel erklärbar, dass dessen beträchtliches finanzielles Kapital – in Verbindung mit seiner populistischen Begabung – ausreichte, um dem vereinten Establishment inklusive der es unterstützenden Medien (v. a.: Fox) etwas entgegenzusetzen.

Die nun im Wahlkampf anstehenden, gerade auch außen- und sicherheitspolitischen Auseinandersetzungen zwischen Clinton und Trump dürften spannend werden, da sie bisherige, simple, aber zutreffende politische Konstanten – „Republikaner führen mehr Kriege, Demokraten ein bisschen weniger“ – rundweg auf den Kopf stellen. Trump hat nicht nur Sympathien für den russischen Präsidenten Putin und dessen syrischen Kollegen Assad bekundet, sondern möchte ihnen die Lösung des syrischen Konfliktes gleich ganz überlassen. Global dürfte also eher ein Rückzug der USA anstehen als eine neokonservative Hegemonialpolitik.

Eine Zukunftsaussicht, die – trotz aller Klischees, aller Polemiken und aller panischen Warnungen vor dem „Rechtspopulisten“ Donald Trump – eine friedlichere, nicht mehr durch Interventionen erschütterte Welt wahrscheinlicher macht als ein „Weiter so“ mit einer Präsidentin Clinton an der Spitze der letzten Supermacht. Nicht umsonst warnen Springer und Co schon vor einem „neuen Isolationismus“ der Vereinigten Staaten, der die „westliche Welt“ entzweie und die „liberale Ordnung der Welt“ auflösen werde, falls Trump denn gewählt werde. Eine Entwicklung freilich, die auch Europa und seine Staaten zu einer Neubestimmung der eigenen weltpolitischen Rolle zwingen würde, inklusive dazu, endlich für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, anstatt sich einem amerikanischen „Sicherheitsnetz“ anzuvertrauen. 

Allen Spott über Trumps persönliche und verbale Eskapaden zum Trotz: Diese Aussicht macht einen US-Präsidenten Donald Trump zu einem Einschnitt, der Deutschland und Europa, der Amerika, ja der der Welt gut tun könnte.