Montag, 27. Juni 2016

Postmoderne Überforderungen: Wie die Gesellschaft Menschen krank macht

Die Bedeutung des Begriffes der „Postmoderne“ ist bereits durch die Problematik ersichtlich, die sich um ihn rankt. Oft wird ihm vorgeworfen, zu unbestimmt zu sein: Niemand wisse so recht, was das denn eigentlich sein soll. Kurios ist hierbei nun die Tatsache, dass es gerade die gesellschaftliche Unbestimmtheit ist, die dieser Begriff – u. a. – zum Ausdruck zu bringen versucht. Es richtet sich also quasi die eigene, ihm inhärente Kritik gegen ihn selbst: Dem Terminus, der die allgemeine Unbestimmtheit problematisiert und damit bestimmt (was ja an sich schon paradox wirkt), wird seine eigene Unbestimmtheit zum Vorwurf gemacht (was es noch paradoxer macht). Quasi eine Paradoxie zweiter Ordnung. Doch ehe wir nun der Verlockung erliegen, uns in abstrakt paradoxen Pointen zu verlieren, werden wir mal etwas konkreter.

Nun braucht man den besagten Begriff nicht, um schon mal eine Feststellung vorwegzunehmen: Die heutige Gesellschaft ist komplexer und dadurch auch, normativer gesprochen, komplizierter geworden. Über das, was Niklas Luhmann „funktionale Differenzierung“ genannt hat, hat sich für das Individuum das Erfordernis ergeben, in seinem Leben auf mehreren Hochzeiten zu tanzen. Von erwarteter Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt abgesehen – einer Erwartung, der viele es nicht schaffen nachzukommen, was zuweilen in Arbeitslosigkeit, und, darauf aufbauend, in Deprivation, Depression und mehr münden kann – muss das Individuum von heute im Gegensatz zu jenem von früher einer Vielzahl sozialer Rollen genügen. Familie und Beruf müssen vereinbar sein. Die Geschlechterrollen nähern sich an und werden unübersichtlicher und ungewisser (Kontingenz): Der Mann darf nicht mehr Macho sein, aber nur noch Softie ist auch nicht gut. Die Frau soll kein Hausmütterchen mehr sein und emanzipiert sein, aber zu viel Männlichkeit macht sie zum drachenartigen Männerschreck.

Die Postmoderne blitzt auf: Irgendwie ist nichts mehr so richtig klar. Soziale Rollenerwartungen werden komplexer oder brechen ganz weg, je mehr kollektive gesellschaftliche Erwartungen (wie etwa konservative Werte) an Einfluss verlieren und je mehr individualistische Vorstellungen sich durchsetzen. Wo das Individuum mehr entscheidet, da gibt es zwar mehr individuelle Freiheit, aber auch weniger Berechenbarkeit und mehr Ungewissheit. Eine Unsicherheit, die sich in vielen sozialen Bereichen manifestiert: Seien es die oben genannten Geschlechterrollen, deren Unübersichtlichkeit das Single-Phänomen fördert, da zunehmend Männer wie Frauen mit der Herausforderung ringen, ihre eigene Rolle in jetzigen oder künftigen Liebes- und Flirt-Systemen – selbstständig – zu finden und zu definieren, was einem ständigen Kampf gleicht, bei dem einem nicht einmal die Massenmedien oder Internet-Blogs helfen können, weil die sich ständig widersprechen – und der auf Dauer sehr einsam machen kann.

Oder seien es Rollenerwartungen, was die berufliche Zukunft angeht: Wo alles offen ist, wo keine kollektiven Werte mehr Grenzen setzen, da ist die Fantasie grenzenlos. Und die wiederum wird medial angeregt: Das Fernsehen und mit ihm das Internet sind voll von postmodernen Teenie-Vorbildern, denen tausende von Pubertierende jährlich nacheifern wollen, indem sie „Superstar“ oder „Model“ zum Berufswunsch machen. Doch wo die Erwartungen in die Höhe schießen, da ist am Ende der Fall tief und die Enttäuschung groß: Irgendwann kommt die große Ernüchterung, wenn man plötzlich merkt, dass es doch „nur“ auf eine Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin hinausläuft. Was vergangene Generationen als relativ normal hingenommen haben – sprich: im Zuge familiärer Herkunft auf eine bestimmte soziale Rolle frühzeitig festgelegt zu werden – ist für die heutige Generation bereits der erste Tiefpunkt im Leben, die erste Enttäuschung, die erste Verletzung, die erste Narbe auf der Seele, weil die Erwartungen zuvor so anders waren.

Der nächste postmoderne Problemkomplex in Sachen Arbeit wartet oft bereits wenig später: Diesmal nicht in Form massenmedial gesteigerter Erwartungen und daraus generierter Enttäuschung, sondern im Zuge des kapitalistischen Arbeitsmarktes, der der heutigen Generation wiederum etwas nimmt, was ihren Vorgängern als selbstverständlich erschien: Berufliche Sicherheit und die Gewissheit, mehr oder weniger ein Leben lang in einem Beruf zu arbeiten. Eine Sicherheit, die sogar schichtübergreifend fehlt, sofern man nicht gerade verbeamtet wurde: Die berufliche Ungewissheit trifft den Arbeiter wie den Abteilungsleiter oder auch den Wissenschaftler gleichermaßen. Wer in dem Kampf bestehen will, muss sich als zeitlich flexibel und darüber hinaus mobil und stressresistent erweisen – ein Wettbewerb, in dem nicht jeder mithalten kann. Und die, die mithalten können, können es mitunter nicht dauerhaft, zumal neben alldem ja auch Freundeskreis, Partnerschaft und Familie bzw. Familiengründung nicht zu kurz kommen sollen. Manch einer bezahlt hierfür mit dem bitteren Preis des Burnout-Syndroms oder verwandter Erkrankungen, die man guten Gewissens als eine Art postmoderne Symptomatik der Mikro-Ebene bezeichnen kann.

Doch bei der Arbeit macht das postmoderne Gespenst nicht Halt. Oben haben wir bereits einen Blick auf die Auswirkungen auf das Liebesleben geworfen, die aus der Diffusität rund um die Erwartungen zur Geschlechterrolle resultieren. Nicht zu vernachlässigen ist hier auch das „Disney“-Phänomen: Wir wachsen auf mit kulturindustriell geförderten Liebesidealen, die so groß sind, so gewaltig, die so hoch hinaus wachsen, dass wir sie im realen Leben kaum erfüllen können. Das postmoderne Liebesideal gleicht der Liebesbeziehung in einem Disney-Film, in dem der oder die andere stets der perfekte „Traumpartner“ ist – und dies natürlich ein Leben lang. Liebe wird demnach zu einem Selbstzweck, zu einem autopoietischen System, das von konservativen Rollenerwartungen getrennt wurde und keinem anderen Zweck mehr dient – und gerade dadurch zu einem nahezu unerfüllbaren Ideal wird, dem – zumal unter den oben beschriebenen Umständen – kaum jemand in Gänze genügen kann. Das Resultat: Weitere Enttäuschung. Für nähere Ausführungen speziell zu diesem Thema sei dem Leser der Artikel „Was ist wahre Liebe?“ ans Herz gelegt.

Auch im religiösen Bereich erleben wir ein Ende der Gewissheiten. Weite Teile des Christentums in Deutschland sind zu vor allem moralpredigenden Sonntagsredenfestveranstaltungen mutiert, denen man allenfalls mit halbem Ohr zuhört, während man auf das Abendprogramm des Fernsehens wartet, und das allenfalls noch an den üblichen Festtagen ein wenig besinnliche Stimmung liefert, gewissermaßen als institutionelle Erweiterung des Lamettas am Weihnachtsbaum. Doch früher war eben nicht nur mehr Lametta, sondern auch mehr Religion – und dadurch u. a. auch mehr Berechenbarkeit.

Im politischen Feld erleben wir das Ende der Gewissheiten gerade in Deutschland besonders eindringlich. Das Schwinden der Stammwähler von Parteien kostet inzwischen besonders die ehemaligen Volksparteien CDU und SPD massenweise Prozente. Der postmoderne Wähler entscheidet nicht mehr nach grundlegender ideologischer oder sozialer Verortung, sondern nach kurzfristiger Interessenlage, thematischen Prioritäten und oft genug auch nach Personen. Nichts ist mehr gewiss für die Parteienlandschaft – sogar so weit, dass sich nach Jahrzehnten der Stabilität plötzlich neue Parteien wie die AfD etablieren und ehemals etablierte wie die FDP aus dem Bundestag ausscheiden müssen.

Die Politik in Deutschland spiegelt diese Kontingenz ihrerseits nahezu perfekt zurück. Die Person Angela Merkel ist buchstäblich eine Verkörperung der Postmoderne: Eine Kanzlerin, die morgen das komplette Gegenteil von dem vertreten kann, was sie gestern oder heute gesagt oder getan hat – und das, ohne dass es jemand wundern würde! Das Fehlen jeglicher Ideologie macht die Bundeskanzlerin und mittlerweile auch ihre erfolgreich in die gleiche Richtung transformierte CDU zu einem politischen Phänomen, das gerade dadurch überlebt, dass jeder alles in sie hineininterpretieren kann und dem Bedürfnis des postmodernen Volkes nach Unbestimmtheit Genüge getan wird. Jeder ideologisch stärker verortete Kanzler stünde unter dem Verdacht allzu großer Verbindlichkeit. Nicht so Angela Merkel: Mutti kann – buchstäblich – alles. Sie erfüllt jedes Bedürfnis jederzeit. Niemand kann sie „festnageln“. Wie die Postmoderne.

Merkmal postmodernen Denkens ist die Loslösung von Bindungen im Zuge von Rationalisierung und „Verkopfung“. Man ist rational, man ist pragmatisch, man ist un-ideologisch. Man löst sich von vermeintlich „ewiggestrigen“ patriotischen Bindungen zu seinem Heimatland, weil man sie ja nicht sachlich erklären kann. Höchstens beim Fußball fiebert man noch etwas mit, ansonsten ist man höchstens „Verfassungspatriot“, weil man mit dem Grundgesetz ja etwas zur Hand hat, womit man seine Bindung rationalisieren kann. Ansonsten ist alles relativ. So wie Angela Merkels Kanzlerschaft, die sie aus nahezu jeder der etablierten Parteien heraus hätte ausüben können. Alles ist gleich viel wert, nichts hat mehr Priorität, ein einziges großes Einerlei, das nur noch von der Frage „Was dient wann und wie welchem kurzfristigen Zweck?“ gesteuert wird.

Ihre absolute Zuspitzung findet die politische Postmoderne in der "PARTEI“: Eine (un-)politische Organisation, die sich selbst als völlig satirisch begreift, die alles (!) satirisch beobachtet, die ausschließlich ironisiert, die nichts mehr ernst meint – und die dennoch in reale Parlamente gewählt wird. Wer nur noch Postillon und Titanic liest, wer nur noch die PARTEI wählt, wer selbstgerecht schmunzelnd „über allem“ steht und nichts mehr ernst nimmt, der kann sich sicher sein, dass er vollends in der Postmoderne angekommen ist – in einer Welt, in der nichts mehr „wahr“ ist, in der Konstruktivismus das Leitprinzip ist, in der tendenziell alles relativ und auswechselbar ist. Eine Sparte, in die – auf subkultureller Ebene – übrigens auch das Hipster-Phänomen fällt.

Die kollektive Erwartungslosigkeit, die der Individualismus zur Folge hat, resultiert in einer Art „Erwartung, dass das Individuum von sich selbst alles erwartet“ – und dann eben auch wirklich alles. Hier erleben wir nun eine Seite der Postmoderne, die sich einem erst darbietet, wenn man die oben beschriebenen Prämissen mit einigen Beispielen für aktuelle Zeitgeist-Phänomene verknüpft: Wo alles auswechselbar ist, wo alles wahr sein kann, wo das Individuum alles ist, da muss auch jeder alles aus sich machen, also selbstoptimieren können – und versagt, wenn er das nicht tut. Womit wiederum die Enttäuschung und im schlimmsten Fall der Sturz in die psychische Krankheit perfekt ist.

Ein Beispiel dafür ist die – gerade infolge des Aufkommens der sozialen Online-Netzwerke blühende – Welt der "Coaches", der "Motivational Speaker" und der Fitnesstrainer, die gerade heutzutage und im Internet ihre Hochphase hat. Weite Teile von Facebook und YouTube bestehen aus der Verlinkung von Huffington-Post- oder Heftig-Artikeln nach dem Muster: "Dieser Frau widerfuhr ein furchtbarer Schicksalsschlag. Was sie dann aus sich machte, wird dich umhauen!".

Stories nach diesem Muster sind die postmoderne Version von alten Volksmärchen. Wo früher Hänsel und Gretel erfolgreich dem Hexenkochtopf entkamen, betreiben heute die Protagonisten von Heftig- und HuffPo-Stories und, daraus hervorgehend, Facebook-Links Selbstoptimierung und "Motivation" für andere. Die heutige Welt giert geradezu nach jenen Wundergeschichten, in denen sich Leute in schwierigen Umständen selber optimiert und "attraktiv" gemacht haben, sich wieder mainstreamfähig gemacht haben – und im besten Falle noch, die eigene soziale Selbstdarstellung ökonomisierend, dies nutzen, um andere zu "motivieren", es ihnen nachzumachen. Du bist todkrank und hast noch 3 Monate zu leben? Hey, was soll‘s, du kannst damit immer noch YouTube-Star werden! "Geht nicht" gibt's nicht! No excuses! Der Habitus eines Sportlehrers oder eines Fitnesstrainers als Paradigma einer Gesellschaft.

Die Postmoderne drückt sich darin ebenso aus wie im besagten Berufswunsch „Superstar“: Es soll keine Grenzen mehr geben, für niemanden. Alle sollen alles können, jederzeit. Alle sollen schön, reich, glücklich sein. Und selbst der, dem es schlecht geht, soll das mittels sozialer Netzwerke umdrehen und sich selbstoptimieren, sich fit für die postmoderne, individualismusbasierte Gesellschaftserwartung machen können.

Eine Erwartung, der nachzukommen vielen nicht nur nicht gelingt, sondern auch eine, die im schlimmsten Falle krank macht. Menschen beobachten sich und ihre soziale Umwelt auch über Unterscheidung und über den Vergleich: Das Wissen um den eigenen (Selbst-)Wert entsteht in diesem Fall aus dem Maßstab, den andere gesetzt haben. Es bedarf nicht viel Fantasie dafür, sich vorzustellen, wie jemand, der auf diese Weise beobachtet, womöglich auf das Beispiel eines Menschen reagiert, der sich online mitsamt der Bewältigung aller möglichen Herausforderungen präsentiert, die er trotz Widrigkeiten gemeistert hat: Nicht motiviert, sondern bedrückt durch die Frage „Wieso schafft der / die trotzdem so viel – und ich nicht?“. Die (vielleicht sogar gut gemeinte) Motivation vermag dann allzu schnell nach hinten loszugehen, gerade auch aufgrund der vielfältigen Beobachtungs- und dadurch Vergleichsmöglichkeiten des Massenmediums Internet, die damit ein weiteres Symptom der Postmoderne abbilden: Leistungserwartung durch zunehmende Vergleichbarkeit. 

Es wird deutlich: Die Auflistung „postmoderner Beglückungen“ lässt sich lange fortführen. Doch wir täten gut daran, deswegen nicht gleich in einen fatalistischen Kulturpessimismus und „Das wird jetzt alles immer schlimmer“-Mantras zu verfallen. Mindestens die westliche Hemisphäre, Europa und Nordamerika erleben zunehmend erstarkende Gegenbewegungen zu diesem Zustand, die erkannt haben, dass Faktoren wie Klarheit, Verbindlichkeit, Bindung und Weltanschauung, ja sogar Ideologie nichts per se verdammenswertes sind, sondern jene Zutaten darstellen, die für ein erfülltes und sinnvolles Leben ebenso sehr von Bedeutung sind wie Liebesglück oder beruflicher Erfolg. Arbeiten wir daran, dieser Erkenntnis wieder zu gesellschaftlicher Anerkennung zu verhelfen.