Montag, 31. Oktober 2016

Die US-Südstaaten – Eine Geschichte der Demütigungen

Buchstäblich schon immer gehören die US-Südstaaten zu den Stützpfeilern des amerikanischen Konservatismus: Früher repräsentiert durch die Demokratische Partei und populäre Südstaaten-Gouverneure wie George Wallace aus Alabama, den die Band „Lynyrd Skynyrd“ in ihrem berühmten Song „Sweet Home Alabama“ besang, und später, nach der linksliberalen Wende der Demokraten, durch die Republikaner. Dies gilt jedenfalls mehrheitlich bis heute: Die meisten Südstaaten gelten als durch und durch konservatives und republikanisches Pflaster. Und ein Pflaster zudem, auf das der gegenwärtige, nochmal konservativere Präsidentschaftskandidat Donald Trump und sein Vize Mike Pence relativ sicher setzen können.

Zugleich gelten die Südstaaten – sowohl im linksliberalen Milieu der US-Ostküste als auch in Europa – als rettungslos rückständig und provinziell: Der Begriff des „Rednecks“ ist dafür fast schon sprichwörtlich. In Filmen wird selbiger nicht selten als brutaler, ungepflegter, bärtiger, betonköpfiger und vorurteilsbehafteter Hinterwäldler dargestellt. In den freundlicheren Filmen hat er tief im Innern zumindest ein gutes Herz, in den übrigen ist er einfach der dumme Bösewicht vom Lande, dessen intellektuelle Kapazitäten und dessen Bildungsgrad nicht annähernd an das der großstädtischen Eliten heranreicht. Und selbst in den nachdenklichen, unzweifelhaft qualitativ hochwertigen Produktionen gilt der Südstaatler – nicht zuletzt wohl auch dank seines schweren Dialekts – als immer etwas „langsam“ und „schlicht“: „My name is Forrest, Forrest Gump.“

Doch in derlei Klischees, die jenen deutlich häufiger beklagten Stigmatisierungen über ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten in nichts nachstehen, zeigt sich letzten Endes nur die Spitze eines Eisbergs der Abwertungen und Degradierungen, die buchstäblich seit 200 Jahren auf diese amerikanische Region herabprasseln. Ein weiteres Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist die wirtschaftspolitische Verwahrlosung in mehreren strukturschwachen Gebieten der Südstaaten, was dort lebende Menschen in die Arbeitslosigkeit und in soziale Nöte treibt. Doch anstatt politischer Reaktionen auf genau diese Missstände erlebten sie nicht nur aus Washington, sondern sogar auch von ihren regionalen Regierungen bloße Symbolpolitik. Symbolpolitik, die – so ein weiteres Beispiel – so weit ging, dass vor kurzem in einem (fast deutsch anmutenden) Akt des unreflektierten Aktionismus in mehreren Südstaaten – und sogar vorangetrieben durch republikanische Gouverneure vor Ort – sogar die Konföderierten-Flagge als staatliches Symbol abgeschafft wurde.

Ein weiteres Politikum der letzten Jahre, das die Gemüter in den USA erhitzte: Ist die Konföderierten-Flagge ein rassistisches Symbol oder nicht? Es spricht vieles dafür, dass sie einfach das ist, was dutzende Flaggen unserer Staatengemeinschaft sind: Nationale Symbole, die sowohl negative als auch positive Facetten der jeweiligen Geschichte verkörpern. Und genau so wird sie auch von den US-Südstaatlern in der Regel gesehen: Der Spruch „Heritage – not hate“ ist in diesem Zusammenhang zum Slogan derer geworden, die sich für eine Wahrung der Südstaaten-Identität mit dem Symbol der Konföderierten-Flagge aussprachen. Prominente Vorreiterin ist hier abermals die besagte Band Lynyrd Skynyrd, die diese Haltung selbst genauso kommuniziert. Und auch abseits davon bleibt zu fragen: Ist etwa das Sternenbanner der USA eigentlich „moralisch unbeschmutzter“ als die Flagge der Konföderierten, wenn man an verschiedene, gewaltreiche Stationen der US-Geschichte zurückdenkt? Ist hier nicht abermals die Grenze zur Doppelmoral überschritten?

Ein weiteres Stück Identität also, das dem amerikanischen Süden abgesprochen wurde in dem Versuch, politische Korrektheit zentral zu verordnen. Für sich allein genommen ein eher banal scheinendes, eben „nur“ symbolpolitisches Ärgernis; vor dem Hintergrund der oben beschriebenen Entwicklungen jedoch gefährlich ignorant. Wer über viele Jahre hinweg mal absichtlich, mal unabsichtlich versucht, einem Teil des Volkes seine Identität abzusprechen, es aber gleichzeitig dem Spott preisgibt und sozioökonomisch vernachlässigt, der muss sich nicht wundern, wenn dieser sich irgendwann politischen Kräften zuwendet, die der Frustration eine Stimme verleihen. „Angry white men“ – ja. Aber „angry“ ist nicht automatisch gleichbedeutend mit „im Unrecht“, wie es diese im naserümpfend-elitären Duktus vorgetragene Phrase zu suggerieren versucht.

Die hier dargelegte Dynamik ist wahrlich keine neue. Für die soziale Mikro-Ebene ist das Phänomen gut untersucht: Sozialpsychologen haben empirisch belegt, dass Deprivation – also auch soziale Demütigung, etwa durch Arbeitslosigkeit oder private / familiäre Probleme – die Hinwendung zu Protestparteien begünstigt. Der Prozess geht dabei weit über die sozioökonomische Ebene hinaus: Den Betroffenen fehlt es längst nicht nur an Geld, sondern an einer umfassenden Zufriedenheit und psychischen Stabilität (was wiederum nicht bedeutet, dass Protestwähler psychisch krank wären!).

Die gleiche Dynamik spielt sich in ähnlicher Form tagtäglich sowohl in Nordamerika als auch in Europa auch auf der gesellschaftlichen Makro-Ebene ab. Die Südstaaten sind ein Beispiel dafür. Übrigens noch einmal mehr begünstigt durch die Tatsache, dass sich die Südstaaten schon seit ihrem Etablieren als „spezielle politisch-gesellschaftliche Entität“ durch eine besondere Kultur der Ehre auszeichnen, die sich noch heute teilweise in Redewendungen wie „ein echter Südstaaten-Gentleman“ niederschlägt. Ursprung: Die Tradition der Großgrundbesitzer-Kultur im Süden, im Zuge derer, nicht unähnlich manchen Kulturen im Nahen Osten, noch mehr als anderswo der Anspruch galt, dass man seine Familie und sein Hab und Gut selbst vor anderen verteidigen müsse, ohne sein Schicksal in die Hände übergeordneter Organisationen wie etwa dem Staat zu legen. Dies wirkt auch im Süden der USA bis heute nach und fundiert etwa die Position, dass jedermann ein gottgegebenes Recht auf das Tragen einer Waffe habe.

Als Ostküsten-Amerikaner oder als Europäer mag man auch darüber die Nase rümpfen. Wäre der Naserümpfende jedoch in der Tradition der Südstaaten-Kultur sozialisiert worden, so würde er aller Wahrscheinlichkeit nach selbst kaum anders denken, sofern er sich nicht gerade habituell neu erfunden hat. Es ist insofern die Frage zu stellen, ob es Aufgabe der Washingtoner Politik sein kann, von Ferne aus linksliberale Volkserziehungspolitik zu betreiben, oder es nicht gerade im Sinne des amerikanischen Föderalismus (der sicherlich nicht für jedes Land, aber zumindest für die politisch und gesellschaftlich sehr heterogenen USA eine gute Einrichtung ist) wäre, die vielbeschworene „Diversity“ auch im politisch-kulturellen Sinne zu akzeptieren.

Einer der bekanntesten Vorkämpfer dieser Linie war der demokratische Politiker und bedeutende politische Theoretiker John C. Calhoun, der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter den Präsidenten John Quincy Adams und Andrew Jackson Vizepräsident war und schließlich von diesem Amt zurücktrat, um danach Senator für South Carolina zu werden. Bekannt wurde er im Rahmen der sogenannten „Nullifikationskrise“ als Schöpfer der gleichnamigen Doktrin. Diese sah vor, dass US-Bundesstaaten das Recht haben sollten, ihnen schadende Bundesgesetze nicht umzusetzen. Propagiert wurde, in Form der Nullifikationsdoktrin, also ein sehr ausgeprägter Föderalismus, der später auch Eingang in die Verfassung der Konföderierten Staaten von Amerika fand.

Der später folgende amerikanische Bürgerkrieg zwischen Süd- und Nordstaaten beruhte ganz wesentlich auf dieser Entwicklung. Sein Ausgang besiegelte die historische, die größte Demütigung des Südens, von der dieser sich eigentlich bis heute niemals wirklich hat erholen können: Der militärisch erzwungene Anschluss an einen Staat, von dem man sich hatte lösen wollen. Eine weitere, aber die wichtigste Station in der langen Reihe jener Ereignisse, die – ob man sie nun befürwortet oder nicht – für das politische Selbstbild des Südens einen herben Schlag bedeuteten. Ein Schlag, der sich tief ins das politische Bewusstsein der Südstaatler eingebrannt hat, und der mit Maßnahmen und Ereignissen wie den oben beschriebenen – Abschaffung der Konföderierten-Flagge etc. – regelmäßig wieder kollektiv „getriggert“ wird. 

Eine Ausgangssituation also, angesichts derer es, wenn man sie denn mal, wie hier versucht, ganzheitlich betrachtet, alles andere als verwunderlich ist, wenn das Protestwähler-Potenzial insbesondere im amerikanischen Süden (wenn auch natürlich nicht nur dort!) hoch bleibt und Kandidaten wie Trump dem dortigen Wähler sowohl inhaltlich als auch habituell („angry“) aus der Seele sprechen. Dass es trotzdem immer noch Leute gibt, die sich über die politischen Entwicklungen der USA in den letzten paar Jahren wundern, zeigt, wie notwendig es ist, in ganzheitlich-historischen Verknüpfungen zu beobachten und beschreiben – und sich dadurch darüber klar zu werden, dass es niemals effektiv sein kann, auf die dabei beobachteten Entwicklungen mit Spott oder Verachtung zu reagieren. Wer will, dass ihm zugehört wird, sollte sich überzeugend – und verstehend – darum bemühen. Das politische Establishment der USA – sowohl die Demokratische Partei als auch die Parteiführung der GOP – bekommt derzeit die Rechnung dafür präsentiert, dass es dies so lange unterlassen hat. Und dies gilt für den amerikanischen Süden genauso wie auch darüber hinaus.